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BLOG vom 01.02.2008


Auf dem Born: Fahndung nach dem Pumpspeicher-Reservoir
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Bei meinen Recherchen über das Aarekraftwerk Ruppoldingen und dessen naturnaher Umgebung (Blog vom 14.01.2008: Ruppoldingen: Auen, Strassen, Industrie = Landschaft total) habe ich gelesen, dass das alte, 1894‒1896 erbaute Kraftwerk im Jahr 1904 mit einer Hochdruckspeicheranlage ergänzt worden sei, da der Tagesspitzenverbrauch wegen der zunehmenden Elektrifizierung nicht mehr ausreichte. Also wurde eine Druckleitung hinauf auf den Born gebaut, wobei das Gefälle 280 m ausmachte. Ganz oben auf dem Born, auf 716 m ü. M., wurde ein Speicherbecken (Akkumulierbecken) gebaut und im Kraftwerk ein Turbinen-Pumpen-Generator eingesetzt. Wenn nachts ein Überschuss an Strom (und Wasser) bestand, wurde Wasser auf den Born gepumpt, das dann zu Spitzenverbrauchszeiten in teure Elektrizität umgewandelt werden konnte. Dieses Pumpspeicherwerk, das damals noch eine Pionierleistung war, wurde 1960 stillgelegt, weil es nicht mehr rentierte. Es musste abgebrochen werden, und mich interessierte, was davon noch zu sehen sei.
 
Der Berg mit Namen Born (was wahrscheinlich von Quelle, Brunnen abgeleitet ist) grenzt im Süden (Rothrist) und im Osten Aarburg AG an die Aare, wird von dieser umflossen. Nordöstlich befindet sich Olten, im Norden Wangen bei Olten SO und im Westen Kappel SO, die das Berggebiet unter sich aufgeteilt haben. Die Aare hat bei Aarburg (zwischen Born und Engelberg) eine Klus ausgehoben, ein enger Taldurchbruch also; der Fluss verläuft dort in Süd-Nord-Richtung. Die Entstehung dieser Schlucht ist wahrscheinlich der Mithilfe der Wigger-Pfaffnern zu verdanken. Daraus hat sich ein abwechslungsreiches Landschaftsbild ergeben.
 
Um dieses zu erleben, steuerte ich am 23.01.2008 das seit der Inbetriebnahme der Umfahrungsstrasse recht ruhig gewordene Städtchen Aarburg (Bezirk Zofingen AG) an, überquerte die Aare und deponierte den Prius unterhab des Gasthofs „Höfli“, der etwa 60 m höher als Aarburg liegt und einen prächtigen Ausblick vor allem zur langgezogenen Festung Aarburg über dem Flussengpass bietet, die aus dem Fels emporgewachsen zu sein scheint und von hier aus mit voller Wucht in Erscheinung tritt. Auf dem höchsten Punkt des vorgeschobenen Felsrückens sitzt der frohburgische Bergfried samt Palas aus der Zeit vor 1123; sie haben eine gestaffelte Abstufung und sind von den bernischen Erweiterungsbauten mit Vorwerken und Bastionen aus dem 17. und 18. Jahrhundert umschlossen.
 
Beim „Höfli“ beginnt der Wald, der fast den ganzen Born (mit Ausnahme des Hochplateaus) bedeckt. Am erwähnten Restaurant ist eine beschriftete Hinweistafel über den Ruttigerwald angebracht. Wie der dort beigefügten Übersichtskarte zu entnehmen ist, handelt es sich dabei um den Wald unterhalb der felsigen Born-Krete vom Höfliwand nach Norden bis zum Abflachen des Born gegen die Dünnern, gegen Olten (Norden). In diesem Wald soll seit über 50 Jahren kaum mehr geholzt worden sein, wodurch sich ein idealer Lebensraum für Pflanzen und Tiere (wie z. B. Spechte) ergab. Wo aber Nutzungen erfolgen, werden die Grundsätze des naturnahen Waldbaus beachtet. Der nach ökologischen Erkenntnissen aufgewertete Waldrand bietet einen wertvollen Übergang von der Weide zum Wald. Er dient dem Wild als Austritt, Kleinsäugern wie Igeln als Versteck und Vögeln wie dem Neuntöter als Ansitzwarte. Im Ruttiger sind 10 verschiedene Waldgesellschaften entstanden, welche Siedlungen, Kulturland und die hangnahe Bahnlinie vor Steinschlag schützen. Das 30 ha grosse Waldreservat befindet sich im nördlichen Teil des Ruttigers. Die Finanzierung dafür und insbesondere des Waldrands erfolgt über eine Stiftung der PCO (Portlandcementwerk AG, Olten).
 
