Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     August 26, 2019 07:04 CET
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 23.01.2008


Aareufer: Wöschnau hat mit Waschen und Wandern zu tun
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Zwischen Aarau und Schönenwerd SO befindet sich die Wöschnau als Ortsteil der Gemeinde Eppenberg-Wöschnau (rund 320 Einwohner) am Fusse des bewaldeten prähistorischen keltischen Refugiums (La-Tène-Zeit) Buechholz. Man kann dort die Kantonsstrasse Aarau‒Schönenwerd nordwärts verlassen und kommt nach dem Überqueren der SBB-Linie in den Schachen, der auf solothurnischem Kantonsgebiet für gewaltige Natursteinlager, Kiesberge, rezykliertes Abbruchmaterial und einen Coop-Baumarkt dient. Der aargauische Aarauer Schachen, gleich ostwärts nebenan, ist ein grosses ebenes Gelände, das für Freiluftfestivitäten wie das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2007 dient. Dort sind auch das Schwimmbad und die Reitbahn Aarau.
 
Dieses Areal am Ostrand der Aarauer Altstadt ist bekannt. Doch abgesehen von ein paar ortskundigen Spaziergängern und Joggern wagt sich kaum jemand zur Aare vor, die hinter einem Schachenwald versteckt ist und auf der Höhe von Erlinsbach/Wöschnau sowie dem EW Aarau in 2 Arme aufgeteilt worden ist, als hier eines der ersten Schweizer Wasserkraftwerke erstellt wurde (1894 entstand das erste Maschinenhaus, das 1957 komplett erneuert wurde, mittlere Jahresproduktion: 109 GWh). Die dadurch entstandene Insel heisst Grien, und das wiederum ist ein schweizerdeutscher Ausdruck für Kies. Und solchen Kies, vor allem Geröll, mit Sand durchsetzt, gibt es dort in Fülle. Das ganze Gebiet ist eine Schotterterrasse, also eine Geröllablagerung, und das war mit dem Wasser zusammen eine gute Voraussetzung für die Auenbildung – „Wöschnau“ (Weschnowe) bedeutet gewaschene, also von Wasser überspülte Au.
 
Von der gewerblich genutzten Wöschnau-Talsohle aus gibt es einige wenige Waldweglein, manchmal fast Trampelpfade, die zu einem ordentlichen Wanderweg an der Alten Aare (dem 2,7 km langen Altarm) führen, die schwungvoll in die auenähnliche Landschaft eingebettet ist. Und die Umschau von diesem rechtsufrigen (südseitigen) Aareweg aus zaubert selbst im vegetationsruhigen Januar wunderschöne Gemälde hervor. Bei unserem Spaziergang am 16.01.2008 sorgten Sonne und vereinzelte dunkle Wolken, wie man sie vor Gewittern erleben kann, zusammen mit dem zwischen hellen Kiesbänken fliessenden Wasser und den manchmal kreuz und quer liegenden Bäumen, Opfer des letzten Hochwassers, für expressionistische Bilder.
 
Das Gehen ist dort angenehm. Die Aareuferwege sind im Schachenwald sandig, und für eine zusätzliche Elastizität sorgen stellenweise verrottende Blätter, die zu Humus werden. Die Luft ist feucht, das Atmen geht leicht. Wasser- und Landvögel schätzen diese Landschaft ebenfalls.
 
Am spitzen oberen Ende der „Grien“-Insel arbeitet auf 365,6 m ü. M. neben dem Stauwehr das im November 2005 in Betrieb genommene Dotierkraftwerk, dessen Fassade mit allerhand Tieren wie Rehe, ein Kamel, Giraffe und einem Nashorn in Lebensgrösse bemalt ist; der Künstler hatte offenbar gerade einen Exotik-Schub. Auch Graffiti-Sprayer haben sich dort ausgetobt. Zudem ist ein gelungenes, haarnadelförmiges, 170 m langes Umgehungsgewässer für Wasserlebewesen, insbesondere Fische, angelegt worden, das sich wohltuend von den grausamen betonierten Fischtreppen alter Schule abhebt, mit denen man den aufstrebenden Fischen die Freude am Aufstieg vermiest hat. 33 Querriegel mit Lücken bilden 34 Becken, die 60 bis 80 cm tief sind und in denen sich die Fische ausruhen können. Dabei wird eine Höhendifferenz von 4,94 m überwunden (Durchfluss: 600 Liter Wasser pro Sekunde). Eine wuchtige Anlage, eine würfelförmige Blechbüchse, dient der Fischzählung, und sie hat den Beweis bereits erbracht, dass Tausende von Aarefischen hier vorbei kommen, die wiederum die Funktionstüchtigkeit der Anlage beweisen. So haben alle ihre Erfolgserlebnisse.
 
