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BLOG vom 14.01.2008


Ruppoldingen: Auen, Strassen, Industrie = Landschaft total
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Was man von einer kompletten Landschaft erwarten kann, ist rund ums Aarekraftwerk Ruppoldingen (Gemeinden Boningen SO, linksufrig, und Rothrist AG, rechtsufrig) vorhanden. In die südlichste Jurafalte, die hier Born heisst, hat sich die A1 mit ihren vorläufig 4 Spuren eingefressen, und endlose Lastwagen- und Personenwagenkolonnen, welche auf der Strasse mit dem leichten Gefälle in beiden Richtungen auseinander stieben, übertönen den Sound des Kraftwerks.
 
Das zwischen 1996 und 2000 neu erbaute Flusskraftwerk mit dem verspielten Dach, das eine Deponie für aneinander geschichtete Wellen zu sein scheint und den schiffsartigen Fensterluken auf dem Maschinenhaus steht wie die Asphaltbänder für die Technik. Das Gebäude steht wie ein Katamaran im Fluss. Die Wasserfallhöhe ist mit 3,6 bis 6,3 m bescheiden. Die Differenz ergibt sich aus dem variablen Stauregime, wie es in der Sprache der modernen Wasserbauer heisst. Mit anderen Worten wird der Natur am und im Fluss vorgespielt, es sei noch etwas von der ursprünglichen Dynamik vorhanden, was diese dann mit der Bildung auenähnlicher Zonen verdankt, die ja auf das Wechselspiel von Überschwemmungen und trockeneren Phasen angewiesen sind. Das bedeutet, dass die Aare mit ihren Inseln, Kiesbänken und damit den Flachwasserzonen hier bedeutend vielgestaltiger ist als man es in der unmittelbaren Umgebung eines Kraftwerks erwarten würde. Dass aus diesem Werk blütenreiner Ökostrom (zertifizierter „aarestrom“) fliesst, versteht sich von selbst.
 
Ein Prunkstück ist das 1,2 km lange Umgehungsgewässer anstelle eines Oberwasserkanals, das strömungsliebenden Fischen, die am liebsten gegen den Strom schwimmen, die begehrten Aufstiegsmöglichkeiten bietet, denn solche sind ja nicht nur bei strebsamen Menschen, sondern auch bei Fischen gefragt.
 
Das unförmige und entsprechend natürlich wirkende Umgehungsgewässer, durch das pro Sekunde 2 bis 5 Kubikmeter Wasser fliesst, verbindet den Staubereich (Oberwasser) mit dem unteren, frei fliessenden Teil der Aare (Unterwasser). Es ist sozusagen die Nordumfahrung für Fische. Ein mechanisches Wehr würde diese Passage verhindern, weshalb eine Dotiersteinrampe aus prismatischen Gneisquadern aus dem bündnerischen Calancatal als Auf- und Abstiegshilfe angelegt worden ist. Und genauso wie es Verkehrszählungsanlagen gibt, wurden hier Fisch-Zähleinrichtungen geschaffen, welche das Umgehungsgewässer und eine kühn gebogene, 155 m lange Fischtreppe (Höhendifferenz: 6 m) in der Nähe des Maschinenhauses erfassen, das heisst, dass hier kein Schwanz ungezählt vorbei kommt. Auch die Art der Fischpassanten wird bestimmt, ein gefundenes Fressen für Fischforscher, die sich auf der Grundlage solcher Daten dann Geschichten über Fischwanderungen ausdenken können. Und selbst ein Biber hat ein wenig oberhalb des Kraftwerks ein armdickes Bäumchen gefällt, die übliche Art der nächtlichen Schneidezahnpflege. Der Naturschutzverein Rothrist legte einen Aare-Naturlehrpfad an. Die etwas verwitterten Tafeln sind von Künstler Cedric Meyer sehr einfühlsam illustriert.
 
Das ist noch lange nicht alles, was die Vielfalt dieser Landschaft ausmacht. Gegen das ebene mittelländische Molassebecken schliessen sich Landwirtschaftsflächen, als Idee für Stromanwendungen ist eine davon mit einem elektrisch ladbaren „Powerzaun“ umgeben. Zum Landschaftsmobiliar gehören sodann Bauernhäuser mit Pferdestallungen, sogar einem Versammlungsraum für Bibelfreunde („Bibel-Treff“) und dahinter ein geschlossen wirkendes Band von Industriebetrieben im Rothrister Gebiet Dietiwart, wo während meiner Exkursion vom 8. Januar 2008 gerade wieder hochbaulich betoniert worden ist. Daneben (östlich der Industriezone) sind Einfamilienhäuseransammlungen, zumal ja selbst moderne Fabrikationsanlagen noch nicht vollständig ohne Arbeitskräfte auskommen. So war es jedenfalls bisher.
 
