Textatelier
BLOG vom: 05.05.2008

La Côte (04): Setzlinge aus dem Schlossareal von Prangins

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Samen und Setzlinge, die eine stolze Geschichte haben und einen grossen Namen tragen, brauchen die passende Verkaufsatmosphäre; zum Beispiel Schlösser wie jene von Wildegg im Aargau oder Prangins im Waadtland gewährleisten diese. Sie beide haben vorgelagerte Gärten, und in beiden gibt es alljährlich Setzlingsmärkte der Pro Specie rara, die sich um die Bewahrung alter Sorten (und Rassen) bemüht.
 
Der Pflanzenmarkt
Diesmal besuchte ich am 26. April 2008 den traditionellen Setzlingsmarkt im Château de Prangins, das (wie das Schloss Wildegg) eigentlich eine Filiale des Schweizerischen Landesmuseums mit Hauptsitz beim Hauptbahnhof Zürich ist, also des Grossunternehmens „Schweizerische Nationalmuseen“ (Musée Suisse“), das 8 Museen erfasst. Und wenn man schon traditionelle Bauwerke erhalten will, gehört deren Umgebung dazu – also die Pärke und Gärten, in denen Gemüse und Früchte gezogen wurden. Es sollen nicht irgendwelche modetrendigen Allerweltssorten gepflanzt werden, sondern jene von damals. In Prangins bietet das nahe Forschungszentrum Changins beste Voraussetzungen dafür, eine Symbiose. Nur so kann die Geschichte im vollen Umfang lebendig werden – zum Anfassen und zum Anbeissen. Pflanzen und Bauten sind Teile der Geschichte.
 
So werden denn in Prangins (wie in Wildegg) jeweils zur richtigen Pflanzzeit beinahe ausgestorbene Varietäten von Auberginen, Rüben, Randen, Kohl, Peperoni und Tomaten neben einer Fülle von Sämereien jenen Naturliebhabern angeboten, die gleichzeitig etwas für die Biodiversität tun und gleichzeitig für Abwechslung auf dem Teller sorgen wollen. Auch Coop hat sich ins Biopflanzengeschäft eingenistet, und der grosse Andrang in Prangins bewies, dass auch von dieser Seite einiges zur Verbreitung alter Sorten geleistet wird: Blaue Kartoffeln, Hornpeperoni und Küttiger Rüebli (Karotten). Alte Sorten verschwinden im Übrigen wegen Züchtungen, Selektion und Optimierung, Monokulturen und der unverantwortlichen Gentechnologie immer mehr, eine Verarmung an der Ernährungsbasis.
 
Wir haben uns diesmal vor allem auf alte Tomatensorten kapriziert, um der Langeweile des Horssol-Angebots ein Schnippchen zu schlagen: gelbe Tomaten, St-Pierre, Roma, San Marzano, längs gekerbte Zapotek, Canestrino di Luca, Black Plum und dergleichen, und eine Gurkenart mit fingerförmigen Blättern (Cyclantère à feuilles digitées) nahm ich ebenfalls mit. Für 4 CHF pro schön entwickeltes Jungpflänzchen konnte man sich hier gütlich tun.
 
In einem Gartengeschäft kaufte ich in den folgenden Tagen ein zusammensteckbares Tomatenhaus mit Satteldach, Fenstern und Portal mit Reissverschlüssen, teure Bioerde und organischen Dünger. Beim Aufbau dieses Plastikhauses kam ich mir wie damals beim Camping vor. Ich rechnete aus, dass mich das Stück Tomate auf 4 bis 5 CHF zu stehen kommen wird, je nach Ertrag, und entsprechend andächtig werden wir diese ausgereiften Früchte geniessen, falls der Anbau gelingt. Zum Preis von 4‒5 selbstgezogenen Tomaten (20 CHF) konnte ich auf dem Markt auch eine Schrift über die alten Gemüsepflanzen kaufen: „Plantes potagères du Château de Prangins“, wunderschön illustriert und ausführlich beschrieben, auch zur Wiederbelebung der französischen Sprache geeignet. Falls der Ertrag im Tomatenhaus wegen höherer Mächte ausbleiben sollte, werde ich dieses Buch wieder hervor nehmen und anschauen.
 
