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BLOG vom 28.04.2008


Der Achenberg in Küttigen AG: Ein entzückender Jurarücken
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Genau im Norden des Dorfs Küttigen, das seinerseits genau im Norden der Stadt Aarau ist, erhebt sich der Achenberg (Acheberg). Das ist ein Rücken des Kettenjuras zwischen dem Homberg und der Wasserflue bzw. dem Brunnenberg, eine wenig spektakuläre landschaftliche Formation, wie sie der Jura noch und noch hervorgebracht hat. Doch eine Besonderheit hat dieser Achenberg schon aufzuweisen: Er ist in den höheren Lagen nicht verstrasst. Waldstrassen gibt es praktisch nicht, weil die Küttiger dort oben bisher keine Güterregulierung zuliessen, mit der ja bisher meistens die Anlage von üppigen befahrbaren Wegnetzen verbunden war. Das ist einer der Gründe für meine nachbarliche Sympathie zu Küttigen. Es gibt auf dem Achenberg nicht einmal Wanderwegweiser; sie begleiten ganz unten die Benkenstrasse. Der Achenberg ist nicht erschlossen.
 
Nachdem ich am Sonntagnachmittag, 20.04.2008, einen alpinistischen Bewegungsdrang verspürt hatte und mir einmal diesen Achenberg vornehmen wollte, wusste ich nicht so recht, wo ich denn in diese Bergwelt einsteigen sollte. Ich begab mich aufs Geratewohl zum Ausgang der Bänkerchlus am Fusse des Bänkerjochs, wo der Aarauer Buchdrucker Remigius Sauerländer in den Jahren 1822 bis 1824 seine Papiermühle („Papirmüli“) errichten liess, die 1951 renoviert wurde, wie am Rundbogen des Eingangsportals eingemeisselt ist. Inzwischen ist daraus ein Mehrfamilienhaus geworden.
 
Etwas dorfwärts ist zwischen der Benkenstrasse und den ausgedehnten Rebanlagen eine Ansammlung von Einfamilienhäusern entstanden, die vom Oesterweg erschlossen wird. Unter einer Pergola wurde dort von Hundefreunden getafelt, und ich erkundigte mich bei ihnen nach dem Weg zum Achenberg. Eine freundliche Frau zeigte hangwärts und sagte, der Aufstieg habe schon etwas mit Freestyle zu tun; und einer der Männer empfahl eher den Weg via Reben – und dann nach links hinauf. Hunderudel spornten mich mit heftigem Bellen zum Weiterwandern an.
 
Aufstieg zum Achenberggipfel
Aus dem Rebberg war die Sicht ins Aaretal und bis zum weiss-blauen Alpenkranz wunderbar klar. Ich wandere weiter gegen Osten durch die Reben, teilweise vorbei an Neuanpflanzungen, die mit Hülsen geschützt sind, und bog dann nach Norden zum Geissenacher ab, wo die Andeutung eines Wegs zur felsigen Krete im Westen führt. Schon dort zeigt sich das Gebiet in eindrücklicher (wenn auch relativer) Naturbelassenheit. Auf einer mageren Wiese in einer Lichtung am Waldrand blühten die Frühlingsschlüsselblumen mit ihrer goldgelben Krone, die gegen den Schlund orange wird. Sie lieben trockene Wiesen und kalkige Böden. Und im lichten Wald drin stand schon ein breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) in Purpurrot da, wohl etwa 2 Wochen früher als üblich. Auch der Waldmeister (Maikraut“, Galium odoratum Scop.,) erinnerte an dieser reich strukturierten und botanisch bemerkenswerten, südexponierten Hangflanke mit ihren Wiesen, Feldgehölzen, Hecken und Wäldern bereits im April an die bevorstehende Bowlenzeit.
 
Beim weiteren Aufstieg hielt ich mich an die teilweise beinahe senkrecht abfallende Krete, fast eine Gratwanderung. Die brüchigen Kalksteinwände schienen an verschiedenen Orten nur durch das Wurzelgeflecht von schwindelfreien Föhren zusammengehalten zu sein. Einige von ihnen sind abgestorben; wahrscheinlich sind sie im Hitzesommer 2003 verdurstet.
 
Sind solche felsigen Abstürze, die es in diesem Jurasektor auch auf der Wasserflue, auf der Hombergegg und auf der Gisliflue gibt, so etwas wie grosse Orgeln, die bei Mondlicht ein schönes Singen und Spielen erzeugen, eine Musik, in der kein einziges Instrument fehlt? In den „Schweizersagen aus dem Aargau“ von Ernst Ludwig Rochholz kann man darüber lesen – und zwar im Kapitel „Das Guetigsg’heer am Aarauer-Homberg.“ Diese vom Guenishirten angeführte Musik, die in Mondnächten im Frühjahr auf dem linken Aareufer stets (in der Hauptwindrichtung) von West nach Ost geflossen sei, soll ein gutes Jahr verkündet haben, weshalb man das „Klingen und Tönen in der Luft wie von tausend Instrumenten“ eben „Glücksheer“ nannte. Schlechte Musik (schlechter Gesang) aber nennt man in Küttigen „Gueitigsg’heer“.
 
Diesmal war alles ruhig. Auf der Krete gibt es kein künstliches Weglein. Wie die Zacken einer vergrösserten Feile, aus der gelegentlich eine Buche herauswächst, baut sich die Kretenlinie zum Kulminationspunkt hinauf auf, vorbei an einem einsamen Wald-Storchschnabel (Geránium sylváticum L.) mit seinen rotvioletten Blüten.
 
Die Krete weist verschiedene Buckel auf. Man hat immer das Gefühl, auf der nächsten Anhöhe habe man den Gipfel erreicht, und dann kommt noch eine Stufe, dann eine weitere. Aber irgendwann ist der Höhepunkt erreicht: eine Feuerstelle am Rand eines runden, leicht vertieften Platzes, und dort ist ein Markierstein, in den ein stehendes Dreieck eingekerbt ist, offensichtlich der Triangulationspunkt.
 
Hier traf ich Francesco Weber, der in der Au in Auenstein (in der Nähe der Aarebrücke nach Wildegg) wohnt und in diesem unwegsamen Gebiet 39 Aren Wald besitzt, der einzige Mensch, dem ich im oberen Achenberg-Sektor begegnet bin. Mit seinem Feldstecher beobachtete er weiter unten Richtung Asperstrihen eine Gemse (Gämse); ich hatte auf der Südseite ebenfalls eine ausgemacht. Er habe einmal 18 Stück gezählt, sagte er mir. Wahrscheinlich ist es die Ungestörtheit, die den Achenberg zum Gemsen-Biotop werden liess.
 
In der steilen Südflanke sind die von „Lothar“ am 26.12.1999 umgeworfenen Bäume nicht entfernt worden, sondern das Sturmholz darf vermodern und das ökologische Geschehen bereichern. Herr Weber holt jährlich etwa 3 Ster aus seinem Besitztum heraus, genug, um das Haus zu beheizen, das er zusammen mit seinem Vater bewohnt. Der nette, bescheidene und ortskundige Mann im mittleren Alter mit einem Mammut-Logo auf der dunkelblauen Dächlikappe erzählte mir, bis vor etwa 10 Jahren habe auf dem Gipfel ein grün gestrichenes Kreuz gestanden, und in einem Holzhäuschen sei das Gipfelbuch versorgt gewesen, in das man sich habe eintragen können. Doch diese Attribute des Achenberg-Höhepunkts wurden offenbar von einer grillierfreudigen, blödsinnigen Gesellschaft kremiert; mein Gesprächspartner fand seinerzeit in der Asche noch Überreste von grün bemaltem Holz.
 
