Textatelier
BLOG vom: 18.02.2008

Vorarlberg (3): Dornbirn und sein griechischer Kirchentempel

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Vom Faschinajoch, zuoberst im tiefschluchtigen Grossen Walsertal in Österreich, kann man heute über Damüls am Rande des Bregenzerwalds hinunter ins Tal nach A-6883 Au (1700 Einwohner, Bezirk Bregenz) fahren. Besonders direkt nach Damüls ist im Gebiet Schwende die Strasse eng; das Kreuzen ist gelegentlich eine knifflige Millimeteraufgabe. Weiter unten steht dem Verkehr mehr Platz zur Verfügung.
 
Vorerst der Bregenzerach folgend, wo die Sträucher am 12.02.2008 noch gegen Mittag bis auf die halbe Höhe mit Raureif weiss eingefärbt waren, fuhren wir via Mellau und Schwarzenberg, quer durch den Bregenzerwald also, der Stadt Dornbirn zu. Im Reiseführer „Österreich“ von Joachim Schondorff (Walter Verlag, Olten 1975) steht dazu, die Ortschaften wie Mellau und Bezau würden sich alle ähneln und sich höchstens dadurch unterscheiden, wie weit die Landschaft nicht durch unpassende Neubauten beeinträchtigt sei. Meines Erachtens ist das aber kein besonderes Problem dieser friedlichen Talgemeinden.
 
Hier unten, auf 437 Höhenmetern, hielt sich ein Dunst hartnäckig. Wegen allerlei Umleitungen war die Zufahrt zum Stadtzentrum von Dornbirn etwas mühsam im Sinne von langfädig. Doch sie vermittelte einen Eindruck davon, dass die Stadt dort, wo die Dornbirner Ache aus dem Bregenzerwald ins Alpenrheintal eintritt, 10 km südlich von Bregenz, eine grossräumige Stadt entstanden ist.
 
Wie im ganzen Land Vorarlberg, dem „Ländle“ (wir Schweizer sagen allerdings auch dem EU-Steuersparzentrum, dem Fürstentum Liechtenstein, so) ist auch in Dornbirn, 1901 zur Stadt erhoben, als Vorarlberger Wirtschaftszentrum die Industrie – ursprünglich vor allem die Textil- und Stickereiindustrie – unauffällig in die Landschaft integriert. Ich habe in einem FAZ-Artikel von Hanni Konitzer im Herbst 1964 gelesen, das Geheimnis dafür liege wohl darin, dass sich die alteingesessenen Vorarlberger Industriellenfamilien eine bäuerliche Zuneigung zu ihrer engeren Heimat bewahrt hätten und deshalb bereit seien, Rücksicht zu nehmen. Die Industrialisierung hatte hier schon 1773 mit der Einrichtung einer Baumwollspinnerei begonnen.
 
Bei der Zufahrt durch die Ortsteile Haselstauden und Rohrbach wurde uns bewusst, dass diese Stadt Dornbirn auch eine Gartenstadt ist. Mehrere Dörfer mit inzwischen rund 46 000 Einwohnern haben sich sozusagen unter der Krone des Dornbirnbaums zusammengefunden. Dadurch ist Dornbirn zur grössten Stadt in Vorarlberg geworden, ohne allerdings Hauptstadt zu sein. Diese Funktion hat Bregenz übernommen und behalten.
 
Auf dem Marktplatz
Wir stellten den Prius an der Bahnhofstrasse ab, fütterten den anständigen Münzschlucker (pro Stunde 1 Euro) und waren gleich auf dem geräumigen Marktplatz (im Stadtteil Markt oder Niederdorf) mit dem dominanten architektonischen Ereignis der Stadtpfarrkirche St. Martin (1839/40), die auch Dorfer- oder Markterkirche genannt wird. Daran ist nicht etwa der frei stehende 67 m hohe Ostturm mit dem Giebelspitzhelm das überwältigende Ereignis, sondern die gewaltige Apsis, die das im Übrigen feingliedrige Stadtbild förmlich erschlägt, die Faust aufs Auge. Sie erinnert an einen gewaltigen vorchristlichen griechischen Tempel mit wuchtigen, runden Säulen mit ionischem Kapitell, ein Widerhall aus der griechischen Antike. Die Kirche ist das Werk des damaligen Staatsbaumeisters Martin Ritter von Kink (1800‒1877), der einen Verschnitt aus viel Historizismus mit dessen Überbetonung der Geschichtlichkeit und etwas Klassizismus bewerkstelligte. Der Architekt betrieb die Kufsteiner Zementfabrik, produzierte Papier, leitete Wildbachverbauungen; sogar an der Rheinregulierung wirkte er mit. Er war somit gewissermassen dem Monumentalen zugetan und ein Allrounder obendrein.
 