Der Schlossgarten
Der von einer Ringmauer eingefasste Schlossgarten, nach zeitgenössischen Quellen über einem teilweise aufgefüllten Schlossgraben restauriert, war zum Zeitpunkt unseres Besuchs Ende April 2008 noch nicht zur Hochform aufgelaufen, aber doch ein Schaustück. Dieser Garten zwischen dem Lustschloss, das der Baron Louis Guiger (1675‒1747),ein St. Galler Bankier, anstelle eines verwahrlosten Gutshauses zwischen 1728 und 1939 erbauen liess, und der Kirche Prangins ist in 4 Carrés (Vierecke) unterteilt, in deren Zentrum ein Springbrunnen noch nicht arbeitete. Guigers Nachkomme Jean-Georges (1707‒1770) hatte den Garten anlegen lassen.
 
Die Wege zwischen den Beeten sind breit, und offenbar trägt das Klima innerhalb der Mauern zur Wuchsfreude bei. Ein so üppiges, walmförmiges Rosmarinbeet wie hier habe ich noch nie gesehen. Grüne Spargeln schauten aus der feinkrümeligen Erde hervor. Zwiebeln wie die Gelbe Savoyer (L’oignon Jaune de Savoie), Lauch und Topinambur dienten wahrscheinlich der Produktion von Nachwuchs, wie andere Raritäten auch, inklusive Blumen und Beerensträucher. Im 18. Jahrhundert war das Schloss wegen der Rosenvielfalt berühmt gewesen.
 
Und immer wieder schaute ich hinauf zu Schloss oder zum Dorf auf der entgegengesetzten Seite, das auf einer Mauer mit Spalierbäumen zu stehen schien. Links ans Schloss anschliessend ist das einstige Ofenhaus, das ab 1815 als Pförtnerloge diente. Nach unten versetzt sind eine Dépendence für die Gartengeräte und ein Gewächshaus. Rechts ist der zum Schloss gehörende alte Bauernhof (1728), der heute als Gemeindehaus dient. Die ihn umgebenden Mietshäuser stehen an der Stelle der einstigen Pferde- und Viehställe der Schlossdomäne. Neben dem Garten hat es einen nach englischem Muster angelegten Park, und der Hauptbau ist von riesigen Platanen flankiert, die aus dem 18. Jahrhundert stammen.
 
Das Schloss
Inzwischen war es 11 Uhr geworden, und das aus Sandsteinquadern erbaute Schloss Prangins stand ab jetzt zur Besichtigung offen. Ich hatte vorerst etwas Mühe, den richtigen Eingang zu finden, hat doch dieses Schloss kein Hauptportal, sondern 8 gleichwertige kleinere Eingänge an den 3 gleich grossen Baukörpern, die von viereckigen Türmen flankiert sind. Im Innenhof fanden wir den kleinen Eingang, hinter dem die Kasse und eine Art Kiosk ist. Wir bezahlten 7 bzw. 5 CHF (Rentnerermässigung) Eintritt und starteten gleich zum Rundgang und damit zu einem Exkurs über das seinerzeitige bürgerliche Wohnen und konnten den Übergang vom Ancien Régime (die Regierungsform der alten Bourbonen aus Frankreich vor den Napoleonischen Kriegen, also vor 1789/92) zur modernen Schweiz nachvollziehen.
 
Wir stiessen sogleich auf eine Gruppe von Besichtigungsteilnehmern, denen ein älterer, bescheiden wirkender, freundlicher Herr mit buschigen Augenbrauen mit unaufdringlicher Stimme vom Schloss erzählte. Ich nahm an, es handle sich um eine allgemein zugängliche Führung und lauschte seinen Aussagen wie gebannt; hier sprach offenbar ein ausgesprochener Fachmann. Er erzählte von der bewegten Schlossgeschichte, liess die feudale Herrlichkeit auferstehen.
 
