Textatelier
BLOG vom: 06.05.2008

La Côte (05): Tulpenfest im Unabhängigkeitspark Morges VD

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Ein Feuerwerk von der sympathischeren Art traf ich am Samstag, 26. April 2008, im Park von Morges VD am Genfersee an: Tulpen in knalligen Farben wie weiss, gelb-rot, feuerrot, lila und einem satten Gelb blühten, in Rabatten farblich gruppiert, zwischen den hohen 50 verschiedenen Parkbaum-Sorten. Besonders imposant sind die Mammutbäume; sogar ein Urwelt-Mammutbaum (Metasequoia) ist da. Vertreten sind ebenso die Himalayazeder, der amerikanische Tulpenbaum (Tulipier de Virginie), die Schwarznuss (Noyer Noir), Blutbuche – neben grünen Ruhebänken und Denkmälern. Rund 100 000 Tulpen (300 Sorten) haben sich zusammen mit Hyazinthen und Krokussen hier versammelt. Der Parc de l’Indépendance (Park der Unabhängigkeit als Erinnerung an den 24. Januar 1798, als die Berner Herrschaft beendet wurde) zeigte sich an diesem sonnigen Tag von seiner schönsten Seite. Auf den Ufermauern sassen junge Menschen und feierten auf ihre unbeschwerte Weise das Frühlingsfest, eine 1971 eingeführte Tradition, die an Wochenenden musikalisch untermalt wird.
 
Der 30 000 m2 umfassende Unabhängigkeitspark befindet sich gleich neben dem wuchtigen Schloss, eine typische savoyische Anlage aus dem 13. Jahrhundert (1286 bis 1291 erbaut); wie das Schloss Rolle und das Schloss Yverdon ist es ein Geviert mit Ecktürmen (Carré savoyard), das denn auch tatsächlich auf die Grafen von Savoyen zurückgeht. Burg und Städtchen Morges sind um 1286 von den Grafen Ludwig und Amadeus V. von Savoyen gegründet worden.
 
Das nahezu quadratische Mauergeviert des Schlosses hat eine Länge von rund 40 m. Einer der Türme ist etwas grösser, weil er als Donjon (Wohn- und Wehrturm) ausgestaltet ist. Der Donjon wurde meistens vom Burgherrn bewohnt. Die Berner haben die Wehrgänge und die Türme um 1540 für den Gebrauch von Feuerwaffen ausgerüstet; auch die Scharten in der Ringmauer erhielten eine neue Form, die besser auf die Waffentechnik abgestimmt war. Das martiale, im Sinne von kriegerisch, grimmige Gepräge, welche die Schlossanlage dem Städtchen aufdrückt, hat seinen geschichtlichen Hintergrund. So zählte Morges während der Burgunderkriege zu den festen Stützpunkten des Herzogtums Savoyen, das mit Karl dem Kühnen verbündet war. Im 16. Jahrhundert wurde die Waadt von den Bernern annektiert – und sie blieb es bis zur erwähnten Unabhängigkeit, die Anlass für die Anlage eines schönen Parks war. Er entstand vielleicht auch aus dem Bedürfnis heraus, ein liebliches Gegenstück zu den Militäreinrichtungen zu schaffen, wozu möglicherweise heute auch das Humorfestival „Morges-sous-Rire“ dient.
 
Im 19. Jahrhundert wurde das Schloss zu einem Zeughaus umgebaut, und heute beherbergt es ein bedeutendes Militärmuseum (Musée militaire vaudois), das Artilleriemuseum und das Museum historischer Zinnfiguren, das ich vielleicht ein andermal besuchen werde. Während unseres Besuchs war das Wetter zum Abtauchen in die düsteren Abgründe des Kriegs zu schön.
 
Wir begaben uns am Yachthafen vorbei – den Hafen mit den 2 Dämmen hatten übrigens die Berner für ihre Kriegsflotte ausgebaut (16 000 m2) – in die nahe Altstadt mit den zahlreichen Bürgerhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dazu gehört das Maison Alexis Forel (Sammlung von Grafiken seit dem 16. Jahrhundert), eine historische Wohnstätte, in der auch Puppen und Spielzeug ausgestellt sind. Die Stadt mit ihren 2 Theatern und den mehreren Museen zeigt sich ausserordentlich kulturbewusst.
 
Die autofreie Grand-Rue und die parallel dazu verlaufende Rue Louis-de-Savoie waren wegen des Tulpenfests üppig beflaggt. Am nördlichen Abschluss der typischen Strassenstadt steht die momentan von einer Tiefbaustelle umgebene Kirche, die 1770 bis 1776 an die Stelle eines früheren, mittelalterlichen Gotteshauses hingestellt wurde. Architektonisch ist sie ein Mischmasch aus barocken und klassizistischen Elementen über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes mit vorgelagerten ionischen Kolossalpilastern, die ein Gebälk und eine Balusterattika tragen. Sie ist mit einem Frontturm versehen, der in die Fassade eingelassen (inkorporiert) ist. Sie gilt als einer der bedeutendsten Kirchenbauten des schweizerischen Protestantismus und wurde nach Plänen von Erasmus Ritter (1726‒1805) und Rodolphe de Crousaz erstellt. Nach meinem Empfinden kam da ein Zuviel an Schmuck- und Prunkbedürfnis zum Ausdruck.
 
In der Boutique Louis de Savoie, deren malerische Eingangspartie in einem ganz schmalen Reihenhaus mich sehr ansprach, tranken wir einen Kaffee und assen etwas Süsskonfekt, das nach portugiesischen Rezepten hergestellt worden war. Eva ortete eine Griess-Vanille-Füllung; doch nach der Ladeninhaberin war das ein Geheimnis. Der kleine Laden müsse wegen Umbau in einem Monat schliessen, sagte die nette Verkäuferin, die auch verschiedene Spezialitäten wie palästinensisches Olivenöl, Honig, hausgemachte Sandwiches usf. und einen „Croque Monsieur“ anbietet und die Dimensionen des kleinen Raums fast sprengt.
 
In einer nahen Biobäckerei beriet uns eine junge Verkäuferin mit unendlicher Geduld über die Dutzenden von Brotsorten, die in einem geflochtenen Korb aufgeschnitten zur Degustation bereit waren, Currybrot, Nussbrote, Früchtebrote usf. Wir liessen einige einpacken – und zwar in eine biologisch abbau- und kompostierbare Tüte (GVO- und bleifrei), für die uns nach der entsprechenden Offerte 20 Rappen in Rechnung gestellt wurden. „Jetez-moi au compost“ steht darauf. Und in einer Metzgerei deckten wir uns mit fabelhaften Saucissons ein, ohne die wir das Waadtland niemals verlassen, weil das eine schwere Unterlassungssünde wäre.
 
Alles in allem mutete mich dieses Morges mit seinen etwa 14 000 Einwohnern (Werbebezeichnung: „Fleur du Léman“) wie ein filigranes expressionistisches Monumentalgemälde an den von Reben überwachsenen Hügeln unter dem Plateau von Echichens an. Die erstarrte Geschichte ist von farbigem Leben erfüllt – das sind schon respektable Qualitäten.
 
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