Wir beide hatten übereinstimmend das Gefühl, dass der eigentliche Gipfelpunkt des Achenbergs etwa 50 m weiter östlich liege, denn es gibt noch einen kleinen Anstieg zu einem leicht erhöhten Höhepunkt. Dieses weitere Achenberg-Geheimnis konnten wir nicht lüften: Wieso ist der Gipfel nicht auf dem wirklichen Gipfel?
 
Abstieg zur Benkerklus
Um nicht mehr die beschwerliche Kretenroute nehmen zu müssen, versuchte ich den Abstieg durch den Wald Richtung Süden. Doch kam ich auf dem trockenen Buchenlaub auf der lehmigen Erde ins Rutschen, einem Schneebrett ähnlich; ich hatte die Trittfestigkeit über- und die Steilheit unterschätzt. Nach etwa 20 m kam ich zum Stillstand, konnte mich an einem in der Hangrichtung am Boden liegenden Baumstamm und einem fest verankerten, abgeplatteten und abgerundeten Kalkstein wieder nach oben hangeln und ging dann vorsichtshalber über den Kretenkamm zurück. Die Gemsen würden über diese beschränkte Geländegängigkeit den Kopf samt den rückwärts gebogenen Hörnern geschüttelt haben.
 
Ich war froh, dass der Regen noch etwas auf sich warten liess; vorerst bauten sich erst einige Wolken auf. Denn auf dem steilen, lehmigen Boden wäre der Abstieg zu einer unvermeidlichen Rutschpartie geworden, und mein diesbezüglicher Bedarf war gedeckt. Ich steuerte die Papirmüli (genau so liest man es auf der Landeskarte 1:25'000) an und konnte die letzten Meter über ein steil abfallendes Weglein zurücklegen, das bei der Postautohaltestelle „Benken Klus“ an der via Oberhof  und Wölflinswil ins obere Fricktal (Frick) führenden Benkenstrasse endet. Die Klus (Engpass in einem Quertal) war während des 2. Weltkriegs mit Bunkern und Panzersperren befestigt.
 
Naturschutz soll intensiviert werden
So hatte ich den Achenberg endlich einmal hautnah erlebt. Meines Erachtens wurde er zu Recht ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) aufgenommen. Die Pro Natura Aargau will den Schutz dieses Südhangs der 1. (vordersten) Jurakette zwischen Staffelegg- und Benkenstrasse noch ausbauen, zu dem die weitsichtigen Küttiger die Grundlagen schon früh geschaffen haben. Hier spielt also nach wie vor eine wunderschöne ökologische Musik, die von ornithologischen Seltenheiten wie dem Neuntöter und der Goldammer bereichert wird.
 
Die Nordseite des Achenbergs („Waldreservat Königstein“) gehört dem Kanton Aargau, und der Hang südlich der Krete ist im Besitz von 80 verschiedenen Eigentümern, unter denen Herr Weber ist. Die Pro natura will viele der Kleinstparzellen, die kaum eine wirtschaftliche Bedeutung und nur wenig Wert haben, aufkaufen; ihr Besitz macht hier zurzeit etwa 8 Hektaren aus. Sie will verhindern, dass noch ein Landwirtschaftshof ins oder an den Rand des empfindlichen Gebiets gestellt wird, wie das 2006 versehentlich geschehen ist.
 
Ich bin zuversichtlich, dass der Schutz dieses Gebiets weitergeführt und noch verbessert werden kann, ohne dass Herr Weber auf sein Brennholz, dessen Abtransport ihm viele Mühen bereitet, verzichten muss. Dann hätten die Küttiger mit ihrem Achenberg ein Vorzeigeobjekt von noch erhöhter Bedeutung, auf das sie schon heute stolz sein dürfen. Das naturschützerische Freistilringen möge sich in hoffentlich engen politischen und weiten geografischen Grenzen halten.
 
Hinweis auf weitere Blogs über den Jura bei Küttigen, Biberstein und Umgebung
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