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BLOG vom 27.01.2008


Vindonissa (2): Offiziersküche und Südtor sind wiedergeboren
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Ein tüchtiger Koch:
„Sag mir, wie viele du einlädst und wie viel du ausgeben möchtest,
sonst kein Wort.
Das genügt – schon steht die Mahlzeit bereit.“
(Martial, 1. Jahrhudert)
 
An der Dorfstrasse in Windisch AG (Bezirk Brugg) taucht neben dem 1888 erbauten Schulhaus Dorfstrasse ein merkwürdiges Treppeneingangshaus in den Untergrund ein. Eine Orientierungstafel bildet das ehemalige römische Legionslager Windisch ab, wie es im späten 1. Jahrhundert bestanden hat. Und eine weitere Hinweistafel lädt ein: „Offiziersküche. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt der römischen Küche und erleben Sie ein Gelage im Haus eines ranghohen Offiziers.“ Die Einladung gilt immer an Sonntagen zwischen 10 und 17 Uhr bei freiem Eintritt; die Küche, seit dem 16. September 2006 zugänglich, ist die 1. Station des Legionärpfads. Es lohnt sich, die Einladung anzunehmen: Die Aargauer Kantonsarchäologie lies sich nicht lumpen. Allerdings gibts nichts zu essen; die Besucher müssen sich mit der Zuschauerrolle begnügen.
 
Selbstverständlich tauchten wir in die römische Küche ein, und wir begegneten im Kellergeschoss, in dem eine sich an den Wänden dahinziehende rote Neonröhre die Geländeverschiebungen (bzw. -senkungen) innerhalb der archäologischen Schichtungen während 2 Jahrtausenden angibt, einer netten, modernen und lebendigen Studentin, die in dieser kühlen Küche als Aufsicht wirkte und gern zu einem Schwatz bereit war.
 
Neben einem grossen stimmungsvollen Lichtbild, das ein familiäres Gelage darstellt, ist wiedergegeben, was eine junge antike Römerin in bemerkenswert moderner Sprache zu erzählen weiss:
 
„Ein Gastmahl in unserem Haus.
Legionslager Vindonissa, an einem Tag im Juni 65 n. Chr.
Seid gegrüsst, Fremde. Ich heisse Euch herzlich willkommen im Haus meiner Familie. Ich bin Secundina, die zweitälteste Tochter des Vindex. Ich bin vor 15 Jahren hier im Legionslager Vindonissa zur Welt gekommen – im Jahr, als mein Vater Centurio der XXI. Legion wurde. Normalerweise lebe ich mit meinen Eltern, meinen Geschwistern und unseren Sklaven allein im Haus. Aber jetzt wimmelt es von Menschen, denn heute ist ein ganz besonderer Tag: Mein Vater hat den Legionskommandanten zu einem Gastmahl eingeladen. Begleitet wird er von einem jungen Tribunen, der neu aus Rom zur Legion gekommen ist (…) Gaius hat ein Menü zusammengestellt, bei dem, neben den Importprodukten wie Austern und gepökelten Mittelmeerfischen, vorwiegend frische Fische und Grosswild aus den nahen Flüssen und Wäldern zu schmackhaften Speisen verarbeitet werden. Im Moment ist in der Küche Hochbetrieb. Gaius und die Küchensklaven sind schon mächtig am Schwitzen.“ Bewaffnete Legionäre mussten draussen bleiben.
 
Die Besucher des virtuellen Gelages erhalten durch grosse Lichtbilder und dreidimensionale Aufnahmen in Schaukästen ein plastisches Bild vom komfortablen Leben der römischen Offiziere, das sich von jenem der Legionäre deutlich abhob. In der geräumigen Küche (Culina) war ein fast 10 m2 grosser Herd, der die Zubereitung mehrgängiger Menus erlaubte und auf dem gleichzeitig Speisen gekocht, gegrillt, gedämpft, in zugedeckten Platten gebacken und vor dem Servieren in heisser Asche warm gehalten werden konnten. Die erhöhte Herdplattform ist übrigens von den Römern auf die Alpennordseite gebracht worden. Sonst würden wir wohl noch immer auf dem Boden kochen … Sogar die Küchenabfälle inkl. zerbrochenes Tongeschirr sind fotografisch dargestellt.
 
