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BLOG vom 20.01.2008


Verdingbub-Karriere: Dank der Dornen die Rosen gepflückt
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Er hat ein ausgesprochenes Erzählertalent, und an Stoff aus dem eigenen Leben, um dieses zur Entfaltung zu bringen, fehlt es ihm nicht: Walter Iseli-Notter (79), der zusammen mit seiner Frau in einem gepflegten Châlet an der Juraweidstrasse 28 über dem Dorf Biberstein AG residiert. Er ist eine gepflegte, vor Vitalität sprühende Erscheinung. Oft liest er in Altersheimen eigene Gedichte und Geschichten vor, oder er stimmt dort zusammen mit einem dankbaren Publikum bekannte Lieder aus der Schulzeit von damals an.
 
Beruflich war er Hauptinspektor bei der damaligen Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt (heute: Swiss Life), und dann handelte er mit Immobilien, Cheminéeöfen und dergleichen – eine quirlige Persönlichkeit also. Ich hätte nie erwartet, dass er seine Karriere als Verdingbub begonnen haben könnte. Das kann man in seinem neuen Buch „Abgeschoben und verachtet“, das im Eigenverlag Walter Iseli, CH-5023 Biberstein, herausgegeben worden ist (ISBN: 978-3-033-01449-7), schwarz auf weiss nachlesen.
 
Mit den 3 Buben und der Pflege ihrer schwerkranken Mutter war Walter Iselis Mutter überfordert; die 3 Kühe und 2 Schweine warfen zu wenig ab, und ein Vater war im Bergheimetli im Weiler Erizbühl in Sigriswil BE nicht mehr da. Also wurde Walter im Alter von 3 Jahren zu Pflegeeltern nach Uebeschi BE westlich von Thun gebracht, ohne zu wissen, was mit ihm geschah. Nach der Ablieferung verschwand die Mutter ohne Abschied spurlos, und für das Kind begann eine eigentliche Leidenszeit, die bis zum 16. Lebensjahr dauern sollte. Bemerkenswerterweise schildert Walter Iseli diese Jahre in seinen nun gedruckt vorliegenden Lebenserinnerungen nicht in einem herzzerreissenden Jammerton, sondern auf der Grundlage einer von Verständnis getragenen Faktizität in einer angenehmen, einfachen Sprache. Daraus entstehen ein plastisches Zeitgemälde und ein Lebensbild, das sich über insgesamt 21 Jahre erstreckt.
 
Seine Pflegeeltern schildert er so: „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, der Pflegevater sei ein Strassenengel für alle Frauen, aber für uns und die Männer im Dorf ein Hausteufel gewesen. Er war ein Bösewicht und streitsüchtiger Mensch. Ständig tyrannisierte er seine gute stille und hilflose Frau. Immer wieder musste ich zusehen, wie er grundlos auf sie einschlug. Die Pflegeeltern hatten 5 erwachsene Kinder, welche längst ausgeflogen waren. Sie begehrten ihren Vater nicht mehr zu sehen und besuchten die Mutter hin und wieder heimlich.
 
Ich selber wurde bis zum Schuleintritt vor den Schlägen verschont. Die arme Frau aber erlebte die Hölle auf Erden. Durch ihre grosse Frömmigkeit gab sie mir zu verstehen, dass ihr diese Tortur als Prüfung vom Herrgott auferlegt würde, was ich mit meinem kindlichen Verstand nicht verstehen konnte, und ich litt mit ihr. Sie weinte sehr viel wegen ihrer Schmerzen (sie hatte offene Beine und konnte nur Holzschuhe tragen) und wegen der unmenschlichen Behandlungen ihres brutalen Mannes.“
 
Solche Darstellungen entwickeln ihre Kraft aus den Tatbeständen, und es ist kaum zu fassen, dass es derartige Zustände noch in den 1930er-Jahren gab. Der Biograf habe mit seiner Publikation keine geschäftlichen Ziele verfolgt, sondern, fern vom Materiellen, verstehe er seine Aufzeichnungen als Aufruf, dass sich solche Zustände nie mehr einstellen dürften, sagte Francesco Zanetti, ehemaliger Tierarzt und Freund des Autors aus Sarmenstorf AG. Er erinnerte an die Spazzacamini sowie an andere Verdingkinder und Jenische („Kinder der Landstrasse“). Die Spazzacamini (Kaminfegerkinder) stammten vor allem aus armen Tessiner Tälern wie dem Centovalli, dem Verzasca- und oberen Maggiatal, die auch schon als „Kaminfegertäler“ bezeichnet wurden. Die Knaben aus Not leidenden Familien wurden nach Oberitalien verdingt, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen Kaminfegerdienste leisten mussten und fast nichts zu essen bekamen, damit sie schlank blieben und in die verrussten Kamine einsteigen konnten. Zanetti warnte auch vor der modernen Abschiebementalität, der Auslagerung der Kinder in Krippen und Horte, wo ihnen die familiäre Nestwärme fehle und sie seelisch verkümmern würden. Somit präsentiert sich das Verdingkinderwesen heute in der veränderten Form des Deponierens, damit die Eltern ihren Geschäften nachgehen können.
 
Die Laudatio wurde mit der von Cecilia Bartoli gesungenen Arie des Vergnügens (Il Trionfo del Tempo e del Distinganno) von Georg Friedrich Händel ab Tonband abgeschlossen: „Lascia la spina,/ Cogli la rosa;/ Tu vai cerando/ Il tuo dolor./ Canuta brina,/ Per mano ascosa,/ Giungerà quando/ Nol crede il cor.“ („Lass die Dornen,/ pflücke die Rose; / du bist auf der Suche/ nach deinem Schmerz./ Weisser Reif/ von verborgener Hand/ stellt sich ein, wenn es/ dein Herz nicht erwartet.”).
 
Der Vernissageabend vom 15. Januar 2008 im Café des Alterszentrums „Obere Mühle“ in Lenzburg hatte also manches mit Kultur zu tun. Diese Feststellung bezieht sich auch auf das vom Künstler René Villiger, Sins AG (Zanetti: „Pieter Brueghel des Freiamts“) gestaltete Titelblatt des neuen Buchs, welches in beruhigender Harmonie das Inhaltsverzeichnis ersetzt. Darauf sind der Knabe Walter, seine Unterkünfte (Berner Bauernhäuser) und Symbole zu seinen Entwicklungsschritten bis hin zu seiner Ausbildung als Bäcker-Konditor dargestellt. Im Zentrum ist ein von 5 Küken besetztes Nest in einem Korb zu sehen – aus dem eines der Küken gefallen ist und das nun seinen eigenen einsamen Weg suchen muss.
 
Dieser wurde offensichtlich gefunden, und alles, was die ersten Lebensjahre geprägt hatte, wurde von Walter Iseli als Chance betrachtet, als Beitrag zur Erstarkung, und zu einem erfüllten Leben in einem Rosengarten genutzt.
 
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