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BLOG vom 14.04.2008


Stein am Rhein (3): Bomben-Pfusch der US-Piloten (02.1945)
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wahrscheinlich gab es den Begriff „Kollateralschäden“ im 2. Weltkrieg noch nicht, aber die damit benannten unliebsamen, verheerenden Randerscheinungen schon. Das aus dem Latein entsprungene Wort kollateral wurde früher in der Botanik für „seitlich angeordnet“ verwendet, etwa für strangartige Gewebebündel, in denen verschiedene Nährstoffe transportiert werden. Da inzwischen die Kriege wichtiger als die Pflanzenkunde geworden sind, begleitet das Wort heute vor allem die Manie gewordenen Flugeinsätze der US-Armee, die keine Gelegenheit auslässt, ihr riesiges Bombenarsenal Schaden bringend für Böse sowie vor allem für unbeteiligte Zivilisten, aber nutzbringend für die eigene Kriegsindustrie einzusetzen.
 
Die Bombardierungen der Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Das war schon gegen Ende des 2. Weltkriegs so, als das Dritte Reich am Ausbluten war. Die Amerikaner erkannten die günstige Gelegenheit, in Europa zu bombardieren, zu plündern, sich festzusetzen und bestimmend einzugreifen, und sich als Heros feiern zu lassen. Die Schweiz konnte sich, wie man weiss, aus dem Krieg heraushalten, entging aber gleichwohl nicht mehreren Bombenabwürfen aus US-Militärmaschinen – insgesamt wurde die Schweiz damals 70 Mal bombardiert. Dabei verloren 84 Schweizer das Leben, und Hunderte wurden verletzt. Betroffen waren Stein am Rhein, Schaffhausen (Altstadt und das ehemalige Kloster Allerheiligen, Bahnhof, Industrie Neuhausen), Beringen SH, Basel (vor allem beim Güterbahnhof Wolf), Kreuzlingen (Schlossgut Castell), Zürich (Industriequartier Oerlikon), Niederdorf im Waldenburgertal, Rafz ZH und Vals GR, Igis GR und Zizers GR. Ob das alles Irrläufer und Versehen waren, ist ungeklärt: Entweder war es ein Bomben-Pfusch oder aber es hatte auch geplante Warnschüsse dabei. Möglicherweise waren die Ursachen unterschiedlich. In Deutschland waren den Amerikanern die Ziele ausgegangen, da alle schönen Städte ohne irgendwelche strategische Notwendigkeit in Schutt und Asche gelegt worden waren, wofür das offizielle Deutschland noch heute seine Dankbarkeit durch Unterwerfung bekundet ... ich konnte das nie fassen.
 
Das Dokument von Karl Hirrlinger
Im Zusammenhang mit meinen Besichtigungen in Stein am Rhein versuchte ich, Unterlagen zur dortigen Bombardierung vom 22. Februar 1945 zu erhalten. Ich begab mich am 1. April 2008 zur Stadtbibliothek bei der Rheinbrücke, deren Tür offen war, weil 2 nette Damen gerade weniger gefragte Romane aussortierten; an sich wäre die Bibliothek geschlossen gewesen. Ich entschuldigte mich für die Störung und sagte, eigentlich suche ich bloss Literatur über das Steiner Bombardement. Mit kühnem Griff zog Frau Züst einen vervielfältigten Text in einem Plastikmäppchen hervor: „Die Bombardierung von Stein am Rhein am 22. Februar 1945 und ihre Zusammenhänge“ von Karl Hirrlinger (Beitrag für die „Heimatblätter“ des Historischen Vereins von Stein am Rhein, 6. Jahrgang 1982). Ich durfte die Schrift leihweise mitnehmen; sie erwies sich als wahre Fundgrube.
 