Bevor man in diesen Wald eintritt, kann man noch einmal den Blick über die Aare, die Festung, das Sälischlössli und im Vordergrund über Hof, Matten und Weiden des Ruttigers schweifen lassen.
 
Der Aufstieg zum Born
Beim Gasthof Höfli (451 m) ist ein gelber Wanderwegweiser, welcher die Wanderdauer zum Born mit 40 Minuten angibt. Ich folgte dem schmalen, steil ansteigenden und gut unterhaltenen Wanderweg in den Wald hinein. Die Bäume, vor allem Buchen und Eichen, versperrten von nun an die Aussicht ins Aaretal. Die Temperatur befand sich um den Gefrierpunkt herum; an einigen Stellen war noch Raureif zu beobachten. Vor der felsigen Krete hatte das abfliessende Regenwasser den Wanderweg als Bachbett benützt und wohl 40 cm tief ausgespült. Ein Bächlein kann über eine hühnerleiterartige Brücke mit Querlatten passiert werden. Eiskaltes Wasser floss von moosigen Steinen herab – richtig Born (Quelle): Eine Erfrischung, wenn man das Wasser aus einer zur Schale geformten Hand trinkt.
 
Im Bereich der Felskrete hatte ich das Gefühl, es gebe auch einen anderen Weg nach oben, der aber bald in ein steil abfallendes Gebiet führte, das bei den glitschigen Verhältnissen aber zu gefährlich war. Ich kehrte reumütig, volle Vorsicht walten lassend, wieder zum offiziellen Wanderweg zurück. Mit dem Schuh hatte ich Tritte in den weichen Boden geschlagen. Der Weg sollte nicht verlassen werden; es bietet kaum Probleme; im obersten Teil wird er zur Treppe zwischen den eindrücklichen Felsen mit ihren Nischen, Einschnitten und Höckern und hat sogar ein Geländer.
 
Auf der Höhe ist ein dichtes Netz von Waldstrassen, das auf meiner Landeskarte 1:25 000 „Murgenthal“ (Blatt 1108 von 1964) noch nicht enthalten ist, dafür aber annähernd ein Quadrat von 4‒5 mm Seitenlänge, also etwa 100‒125 m in Wirklichkeit, und das war das Pumpspeicherbecken. Ich wurde zum Orientierungsläufer ohne Kompass und orientierte mich an der im Westen niedergehenden Sonne. Ich kam an einem markanten Stein mit einem grün eingefassten roten Dreieck vorbei: „BORN 718 m ü. M.“. Das musste der höchste Punkt sein, der auf meiner Karte mit 719 m angegeben ist. An einer Seite des schön behauenen Steins steht, dass man hier auf Boden der Bürgergemeinde Wangen SO sei und Sophie und Erwin Schönenberger-Wyser aus Kappel am 2. Januar 1989 diesen Stein gespendet hätten. Ich bewegte mich auf der Waldstrasse weiter westwärts in der Richtung, wo ich das Wasserbecken vermutete. Manchmal erhaschte ich ein Sichtfenster zu den dunklen Jurabergen und den Hochalpen.
 
Vor einer Wegkreuzung tauchte ein Subaru-Auto wie aus dem Gebüsch auf und hielt an, und da das Interesse an einer Bekanntschaft offenbar gegenseitig war, ging ich auf das Fahrzeug zu, das mit „Wildhut“ beschriftet war. Ein freundlicher älterer Mann am Steuer, neben dem ein Jagdgewehr und ein Feldstecher bereit waren, öffnete eine Türscheibe und fragte „Sueched er öppis?“ (Suchen Sie etwas?).„Ja“, antwortete ich, „ich suche das Speicherbecken, das zum alten KW Ruppoldingen gehört hat.“ „Das kenne ich sehr wohl“, sagte der Mann mit der Filzmütze aus altem Militärbestand, aus deren Krempe ein Leuchtband hervorschaute. Er zeigte mir seinen „Ausweis für Jagdpolizei Kanton Solothurn“, gültig im Revier Nr.44: Walter Hunziker, geboren am 20.06.1927; er ist fast auf den Tag genau 10 Jahre älter als ich. Ich überreichte ihm meine Visitenkarte, stellte mich vor.
 