Das Kleinkraftwerk, in dem eine Kaplanrohrturbine 162 kWh leistet, genug für 250 Haushalte, ist eine Folge der von den Kantonen Aargau und Solothurn per 1. Januar 2006 geforderten Verdoppelung der für den alten Aarelauf bestimmten (Rest-)Wassermenge. Die IBAarau Kraftwerk AG (Industrielle Betriebe Aarau) wollte also das dem Altarm zugedachte Wasser nicht einfach als Wasserfall ins tiefere Bett fallen lassen, sondern die Energie angesichts des zunehmenden Stromhungers von uns Zivilisierten gewinnbringend verwerten (pro Sekunde können maximal 4400 l Wasser genutzt werden). Im ersten Betriebsjahr fielen schon über 1 Million kWh Strom an. Bereits im Frühling 2006 erhielt das Kleinkraftwerk vom Verein für umweltgerechte Elektrizität (VUE) die Zertifizierung „naturemade star“. Auf der Webseite www.naturemade.org kann man nachlesen, wer sonst noch alles mit diesem Gütezeichen dekoriert worden ist. Das Qualitätslabel wird für Strom verliehen, der aus zu 100 % erneuerbaren Energiequellen wie Wasser, Sonne, Biomasse und Wind stammt, wobei „star“ gegenüber „basic“ eine noch umweltschonendere Variante darstellt.
 
Den Rückweg absolvierten wir auf der etwa 2 km langen Grien-Insel, teilweise dem begradigten, aber immerhin mit 2 Biegungen versehenen, 2,1 km langen Oberwasserkanal (Einlaufkanal) entlang auf dem asphaltierten Strässchen und dann wieder auf dem Naturweg neben den umgefallenen Bäumen an der Alten Aare bis zum EW Aarau. Das Hochwasser vom 9./10. August 2007 hat sich zu einigen landschaftsgestalterischen Aktionen hinreissen lassen. Der Anklang an eine wirkliche Naturlandschaft gefiel mir. Die Stämme werden gemäss neuesten ökologischen Erkenntnissen nicht mehr weg- und aufgeräumt, sondern sie beleben das Bild und sind wertvolle Lebensräume. Der Wert von Totholz für unzählige Kleinlebewesen und Pflanzen hat sich in den letzten Jahrzehnten herumgesprochen. Es gibt fast nichts Lebendigeres als Totholz. Auf der Nordseite (Erlinsbach AG) klettern Terrassenhäuser wie nebeneinander gestellte Treppen den Jurahang empor.
 
Die Insel ist am Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Kanalisierung der Aare für das Kraftwerk entstanden. Sie erhielt ihre heutige Form aber erst Mitte der 1950er-Jahre beim Bau der Kraftwerkszentrale 1. Dieses Kraftwerk ist am unteren Ende der Insel, das mit seinem Turm wie eine Kirche mit einem überlangen, quer zur Aare verankerten Schiff aussieht, vom Erholungspark „Inseli“ flankiert, welcher von der KW-Konzessionärin IBA Kraftwerk AG unterhalten wird.
 
Zusammen mit dem Kühlwasserpumpwerk baute die IBA 1959 eine Volière, in der etwa 50 exotische Vogelarten leben: Rosenköpfchen, Schwarzköpfchen, Beo, Gelbkopfamazone, Halsbandsittich, Goldfasan, Prachtglanzstar, Orangeweber, Zebrafink, Japanisches Mövchen, Mandarinente usf. Und auch die Kanaren sind gebührend vertreten. Bei unserer Ankunft lieferten die Vögel hinter dem Gitter teilweise ohrenbetäubende Kostproben von ihren lautmalerischen Möglichkeiten, vom Schreien, Krächzen, Kreischen bis zum Pfeifen. Ich selber begann Pfiffe von mir zu geben, die alle spontan beantwortet wurden, obschon sie jeder Virtuosität entbehrten.
 
Und die Fischerzunft Aarau hatte ein Aquarium angelegt, in dem sich einheimische Fischarten präsentieren, ob es ihnen gefällt oder nicht: Brachsmen, Alet, Hasel, Barbe, Rotauge, Rotfeder, Karpfen, Schleie, Schneider, dreistachliger Stichling und Elritze.
 
Bei der Spitze der Parkanlage lustwandelt die Plastik „Pomona“, die ebenfalls 1959 von den Eisen- und Stahlwerken Oehler & Co. AG gestiftet wurde, wohl um zu zeigen, wozu Metalle wie Bronze alles gut sind. Die nackte kraftvolle Dame mit dem aus- und einladenden Beckenbereich ist ein Sinnbild für die Fruchtbarkeit. Sie hat das Licht der Welt im Atelier von Irma Russo-Guidici in Chiasso TI erblickt und feiert 2009 ihren 50. Geburtstag.
 
Etwas durstig geworden, fanden wir über den Süffelsteg auf die Aarauer Seite und von dort am Aareufer nach Wöschnau zurück, nicht ohne von einer Helsana-Orientierungstafel noch eine Lektion in Englisch erhalten zu haben: „Auf dem (…) swiss running walking trail lernen Sie die richtige Technik von Walking, Nordic Walking und Running kennen.“ Wir beschränkten uns aufs Go for a walk – aufs Spazieren, einem aufrechten entspannnten Gang – Kopf und Brust hoch, wie es die Walking-Technik lehrt.
 
Und bald darauf sollte die Wöschnau von einem nächsten Regenschub aufs Neue gewaschen werden.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
Reproduktionsfähige Fotos können zu all diesen Beschreibungen beim Textatelier.com bezogen werden.
 
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier