Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     November 19, 2019 03:18 CET
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 04.04.2008


Hochwasserrückhaltebecken: Zurück zu Zetzwil am See AG
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Im Hinblick auf einen weiteren Überschwemmungsfall in Zetzwil im aargauischen Wynental wird die AAR (die ehemalige Wynen- und Suhrentalbahn, WSB) gut daran tun, Panoramawagen anzuschaffen. Diese quirlige Schmalspurbahn, die früher auch „Tram“ genannt wurde, wird nach schweren Regenfällen jeweils auf einem Damm einen See aus zurückgehaltenem Regenwasser umrunden, gewiss ein eindrückliches Bild.
 
Die sporadische Seelandschaft wird zurzeit mit dem Bau eines Hochwasserrückhaltebeckens und eines Drosselwerks in der Nähe der Bahnhaltestelle Zetzwil (bis Anfang der 1970er-Jahre war dort ein bedientes Bahnhöfli, ein Halbriegelbau) im Gebiet Moos-Grossgrabenmatten vorbereitet. Die Bauarbeiten am Hochwasserschutz sind seit November 2007 im Gange, und sie werden bis ins 2. Semester 2008 dauern. Die Kosten sollen rund 4,5 Mio. CHF betragen.
 
Die Lösung, hier zur Linderung von Hochwasseranfällen ein Rückhaltebecken mit Drosselwerk zu errichten, hat sich aus topografischen Gründen geradezu aufgedrängt. Denn hier liegt eine würmeiszeitliche Endmoräne, die der Reussgletscher bei seinem Rückzug freundlicherweise hinterlassen hat und die sich im Moos in Zetzwil, Gontenschwil und Leimbach wie ein Riegel über die ganze Talbreite erstreckt. Somit muss schon damals ein Flachsee entstanden sein, der aber verschwand, als die Wyna den rund 20 m hohen Moränenwall durchbrochen hatte. Der Wall zieht sich von Gontenschwil nach Norden, begrenzt das Moos als Stirndamm und läuft dann dem Homberg entlang nach Süden aus. Bis zum Ersten Weltkrieg war das Gontenschwiler Moos ein Sumpfgebiet, das dann trockengelegt wurde.
 
Doch noch immer ist eine natürliche Wanne vorhanden, die man bei ihrem Ablauf, dem Wyna-Durchbruch, gut regulieren kann, so dass die Unterliegergemeinden (Ober- und Unterkulm, Teufenthal, Gränichen, Suhr usw.) weniger von Hochwasserspitzen bedroht sein werden. Doch ohne einige neue Dämme als Objektschutzmassnahmen geht es dennoch nicht ab: Die im Beckenbereich liegenden Bauernhöfe wie die Liegenschaft Burgherr, die Bahnhaltestelle Zetzwil und die dortige Unterführung müssen geschützt werden. Die Unterführung wurde zur Vergrösserung des Lichtraums etwas abgesenkt; hier muss im Hochwasserfall gepumpt werden. Und ins Landwirtschaftsland werden Drainageleitungen eingebaut, damit man das Wasser wieder los wird, wenn der grosse Regen nachgelassen hat.
 
Das Drosselbauwerk, ein 2-türiges Betonmonument, ist bereits aufgerichtet; wie der Eingang zu einem Zivilschutzraum sieht es aus – und das ist es ja auch … Es ist in der Lage, einen allfälligen hundertjährlichen Abfluss (HQ100) der Wyna auf maximal 20 m3/sec zu drosseln. Der Staubereich ist in der Lage, etwa 550 m3 Wasser zu speichern, auch im Dienste der Grundwasseranreicherung. Nach statistischen Berechnungen wird es alle 5 bis 10 Jahre zu einem Einstau des vorderen Beckenbereichs kommen.
 