Er wolle mir das Gesuchte zeigen, sagte Walter Hunziker, stieg aus und führte mich in den Wald, wo bereits 2 Betonfundamente für die ehemalige Druckleitung zu sehen waren, etwas bemoost und mit dürren Pflanzen teilweise bedeckt. Auf dem einen der beiden Sockel war ein schwerer Eisendeckel, den Herr Hunziker zu heben versuchte; doch war das Metall teilweise überwachsen und zu schwer. Danach erreichten wir eine ausgedehnte Waldlichtung, die er, zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Oltner Malermeister Hans Bloch, dem Vorgänger von Walter Hunziker in der Funktion als Jagdleiter und kantonal-solothurnischem Prüfungsexperten, in den 1970er-Jahren humusiert habe; gleichzeitig wurde das Loch, das nach dem Entfernen der Betonwanne zurückgeblieben war, aufgefüllt – mit Karretten wurde das Material herbeigeführt: 64 Lastwagenladungen. Und vor rund 15 Jahren wurde auch diese Riesenarbeit teilweise wieder zunichte gemacht: Wo der Speicherweiher war, wurde Auffüllmaterial entfernt und ein etwa 1,7 m tiefer Waldweiher mit einer Sarnafilfolie hergerichtet. Die Ränder wurden abgerundet. Dieser Weiher, der mit einer dünnen Eisschicht und etwas Raureif überdeckt war, sieht wirklich angenehm aus. Einige Wasserlinsen schimmerten durchs Eis. Sogar ein kleines verbuschendes Inseli aus Erlen und einer Weide belebt das Bild.
 
Wir folgten dann dem Druckleitungsverlauf. Walter Hunziker lud mich ein, in sein Auto einzusteigen und das Jagdgewehr zwischen die Beine zu nehmen. Ich brauche keine Angst zu haben, tröstete er, als er in einen steil abfallenden Weg mit Laub und Kalksteinbrocken einbog und im Schritttempo nach unten fuhr – das abtauchende Auto rüttelte und schüttelte, verlor aber den Bodenhalt nicht. Dann waren wir auf einer breiten Geländestufe bei einem Gedenkstein „Tuusiger Stägeli“, zum Andenken an Herbert Scheidegger („Bornhörbi“), Aarburg (23.01.1940‒23.07.2001), der den Treppenbau initiiert hatte. Tatsächlich ist dort, beim „Heideloch“ (Gemeinde Wangen), das obere Ende der 1000 Stufen umfassenden Treppe, die gleich neben der ehemaligen Druckleitung in die Tiefe führt. Auf der Stirnseite der drittobersten Stufe steht „BRAVO!“ – ein Kompliment an die Adresse aller, die den Aufstieg geschafft haben.
 
Ganz oben neben dieser Treppe aus befestigten Querhölzern, die mit Mergel hinterfüllt sind, ist noch ein etwa 1 m langes Teilstück der Druckleitung zu sehen, die bei den Verbindungsteilen mit Blei abgedichtet war; Herr Hunziker ritzte das oxidierte, weisslich gewordene Schwermetall mit seinem Taschenmesser an, worauf der typische Bleiglanz sichtbar wurde.
 
Und dann, beim Einnachten, fuhren wir gegen Olten ins Tal, vorbei am bereits blühenden Stinkenden Nieswurz, am gigantischen Steinbruch der ehemaligen Portlandcementwerke und kurvten um die grüne Fassade der Oltner Stadthalle. Der letzte Teil der Reise führte der Bahnlinie entlang, vorbei an den Anlagen der Genossenschaft Alters- und Pflegeheim Ruttiger, und nach Aarburg zurück.
 
Ich bedankte mich bei Walter Hunziker für die exzellente Führung – was für ein Glück habe ich doch gehabt, dass mich ein gütiges Schicksal mit einem der besten Born-Kenner zusammenführte und mich davor bewahrte, bei hereinbrechender Dunkelheit das steile, felsige Gebiet hinabsteigen zu müssen!
 
