Textatelier
BLOG vom: 15.01.2008

Neapel ist überall: Vor den Müllbergen kapituliert die Analytik

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Zu den fundamentalen Arbeiten in Laboratorien gehören die qualitative und die quantitative Analyse – Untersuchungen nach Menge und Beschaffenheit. In meinen jungen Jahren habe ich mich oft in den Laboratorien der damaligen Firma Suhner & Co. AG, Herisau, mit der analytischen Chemie befasst. Das Unternehmen verarbeitete vor allem Kunststoffe, etwa zu den strapazierfähigen Sucoflor-Bodenbelägen und Kabelhüllen. Und nach diesem Auftakt in der anorganischen wandte ich mich dann in der Firma F. Hoffmann-La Roche in Basel der organischen Chemie zu, insbesondere der Synthese von Vitamin A aus dem β-Carotin; das war um 1958, also vor 50 Jahren. Doch will ich keinen Jubiläumsartikel schreiben.
 
Inzwischen hat sich die Chemietechnik selbstverständlich rasant entwickelt, und für die Analytik, früher eine handwerkliche Arbeit mit Flammenfärbung, Verbrennungen, Schmelz- und Erstarrungspunktbestimmung, sind ausgeklügelte Geräte da – Knopfdruck genügt. Mein hoffentlich noch einigermassen gesund gebliebener Verstand suggeriert mir gleichwohl unmissverständlich, dass auch die modernsten, leistungsfähigsten Analyseverfahren bei undefinierbaren Stoffgemischen, wie sie etwa die Kehrichthaufen bilden, bald einmal kapitulieren oder – falls sie es nicht tun sollten – so viele Daten ausspucken, dass man darin ertrinkt und diese nicht mehr interpretieren kann. Stichproben ermöglichen bestenfalls Zufallstreffer.
 
Eine haushaltübliche Kehrichtsackfüllung würde man beim Sortieren von Hand im einigermassen frischen Zustand noch rudimentär identifizieren können: Kartoffelschalen, Korkzapfen, Plastikumhüllungen von Zeitschriften, ausgelaugte Teebeutel mit Inhalt und Heftklammer, Wursthaut mit Bleidraht, ein schimmliges Weihnachtsgebäck, Wattestäbchen mit Ohrschmalz, angefaulte Apfelteile, ausgetretene Pantoffeln, Glasdosenverschlüsse, Papiernastücher mit Gebrauchsspuren, Asche aus dem Cheminée, ein ausrangierter Leitz-Ordner, eine zerknüllte, abgelaufene Kreditkarte und das alles überdeckt von Kartoffelsalat, der im Kühlschrank vergessen wurde und von Konfetti aus dem Locher bestreut ist. Müsste eine Maschine das analysieren, wäre sie über die Grenzen ihrer Möglichkeit hinaus gefordert. Wenn ich jeweils nur das Horrorszenarium durchlese, das zum Kapitel „Inhaltsstoffe“ auf Industrielebensmittelpackungen zu lesen ist, staune ich, dass ein menschlicher Organismus mit solch einem Konglomerat wenigstens einige Jahre oder gar Jahrzehnte einigermassen unbeschadet zurecht kommt. Oft bleibt ihm nur die spontane Retournierung in Form von Erbrechen, die massgeschneiderte elegante Lösung.
 
Wenn mir jemand weismachen möchte, man könne stinkende, verrottende und vermottende Abfallhaufen, wie sie ganze Strassenzüge von Neapel seit rund 15 Jahren begleiten, gründlich genug analysieren, würden in mir als Analytiker der alten, beinahe alchemischen Schule halt schon einige leise Bedenken aufkeimen. Ein genaueres Hinschauen wäre nötig, bevor man sie allenfalls dank des selbstlosen Einsatzes eines Abfall-Zwischenhändlers energieaufwendig z. B. in die Schweiz transportiert, um damit eine Kehrichtverbrennungsanlagen-Überkapazität gewinnbringend zu speisen. Pro Jahr produzieren wir Schweizer 3,5 Mio. Tonnen Kehricht, aber das reicht für unsere Kehrichtanlagen noch nicht aus, so dass wir uns also müllmässig noch einiges einfallen lassen müssen – nach dem Vorbild der malerischen Stadt zwischen dem Vesuv und den Phlegräischen Feldern (Campi Flegrei), einer Blütestätte des Humanismus, wo schon die griechische Bildung ihren italienischen Aussenposten hatte.
 
Genau hier, in Neapel, sollen etwa 110 000 Tonnen übel riechender Müll aufgehäuft worden sein, und pro Tag kommen etwa 7200 t hinzu. Ein Teil wird auf den Strassen angezündet, wobei dann Dioxine und dergleichen Gifte flächendeckend verbreitet werden. So dürfte wenigstens farblich eine neue Variante des Neapelgelbs (antimonsaures Blei, das als orangegelbe Öl- und Keramikfarbe dient) erzeugt werden.
 
Ich kann mir trotz meines Hangs, das Beste im Menschen zu vermuten, nicht vorstellen, dass es den netten, kulturell hochstehenden Neapolitanern ein erstes Anliegen sein könnte, zwischen harmlosem Haushaltkehricht und giftigem Sondermüll pedantisch zu unterscheiden, weil dort die Sondermüllentsorgung so perfekt gelöst und die Menschen für solche Massnahmen im Interesse des Umweltschutzes besonders sensibilisiert wären. Nicht einmal die zu den Globalisierungsgewinnern zu zählende Mafia (deren neapolitanische Version den stolzen Namen Camorra trägt), die ins Abfallgeschäft eingebunden ist, scheint sich diesbezüglich besonders auszuzeichnen. Man mag es mir nachsehen, dass ich mir diesbezüglich nur wenige Illusionen zu machen pflege, wenn überhaupt.
 
Und so ist es mir denn auch schleierhaft, wie man einen Giftstoffbrei wie die berühmte Sondermülldeponie Kölliken (SMDK) oben im aargauischen Suhrental analysieren soll, die jahrzehntelang als Bioreaktor vor sich hinrülpste und vom Regenwasser am Austrocknen gehindert wurde. Sie wird jetzt ausgehoben und abgeschoben. Die Blechfässer hatten zum Durchrosten in dieser ätzenden Umgebung hinreichend Zeit, und ihr Inhalt konnte sich mit den durchmanschten Giftchemikalien aus der Nachbarschaft paaren und neue Verbindungen eingehen. Ich beschreibe hier einfach die Problematik und bitte bloss darum, dass Verantwortliche und Behörden nicht so tun sollten, als hätten sie alles im Griff. Das ist viel Abenteuerliches dabei. Das müsste, wer vertrauensbildend wirken will, nach einem Analytik-Schnellkurs zugeben.
 
Die Natur kennt keinen Abfall; da kann alles restlos verwertet werden. Man sollte daran denken, um zu erkennen, wie naturfern unser menschliches Leben geworden ist; es wird von einer ständigen Kehrichtproduktion begleitet. Bereits ein Hotelfrühstück hinterlässt einen Tischabfallbehälter voller Packmaterialien, von denen selbst Kleinstportionen Butter und Konfitüre umgeben waren. Und weil unsere KVA-Verbrennungskapazität so gross ist, dass wir normalerweise bereits heute jeden 10. vollen Kehrichtsack aus dem Ausland hereinholen, ohne die gefrässigen Schlünde zu überfüttern, haben wir von dieser Seite her auch keinen Anlass, uns besser in die Naturkreisläufe einzubinden.
 
Als ausgesprochenes Touristenland haben wir selbstverständlich auch nichts gegen den Abfalltourismus einzuwenden. Wir heissen solchen willkommen, selbst strahlende Spitalabfälle, verfrachten unsererseits Giftkonglomerate (etwa aus der SMDK), die seinerzeit selbst aus Süddeutschland herangekarrt wurden, jetzt wieder zur Endlagerung ins Ausland. Das heisst wir sind in die Abfall-Globalisierung mit ihrem blühenden Transportgewerbe eingebunden. Auch in Deutschland laufen viele Müllverbrennungsanlagen mit Unterlast. In Italien aber hat Ministerpräsident Romano Prodi nationalistische Vorstellungen; er ist ein vernünftiger Mensch und möchte die Abfallberge im eigenen Land, etwa auf Sardinien, autonom bewältigen und spricht von den Transportmitteln für die Müll-Umherkarrerei von „Zügen der Schande“. Doch in Italien lehnen sich Bewohner jener Regionen auf, die mit den bestialisch stinkenden Grüssen aus dem Mezzogiorno beglückt werden sollen, so dass 14 Kehrichtverbrennungsanlagen in der Schweiz weiterhin hoffen können … Eine reine Einstellungssache.
 
Die Abfallvermeidung ist schon lange kein Thema mehr, im Gegenteil. Die Plastifizierung hat selbst Zeitschriften mit ökologischer Ausrichtung erfasst, sie kommen eingeschweisst ins Haus, gasen beim Öffnen der Beutel zuerst einmal Druckchemikalien aus und verkünden uns dann, wie wir der Natur und unserer Gesundheit mehr Sorge tragen könnten. Und die industrielle Produktion verstärkt den Wegwerftrend nach wie vor, tatkräftig unterstützt vom philosophischen Kult des Loslassens. Wer nicht laufend alles wegwirft und Neues kauft, ist gaga und von gestern.
 
Neben dem Abfall sollte man vielleicht auch einmal unseren modernen Lebensstil analysieren. Die Schwierigkeiten wären bei diesem Konglomerat wirtschaftlicher Interessen zwar auch nicht kleiner als beim Müllcocktail, den wir laufend anreichern und inhaltlich verfeinern. Doch irgendwie bleibt uns auf dieser dünnen Erdkruste alles erhalten; da können wir globalisieren und Aggregatzustandsänderungen durch Verbrennen und Verfrachtungen mit Hilfe von Wind, Bahn und Lastwagen vornehmen so viel wir wollen.
 
Hinweis auf die Beschreibung der SMDK im Textatelier.com
 
Hinweis auf Blogs zur Sondermülldeponie Kölliken
 
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