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BLOG vom 21.02.2008


Juraweid Biberstein: Klein-Magglingen, in gute Luft aufgelöst
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Stadt Aarau sowie die Gemeinden Rohr, Biberstein und Küttigen umkreisen die Aare, kurz nachdem sie aus dem Kanton Solothurn in den Aargau eingetreten ist. Auf der Nordseite, oberhalb von Küttigen, ist der Jura-Bestandteil namens Homberg, der bei der Hombergegg, etwa 600 m südlich der Staffelegg, seinen höchsten Punkt hat: 776 m ü. M. Am Südhang des Hombergs, zwischen Küttigen und Biberstein, ist auf etwa 449 Höhenmetern (70 m oberhalb des Dörfchens Biberstein), die „Juraweid“ (Juraweide oder Juraebni): eine ausgedehnte Hangterrasse mit eingehagten Weiden (Fromentalwiesen = wenig gedüngten, artenreichen Blumenwiesen), Einzelbäumen, Baumgruppen, einem Landwirtschaftsbetrieb (von Ursula, Walter und Tamara Vogt) und dem Restaurant „Juraweid“ an schöner Aussichtslage. Der Blick reicht bei klarer Luft bis zu den Alpen.
 
Das Gebiet Juraweid gehört zu unserem Auslauf. Vom Dorfzentrum Biberstein kann man ein Stück weit die steile Eichgasse empor gehen und dann nach Westen in den Höhenweg einbiegen. Immer wieder staune ich über die intensive, verdichtete Terrassenwohnbau-Tätigkeit in jenem Hangbereich. Bald biegt man in die Juraweidstrasse ein, eine schmale befahrbare und teilweise steil ansteigend Strasse, die unten beim Gemeindehaus mit dem Dachreiter begonnen hat und zwischen den locker aufgereihten Wohnhäusern mit Südhanglage auf die Juraebene führt, wo sie sich in Feldwege ohne Asphaltbelag verzettelt.
 
Die Juraebene ist offen; ein paar Obstbaumsilhouetten und Äcker beleben das Bild. Ein fast waagrecht verlaufendes Mergelsträsschen führt durch den Etzget Richtung Küttigen und bringt den Spaziergänger schliesslich hinunter ins Horentäli, wo noch immer am Staffeleggzubringer gebaut wird. Dieses neue Strassenstück zur Umfahrung von Aarau und des Dorfs Küttigen, das von der Aarauer Telli aus über die Aare führt (die schwungvolle Brücke ist längst fertig), in der Nähe der Kirche Kirchberg im Grundwasser führenden Untergrund verlaufen und schliesslich im Gebiet Gibel, wo die markante Kurve der bestehenden Staffeleggstrasse ist, in diesen Passübergang einmünden wird. Zum Glück ist der rund 700-jährige Horenhof mit dem im unteren Bereich leicht nach aussen gebogenen, mächtigen und Stabilität verheissenden Krüppelwalmdach liebevoll restauriert worden, das heisst der aus der Zeit der Ritter von Kienberg und Königstein stammende Hof hat also den strassenbaulichen Angriff heil überlebt.
 
Der Anblick der grossräumigen Staffeleggzubringer-Baustelle im wannenartigen, sanft zur Aare abfallenden Horentäli hat mich zu Erinnerungen angeregt. Denn einen Angriff ganz anderer Art hatte die Juraweid um 1980 überstanden, als Biberstein gerade seinen 700. Geburtstag feierte. Auf die Juraebene bezog sich nämlich ein Sportzentrumsprojekt, das wir Bibersteiner in weiser Vorausahnung als Klein-Magglingen bezeichneten. Dieses wäre wohl zu einer ständig weiter ausufernden Sportanlage ausgeufert, zumal ja der Sportrummel, vor allem der medial angeheizte Spitzensport, ständig zunahm, ein Riesengeschäft, für das auch beliebig viel Geld zur Verfügung steht.
 
Die Sportanlage wäre zwar über den Etzget von der erwähnten Staffeleggstrassenkurve oberhalb von Küttigen aus erschlossen worden; doch wir Bibersteiner, die wir seit je andere Prioritäten als Wachstum um jeden Preis setzten, schickten uns an, dieses Ansinnen zu verhindern. Diese vom Qualitätsdenken bestimmte Bescheidenheit, gepaart mit dem für uns ganz normalen Weitblick, in dem wir uns täglich üben, hat sich bereits darin ausgedrückt, dass das Stadtrecht, das die Habsburg-Laufenburger um 1316/18 Biberstein verliehen haben, hier nicht besonders viel Eindruck machte – auch nicht die Aussicht, die Rolle von Feudalherren zu spielen wie andere aufkeimende Städte. Diese „Stadt“ Biberstein hat es vorgezogen, ein bescheidenes Dörfchen zu bleiben; Schweiz-weit ist das eine einzigartige Erscheinung. Ich rufe diese atypische Verhaltensweise hier mit Stolz in Erinnerung.
 
Zweifellos hätte sich auch aus dem Juraweid-Sportzentrum tatsächlich ein Magglingen-ähnliches Ausbildungs-, Trainings-, Kompetenz- und Dienstleistungszentrum mit krakenartigem Wachstum entwickelt. Die Gefahr war bedrohlich, zumal die Juraweid 1972 von der Stadt Aarau und dem Kanton Aargau zu gleichen Teilen gekauft worden war. Der erste Impuls für den Bau eines Sportzentrums kam anschliessend vonseiten der Aargauischen Sport-Toto-Kommission, welche die angehäuften Gelder selbstredend irgendwo investieren wollte. Aus dieser Kommission entstand alsdann die Interessengemeinschaft Aargauischer Turn- und Sportverbände (IATSV). Sie plante unter anderem, auf der Juraweid eine Dreifachturnhalle (für Handball usf.), Spielfelder für Fussball, Volleyball und Tennis, Leichtathletikanlagen wie eine 400-Meter-Rundbahn, Hallen- und Freiluftschwimmbecken, einen Gymnastikpavillon und Unterkunftsgebäude erstellen zu lassen – vorerst einmal ein 10- bis 20-Mio.-CHF-Projekt.
 
Die Bevölkerung von Biberstein erhielt keine Informationen aus erster Hand; den IATSV-Gewaltigen fehlte jedes Fingerspitzengefühl. Dennoch sorgten die gigantischen Dimensionen als Auftakt zu einer Sportstadt im empfindlichen Erholungsgelände des Juras, soweit sie an die Öffentlichkeit durchgesickert waren, für Erschrecken und Entsetzen. Der daraus heranwachsende Widerstand war entsprechend gross. Die Bibersteiner waren faktisch ohne eine Möglichkeit zur direkten demokratischen Einflussnahme – und bahnten sich selber einen Weg: Im November 1979 wurde eine Petition eingereicht, die 308 Unterschriften (55 Prozent der Stimmberechtigten des Juradorfs) trug und signalisierte, dass sich hier eine Mauer des Widerstands aufrichtete. In der Petition hiess es, Biberstein wolle verhindern, „dass die für ihre idyllische Lage bekannte Juraterrasse über Biberstein zugunsten eines grosszügig konzipierten kantonalen Sportzentrums umgezont und zerstört würde“. Schützenhilfe erhielten die Bibersteiner vom Aargauischen Bund für Naturschutz ABN, der mit guten Gründen von „undurchsichtigen Verantwortlichkeiten“ schrieb, dem Schutz des Kettenjuras eine hohe Priorität einräumte und es noch immer tut, weil dessen „landwirtschaftliche und biologische Qualitäten einmalig“ seien.
 
Da die gesamte Infrastruktur (Zufahrtsstrasse, Unterkünfte, Wasser, Abwasser, Elektrizitätszufuhr) hätte neu gebaut werden müssen, wäre es ohne die Mitwirkung der Gemeinde nicht gegangen. Der Regierungsrat des Kantons Aargau zeigte sich von diesem Bibersteiner Widerstandswillen beeindruckt und beschloss laut einer offiziellen Mitteilung vom 8. Juli 1980, das Projekt Juraweid „im Moment zurückzustellen“ und Aktionsgruppen mit der Suche besser geeigneter Standorte zu beauftragen – man sprach damals von Wohlen AG, vom Steiner-Areal in Rupperswil usw. Offenbar ging es tatsächlich vor allem um die Investition angehäuften Geldes; denn nach dem Sportanlagen-Bauboom in den vorangegangenen Jahren und den bereits vorhandenen freien Kapazitäten herrschte auch in Lehrerkreisen die Ansicht vor, diesbezüglich sei bereits genügend getan worden.
 
Als wir am Sonntag, 17. Februar 2008, durch jene schöne, unverwüstete Landschaft am Fusse des Hombergs wanderten, war ich erfreut, dass dieser sportliche Riesenkelch an uns vorbeigegangen ist. Wir begegneten an der frischen Luft vielen Bekannten aus Biberstein und Küttigen, führten lebhafte Gespräche und verspürten ein Bedauern mit all jenen Menschen, die selbst an derart sonnigen Vorfrühlingstagen ihre Übungen in ausgasenden Turnhallen und anderen abgeschirmten Sportanlagen vollziehen müssen. Hier oben, im Etzget, gab es ausreichend Sauerstoff und herzerfrischende Ausblicke, bei einer gesunden, menschengerechten Bewegungsart.
 
Im Gedenken an die Vorgeschichte atmete ich besonders tief durch und empfand für die Bibersteiner wieder einmal eine aufrichtige Sympathie. Ihre Gemeinde ist, was sie daraus gemacht beziehungsweise nicht gemacht haben, und das darf sich sehen lassen.
 
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