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BLOG vom 24.01.2008


Börsen und Masse: Analysten durch Psychologen ersetzen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Ein Fehler und reine Geldverschwendung obendrein ist es, Finanzexperten als Analysten für das Börsengeschehen einzusetzen. Denn selbstverständlich haben Aktienkurse kaum etwas mit den messbaren Faktoren aus dem Finanzgeschehen zu tun. Vielmehr müssten Psychologen her, die sich darin ausweisen müssten, von Geldbelangen keine blasse Ahnung zu haben. In erster Linie wären Massenpsychologen en masse anzustellen.
 
Der Grund dafür ist leicht einzusehen: Die Börsianer (Marktteilnehmer) ignorieren finanzielle Fundamentaldaten weitgehend, wie alle Erfahrungen lehren. Sie entscheiden weitestgehend nach dem Mitläuferprinzip: Wenn aufgrund von irgendwelchen diffusen Ängsten die Kurse plötzlich markant nach unten tendieren, dann wird verkauft. Dann verkaufen alle. Die Kurse tauchen weiter, und die Verkäufe nehmen zu, bis das System abstürzt. Aus der Massenpsychologie, die im Rahmen der Vereinheitlichung der Menschheit im Rahmen der Globalisierung eine wachsende Bedeutung erhält, ist bekannt, dass die Massen oft ein merkwürdig kurioses Verhalten zeigen; Panik kann selbst aufgrund eines banalen Anlasses herbeigeführt werden. Politische Institutionen und Erzeuger vor allem aus dem Pharmasektor nutzen diese Erkenntnisse entweder zur besseren Kontrolle des Volkes oder zur Absatzförderung.
 
Aktuelle Banalereignisse, die zu Weltuntergangsszenarien aufgeblasen wurden, sind die Vogelgrippe und andere Seuchen. Im Moment wird aus Geschäftsgründen gerade eine Grippeepidemie herbeigeschnorrt und aufgeblasen – eine medial nach Kräften unterstützte Aktion zur Förderung des Grippeimpfgeschäfts. Statt für Stärkungen des Immunsystems zu sorgen, werden die Menschen mit Impfstoffen, die wahrscheinlich mehr gesundheitlichen Schaden als Nutzen herbeiführen, zusätzlich in ihrer Abwehr geschwächt. Und so werden die Krankheitsgeschäfte auch in Zukunft blühen.
 
Das Massenverhalten spielt besonders in Geldfragen; in solchen Belangen agieren die Leute besonders nervös. Wenn Kurse fallen, schliesst der Normalanleger daraus, es sei eine Krise in der Luft (was diese ausmacht, braucht ihn nicht besonders zu interessieren), und er wird die Aktien sofort abstosssen. Der Teufelskreis dreht sich, bis die Aktienpreise so tief sind, dass die wertarmen Wertpapiere von Schnäppchenjägern gekauft werden. Dann steigen die Kurse wieder – und alle kaufen, weil ja die Preise steigen und weil alle kaufen. Zugegeben, das ist etwas vereinfacht gesagt; meistens absolvieren die Kurse einige Zickzack-Fahrten, bis sich der nachahmungswürdige Trend herauskristallisiert hat. Der Grund dafür braucht niemand zu interessieren. Auch der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho sieht keinerlei Logik im Börsengeschehen; er verweist dieses in den Bereich der Esoterik, wobei Hokuspokus allerdings zutreffender wäre. Ausdrücke wie „Schwarzer Montag“ (der 21. Januar 2008) bestätigen das.
 
Die Massenpsychologie prägt sich mit der zunehmenden Vermassung der Menschen weltweit zunehmend aus. Nach meinen eigenen Beobachtungen ist der Mitläufereffekt in Asien noch ausgeprägter als in Europa oder Amerika. Die Kurssprünge in Phasen der Dramatik oder der Euphorie sind dort immer besonders ausgeprägt. Das europäische Mitläufertum richtet sich vor allem auf die amerikanischen „Vorgaben“ aus; das Wort, das „Mass“ oder „Richtlinie“ bedeuten kann, bedeutet für die Europäer, deren Selbstbewusstsein extrem unterentwickelt ist und sich als Unterwerfung unter die USA manifestiert, Vorbild, das befolgt werden muss. In Börsenfragen sind die Amerikaner relativ selbstbewusst, eine Folge ihrer masslosen und durch nichts mehr zu rechtfertigenden Selbstüberschätzung.
 
Das massenpsychologisch motivierte Verhalten kann durch äussere Einflüsse zusätzlichen Irritationen entgegengeführt werden. Wenn zum Beispiel das Grossbankensystem infolge katastrophaler Managementfehler (wie exzessive Kreditvergaben und einen munteren Handel mit wertlosen Schuldbriefen) von Notenbanken mit Milliarden-Finanzspritzen und massiven Leitzinssenkungen vor dem Untergang bewahrt werden muss, verkehrt sich deren Sinn ins Gegenteil: Denn der Umstand, dass so stark eingegriffen werden muss, lässt doch darauf schliessen, dass die Systemkrise dramatisch ist, und das äussert sich in zusätzlichen Aktienverkäufen damit in weiterhin fallenden Kursen. (Die Europäische Zentralbank machte die Leitzinssenkung richtigerweise nicht mit, eine wirkliche Beruhigungspille.)
 
Den gleichen Effekt wie Leitzinssenkungen haben die in Baissephasen aufkeimenden pastoralen Worte des Trosts und der Zuversicht von Finanzgrössen und abgeklärten Politikern. Man hat die amtlichen Beruhigungssprüche (Motto: „Alles im Griff“) zu interpretieren gelernt: Die Lage ist ausser Kontrolle, heisst das im Klartext meistens.
 