Blick in Richtung Aarburg AG
Die Verkehrslage ist bestens, bedrohlich gut, hat doch Rothrist eine eigene Autobahnausfahrt. Von hier aus ist Olten jetzt leichter zu erreichen, nachdem seit dem 21. November 2007 die in den Untergrund versenkte Ortskernumfahrung von Aarburg AG in Betrieb ist. Selbstredend sind ebenmässige Tunnelgewölbe kein Ersatz für den beeindruckenden Anblick des mittelalterlichen Schlosses und der Festung, vor denen eine Kirche mit 2 Türmen ihren Akzent setzt. Aber man kommt im Untergrund schneller voran, und die schöne Altstadt mit den 3 Häuserzeilen und dem Stadtplatz, die von der Aare begleitet wird, konnte aufatmen.
 
Das KW Ruppoldingen befindet sich in unmittelbarer Nähe des Aaredurchbruchs durch den Jura in Aarburg; der Oltnerberg schliesst den Born ostseitig ab, wobei der Aarelauf dort allerdings nicht immer so genau definiert war wie dies heute der Fall ist. Jedenfalls ist die Flusslandschaft hier interessant. Sie erhält ihre Bedeutung vor allem durch die Naturschutzzonen wie die aufkeimenden Auenwälder neben Kiesschüttungen und den naturnahen Ufersaum, die jetzt zunehmend von Pflanzen und Tieren besiedelt werden; das sind gleichzeitig Abstandhalter gegen den Überbauungsdruck.
 
Gastronomie und Kunst
Ihre Schönheit machte sich das Restaurant Aareblick (www.aare-blick.ch) zunutze, das sich zwischen Aare-Unterlauf und Umgehungsgewässer nahe beim KW-Maschinenhaus befindet. Die Aarelandschaft erstreckt sich vor einem im asiatischen Stil eingerichteten Wintergarten; auch dem Restaurant ist eine angenehme Exotik eigen. Die Speisekarte kommt den schweizerischen als auch den fernöstlichen Ansprüchen entgegen. Ich wurde von einer freundlichen Vietnamesin, Frau Phuong Luong, bedient, die ein perfektes Schweizerdeutsch spricht; nur die Physiognomik konnte sie nicht dem schweizerischen Standard anpassen.
 
Die Landschaft mit all den Elementen einer modernen Zivilisation wäre nicht komplett, wäre nicht auch die Kunst vertreten. Paul Gugelmann aus Gretzenbach SO (siehe Blog vom 14.08.2007: „Kritische, poetische, lustige Konstruktionen“) hat hier im Jahre 2000 seine 7,5 m hohe „Energeia“, eigentlich ein Wasserrad aus halbrunden Kübeln, die 2 typische flache, kantige Gugelmann-Gesichter und allerhand rote Scheiben und eine stilisierte Sonne in Bewegung setzten, sobald der Besucher per Knopfdruck eine Wassertauchpumpe in Betrieb genommen hat, falls nicht genügend Wind als Antriebskraft zur Verfügung steht. Laut einer Orientierungstafel symbolisiert Energeia („wirkende Kraft“) die verschiedenen Energieformen Wasser, Sonne, Wind und nicht regenerierbare Energieerzeugung. Vielleicht besteht der Gag darin, dass die beiden Gesichter, die sich mitdrehen, über unseren Umgang mit der Energie den Kopf schütteln. Dem zivilisationskritischen Künstler Gugelmann würde ich das ohne Weiteres zutrauen.
 
Der Spaziergang auf dem Renaturierungslehrpfad in dieser auenartigen Industrielandschaft zwischen der Wiggermündung bis Murgenthal (Bezirk Zofingen) mit ihren Gewässern wie der beim Kraftwerkneubau um 2 m höher gelegten Aare, Bächen und Weihern, mit ihren Inseln wie den Boninger-Inseln, den Wäldern, der zunehmenden Pflanzenvielfalt, Strassendörfern mit Neubauquartieren, Einzelhäusern, Industrieanlagen und Verkehrsachsen, ist eindrücklich. Das Gebiet dürfte auch Tieren und allerhand Wasservögeln wie den Haubentauchern, Stock-, Reiher-, Krick- sowie Tafelenten, Gänsesägern Blässhühnern, dem Flussregenpfeifer einigermassen gefallen. Erfreulich ist auch zu spüren, wie offensichtlich stolz die betroffenen Gemeinden auf diesen Lebensraum sind, welcher der kommerziellen Nutzung entzogen ist. Rothrist hat grosse Informationstafeln aufgestellt, auf denen der „Natur- und Erholungsraum Aare“ kartografisch dargestellt und zahlenmässig erfasst ist: 6 km Spazierwege, 4 Naturschutzzonen, 1 Naturvorrangzone und 60 ha Landwirtschaftsland.
 