Die total 31 km lange Wyna, die sich im luzernischen Neudorf aus verschiedenen Quellbächen bildet und nördlich von Suhr in die Suhre mündet, wird sich im Raume Zetzwil wieder in einem naturnahen Bett bewegen dürfen. Die alten Uferverbauungen werden in diesen Tagen entfernt, das Bachbett aufgeweitet und Feuchtstandorte geschaffen, eine ökologische Aufwertungsmassnahme und eine Belebung des Landschaftsbilds obendrein. Wurden noch vor wenigen Jahrzehnten die Gewässer begradigt, kanalisiert und damit die Wasserabflüsse beschleunigt, um weiter unten Überschwemmungen herbeizuführen, wird nun das Steuer herumgerissen. Die Bäche und Flüsse erhalten endlich in jeder Bedeutung des Wortes was ihnen gehört: Auslauf. Man verlegt die Überschwemmungsflächen dorthin, wo der Schaden klein und vielleicht sogar ein Nutzen gewährleistet ist (Grundwasseranreicherung).
 
Bei meiner Baustellen-Besichtigung am Freitagnachmittag, 28. März 2008, wurden zwar gerade mit einem Mercedes-Lastwagen (von der Firma Behringer) grosse Granitbrocken aus dem Schwarzwald angeliefert, die beim Drosselwerk zum Einsatz kommen werden, damit das Wasser die beiden Eingangstüren ins Drosselwerk nicht verfehlt. Davor sind bereits die Pfähle für den Grobrechen aufgestellt. Die Wyna wurde für die Baudauer kleinräumig umgeleitet
 
Das Haufendorf unter der Wandfluh
Das Dorf Zetzwil (zirka 1250 Einwohner) bekommt von dieser Bauerei nichts ab, abgesehen von Baustellenverkehr. Die Siedlung liegt im Winkel zwischen der Moräne, also der von einem Gletscher abgelagerten Masse aus Gestein, Geröll einerseits, und dem Homberg-Wandfluh-Hang anderseits, der das Wynen- vom Seetal trennt. Sie folgt dem Fuss des Bergs als Strassen- und auch als Haufendorf. Die Durchgangsstrasse durchs Wynental (Suhr‒Gränichen‒Kulm‒Reinach AG‒Menziken und weiter nach Beromünster LU und Luzern) führt mitten durchs Dorf Zetzwil. Das zentrale Bauereignis ist das 1925 erstellte Schulhaus mit dem rechteckigen Turmvorbau, welcher mit einer Uhr versehen ist und den Kirchturm würdig ersetzt. Bis 1962 war hier auch die Gemeindeverwaltung daheim, die auf der gegenüberliegenden Strassenseite ihr eigenes Gebäude erhalten hat; es wurde zusammen mit einer Turnhalle gebaut. Einige markante Gebäude aus der Zeit der Berner Herrschaft prägen das von einer typischen Streubauweise geprägte Bild des Dorfs, das kein eigentliches Zentrum hat.
 
Bis 1987 wurden in Zetzwil noch Zigarren hergestellt, vor allem die krummen Brissagos. 1988 wurde der Betrieb von den Zigarrenfabriken Villiger Söhne AG in Peffikon LU übernommen, welche die „Original-Krumme“ („würzig-feine Virginia-Cigarren“) für 1 CHF pro Stück noch heute fabrizieren. Ich rauche diese von Hand gezöpfelten, milden Zigarren gelegentlich und mit Vergnügen, auch wenn auf der eigelben Verpackung vorschriftsgemäss steht: „Art. 10, 12 TabV/OTab: Rauchen gefährdet die Gesundheit. Rauchen verursacht Herz- und Gefässkrankheiten.“
 
Zu den Gefässkrankheiten gehören auch die Verschlusskrankheiten, das heisst das Blut zirkuliert dann nicht mehr richtig. Und mit dem Drosselwerk in der ehemaligen Sumpflandschaft zwischen Zetzwil und Gontenschwil wird solch ein (zwar regulierbarer) Verschluss herbeibetoniert. Und so habe ich mir denn vorgenommen, wenn nach einem nächsten Hochwasser dort, in Zetzwil am See, ein See auf Zeit entstanden sein wird, vom Radweg auf den Dämmen aus das Naturwunder und dazu eine Krumme ohne schlechtes Gewissen zu geniessen.
 
Quellen
Bauinformationstafel bei der Baustelle
Gemeinderat Zetzwil (Herausgeber): „Gemeinde Zetzwil“, Broschüre 1995.
Siegrist, Peter: „Grossbaustelle im Einklang mit der Natur“, in Aargauer Zeitung, 3. März 2008.
 
Hinweis auf weitere Wynental-Blogs
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier