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BLOG vom 01.04.2008


Heinz Erven: Auf Ohrwürmer und Vögel statt Chemie gesetzt
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Bevor man das Haus von Konrad („Koni“) und Erla Pfeiffer am Galeggenweg in Suhr AG/CH betritt, gibt es viele Signale, die auf die Naturverbundenheit der Hausbesitzer hindeuten: jede Menge Nistkästen mit dem entsprechenden gefiederten Publikum, ein Warnplakat „Vorsicht Frösche!“ mit dem Bild eines zum Sprung ansetzenden Laubfroschs, Holzbeigen und Ziegelsteine mit jeder Menge von Bohrlöchern unterschiedlicher Grösse, die verschiedenen Insekten als Unterschlupf dienen.
 
Als ich Anfang März 2008 eben ansetzte, meinen eigenen Gemüsegarten nach naturnahen Kriterien in Form zu bringen, lud mich Koni (82) zu einem Besuch ein, um mit mir über die Möglichkeiten zum Einbezug der Natur in den Wohnhausbereich zu sprechen, eine Thematik, die ich als ehemaliger Chefredaktor der Zeitschrift „Natürlich“ zusammen mit einem assortierten Autorenteam (wie Mario Howard in Chur) bereits in allen Variationen behandelt hatte. Doch es tat mir ausgesprochen gut, die ökologischen Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen, als ob dies Koni gespürt habe. Der Small talk beschränkte sich nach meiner Ankunft in Suhr auf 3 Sätze, worauf Koni gleich zum Hauptthema wechselte.
 
„Mein Paradies“
Koni hatte das Buch „Paradies“ des deutschen Diplom-Landwirts Heinz Erven (1900‒1993) im deutschen Remagenam Rhein (Nähe Bonn) gelesen, das ihm allerdings in französischer Sprache vorlag (Mon paradis. Terre vivante, Paris 1984). Die deutschsprachige Ausgabe ist tatsächlich kaum noch erhältlich; ich habe sie auch in meiner üppig dotierten Biogarten-Bibliothek nicht gefunden und konnte nur noch die Broschüre „Meine Hochbeete“ von Erven auftreiben. Koni machte sich nun die Mühe, Ervens Schrift „Mon paradis“ (1981 erschienen) stichwortartig zu übersetzen. Wir gingen Ervens Gedanken anhand eines Ausdrucks der Übersetzung durch, und ich will hier, auf der Grundlage der Ad-hoc-Übersetzung, einige grundlegende Informationen weitergeben, um vielleicht ein paar Impulse im Interesse des ökologischen Gartenbaus zu geben, die ich selber ebenfalls nötig habe – immer im Bewusstsein, dass im Garten mehr als aus Büchern zu lernen ist. Beobachten ist alles!
 
Machen lassen
Hier einige Grundsätze und Erkenntnisse aus Ervens Aufzeichnungen über den 6,5 ha grossen Garten in Remagen D: Weniger machen, dafür mehr machen lassen. Regenwürmer füttern statt pflügen. Statt Insektizide stäuben, Ohrwürmer (Forticula auricularia) als Kammerjäger züchten (umgekehrte, mit Holzwolle oder Heu vollgestopfte Tontöpfe aufhängen, z. B. an die Bäume), ebenso Meisen fördern; denn Vögel übernehmen die Insektenregulation. Nistkästen sollen nach Südosten ausgerichtet und vor Wind und Regen geschützt sein; auch sind Wasserstellen wichtig. Raubvögel helfen im Kampf gegen Mäuse mit. Statt zu düngen die Phacelia (Bienenweide) und Senf säen.
 
Nach den Erkenntnissen über die Bande zwischen einem gesunden und lebendigen Boden und dessen Ernährung durch Kompost schuf Erven sein „Paradies“, in dem sich auch Hühner, Kaninchen, Ziegen, Schafe, Schweine und auch ein kleines Pferd tummelten; weil sich aber auch verschiedene Wildtiere wie Hasen, Hirsche und Wildschweine magnetisch angezogen fühlten, war eine Einzäunung nötig. Im Hühnerhof wurde Steinmehl als Einstreue verwendet, und der Mist war nährstoffreich. Im ungedeckten Hühnerhof wuchsen die Wallwurz und die wilde Patience mit einer Wurzeltiefe bis 1,1 m. Die Erstpflanzungen waren Kartoffeln, Runkeln, Bohnen und verschiedene Kabissorten gewesen. Als Naturbegrünung dienten Holunder, Eberesche, Weissdorn und Brombeeren, woraus sich auch Nistmöglichkeiten für Vögel, Igel, Wiesel usf. ergaben. Viele Diplomatenfrauen aus Bonn, der ehemaligen deutschen Landeshauptstadt, und andere Kunden kauften die Produkte ab Hof, und Erven musste keine Märkte mehr besuchen. Der Absatz war gesichert.
 