Etwas Geschichte
Die Kraftwerksanlage dient gleichzeitig als Fussgängerbrücke über die Aare (vor dem 1. Kraftwerkbau wurde das Problem des Übergangs mit einer Fähre gelöst). Das Maschinenhaus und die technischen Einrichtungen sind nicht frei zugänglich. Doch bei der Abschrankung vor dem Maschinenhaus ist ein Klingelknopf, den ich als Mitglied der Knopfdruckgesellschaft betätigte. Eine freundliche Frauenstimme meldete sich in der Gegensprechanlage und ich fragte nach Unterlagen über den Kraftwerkneubau. Sogleich schob sich das Eisengitter zur Seite, gab den Eingang frei. Ich folgte den Wegweisern „Empfang“ und wurde von einer Dame freundlich empfangen. Sie überreichte mir neben einigen Prospekten die 48 Seiten starke Informationsschrift „Neubau Kraftwerk Ruppoldingen. Erneuerung Kraftwerk Gösgen“ und bedankte sich für mein Interesse.
 
Dieser Schrift habe ich dann entnommen, dass das erste Aarekraftwerk Ruppoldingen 1896 von der Vorgängergesellschaft der Aare-Tessin AG (Atel), der Elektrizitätsgesellschaft Olten–Aarburg AG, gebaut worden ist; das Kanalkraftwerk mit seiner Leistung von 2100 PS kostete rund 3,5 Mio. CHF. Das Laufkraftwerk wurde bereits 1904 mit einer Hochdruck-Pumpspeicheranlage mit Akkumulierbecken auf dem 280 m hohen Born und in den Folgejahren mit 2 kohlebefeuerten Dampfturbinengruppen erweitert. Und 1913‒1917 wurde weiter aareabwärts das zwischen Olten und Aarau liegende Flusskraftwerk Gösgen erstellt.
 
1994 lief die Konzession für das alte Kraftwerk Ruppoldingen ab, die von den Kantonen Solothurn und Aargau zu je 50 % erteilt worden war. Und für das neue Kraftwerk erhielt die Atel 1995 eine neue Konzession für eine 80-jährige Betriebsdauer. Der Neubau konnte erfolgen, und statt der 7 alten Turbinen wurden 4 neue Turbinengruppen mit höherem Wirkungsgrad eingebaut, womit die mittlere Jahresproduktion von 40 auf 114 Millionen kWh (maximale elektrische Leistung: 23 MW) erhöht wurde. Zudem wurden grosse ökologische Auflagen gemacht, so dass sich also in allen Belangen eine bedeutende Verbesserung ergab. Dafür wurden etwa 15 % des ursprünglichen Budgets für die Gesamtanlage aufgewendet, also mehr als 20 Mio. CHF.
 
Durch das ausgesparte Grün im und am Wasser ist der dortige Baubrei strukturiert worden. Zugleich ergab sich ein reich frequentierter Erholungsraum, wie ich selber feststellen konnte. Aber die Geschichte ist noch unvollendet, wie immer: Der Ausbau der A1 auf 6 Spuren steht bevor, und zudem soll die Wigger, die etwa 1 km unterhalb des KW Ruppoldingen in die Aare mündet, renaturiert werden. Wenn mit dem Land, das der Natur zurückgegeben wird, nicht zu knauserig umgegangen wird, ergeben sich hier zusätzliche Chancen für neue Lebens- und Erholungsräume. Das KW Ruppoldingen hat die Massstäbe vorgegeben. Das Wasser, ein Geschenk der Natur, hat schon ein gewisses Entgegenkommen verdient.
 
Kontakte für Führungen
Aare-Tessin AG für Elektrizität (Atel)
Heidi Altenburger
Tel.: 062 286 72 51
E-Mail: info@atel.ch
Internet: www.atel.ch
 
oder:
 
Atel Hydro AG
Aarburgerstrasse 264
CH-4618 Boningen
Tel.: 062 787 69 11
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
Reproduktionsfähige Fotos können zu all diesen Beschreibungen beim Textatelier.com bezogen werden.
 
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