Die Geschichte der Luftwaffe
In diesem Beitrag hat Karl Hirrlinger, ein talentierter Lokalhistoriker und Augenzeuge, die vorliegenden Fakten akribisch im grösseren Zusammenhang dargestellt und interpretiert; er wollte zeigen, „wie es eigentlich gewesen ist“, um auch die „Sinnlosigkeit eines totalen Kriegs“ darzustellen. Er schrieb zuerst einmal über die Entstehung der Luftwaffe (Fliegerwaffe) im 1. Weltkrieg, der die Entwicklung der Flugmaschinen beschleunigte. Ab 1917 häuften sich Flugangriffe der Kriegsführenden auf Städte. Der „eigentliche Urvater“ (so Hirrlinger) des strategischen Luftkriegs, der italienische General Giulio Douhet, schrieb in den 1920er-Jahren, fasziniert von den neuen todbringenden Möglichkeiten: „Der Krieg ist nunmehr unterschiedslos gegen das gesamte Feindgebiet zu führen, ohne Beschränkung der erlaubten Ziele und Mittel, also auch mit Flächen-Gas-Grossangriffen.“ Wurden anfänglich zivile Gebiete verschont, kam es bald zu Verstössen gegen die auch im Kriege geltenden Rechtssätze: Schon die frühesten taktischen Bomber-Einsätze gegen Guernica in Spanien (29. April 1937), Warschau und Rotterdam trafen vorwiegend von Zivilisten bewohnte Gebiete.
 
Der Schweiz standen für den Einsatz zum Schutz des Landes im 2. Weltkrieg 5 verschiedene Flugzeugtypen zur Verfügung, die mit Ausnahme der 40 Messerschmitt Me-109 alle den ausländischen Kriegsflugzeugen vergleichbarer Verwendungsklasse deutlich unterlegen waren. Die 3 Schweizer Fliegerregimenter verfügten damals über 96 Flugzeuge, welche für die Jagd in der Luft verwendbar waren. Dazu kamen 138 Beobachtungs- und Erdkampfflugzeuge (60 Fokker „C-V“ und 78 „C-35“). Weitere Maschinen waren in den Werkstätten der Kriegstechnischen Abteilung im Bau. Dennoch bestand am 8. Juni 1940 die Schweizer Luftwaffe ihre Feuerprobe glänzend: 8 bis 12 schweizerische Jäger nahmen über dem Jura den Kampf gegen die Übermacht von 32 deutschen „Me 110“-Maschinen auf. Dabei wurden mehrere deutsche Flugzeuge abgeschossen; die Schweizer Jäger wurden lediglich beschädigt.
 
Nach der Kapitulation von Frankreich am 17. Juni 1940 wurde der Einsatz von Flugzeugen zum Schutze der Schweizer Neutralität vollständig untersagt, damit Deutschland nicht provoziert wurde. Vom 25. Oktober 1943 an hatte die Fliegertruppe wieder Alarmpatrouillen zu stellen, weil die Schweiz immer häufiger durch US-Bomber überflogen wurde. Insgesamt wurden 158 amerikanische Bomber von den Typen „B-17“ und „B-24“ abgefangen und interniert.
 
Die Bomben auf Stein am Rhein
Am 22. Februar 1945 war die US-Bombergruppe „Squadron“ (= Schwadron, Geschwader) unterwegs, die Kitzingen in der Nähe von Bamberg in Unterfranken zerstören wollte (was tags darauf denn auch tatsächlich geschah). Eines der 3 Geschwader („95 C“) verlor den Kontakt mit den beiden anderen und gerade auch noch die Orientierung, und der Kommandant suchte nach einem Gelegenheitsziel, um seine Bombenfracht loszuwerden. Er entdeckte nach seinem Irrflug weit in den Süden eine kleine Stadt mit einer Bahnanlage: Singen am Hohentwiel, nahe bei Stein am Rhein. Dort warfen 5 der 6 Bomber ihre zerstörerische Fracht ab, und das 6. Flugzeug des Geschwaders (Nummer 8106), das zur 8. US Air Force gehörte und von Lt. Lenox geflogen wurde, hatte sich schon 2 Minuten vorher über Stein am Rhein von den 9 Stück 500-Pfund-Bomben entlastet – mittags um 12.35 Uhr. Der Pilot hatte zwar die grossen weissen Kreuze als CH-Hoheitszeichen gesehen, die auf manchen Dächern von Stein am Rhein angebracht worden waren, doch wusste er nicht, was das bedeutete. Karl Hirrlinger wörtlich und diplomatisch über den Bildungsstand der Amerikaner: „Dass es mit der Unterrichtung der Besatzungen über die topographischen Verhältnisse an unserer Nordgrenze nicht zum Besten stand, wissen wir. Aus den Aussagen eines anderen Piloten ersehen wir aber, dass es sehr wohl Leute gab, die wussten, wann sie in der Schweiz ihre Last abgeladen hatten. Denn ein weiterer Pilot von 95 C schreibt in seinem Einsatzbericht in der Spalte ,Ziel’: ,Schaffhausen, Switzerland, DEAMED fine Swiss Town’. Das soll im Jargon etwa heissen: ,Nette Schweizer Stadt abgerahmt’.“
 
In Stein am Rhein stand der Uhrzeiger am Untertorturm um 12.35 Uhr still, und damit war auch die warme Glockenstimme verstummt. 12 Wohnhäuser und 2 Betriebe waren schwer, ebenso viele leicht beschädigt. 9 Menschen (4 Frauen, 4 Mädchen und 1 Knabe) wurden getötet, und 15 schwer Verletzte mussten in Spitalpflege gebracht werden. Im Geprassel von Ziegeln, Glassplittern, Steinen und Erde stieg bei Untertor eine schwarze Wolke auf, die das ganze Städtchen einhüllte. An Gebäuden, die beim Untertor noch standen, waren die Wände weggerissen. Tiefes Leid verbreitete sich übers Städtchen nach dieser „Abrahmung“ aus unerklärlichen Gründen.
 
Im April 1945 haben der damalige Stadtpräsident von Stein am Rhein, Johannes Winzeler, und einige weitere Autoren eine kleine Denkschrift über den 22. Februar 1945 vorgelegt, worin die Katastrophe detailliert dargestellt ist. Darin wird von Otto Stiefel darauf hingewiesen, dass unter den zerstörten Bauten einige waren, „die für Steins Aussehen, Wesen und Leben typisch und wichtig gewesen sind“, insbesondere das Untertor und die flankierenden Häuser „Kohli“ sowie der „Nieder Hof“ (der „mittlere Hof“). Auch die schönen Bürgerhäuser „Wasserfels“ und das „Haus zur Rose“ waren dermassen beschädigt, dass sie neu aufgebaut werden mussten.
 
Suche nach den Gründen für die Bombardierung
Am 3. April 2008 habe ich mit Karl Hirrlinger telefoniert, der sich in aller Bescheidenheit als „Hobbygeschichtler“ bezeichnete. Er ist überzeugt, dass die Bombardierung von Stein am Rhein auf ein Versehen zurückzuführen war; er stützte sich dabei auch auf die Einsicht in den Interpretationsreport „United States of America, General Services Administration, National Archives and Records Service, Washington D.C.20408“. Laut Hirrlingers Angaben haben die USA den Schaden mit der Überweisung von rund 2 Mio. CHF um 1948/49 an Stein am Rhein teilweise wieder gutzumachen versucht (was sind 9 Menschenleben wert?). Später gab es kein derartiges, relativ anständiges Verhalten der Amerikaner mehr; für die Verwüstung und Vergiftung von Vietnam und anderen Ländern zahlten die Amerikaner nichts. Es war ja auch nicht möglich, für die exorbitanten Schäden, die sie mit ihren Giften wie Agent Orange, Atombomben und anderen Bomben, auch solchen mit radioaktiven Sprengköpfen, überall auf der Welt anrichteten, aufzukommen. Würden sie auch nur einen Teil wenigstens der materiellen Schäden gutzumachen suchen, müsste das Ausplündern der Welt via Sammelklagen, Strafen und den Diebstählen, genannt Suprime-Krise, noch ausgedehnt werden. Und viele Schäden wie die Zerstörung auch kultureller Werte wie etwa in Bagdad und die Hunderttausenden von Todesopfern unter den Zivilisten wären auch mit Geld nicht wiederherzustellen.
 
