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BLOG vom 15.03.2008


Fettsucht grassiert: Dicke Soldaten, Kinder, Südseeinsulaner
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Sind Soldaten, Kinder und Erwachsene wirklich zu dick? Ja, wir seien es, behaupten Mediziner, Ernährungsforscher und Statistiker. So wurden erst kürzlich die Deutschen in die Moppel-Liga aufgenommen. Aber Vorsicht, man sollte nicht alles glauben, was publiziert wird. Man muss die Studien relativieren. Aber lesen Sie selbst.
 
Dicke Soldaten sind schlechte Soldaten
Stellen Sie sich einmal dies vor: Die Armeen dieser Welt finden immer weniger willige Soldaten für ihre oft dilettantisch inszenierten Kriege, weil sie zu dick sind. Dicke Soldaten sind nämlich schlechte Soldaten. Sie sind nur bedingt abwehrbereit, wie „Der Spiegel“ (2004-37) schon 2004 berichtete. Militärärzte nahmen damals die Ess- und Lebensgewohnheiten des soldatischen Nachwuchses unter die Lupe. Mit Schrecken beobachteten die Militärs, dass die deutsche Nation auf dem besten Wege zu einer XXL-Nation ist. Damals war schon jeder 3. Jugendliche übergewichtig, mehr als die Hälfte der 16- bis 18-Jährigen hatte mit Sport nichts am Hut. 25 % der 15-Jährigen verbrachten täglich mehr als 4 Stunden vor dem Fernseher. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan ordnete 2004 mehr Sport in der Grundausbildung an und empfahl in der gesamten Dienstzeit Fitnessprogramme. Aber das scheint wenig umgesetzt worden zu sein, denn die neuen Studien brachten noch schlechtere Ergebnisse.
 
Dicke Soldaten fit trimmen
Seit kurzem gibt es einen erneuten Alarmruf vom Wehrbeauftragten Reinhold Robbe. Anfang März 2008 warf er mit „dicken“ Zahlen herum und beklagte die mangelnde Fitness seiner Schützlinge. Das war wohl noch nicht vielen bekannt: Unsere lieben Soldaten bewegen sich zu wenig, essen nicht gesund, rauchen wie die Schlote und trinken zu viel Alkohol. 40 % aller Soldaten sollen übergewichtig (Vergleich: 35 % der Zivilisten in D sind übergewichtig) und 8,5 % stark übergewichtig sein.
 
Vor wenigen Tagen wurde in einer Fernsehsendung gezeigt, wie sich die Rekruten über Hindernisse quälten. Manche kamen wegen ihrer Körperfülle oder Untrainiertheit kaum über die nicht sehr hohen Hürden. Dies war ein trauriger Anblick. Vielleicht hatten die Zwangsrekrutierten keine Lust, sich in den Dienst für das Vaterland zu stellen. Vielleicht dachten sie an einen möglichen Afghanistan- oder Irak-Einsatz, der ihnen drohen könnte. Also lieber dick und unbeweglich als fit und bald verwundet oder tot.
 
Nun möchte der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung den Soldaten mehr Fitness verordnen. Er sollte aber auch für eine gesunde Kost in den Kantinen sorgen.
 
Da flog ich im hohen Bogen ins Gras
Ich kann mich noch gut an meine Wehrzeit in Bayern erinnern. In der Zeit von 1966–1968 diente ich in Lagerlechfeld im Sanitätsbereich. In dieser Zeit waren Dicke kaum unter den Soldaten zu sehen. Die wurden wahrscheinlich schon im Vorfeld bei der Musterung aussortiert, oder es gab eben wenige in der Nachkriegszeit. Aber auch die Ernährung dürfte eine wichtige Rolle gespielt haben. Damals waren alle noch nicht mit der „amerikanisierten Industriekost“ (Fast-Food-Ernährung) infiltriert.
 