Das Haus war fast 100 Jahre im Familienbesitz der Guiguers: Louis, Jean-Georges, Louis-François und Cherles-Jules. 1814 ging die Anlage an Joseph Bonaparte, den älteren Bruder Napoleons. Sie wechselte mehrmals die Hand und wurde von den „Herrenhuter Gemeinen", einer auf den Grafen von Zinzendorf und sein Gut Herrenhut zurückgehende Gemeinschaft (Brüdergemeine", eine evangelische Freikirche) aus dem 18. Jahrhundert, erworben, die hier eine Schule führte. Und schliesslich kam das Schloss über Umwege wie die Mutation zum Hotel und zur Hotelfachschule an die US-Gewürz-Millionärin Katherine McCormick, die nichts Gescheiteres damit anzufangen wusste als es den USA zu vermachen; eine Zeitlang wohnte der in Genf tätige US-Botschafter darin.1975 gelangte das Schloss glücklicherweise in den Besitz der Kantone Waadt und Genf, die es 1 Jahr später der Eidgenossenschaft schenkten. Der „Verein der Freunde von Schloss Prangins“ (Case postale 24, CH-1179 Prangins) trug und trägt aktiv dazu bei, dass das Schloss zur Zweigstelle des Landesmuseums in der Westschweiz wurde, und mit seiner Hilfe konnten viele Objekte gekauft werden, die im Schloss ausgestellt sind und die Voraussetzung auch für die Museumspädogogik verbessern.
 
Das Schloss als städtische Enklave auf dem Land sei als „globale Spekulationsblase“ entstanden, sagte der kundige Historiker, der sich auf meine Nachfrage hin als François de Capitani herausstellte, welcher die Einrichtung des Schlosses geleitet hatte. Da waren wir also zufällig in die denkbar besten Hände geraten, wie mir das immer passiert; einen ortskundigeren Begleiter gibt es wohl nicht. Er führte seine Gruppe, bei der es sich um die gastfreundliche Lehrerschaft einer theologischen Fakultät handelte, vorerst einmal in den Salon, wo das Streben nach Schönheit, Luxus und Vollkommenheit im Hinblick auf eine bessere Welt seinen Ausdruck fand. Das war einst ein Ort der Begegnung, wo man der Alltagswirklichkeit entflohen war, Gespräche führen, Harfenmusik lauschen und sich an grossen Landschaftsgemälden erfreuen konnte. Dem Musikunterricht kam damals als erzieherische Massnahme eine hohe Bedeutung zu, wahrscheinlich etwa die gleiche wie heute den Kriegs- und Killerspielen US-amerikanischer Bauart.
 
Im anschliessenden, mit Marmor ausgekleideten Speisesaal wurden damals die Mahlzeiten (Suppe, Fisch, Gemüse, Braten usf.) zum Fest, ein Ausdruck des Wohlstands und des Überflusses; wir aber standen im Trockenen bei einer Nulldiät. Festliches Besteck, feines Porzellan wie jenes aus dem benachbarten Nyon und schöne Gläser erzeugten eine Schlaraffenland-Atmosphäre auf hohem Niveau, ein Hinweis auf die geselligen Ideale, wie sie heute noch unser Dasein bestimmen. Ich spürte Hunger.
 
Andere Räume erzählen von der interfamiliären Kultur. Die Familie war im Sinne von Jean-Jacques Rousseau der Spiegel des Staats. Die Erziehung wurde zur Wissenschaft. Die Kinder leitete man zur Vernunft an, und man machte ihnen ihre Pflichten der Welt gegenüber bewusst. Ein Guckkasten in der Form eines Miniatur-Bürgerhauses brachte Bilder aus der weiten Welt ins Haus: Landschaften, Illustrationen zur Naturgeschichte, Märchen und biblische Geschichten.
 
Das Schloss ist voller Überraschungen, die vom früheren Leben und Reisen Kunde geben. So begegnet man einer vierspännigen Berliner Kutsche mit einem auf Lederriemen gelagerten Kasten und ausklappbarer Treppe. Die Herstellung dieses recht komfortablen Reisewagens dürfte laut de Capitani etwa 2 Jahresgehälter eines gut bezahlten Pfarrers verschlungen haben.
 