Das Convivium (festliches Gastmahl) fand im Freien vor dem Hause unter einem Sonnensegel statt und bestand aus mundgerecht geschnittenen Speisen, die man mit den Fingern ass, während musiziert und getanzt wurde. Der Hauptgang bestand aus in Wein gekochtem Spanferkel, Hirschbraten, Erbsenauflauf, Linsen mit Kastanien, Salat, dazu eine würzige Fischsauce aus Spanien und Huhn à la Fronto (Fronto war ein römischer Familienname). Zum Dessert gabs u. a. Omeletten mit Honigguss. Daran schloss sich ein Trinkgelage an, während dem die Gäste mit eigenen Produktionen zur guten Unterhaltung beitrugen.
 
Eine der Aufgaben der Heeresverwaltung bestand darin, ständig für Nachschub von Leckereien aus fernen Ländern zu sorgen. Die Waren wurden vor allem auf grossen Flussschiffen, die bis zu 10 Tonnen laden konnten, auf Aare, Reuss und Limmat herantransportiert und in Speichern und privaten Vorratslagern gelagert.
 
Wo die Offiziersküche heute zugänglich ist, stand in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts ein villenartiges Haus neben dem zentralen Verwaltungsbau an der Via Principalis (Hauptstrasse). Wahrscheinlich war es das Haus des ranghöchsten Centurio (= Offizier der römischen Legion, „Hundertschaftsführer“), des Primus Pilus, der eine 1000 Mann starke erste Kohorte befehligte, die im Kampf erprobte Elitetruppe der Legion. Es gab also ganz klare Hierarchien, und diese Rangordnungen waren das Abbild der römischen Gesellschaft. In der Armee konnte man sich durch Mut, Führungsstärke und Organisationstalent emporarbeiten, und die Karriere wurde oft in der Reichsverwaltung bis zum Provinzstatthalter fortgesetzt.
 
Das Südtor
Das römische Windisch wird zurzeit zusehends neu belebt. Die beschriebene, nach archäologischen Grundsätzen hergerichtete Küche eines Offiziers wurde 2006 eröffnet, und im folgenden Jahr wurden das Südtor und die Via Praetoria in Angriff genommen. Man braucht bloss den Wegweisern mit dem römischen Helm zu folgen und erreicht ein Monument nach dem anderen; für den Römerpfad braucht man etwa 1 Stunde, und hinzu kommt die individuell bemessbare Zeit für Besichtigungen.
 
Ein besonderer Wallfahrtsort ist jetzt das im Winter 1921/22 entdeckte Südtor am Wallweg in Windisch, dessen Überreste freigelegt und zu deren Schutz gleich wieder zugedeckt worden sind, „so dass es im Schosse der Erde geborgen bleibt“, wie es auf einer Schrifttafel als Zitat aus dem Grabungsbericht von 1923 heisst. Genauso verhielten sich die Ausgräber von 2003 und 2006: Das Tor, von dem also nichts mehr zu sehen wäre, wurde über den Überresten als Archäologiestätte inszeniert – es ist aus filigranen Stahlgittern dargestellt, am richtigen Standort und in der richtigen Dimension. Zwischen den farbigen, kubischen Wohnblöcken sieht es wirklich gut aus. Diese Anlage ist seit dem 3. November 2007 jederzeit frei zugänglich.
 
Unter einem Schutzbau ist ein Abschnitt der 4 m breiten Lagerhauptstrasse (Via Praetoria) mit Kanälen zur Ableitung des Regenwassers zu sehen – flankiert von einer grossen Karte, welche einen Überblick über die gewaltigen Dimensionen des bis nach Afrika und Asien reichenden römischen Reichs mit dem Mare Nostrum (Mittelmeer) als Herzstück vermittelt. Und viele Schrifttafeln erteilen eine konzentrierte Lektion in Geschichte von Rom – vom Stadtstaat am Tiber bis zum „Reich ohne Grenzen“, wie es der Dichter Vergil sah. Er träumte von einem goldenen Zeitalter und kümmerte sich auch um Fütterungsfragen. (Sein Buch „Georgica. Vom Landbau“ ist eine landwirtschaftliche Gebrauchsanleitung von hoher dichterischer Qualität – bis zu den Viehkrankheiten und Bienenhaltung. Der Bodenbeschaffenheit wandte er sein besonderes Augenmerk zu.)
 
Die Via Praetoria mit ihrem massiven Unterbau aus Geröllen war ein strassenbauliches Meisterstück. Unter den Fussgängerwegen waren Wasserleitungsrohre verlegt, die dem Lager Frischwasser zuführten (siehe unten: Wasserleitung). Diese Hauptstrasse führte durch das Südtor (porta praetoria) und mündete in eine breit ausgebaute Kiesstrasse südlich vor dem Lager. Diese führte durch das Schweizer Mittelland nach Westen, bis nach Aventicum (Avenches), dem einstigen Hauptort der unterworfenen Helvetier – und natürlich nach dem rund 580 römische Meilen entfernten Rom.
 
Trotz allem kein Militärstaat
Im Jahr 85 standen im römischen Imperium etwa 300 000 Mann unter Waffen; 30 Legionen bildeten den Kern dieser Streitmacht: Jede Legion umfasste 4800 Mann: schwere Infanterie, 120 Reiter und 500 Dienstgrade vom Gefreiten (miles) bis zum Legionskommandanten (legatus legionis). Die römischen Legionen waren keine Söldnerheere, sondern die Legionäre waren immer auch römische Bürger; doch bestanden, wie gesagt, ausgesprochene Hierarchien, und entsprechend gross waren die Unterschiede in der Besoldung und in der Unterkunft. Zur Legion kam noch eine nicht kämpfende Truppe: Sklaven, Burschen, Tragtiertreiber. Die Armee war professionell organisiert, eine erstaunliche Leistung auch hier. Dennoch war das Imperium kein ausgesprochener Militärstaat: Nur etwa 0,5 % der damaligen Bevölkerung stand unter den Waffen, was ungefähr den heutigen Verhältnissen in der Kriegsnation USA, zu der allerdings noch ein nichtmilitärisch ausgeklügeltes Ausbeutungssystem kommt, und in Deutschland entspricht. Im Ernstfall kann die Schweiz etwa 5,5 % der Gesamtbevölkerung mobilisieren; das ist die Stärke einer Milizarmee.
 
Im Falle der Römer kam noch der Beistand der Götter hinzu, die gnädig gestimmt wurden und dafür die Zuversicht und Moral der Truppe stärkten, die immer einen „bellum iustum“, also einen „gerechten Krieg“ führte – gewisse Parallelen zur frommen Kriegsnation USA drängen sich hier wieder auf. Zum Kriegserfolg trugen im Falle der Römer Disziplin, eine hochwertige Ausrüstung, gute Verpflegung, Mut und Können bei. Die Haupttätigkeit der Soldaten war das Marschieren, und das wurde denn auch fleissig geübt. Die Truppe musste in der Lage sein, lange Strecken in geordneten Formationen mit viel Gepäck zurückzulegen. Auch in Friedenszeiten wurde mindestens dreimal im Monat marschiert – und zwar jeweils 20 Meilen (30 km). Der gefechtsbereite Soldat hatte dabei Helm, Schild, Panzer, Schwert, Dolch und Wurfspeer zu tragen, zusammen etwa 30 kg; im Ernstfall erhöhte sich das Gewicht auf beinahe 48 kg (zum Vergleich: Im 1. Weltkrieg trugen französische und deutsche Infanteristen etwa 28 kg).
 
Das Westtor
Auf dem Römerpfad in Windisch schleppte ich neben der Kamera kaum Material mit mir, empfand den Marsch als leicht und kurz. Ich besuchte bei dieser Gelegenheit wieder einmal die Klosterkirche, repetierte dort ein Kapitel habsburgische Familiengeschichte und begab mich alsdann zu den Grundmauern des Westtors des Legionslagers beim ehemaligen Kloster, das sich an die berühmte Kirche anschliesst. Hier sind die Grundmauern freigelegt. Das Tor bestand aus einem Mittelteil mit 3 Durchgängen und 2 Flankierungstürmen. Links und rechts schloss die Wehrmauer ans Tor an, und davor gab es 2 Hindernisgräben.
 