Bei der musterärztlichen Begutachtung dienten Tauglichkeitsgrade dazu, um die Wehrdienstfähigkeit zu ermitteln. So ist ein Gemusterter (und auch heute noch) mit T1 „voll verwendungsfähig“. T2 bedeutet „verwendungsfähig mit Einschränkung für bestimmte Tätigkeiten“. T4 (T 3 wurde abgeschafft: „verwendungsfähig mit Einschränkung in der Grundausbildung und für bestimmte Tätigkeiten“) bedeutet, der Gemusterte ist „vorübergehend nicht wehrdienstfähig“ und T5 bedeutet „nicht wehrdienstfähig“.
 
Wir hatten im Sanitätsbereich nur einen Fettleibigen. Er wog 110 kg bei einer Grösse von 1,75 m und war deshalb nur eingeschränkt verwendungsfähig (damals T3). Der Bursche war trotz seines Gewichts flink und nahm an sämtlichen Sportveranstaltungen teil. Besondere Freude hatte er am Fussballspielen. Er wurde als Verteidiger aufgestellt. Ich mit meinen 70 kg fungierte als Flügelflitzer. Bei meinen Vorstössen in den gegnerischen Strafraum kam es vor, dass der Übergewichte sich nur in den Weg stellen brauchte, und schon segelte ich kopfüber in den Rasen.
 
Während meiner Bundeswehrzeit war das Essen nicht eben vorzüglich. Wir assen uns oft in der zivilen Kantine satt und tranken dort ab und zu gehörig Bier. Aber keiner wurde dick. Wir trieben auch genügend Sport, nicht nur im Dienst, sondern auch in der Freizeit.
 
Aber nicht nur bei den Soldaten ist das Übergewicht ein Problem, sondern auch in der Zivilbevölkerung. Besonders Leidtragende sind schon die übergewichtigen Kinder.
 
In der Moppel-Liga
Man konnte es kaum glauben: Die Deutschen sind inzwischen die dicksten Europäer. Sie „haben in Moppel-Liga den Bauch vorn“, wie „Spiegel Online“ am 19. April 2007 berichtete. Die Deutschen führen jedoch nicht bei den Fettsüchtigen (Body Mass Index über 30; es gibt 3 Klassen der Adipositas) die Tabelle an, sondern bei den Übergewichtigen (BMI 25 bis 30). Besonders fettsüchtige Europäer finden wir in Griechenland, Grossbritannien, auf Zypern und einigen osteuropäischen Staaten (Tschechien).
 
Die Deutschen haben noch nicht mit den USA gleichgezogen. Dort gibt es noch mehr Fettleibige (31 % Männer, 33 % Frauen). In meinen Arbeiten „Fast Food zum Abgewöhnen“ und „Dicke Amerikaner“ im Textatelier habe ich die dortigen Verhältnisse ausführlich dargelegt.
 
Berthold Koletzko, Ernährungsmediziner an der Universität München, hat einen Dickmacher bei den Deutschen und Tschechen ausgemacht: Den hohen Bierkonsum. Diese zusätzlichen Kalorien bedingen einen beschleunigten Bauchansatz.
 
Inwieweit man den Statistiken trauen kann, bleibe dahingestellt. In meinem Umfeld in Schopfheim D und anderswo sehe ich nie so viele Dicke herumlaufen. Bei den Jüngeren sind häufiger Untergewichtige als Korpulente zu sehen. Es scheint regionale Unterschiede zu geben. Auch wurde behauptet, dass in Migrantenfamilien und niedrigen sozialen Schichten Übergewicht häufiger vorkämen als anderswo.
 
Dicke Kinder schweben in akuter Gefahr
Die WHO hat das Problem schon lange erkannt. Nun schlagen deutsche Ärzte und Politiker Alarm, weil unsere Kinder zu dick und unbeweglich sind. „Sie drohen, zu einer Armada fettleibiger Erwachsener heranzuwachsen, die häufiger und früher als ihre Eltern an Diabetes, Herzinfarkt, Fettleber, Gallensteinen, Krebs, Arthrose, Asthma und Schlafstörungen leiden werden“, schrieb mahnend Ulrike Gonder (www.optipage.de).
 