An derselben Stelle, wo diese jetzige Pfarrkirche das Bild beherrscht, hatte schon seit 1669/70 bzw. 1751/53 eine Kirche gestanden. Die letztere hatte mangelhafte Fundamente und Mauern, so dass 1839 während der Restaurierungsarbeiten kurzerhand beschlossen wurde, sie abzubrechen und eine grössere Kirche hinzustellen. In aller Eile legte von Kink seine Pläne für die Tempelkirche und dazu einen Kostenvoranschlag (32 552 Gulden) auf den Tisch, damit die bereits angeheuerten Handwerker weiterarbeiten konnten. Offenbar war die Zeit zum Überlegen, ob so etwas überhaupt hierhin passe, zu kurz. 1923 schuf der Künstler Josef Huber aus Feldkirch an der Eingangswand das Fresko „Die 4 letzten Dinge“ (Tod, Jüngstes Gericht, Himmel und Hölle) und 1 Jahr später im Giebelfeld das Mosaik „Einzug in Jerusalem“. Möglicherweise war dieser eine Verlegenheitslösung zwischen Himmel und Hölle.
 
Zum guten Glück hat dieser Koloss einigermassen genügend Raum; im Zentrum des grossen, mit Natursteinplatten belegten Platzes ist das Dornbirner Wappen in den kunstvoll gestalteten Boden eingelassen – ein Birnbaum mit grossen Früchten. Die Fussgänger haben genügend Platz. Der Kontrast zu den unmittelbar umliegenden Gebäuden im Heimatstil und den überladenen und dennoch faszinierenden Fassaden am Marktplatz könnte grösser nicht sein. Das Stadtzentrum insgesamt aber ist relativ klein, weil die Stadt als Haufensiedlung ja mehrere Zentren hat, wie gesagt, allerdings wahrscheinlich keines, das diesem das Wasser reichen könnte.
 
Da ist einmal das Rote Haus aus dem Jahr 1639 als Wahrzeichen von Dornbirn, das als Fachwerkbau wie eine Laubsägearbeit wirkt. Auch dieses verspielte Bauwerk schaut auf eine reiche Geschichte zurück. Im Untergeschoss war einst eine Flachsweberei, und der Treppenaufgang mit der Balustrade diente für politische Kundgebungen. Aus einem Wandteppich geht hervor, dass die Dornbirner 1655 die Treue zum Hause Österreich (Habsburg) bekundet haben, die schon vorher damit begonnen hatten, ihren Herrschaftsbereich auch vor dem Arlberg zu arronieren und ihre vorarlbergischen Gebiete durch einen Landvogt verwalten liessen. 1804 kamen neben der Blumenegg auch die Herrschaft St. Gerold im Grossen Walsertal (siehe Vorarlberg-Blog 2), die bis anhin im Besitz des Klosters Weingarten bzw. Einsiedeln waren, hinzu, und 10 Jahre später wurde auch das Territorium des Reichshofs Lustenau lustvoll eingesammelt.
 
Mitte 2007 war das denkmalgeschützte Rote Haus fertig erneuert. Es ist heute im Eigentum der 3 Schwestern Ingrid Amann, Roswitha Hoffenscher und Margret Garternicht. Ihnen und ihrer Mutter Elfriede Rhomberg war es eine Verpflichtung, ihrem verstorbenen Vater gegenüber das Gebäude wieder auf Vordermann zu bringen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu erhalten.
 
Viel wuchtiger präsentiert sich das Luger-Haus (Inschrift: „Johann Luger“), ursprünglich ein Konfektions- und Modewarenhaus, im altdeutschen Stil am Marktplatz; der Architekt, Hanns Kornberger (1868‒1933), offenbar ein Cocktail-Liebhaber, übernahm diverse Elemente aus der deutschen bürgerlichen Baukunst vor dem 1. Weltkrieg. Es war ursprünglich der Stadel des an- bzw. vorgebauten Feurstein-Hauses mit den Klebdächern über den Fensterzeilen und den wunderschönen Fassadenverzierungen, der dann zum Gasthaus „Sonne“ wurde. Bemerkenswert sind die geschwungenen Giebel, ein kleiner Erker und ein Eckturm mit Fachwerk (Riegelbau). Im Parterre befindet sich heute das Café Steinhauser.
 