Andachtsvoll standen wir alsdann vor dem riesigen Gemälde „Die berühmten Schweizer“ von Jean-Elie Dautun (1776‒1832), einem Pfarrer und Maler aus Morges. Er versammelte auf dem imaginären Gruppenbild alle jene Männer und Frauen unter der Kuppel einer gotischen Kathedrale, die seiner Ansicht nach das Schicksal der Eidgenossenschaft bestimmt hatten, malte die Personen minuziös. Und der Historiker de Capitani kennt natürlich, soweit möglich, jedes einzelne der rund 135 Gesichter, wovon nur etwa ein halbes Dutzend noch nicht identifiziert werden konnte. Nach Dautuns Ansicht lebt die Geschichte in den grossen Persönlichkeiten, ihren Tugenden und Leistungen. Deshalb sind wohl die Humanisten und Reformatoren von Erasmus von Rotterdam bis Heinrich Bullinger prägnant ins Bild gerückt; neben den 12 Aposteln besetzt der Genfer Reformator Jean Calvin sogar das Bildzentrum. Berühmtheiten wie der Historiker Edward Gibbon, Abbé Raynal und Voltaire erhielten als eng mit der Schweiz verbundene Ausländer immerhin einen Fensterplatz. Auch die aus Le Locle stammende Künstlerin Marie Anne Calame ist hier künstlerisch verewigt.
 
Das Schloss bietet eine Lektion in Schweizer Geschichte, aber auch in Lebensphilosophie, wie etwa durch den Paravent über Glück und Unglück, ebenfalls ein Werk von Jean-Elie Dautun. Die Ausstellung widmet sich ferner dem vorindustriellen Zeitalter, der Entstehung des Bundesstaats, dem Alltag, der Eisenbahn, der Schule, den Massen und Münzen, dem Leben der Fabrikarbeiter, der Gesundheit und Hygiene (dazu ist neben einem Zahnarztstuhl mit Bohranlage eine Runddusche zu sehen, die man „Eiserne Jungfrau“ nannte), dem Krieg und eben all den Träumen von einer besseren Welt. „Das 19. Jahrhundert kann man sich nicht benebelt genug vorstellen“, sagte der Ausstellungsschöpfer de Capitani neben der Abbildung eines Trinkers, auf den damals hohen Alkoholkonsum anspielend. Neben all dem Luxus mussten vielerorts wohl oft Elend und Schmerzen heruntergespült werden. Die Schweiz wird auch als Ein- und Auswanderungsland vorgestellt.
 
Die Sachen des täglichen Bedarfs kaufte man in einem Kolonialwarenladen; eine solche Einrichtung, aus der Nähe des Bahnhofs Seewen SZ gerettet, ist im Schloss Prangins rekonstruiert; dieses Verkaufsgeschäft wurde 1883, kurz nach der Einweihung der Gotthardlinie, eröffnet. Eisenbahn und Dampfschiffe ermöglichten es jetzt, selbst Grundnahrungsmittel wie Getreide, Fette, Zucker, Kaffee, Tee usf. aus den Kolonialländern herbeizuschaffen, auch Teigwaren aus Hartweizen, der in der Schweiz nicht die besten Voraussetzungen findet. Mich „heimelete“ der Laden an, zumal ich in meiner Jugend noch viele der ausgestellten Packungen gesehen hatte: Indiana Cigars, Sunlight Seife, Gloria Glühbirnen, Cacao Sprüngli Zürich, Kaffee Hag, Frostbeulenkur …
 
Bin ich auch schon so alt ...? Ich kam mir wie ein Fossil vor und bedankte mich bei Herrn De Capitani, dieses wandelnde Geschichtsbuch, für die vollendete Rückführung in die Vergangenheit.
 
Wir begaben uns mit unseren Tomaten- und Gurken-Jungpflanzen zum Parkplatz unter dem Schloss (in Genferseenähe) und reisten nach Morges weiter, unsere La-Côte-Exkursion abrundend.
 
Auch dieses Morges wird ein paar Bemerkungen wert sein, nicht allein des Tulpenfests wegen.
 
Quelle und Buchhinweis
De Capitani, François: „Geschichte entdecken“, herausgegeben vom Schweizerischen Landesmuseum, Château de Prangins, ISBN 3-9080025-81-3.
 
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