Ernährungsmediziner empfehlen weniger Fast Food, Süsses und Fettiges, dagegen mehr Gemüse, Obst, Milch und Vollkornprodukte.
 
Bei Kindern gibt es übrigens keine eindeutige, allgemeingültige Definition für Übergewicht. Fachleute von der Universität Kiel haben einmal nachgerechnet und kamen zu folgendem Ergebnis: Von 100 Kinder waren nach verschiedenen Berechnungen einmal 9 und einmal 21 Heranwachsende zu dick. Früher wurde behauptet 20 bis 30 % unserer Kinder seien zu korpulent. Inzwischen hat man diese Zahlen halbiert.
 
Oft ist es so, dass Kinder nach dem Verlust ihres Babyspecks wieder schlanker werden. In der Dorfschule meines Enkels gibt es nur wenig Übergewichtige. Vielleicht liegt es daran, dass die Mädels und Burschen bewegungsfreudiger sind als Stadtkinder. Sicher spielt auch die gesunde Landkost eine Rolle, obwohl auch hier schon Fast-Food und Süssigkeiten aller Art konsumiert werden.
 
Inwieweit erbliche Veranlagungen bei Kindern und Erwachsenen bei Übergewicht eine Rolle spielt, wird derzeit näher untersucht. Es wurde auch ein Dickmacher-Gen (FTO-Gen) entdeckt. Die Mediziner wissen noch nicht, welchen Einfluss dieses Gen auf den Fettansatz hat.
 
Fettsucht im Paradies
Am 10.03.2008 berichtete die „Badische Zeitung“ unter der Schlagzeile „Fettsucht im Paradies“ Erschreckendes über die ehemals glücklichen Südseeinsulaner. Sie zählen inzwischen zu den dicksten Menschen der Welt. Wie konnte das geschehen? Hier liegt die Ursache eindeutig am westlichen Lebensstil, der auf die Inseln kam. An Stelle der traditionellen Gerichte mit Fisch, Gemüse und Kokosnüssen kamen inzwischen importierte Nahrungsmittel wie Fleisch, Reis, zuckersüsse Snacks und Getränke auf den Tisch der Südseeinsulaner. Früher assen die Bewohner Fleisch (Schweinefleisch, Hühnchen) nur am Sonntag. Unter der Woche wurden viel frischer Fisch und Meeresfrüchte verzehrt. Die Bewohner verbrachten viel Zeit zur Bewirtschaftung ihrer Felder, beim Fischen oder Schwimmen, wie der Chef der Gesundheitsbehörde im Königreich Tonga, Malokai Ake, berichtete. Viele bewegen sich heute nur noch mit dem Auto vorwärts, oft nur bis zum nächsten Supermarkt.
 
Die Folgen sind verheerend. Laut Carl Hacker, Chefstatistiker von den Marshallinseln, leiden bis zu 8000 der 53 000 Bewohner an Diabetes. Auf anderen Inseln ist die Lage ebenso prekär.
 
Im Inselstaat Nauru soll es die dicksten 15-Jährigen geben. Dort sind bereits 94,5 % übergewichtig. Und noch etwas Erschreckendes: In den Krankenhäusern auf den Inseln sind oft Patienten mit 20, 30 und 40 Jahren, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben. Früher war es eine Seltenheit, wenn ein Mensch unter 50 Jahren mit einem Schlaganfall eingeliefert wurde.
 
