Textatelier
BLOG vom: 21.03.2008

+GF+ Schaffhausen: Traktanden in alter Giesserei abgebaut

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Verlässt man den Bahnhof Schaffhausen durch die Unterführungen in der West-Richtung, kommt man sogleich ins kleinräumige Durachtal (Mühlental) hinein, das wegen der Wasserkraft (Durach, Quelle bei Iblen, 33 km2 Einzugsgebiet) bereits in frühindustrieller Zeit mit Fabrikbauten bestückt wurde. Das kleine, Juraklus-ähnliche Tal ist mit gewaltigen, weitgehend fensterlosen Bauklötzen aus ziegelroten Backsteinen förmlich vollgestopft, eindrückliche Dokumente aus der Firmengeschichte der Georg Fischer AG (+GF+). Die aneinander gebaute Serie von Gebäuden diente einst als Produktionsstätten, Lagerhallen und Verwaltungsbauten der +GF+. Allerdings ist nur noch ein Teil des ursprünglichen Baubestands vorhanden. Immer wieder wurde um- und neu gebaut, je nach den Erfordernissen des Geschäftsgangs; 1979 bis 1985 wirkte der Abbruchhammer vorläufig zum letzten Mal.
 
Der Verlauf der Sichtbacksteinfassaden hat sich dem geschwungenen Durachtal angepasst. Und vonseiten der Heimatschützer wird befürchtet, dass der „Ganzheitscharakter“ (ISOS) dieses Hallenkonglomerats aufgebrochen werden könnte, wenn weitere Gebäude verschwinden sollten. Dazu ist festzustellen, dass alte Fabriksiedlungen zunehmend den Charakter von erhaltenswürdigen Heimatschutzobjekten bekommen, eine bemerkenswerte Erscheinung im Zeichen des Zerfalls der Traditionsindustrie.
 
Momentan ist ein „Neubau Dienstleistungszentrum Stahlgiesserei“ anstelle der ehemaligen Stahlgiesserei im Werk mit Veranstaltungshalle Büros und Lofts mit angegliederten Erholungsraum zwischen der Mühlentalstrasse und dem Mühlentalsträsschen in Planung begriffen.
 
Auf der den Giessereien entgegengesetzten Strassenseite steht wie ein Fremdköper aus der Plattenbau-Architektur das Georg-Fischer-Verwaltungsgebäude, ein rasterartiger Betonskelett-Monolith mit Lochfassaden (1930/31) von Karl Moser. Dieser Klotz hat zwar seine Bedeutung als Pionierbau des neuen Bauens, nimmt aber auf die Umgebung keine Rücksicht. Er schliesst an den 1889 von Locher & Cie. geplanten gemütvolleren Altbau an, der aufgestockt und mit einem Türmchen versehen wurde, in dem nun kantonal-schaffhausische Ämter wie das Arbeitsamt und das Vermessungsamt (Mühlentalstrasse 105) eingenistet sind. „sh.ch“ liest man dort in internetter Sprache.
 
Am Eingang des Durachtals (des vorderen Mühletals, wie man auch sagen könnte) sind kleine Riegelbauten (Fachwerkbauten) und das Restaurant „Mühlental“. Im Moment ist das Tal tatsächlich in einer Umwandlung begriffen: Von der reinen Industrienutzung zur Gewerbe-, Dienstleistungs- und Wohnnutzung, nachdem die ursprüngliche Industrieproduktion in diesem Tal vollständig aufgegeben worden ist. Im unteren Teil des Tals, bevor die Monumentalfassaden der +GF+-Werke beginnen, wird gerade das Geschäftshaus Durachpark im Minergie-Standard erstellt.
 
Die +GF+-Geschichte
Ich hatte mich zur 112. ordentlichen Generalversammlung der Georg Fischer AG (www.georgfischer.com) vom 19. März 2008 angemeldet, vor allem um einen eigenen Eindruck von dieser Industriebrache zu erhalten. Denn der gewaltige, von 1310 Aktionären besuchte Anlass fand in der 1977 bis 1992 stillgelegten Stahlgiesserei I statt, in die noch Eisenbahnschienen hineinreichen. Sie wurde in der „Totalplan“-Phase 1939 bis 1963 dort etappenweise erbaut, wo ältere Komplexe gestanden hatten. Die Fabrikhallen umfassten eine Grundfläche von über 3 Hektaren.
 
Der wohl 10 m hohe Raum mit den Stahlrahmen und integrierten Kranbahnen ist vollkommen ausgehöhlt; die Wände bestehen aus grauen Zementbausteinen und tragen noch einige Spuren der ehemaligen Produktionsaktivitäten. Ein kundiger Teilnehmer erzählte mir, hier seien früher zum Beispiel Wasserturbinen aller Grössenordnungen und vielleicht auch Eisenplatten für Kampfpanzer hergestellt worden.
 
Die +GF+-Geschichte war hier von Johann Conrad Fischer (1773‒1854) im Jahr 1802 durch den Kauf einer Mühle eingeleitet worden, die er zu einer Giesserei umbaute. Sein Sohn und sein Enkel, die beide Georg hiessen, führten das Unternehmen nach dem Tod des Gründers unter dem Namen „Georg Fischer Schaffhausen“ weiter; insbesondere wurden Verbindungsstücke für Rohrleitungen (Fittings) hergestellt, die stilisiert im Firmenkürzel +GF+ noch heute auftauchen.
 
Schon früh expandierte das Unternehmen in alle Welt; im Moment wird gerade ein riesiges Werk für Eisenguss in Kunshan (China) gebaut, das den Betrieb 2009 aufnehmen wird. Heute beschäftigt das +GF+-Unternehmen rund um den Erdball etwa 13 000 Mitarbeitende, es verfügt über 140 Niederlassungen, einschliesslich 50 Produktionsstätten, die sich in 3 „Kernbereiche“ gliedern: GF Automotive (Fahrzeugtechnik, vor allem der Guss von Motorblöcken für Lastwagen), GF Piping Systems (Rohrleitungssysteme aus Kunststoff) und GF AgieCharmilles (Fertigungstechnik).
 
Die GV
Mit zufriedenem Lächeln im Gesicht orientierte der Verwaltungsratspräsident Martin Huber über den turbulenten Geschäftsgang im Jahr 2007 und die guten Aussichten für 2008 („GF ist solide“), über Lautsprecher und auf Grossleinwand übertragen. Die Aktionäre redeten nicht drein und stimmten allen Anträgen zu – immer mit der Gegenstimme eines Unangepassten. Die Wiederwahl von alt Bundesrat Flavio Cotti aus dem Tessin wegen seiner „langjährigen Erfahrungen in internationalen Beziehungen“ vereinigte 4 Gegenstimmen auf sich; Cotti war von 1986 bis 1999 Bundesrat (CVP). Auch Dr. Rudolf Huber wurde wiedergewählt.
 
Abgesegnet wurde auch eine Gewinnausschüttung in Form einer Nennwertrückzahlung von CHF 25 pro Aktie (Vorjahr: CHF 25). Die Nachfolge von Dr. Kurt E. Stirnemann, seit 1996 Mitglied der Konzernleitung, der detailliert über den Geschäftsgang und die Unternehmensaktivitäten informierte und wegen Erreichens der Altersgrenze als Präsident der Konzernleitung zurücktrat, übernimmt Yves Serra, bisher Leiter GF Piping Systems.
 
Das Unternehmen Georg Fischer erzielte im Jahr 2007 einen Umsatz von 4,50 Mia. CHF (Vorjahr: 4,05 Mia. CHF). Dies entspricht einem Wachstum von 11 % (Vorjahr: 10 %). Der Auftragseingang lag 9 % über dem Vorjahr. Das günstige wirtschaftliche Umfeld trug zum inneren Wachstum bei, wobei Asien der eigentliche Wachstumsmarkt war. Hingegen wurde die Ertragskraft des Konzerns insbesondere durch ein enttäuschendes Ergebnis in der Sparte GF Automotive beeinträchtigt. Ursachen waren Anlaufprobleme im Werk Herzogenburg (Österreich) und steigende Material- und Energiekosten. Spuren in der Erfolgsrechnung hinterliessen neben dem erodierenden US-Dollar auch die Kosten für die Einführung einer Einmarkenstrategie bei GF AgieCharmilles. Die Nettoverschuldung wurde auf CHF 264 Mio. abgebaut. Das Konzernergebnis 2007 liegt bei CHF 245 Mio. (Vorjahr: CHF 249 Mio.). Der Aktienkurs geriet 2007 ins Schlingern: Vom 52-Wochen-Hoch von 1040 CHF halbierte er sich bis heute (um 490 CHF). Die vielen ehemaligen Mitarbeiter unter den Aktionären schauten etwas nachdenklich drein, denn die neoliberalen Sitten und Gebräuche dürften ihnen noch wenig vertraut sein.
 
Sie hatten einen kleinen Imbiss zu einem Schaffhauser Riesling×Sylivaner und den roten Landwein „Hombergerhaus, Gächlinger von Walter Reutimann“ (Blauburgunder) wohlverdient. Das Käsechüechli zu Kresse und einem Radieschen, der gekochte Schinken und der Kartoffelsalat schmeckten, ebenso das Stück Erdbeertorte zur Versüssung des manchmal bitteren Aktionärslebens. Die Portionen waren Schwerarbeiter-Bedürfnissen angepasst.
 
Wasser für mehr Menschen
Denn schliesslich hat es die +GF+ auf eine Verbesserung der Lebensqualität abgesehen – weltweit. So wurde 2002 die Stiftung „Clean Water“ (www.cleanwater.ch) gegründet und mit 3,5 Mio. CHF alimentiert; die Aktionäre spendeten damals 300 000 CHF, und weiterhin schiesst die +GF+ jährlich Geld ein – inzwischen total 5 Mio. CHF. Die Stiftung arbeitet auf eine bessere Versorgung der Menschen mit sauberem Wasser in 40 Ländern hin. Bisher wurden jeweils zusammen mit der lokalen Bevölkerung 60 Projekte umgesetzt, zum Beispiel in West-Bengalen (Indien), in Hazarajat (Afghanistan) und in Abudwaak (Somalia), in Uco (Peru), Tuowanmaili (Xinjiang, China) und Istog (Kosovo). Dazu gehört auch die Wiederaufbauhilfe nach dem Vulkanausbruch in Goma (Kongo) und nach dem Tsunami in Aceh (Indonesien).
 
Eine Ausstellung im Stahlgiesserei-Grossraum erläuterte die guten Wasser-Taten, und man wusste das bereitgestellte, kohlensäurearme Henniez umso mehr zu schätzen, wenn man es in dieser Giesserei in die durstige Kehle goss.
 
Quellen
Heusser-Keller, Sibylle: „ISOS (Inventar der geschützten Ortsbilder der Schweiz), Schaffhausen“, Eidgenössisches Departement des Innern 1986.
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte: „INSA, Inventar der neueren Schweizer Architektur (1850‒1920)“, Band 8. Verlag Orell Füssli 1996.
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte: „Kunstführer durch die Schweiz“, Band 1, 2005.
Geschäftsbericht +GF+: "Adding Quality to People's Lives", 2007.
 
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