Wie kompetent sind Bankberatungen? Sie stützen sich, wie erwähnt, auf Analysten statt Psychologen ab, und das erklärt auch, dass von ihnen höchstens Zufallstreffer zu erwarten sind. Analystenschätzungen liegen meistens daneben. Zudem können Kaufs- oder Verkaufsempfehlungen auf die eigenen Interessen der Institution ausgerichtet sein: Man empfiehlt einen Titel zum Verkauf, weil man diesen bald einmal selber möglichst günstig im grossen Stil erwerben möchte – und umgekehrt: Ein Titel wird zum Kauf empfohlen, weil man selber zu möglichst guten Preisen verkaufen will. Wird eine Baisse vorausgesehen, werden strukturierte Produkte geschaffen, die die gröbsten Abstürze auf Kosten der Anleger abfedern, oder undurchschaubare Fonds.
 
Ich möchte beileibe nicht allen ehrenwerten Banken unlautere Motive unterstellen – von unseren Schweizer Banken habe ich einen ausserordentlich guten Eindruck. Die meisten von ihnen und auch ihre Berater an der Front arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen, haben eine hohe Ethik und sind ehrlich, selbst wenn das zu bankinternen Loyalitätskonflikten führen kann. Doch ist es zweifelsfrei so, dass Bank- und Anlegerinteressen nicht immer kongruent verlaufen und somit kein Anleger darum herumkommt, sein kritisches Denkvermögen voll einzusetzen und aufgrund von ständigen Beobachtungen und Erfahrungen zu schärfen, eine denksportliche Übung über Jahre hinweg.
 
Was sollen Analysten in diesem Umfeld? Sie überziehen das Geschehen mit einem Mäntelchen, einem beeindruckenden Talar ähnlich, wie ihn Geistliche, Richter und Hochschullehrer benützen oder benützten. Das macht Eindruck. Und am Schlusse taugt das vermittelte Wissen zu nichts, weil es auf falschen Grundlagen aufbaute und die wirklich entscheidenden Faktoren übersah. Inzwischen hat sich ein neuer Mantel darüber gelegt: jener des Vergessens nämlich. Und neue Analystenfantasien werden auf den Markt geworfen.
 
Zu gravierenden Fehleinschätzungen führte und führt vor allem auch das überhöhte Ansehen der weltwirtschaftlichen Bedeutung der USA, die seit dem Aufstieg der asiatischen Länder (wie Japan, China und Indien), der Stärkung von Europa und insbesondere von Russland und arabischer Staaten nur noch ein Mitspieler, wenn vorläufig auch ein immer noch einigermassen bedeutender, sind. Der Niedergang der USA als Kriegs-, Lügen- und Folternation, die auf der ganzen Linie versagt hat, Menschen- und Bürgerrechte aushöhlt, ist auf politischem Gebiet offensichtlich, auch wenn diese Erkenntnis noch nicht bis in alle Redaktionsstuben vorgedrungen ist; wenigstens auf Leserbriefseiten kann man darüber lesen. Nachdem die USA, deren Politiker und Bewohner über ihre Verhältnisse auf Pump lebten und die Schulden an die hereinfallende Welt übermitteln konnten, ist nun die Hypo- und Kreditkartenkrise offensichtlich. Das Leben auf Kosten anderer wird schwieriger oder ist gar unterbunden; die oberfaulen Tricks werden allmählich durchschaut. Das bedeutet, dass die auch umweltzerstörerische Kauf- und Verschwendungslust in den USA nicht mehr im herkömmlichen Ausmass aufrechterhalten werden kann. Die Rezession (ein Rückgang der Konjunktur) ist im wundersamen Wunderland ennet des Atlantiks bereits angekommen; die Beschöniger verlieren allmählich an Boden.
 
Und weil dieses Amerika so masslos überschätzt wird – wir misshandelten Medienkonsumenten müssen gerade die wenig bedeutenden, konfusen Vorwahlen in jedem einzelnen US-Bundesstaat wie Weltsensationen über uns ergehen lassen –, breiten sich auch übersteigerte Ängste aus, wenn dort etwas nicht mehr rund läuft. Statt den Konsum in jenem Armenhaus mit seinen hochstaplerischen, angeberischen Insassen mit allen Mitteln anzukurbeln, sollte man sich vielmehr freuen, dass das Leben auf Kosten anderer dort langsam zum Erliegen kommt. Aber auch bei solchen Beurteilungen sind die Geistesverwirrungen offensichtlich.
 
Was tun? Von Analysten halte ich nichts, wie man sah, aber auch die ohnehin vorhandene Psychologisierung und die oft damit einhergehende Psychiatrisierung der Gesellschaft ist mir ein Gräuel, wie in meinem Buch Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“ (Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein 2005) nachzulesen ist. Da würden nur wieder neue Kollateralschäden entstehen.
 
Die einzig sinnvolle Haltung ist wahrscheinlich, das politische und wirtschaftliche Geschehen auf der Grundlage glaubwürdiger Quellen zu beobachten, aufgrund seines Wissens und seiner Erfahrungen zu beurteilen und das blindwütige Auf und Ab an den Börsenplätzen zu nutzen. Das gibt die schönsten Kaufs- und Verkaufschancen. Keine Lage ist schlecht, man kann sich nur falsch verhalten.
 
Analysten und Psychiater brauche ich nicht. Denn eigentlich sind die Mechanismen leicht durchschaubar. Man kann bei Sigmund Freud nachlesen, was beim Einzelnen abläuft, der Teil einer Masse wird: Die Folgen sind Affektsteigerung, Denkhemmung und hochgradige Beeinflussbarkeit. Diesen Tatbestand kann man zum eigenen Vorteil ausnützen, genau so wie es Globalisierer und die Werbung tun.
 
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