Literatur zum Thema Kappel und Born
Zu den Born-Gemeinden gehört das solothurnische Kappel, das seinen Namen von der alten Kapelle hat, die ausserhalb der Siedlung stand. 1860 wurde ein Stationenweg vom Dorf auf den Born (Porren) eingerichtet; 1938 wurden an den 14 Kreuzwegstationen Bronzetafeln angebracht. 1866 entstand eine neue Bornkapelle „Erlöser in Todesangst“ beim Wetterkreuz (Kosten: 1500 CHF); sie wurde 1869 mit einer Glocke ausgerüstet. Für die Beschaffung der Bausteine wurde im „Chatzengraben“ ein kleiner Steinbruch angelegt. Die Kapelle diente während des 1. Weltkriegs als Wachtlokal und musste anschliessend renoviert werden. Auch 1937 erfolgten kleinere Reparaturarbeiten. Eine weitere Renovation erfolgte 1969: neuer Turm, neues Türgewände, alle Wände geflickt und mit weisser Farbe überstrichen. Seit dem 04.12.1992 wird die Kapelle vom „Stiftungsverein pro Bornkapelle“ betreut, der die Kapelle 1998 gleich wieder renovieren liess; denn sie gilt als Wahrzeichen von Kappel (Quelle: Webseite www.kappel.ch/). Das Gemeindewappen aber zeigt das Abbild einer Kirche nach einem Siegel von 1819 in Schwarz mit weissen Fassadenöffnungen auf goldigem Schildgrund.
 
Zu den Heiligtümern von Kappel gehörten die 4 Bornlinden, die unter Naturschutz standen, ein Umstand, der den Vandalismus nicht zu verhindern vermochte. Eine davon, der südöstliche Eckbaum, brannte am Weissen Sonntag 1963 ab, die Folge eines unachtsamen Feuerns durch einen Passanten. 1967 wurde die südwestliche Bornlinde das Opfer eines Vandalenfeuers, und später wurde die nordwestliche durch Blitzschlag zerstört.
 
Zur Geschichte der Bornlinden und des Kappeler Kreuzes habe ich im Buch „Reisen im schönen alten Solothurnerland“ von Paul Ludwig Feser (Verlag Aare, Solothurn 1989) gelesen: „Auf dem höchsten Punkt steht unter 4 Linden das so genannte Kappeler Kreuz. Die Sage erzählt, es sei im Jahre 1716 errichtet worden, nachdem vor mehr als 150 Jahren einmal durch Gewitter 7 Jahre lang die Gegend umher furchtbar verwüstet worden (sei); damals habe man gelobt, das Kreuz auf dem Gipfel zu erreichen; zweijährige Rinder hätten den grossen Stein, auf welchen es gestellt ward, hinaufgezogen, 4 junge Linden habe man an seine 4 Ecken gepflanzt und alljährlich sei eine feierliche Prozession zum Bornkreuz, dessen Inschrift Gott zum Schutz der Felder, Matten und Wälder aufruft, veranstaltet worden. Noch vor 50 Jahren führte alljährlich nach dem Beginn des Frühjahrs jede fromme Mutter des Buchsgau ihre unerwachsenen Kinder auf die Höhe und liess sie dort knieend und schweigend eine halbe Stunde lang beten“ (Autor: Heinrich Runge).
 
Bei meinen Recherchen zu diesem Bericht war mir die Einwohnergemeinde Kappel freundlicherweise sehr behilflich. Verwaltungsleiter Daniel Brönnimann liess mir das Buch „Kappel im 20. Jahrhundert“ zukommen, das 2004 von der Bürger-, Einwohner- und Römisch-katholischen Kirchgemeine herausgegeben worden ist (Herstellung und Gestaltung: Judith Vögeli). Die ehemalige Gemeindeschreiberin Elisabeth Schmidlin – sie trat Ende Juni 2001 in den Ruhestand – hat in diesem 264 starken Werk aus alten Protokollen in einer enormen Fleissarbeit die wichtigsten und interessantesten, kuriosesten Ereignisse zusammengestellt und in einen Bezug zu den grossen Weltereignissen gebracht. Darin trifft man auf viele Notizen, die den Born und insbesondere die Kapelle betreffen. Und man erfährt daraus auch, dass im November 1943 im Rahmen der Anbauschlacht 3 Hektaren Wald im Born gerodet werden mussten; dafür wurde 1999 im Gebiet Rainban ein 34 Hektaren umfassendes Waldreservat geschaffen. 1970 begann sich eine Bornzunft um die Restaurierung der Kanonenschanze zu kümmern, die ausgegraben und mit Feuerstelle und Sitzgelegenheiten versehen wurde.
 
Kappel, das am Nordfuss des Born liegt, hat sich offensichtlich gut gebettet.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Born-Gebiet
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