Bisher haben Gesundheitsappelle wenig gefruchtet, da auf den Inseln Fettleibigkeit immer noch mit Wohlstand verbunden wird. Früher setzten nur die Oberhäupter und ihre Familienmitglieder Speck an, und heute wollen ihre Untertanen es ihnen gleich tun. Früher galt ja der König von Tonga, Taufa´ahau Tupou IV. als der dickste Monarch der Welt „Der einst dickste Monarch der Welt musste im hohen Alter abspecken und liess regelmässig Landepisten des internationalen Flughafens sperren, um dort Fahrrad zu fahren“, berichtete kürzlich die AFP.
 
Auf der anderen Seite gibt es auf vielen Südseeinseln Magersüchtige. Bereits 38 Monate nach Einführung des Fernsehens auf den Südseeinseln hatte die traditionelle Molligkeit ausgespielt. Nach einer Studie der Harvard Universität meinten 74 % aller Mädchen, welche die Fernsehserien mit den dürren Schauspielerinnen sahen, sie seien zu mollig. 62 % quälten sich mit Diäten herum, und 15 % übergaben sich täglich. Diäten gelten übrigens als Einstiegsdrogen für Essstörungen.
 
Leben Übergewichtige länger?
Zurück zu unseren Gefilden. Als Forscher der Gesundheitsinstitute der USA (NIH) die Daten von 2,3 Millionen Menschen auswerteten, gab es eine Überraschung. Die Sterblichkeit war bei leicht Übergewichtigen geringer als bei Untergewichtigen und an Fettsucht leidenden Gleichaltrigen (Journal of the American Medical Association, Bd. 298, S. 2028, 2007).
 
Die Forscher suchten nach den Gründen. Sie sind überzeugt, dass die Menschen mit Übergewicht sich offenbar nach Operationen schneller erholten, weniger unter Infektionen zu leiden haben und bei manchen Krankheiten die Prognose besser ist. „Vielleicht liegt es daran, dass Übergewichtige mehr Nahrungsreserven und mehr Muskelmasse haben“, spekulierte Katherine Flegal, Hauptautorin der Studie.
 
Die Auswertungen ergaben auch, dass Menschen mit einem BMI von 29 oder 30 mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko behaftet sind. Fettleibige (Adipöse) sterben häufig aufgrund von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Die Korpulenten müssen auch damit rechnen, an erhöhtem Blutdruck, Gallen- und Venenleiden, Diabetes mellitus und Gelenkdeformationen zu erkranken. Auch Darm-, Gebärmutter- und Brustkrebserkrankungen sind bei Adipösen vermehrt anzutreffen.
 
Die Einteilung nach dem BMI ist umstritten, weil es keine einheitlichen Daten gibt. Vielfach wurden Schätzungen und Hochrechnungen herangezogen. Bei sehr kleinen und sehr grossen Menschen zeigt die Formel Schwächen. Wer viele Muskelpakete sein Eigen nennt, hat oft den BMI von 25 überschritten. Ein BMI von 25 bis 29,9 wird nämlich schon als Übergewicht klassifiziert. Auch für Menschen mit zartem Körperbau müssen andere Werte gelten, ebenso für ältere Menschen, die oft einen höheren BMI-Wert haben. Deshalb gibt es jetzt eine Einteilung des idealen BMI nach dem Alter. Demnach hat ein über 64-Jähriger einen idealen BMI zwischen 24 und 29.
 
Wichtig ist, dass man sein persönliches Wohlfühlgewicht anstrebt. Was spricht eigentlich dagegen, wenn sich ein Mensch gesund ernährt, sich viel bewegt, gute Blutwerte hat und doch einige Pfunde mehr auf seinen Rippen (oder Bauch) hat? Er muss höchstens darauf achten, dass die Pfunde nicht ins Unermessliche ansteigen. Bei einer Fettsucht hört der Spass auf.
 
Anhang
Hier ist die Berechnungsformel für den umstrittenen BMI (Body Mass Index):
Körpergewicht (kg) dividiert durch das Quadrat der Körpergrösse (m2).
Beispiel: Eine 1,60 m grosse Frau mit einem Gewicht von 60 kg hat einen BMI von 23,4.
 
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