Der mittlere Durchgang diente dem Wagenverkehr; an der Torecke stand ein Prellstein. 2 schmälere Durchgänge waren für Fussgänger bestimmt. Man nimmt an, dieses Tor, das an städtische Toranlagen erinnert, sei bei der Erneuerung der Lagermauer im 3. Jahrhundert anstelle eines zerfallenen, älteren Lagertors erbaut worden.
 
Die römische Wasserleitung
Man folge den Helm-Wegweisern gegen das Dorfzentrum, bis zum Wegweiser „Röm. Wasserleitung im Untergeschoss“. Im Untergeschoss des Alters- und Pflegeheims Windisch an der Lindhofstrasse 10  in der Nähe des Dorfzentrums findet man „eines der bedeutendsten Denkmäler der Schweiz, obwohl es sich hier um eine Wasserleitung handelt, die nicht durch architektonische Extravaganz und eine atemberaubende Bauweise besticht, sondern im Gegenteil eher schlicht und funktionsorientiert gebaut ist“, wie auf einer Orientierungstafel steht. Man sieht im Kellergeschoss ein kurzes Stück der geöffneten Leitung, die insgesamt 2400 m lang ist. Es handelt sich um einen solide gemauerten unterirdischen Kanal, in dem das Wasser, der Schwerkraft folgend, dank stetem Gefälle von Hausen zum Legionslager frei fliesst; das Schaustück ist von 8 bis 20 Uhr zugänglich.
 
Diese Leitung ist bis heute wahrscheinlich das einzige Bauwerk in der Schweiz, das seit bald 2000 Jahren seinen Zweck erfüllt und noch voll funktionsfähig ist. Nach den Angaben der Kantonsarchäologie Aargau, welche solche Anlagen mit grossem Geschick und Einfühlungsvermögen zelebriert, ist das die einzige noch intakte römische Wasserleitung nördlich der Alpen. Sie lieferte pro Stunde etwa 24 000 l Wasser ins Lager und versorgt heute noch den Springbrunnen vor dem Hauptgebäude der Psychiatrischen Klinik Königsfelden. Wie die Römer das einzige unterirdische Trinkwasservorkommen in der Region 3 m unter dem Boden bei Hausen, im Tal zwischen Guggerhübel und Eitenberg, finden konnten, ist noch heute ein Rätsel.
 
Der römische Beton hatte unglaubliche Qualitäten, und die römische Baukunst. Die eingesetzten Werkzeuge entsprachen weitgehend den heutigen – nur Bagger waren nicht dabei. Handarbeit hatte die Oberhand.
 
Die Wiederentdeckung von Windisch
Der Rundgang durchs moderne Windisch war für mich ein eindrückliches Erlebnis. Das Dorf an sich ist vor allem eine Ansammlung von Wohnblöcken, Gewerbebetrieben, Schulanlagen aller Art (wie die Höhere Technische Lehranstalt HTL). Man mag Windisch als gesichtslos empfinden, aber geschichtslos ist es nicht. Bei genauerem Hinsehen entdeckt der Besucher überall die Spuren einer belebten Geschichte: Kelten, Römer, Burgunder, Habsburger und Berner nützten die hervorragende Verkehrslage und setzten ihre Denkmäler. Amphitheater und Klosterkirche Königsfelden sind die augenfälligsten historischen Dokumente.
 
Heute steht Windisch etwas im Schatten der Nachbargemeinde Brugg. Die heutigen Windischer bedauern, dass im Jahr 1863 ein Teil des Gemeindebannes an die Stadt Brugg verkauft wurde. Jetzt stehen auf diesem Areal die Brugger City-Überbauung, der Bahnhof und namhafte Industriebetriebe. Durch diesen kurzsichtigen Handel habe die Gemeinde den Aufschwung des Eisenbahnzeitalters verpasst, heisst es auf der offiziellen Windischer Webseite (www.windisch.ch).
 
Dafür besinnt sich die Gemeinde mit Unterstützung der Kantonsarchäologie Aargau auf die Neubelebung geschichtlicher Attraktionen, die zu einer Wiederentdeckung von Windisch führen dürften. Mir ist diese gelungen, was ich als persönlichen Glücksfall werte.
 
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