Im neuen Buch „Stein am Rhein. Geschichte einer Kleinstadt“ wird auf die Produktion von Kriegsmaterial durch die Schaffhauser Maschinen- und Metallindustrie und (in weit geringerem Ausmass) durch die Steiner Firma Herfeld hingewiesen, die 1942/43 Rüstungsgüter an Deutschland lieferte, vor allem Gabelschrauben für die Führung von Kabelleitwerken in Flugzeugen. Das könnte ein Motiv für die Bombardierung gewesen sein; doch das Logbuch enthält keine Hinweise auf solch einen Auftrag.
 
Bombardierungen der USA in aller Welt
Meine Recherchen zu den im Krieg so genannten amerikanischen „Karawanen des Todes“, die auch auf die Schweiz übergriffen, und insbesondere das Gespräch mit Herrn Hirrlinger brachte für mich Schlüsselerlebnis-artige neue Einsichten.
 
Besonders bei den US-Bombardements in Afghanistan und im Irak habe ich bei der Lektüre über Einsätze der Luftwaffe immer verwundert den Kopf geschüttelt, wenn Amerikaner ihre Bomben auf zivile Ziele abwarfen (und es noch immer tun) und beliebig viele Opfer von Zivilisten, einschliesslich Kindern, in Kauf nehmen und nach Lust und Laune Kriegsverbrechen begehen, das Völkerrecht verletzen. Oft scheint es, dass es zu dieser unmenschlichen US-Strategie gehört, die Völker durch möglichst viele Opfer unter der Zivilbevölkerung und die Zerstörung besonders wertvoller Kulturdenkmäler zu demoralisieren, Kriegs- und Menschenrechtsverletzungen hin oder her.
 
Dazu kommen weitere Gründe: Die Amerikaner kennen die unterschiedlichen Mentalitäten nicht und befassen sich bestenfalls liederlich mit der Geografie, obschon dies durch die modernen Navigationssysteme sehr erleichtert wäre. Offensichtlich ist es so, dass viele Bomberpiloten mit ungenügendem Ausbildungsstand ihre Munition einfach möglichst bald loswerden möchten – auf der Grundlage des Selbsterhaltungstriebs. Eine Rückkehr zum Startflugplatz mit den Bomben wäre bei der Landung gefährlich für die Besatzung und würde auch bedeuten, dass sie ihren Auftrag des Bombardierens nicht erfüllt habe. Deshalb werden Bomben einfach auf Pseudoziele abgeworfen, sogar auf Hochzeitsgesellschaften (wie in der irakischen Stadt Ramadi) – ohne Rücksicht auf Verluste, einschliesslich des Friendly Fire, des Beschiessens eigener oder verbündeter Truppen. Wenn die Bomben irgendwo ihr Unheil angerichtet haben, können die oft verängstigten Piloten das Flugzeug hochziehen, in den Wolken verschwinden und zum Ausgangsort zurückkehren – in Sicherheit.
 
Bei dem Vernichtungspotenzial der US-Army, gepaart mit Bildungsmangel und dem bekannten Schlendrian, zeitigt diese explosive, sich potenzierende Mischung logischerweise grauenhafte Auswirkungen. Die Kriegswirklichkeit ist ganz anders als uns die Lügner vom Dienst weismachen wollen: ein Tod und Zerstörung bringender Bombenpfusch, der durch keinen Vorwand zu rechtfertigen ist.
 
Stein am Rhein hat sich wieder erholt, und in Büchern zur Lokalgeschichte geht jener 22.02.1945 allmählich in der Faktenfülle unter; er wird zum randständigen Ereignis. Aber seine Bedeutung für die Erklärung für das Verhalten der Krieger aus den USA, die mehr Geld für die Rüstung ausgeben als die gesamte übrige Welt zusammen und ohne moralisches Bewusstsein ihre Weltherrschaft anstreben, bleibt der Schreckenstag von Stein am Rhein ein bezeichnendes Ereignis, ein Lehrstück.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Stein am Rhein
 
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