Vernetztes
Nach dem Grundsatz „Une pierre porte l’autre“ – ein Dasein trägt das andere – wurde eine enorme Vielfalt gefördert, in der sich die Regulationsmechanismen einstellen können (Monokulturen sind extrem krankheitsanfällig und können ohne ständige „Behandlungen“ nicht überleben). Und so schützte denn Erven das so genannt Nützliche wie auch das Schädliche, das Kraut und das so genannte Unkraut. Er beschäftigte Millionen von Mitarbeitern rund um die Uhr: Ameisen, Bienen, Wespen, Ohrenmückler und Vögel. Er wusste, dass Gifteinsätze das Gleichgewicht zerstören und immer neue Behandlungen auslösen, wobei die Bienen als erste leiden, aber auch die Meisen in ihren Nestern und alle anderen.
 
Den eingangs erwähnten Bodenwürmern galt Ervens besondere Aufmerksamkeit, weil sie den Boden gut durchlüften. Zu ihrem Schutz setzte der Meistergärtner nie einen Spaten ein, weil dieser die Würmer durchschneidet und die Bodenstruktur zerstört, indem aerobe (Sauerstoff benötigende) und anaerobe durcheinander gebracht werden. Den Wurmbestand kann man fördern, indem der Boden ständig mit organischem Material abgedeckt wird und auf lösliche Dünger verzichtet. Auch Basaltmehl und Lesesteinhaufen sind Grundlagen für ein reiches Bodenleben.
 
Obstbäume und Kräuter
Um Obstbäume herum wird der Boden geeggt. Zudem sät man Leguminosen aus und bedeckt den Boden dünn mit Mist, Laub, Stroh usf., aber auf Dünger ist zu verzichten. Doch Pflanzenjauche hat ihre Bedeutung: Fässer mit Regenwasser werden zur Hälfte mit Wasser sowie Kräutern wie Wallwurz, Beifuss, Rainfarn, Brennnessel, Knoblauch und Meerrettich gefüllt und täglich umgerührt (so wird Sauerstoff zugefügt). Diese Güllen (Jauchen) werden etwa gegen Läuse und Karottenfliegen eingesetzt.
 
Dem Beinwell (Wallwurz, Symphytum officinale) galt Ervens besondere Zuneigung, der ja auch als entzündungshemmendes Naturheilmittel bewährt ist und als Spinat oder Salatbeigabe genossen werden kann. Den Beifuss (Absente, arthemisia vulgaris) seinerseits pflanze man bei Obstbäumen. Wenn sich vor der Blüte eine Lausinvasion abzeichnet, übergiesse man Blätter, Blüten und Wurzeln des Beifusses mit heissem Wasser (200 bis 300 g Trockenmaterial in 10 l Wasser), und man hat ein natürliches Mittel, das bei Kabis (Weisskohl) auch gegen Kohlweisslinge angewandt werden kann. Auch der Boden kann damit begossen werden. Die Schachtelhalmbrühe (200 bis 300 g in 10 l Wasser) kann zudem in Obstanlagen vorsorglich gegen Schorf und den pflanzenparasitären Pilz Monilia eingesetzt werden.
 
Steinfrüchte gab es im Garten von Heinz Erven in grosser Menge: Mirabellen, Aprikosen, Pfirsiche, Pflaumen, Zwetschgen, Kirschen usw. Auf steinigen Böden wachsen die süsseren Früchte als auf tiefgründigen. Die Bäume werden gemischt gepflanzt. Auch (rotblättrige) Haselnüsse, Walnüsse (Baumnüsse) und Kastanien hatten einen bereichernden Effekt; und die Nussbäume sollen der Mückenplage entgegenwirken – meine eigenen tun dies allerdings in einem nur unvollständigen Ausmass. Erven bestrich die Obstbaumstämme bis zum Astansatz mit Kaolin; wenn Insekten aufsteigen, können sie von Vögeln auf diesem Untergrund besser beobachtet und gefangen werden.
 
Mischwald Gemüsebeet
Das Gemüse wurde nach dem Mischwald-Beispiel gepflanzt; in der freien Natur kommen oft 5 bis 6 oder gar Dutzende von Arten pro Quadratmeter vor; aber kahle Stellen sollte es nie geben. Die Bodenbedeckung ist das A und O einer Gärtnerei. Gemeinschaftskulturen im Beet können sein: Randen (rote Bete), Karotten, Zwiebeln, Bohnen, Kartoffeln, später Kabis (Weisskohl), Sellerie, u. a. Zwiebeln pflanze man nach Karotten, Randen neben Zwiebeln, Saubohnen neben Kartoffeln, Kabis im Verbund mit Sellerie, Saubohnen mit frühen Erbsen – dann bleibt viel Stickstoff im Boden.
 
Die Rotation der Pflanzen auf den Beeten sollte genau geplant werden; nur Tomaten, die ein trockenes Kleid und einen nassen Fuss lieben, dürfen jahrelang am gleichen Platz verweilen. Als Bodenabdeckung kann hier trockenes Staudenmaterial dienen. Doch alle 4 Jahre sind zur Stickstoffanreicherung Leguminosen einzuplanen: Bohnen, Saubohnen, Busch- oder Stangenbohnen.
 
Die Funktion der Blumenpracht
Zwischen alledem sollte eine Vielfalt an Blumen mit unterschiedlichen Blütezeiten und Düften sein. Sie haben eine antiseptische (entgiftende) Wirkung, ziehen Insekten an. Für Windschutzmassnahmen können Sonnenblumen, Topinambur (Helianthus tuberosus) und Stangenbohnen wirken.
 
„Früchte ohne Gift“
Nachdem wir das durchgeackert hatten, zeigte mir Koni den 16-mm-Lichttonfilm „Früchte ohne Gift“ (1987) von Hans-Ernst Weitzel, der sich Heinz Ervens „Paradies“ annimmt und der mit folgender Provokation beginnt: „Mit E 605 zu gesunden, vollen Ernten! In den Krieg gegen alles, was kreucht und fleucht. Mehr Gift, mehr Kunstdünger, mehr aussterbende Arten!“ Dabei hätten alle Pflanzen von Gott eine Aufgabe erhalten.
 
Öko-Pioniere und Dutti
Konrad Pfeiffer, der schon 1958 als junger Agronom eine Begegnung mit Erven hatte, wurde von diesem Gartenpraktiker stark beeindruckt und beeinflusst. Er lernte zu beobachten und beeinflusste als späterer Direktor von Migros Aargau/Solothurn das Sortiment; die aufkommende Devise „Kein Fuss am Boden. Keine Hand am Holz“ gefiel ihm überhaupt nicht. Er war der Pionier von Migros Sana und setzte ökologische Signale noch und noch, auch hinsichtlich von Energieeinsparungen; wir haben ihm deshalb das in unserer Verlag Textatelier.com GmbH. erschienene Buch „Konsumwelt mit Naturanschluss“ gewidmet.
 
Als Dessert zeigte mir Koni den Film „Dutti, der Riese“ (Regie: Martin Witz), also die Geschichte des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler (1888‒1962), der 1925 mit 5 Ford-Verkaufswagen (rollenden Verkaufsläden) den Grundstein zu einem mächtigen Konzern legte. Er verhalf den vielen unter finanziellen Nöten leidenden Leuten zu günstigem Zucker, Kaffee, preiswerten Teigwaren, zu Reis, Kokosfett und Kernseife. Daraus wurde der bedeutendste Arbeitgeber des Landes mit eigenen Zeitungen wie „Die Tat“ und „Brückenbauer“. Mit der Umwandlung der Migros, die bis in die Türkei vorgedrungen und auch in der Volksbildung tätig ist, in eine Genossenschaft verschenkte Dutti sein Lebenswerk an seine Kunden.
 
Das war wirklich ein bemerkenswerter Nachmittag für mich. Auf der Heimfahrt kam ich am MMM-Einkaufszentrum im Wynenfeld vorbei, das unter der Leitung von Koni entstanden war und eine naturnahe Umgebung erhalten hatte. Was für eine stolze Vergangenheit dieses Unternehmens, das meines Erachtens konsequent darauf weiterbauen müsste. Dazu würde auch eine generelle und nicht nur eine sektorielle Ablehnung gentechnischer Produkte gehören. Alles andere wäre eine schwere Entgleisung. Es bleibt noch das „Prinzip Hoffnung“ als letzter Strohhalm.
 
Zweifellos sollte man sich schon wieder mehr an die Pioniere alter Schule und ihr wegweisendes Wirken erinnern. Manchmal fände man rückwärtsgewandt in eine bessere Zukunft.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Konrad Pfeiffer und naturnahe Umgebungsgestaltungen
 
Hinweis auf einen weiteren Textatelier.com-Artikel zum Thema Biogarten
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