Im Interesse von Informationsbeschaffungen begaben wir uns ins Stadtmuseum (Direktor: Hanno Platzgummer) in einem mächtigen, 1796 erbauten Bürgerhaus, wo der russische Feldmarschall Alexander Wassiljewitsch Suworow auf dem Rückzug nach der Niederlage gegen die Franzosen (1799) während 2 Wochen Quartier genommen haben soll. Ein dienstfertiger Angestellter, Herr Baumgartner, half uns bei der Beschaffung von Dornbirner Schriften. Ich erwarb den 5. Teil der Stadtkunde („Dornbirn – vom Dorf zur Stadt“). In dieser Broschüre modifiziert Franz Kalb den Titel gleich: „Dornbirn bestand nämlich zu Ende des 18. Jahrhunderts aus 9 Ansiedlungen im Tal, die Dorfcharakter hatte, nämlich neben den 4 Hauptorten der Viertel noch Kehlen, Schmelzhütten, Mühlebach, Achmühle und Sägen. Darüber hinaus lagen in den Gemarkungen über 50 Weiler verschiedener Grösse hauptsächlich am Berg.“
 
In der gleichen Schrift berichtet Franz Kalb über „Die Riedteilung von 1800“, wo auf das Schicksal der Feuchtwiesen hingewiesen wird. Das Ried wurde innerhalb der Stadt Dornbirn auf die 4 Viertel der Gemeinde aufgeteilt. Es wurde ursprünglich beweidet, und die Gewinnung von Holz, Laub und Eicheln spielte eine untergeordnete Rolle. Kalb: „Im Laufe der Zeit wurden aus dem Ried Teilstücke zur privaten Nutzung abgezäunt oder mit Gräben umfriedet. Diese so genannten Mähder wurden dann immer weiter vergrössert (…) Wenn bis heute nicht das ganze Ried in Grünland und Äcker vergrössert ist, mag dies damit zusammenhängen, dass der Anbau von Getreide geschrumpft ist und Streuwiesen damit gefragter wurden.“
 
In der Altstadt fiel mir aus nahe liegenden Gründen noch die Alte Schreibstube Herrburger und Rhomberg (30.IV.1795) an der Marktstrasse 2 auf, in der nun ein Projekt Management Team (PMT) residiert.
 
Der Geist von Österreich
Wir wandten uns noch einigen Verkaufsgeschäften zu und assen in einem Café ein Stück Himbeerkuchen. Nach dem Start zur Heimfahrt fuhr ich in eine Nebenstrasse, um das Navigationsgerät zu programmieren, was während des Fahrens unmöglich ist. Zufällig war hier, an der Josef-Ganahl-Strasse 5, ein grosses Cash-&-Carry-Warenhaus („Metro“). Wir wollten kurz hineinschauen. Hier fand ich den 80-prozentigen Original-Stroh-Rum in Liter-Qualität von Sebastian Stroh in Klagenfurt, mit dem ich jede Erkältung im Anfangsstadium zu ermorden pflege. Solch eine Alkoholkonzentration macht alles an Bakterien und Viren inaktiv. Dieser Rum mit der Aufschrift „The Spirit of Austria“, nach Firmenangaben „aromatischer Ausdruck bester österreichischer Lebensart“, ist eines meiner ganz wenigen spirituellen Medikamente. In der österreichischen Mehlspeisenküche verhilft er Kuchen und Torten zu Kraft und Saft.
 
Mir fielen im „Metro“ das unwahrscheinliche Angebot und die vielen Grosspackungen auf, als ob auch da der zum Monumentalen strebende Martin Ritter von Kink seine Hand im Spiele gehabt hätte. Allmählich wurde mir klar, dass wir uns in einen Konsumtempel für Grossverbraucher verirrt hatten. An der Kasse wurde von uns eine Kundenkarte verlangt, die wir aber nicht hatten. Doch konnte ich eine Tageskarte beschaffen, und ich war als Kunde sogleich akzeptiert.
 
Bald fuhren wir, vollbepackt mit guten Eindrücken und österreichischen Produkten, heimzu. Alle unsere hochgesteckten Erwartungen waren bei diesem Ausflug erfüllt, ja übertroffen worden, wie es sich bei Österreich-Reisen gehört und wie es bei all meinen Besuchen in unserem östlichen Nachbarland ausnahmslos der Fall war.
 
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