Textatelier
BLOG vom: 10.05.2008

Burma-Katastrophe: Wenn Helfer mit der Armada aufkreuzen

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wenn ich nach der liebenswürdigsten Bevölkerung gefragt würde, die ich auf meinen Reisen kennen gelernt habe, müsste ich nicht nachdenken. Ich würde spontan antworten: Die Burmesen. Und entsprechend Leid tut mir ihr momentanes Schicksal; wahrscheinlich können wir uns das Drama, das sich im Delta des Irrawaddy (Irawadi) abspielt, gar nicht vorstellen. Und die ganze Welt ist entsetzt, dass Hilfsgüter und Helfer nur zu einem kleinen Teil ins Land hereingelassen werden. Die Militärjunta wird von den amerikanisch-orientierten Mainstreammedien und auch von den Politikern der „Wertegemeinschaft“ mit den übelsten Schimpftiraden bedacht, ganz anders als damals, als die USA nach der „Katrina“-Katastrophe die Hilfeleistungen an die mehrheitlich schwarze Bevölkerung von New Orleans verzögerten oder gar unterliessen. Laut dem örtlichen Polizeichef W.S. Riley trafen die ersten Truppen der Nationalgarde mit 40 Lastwagen erst nach 2 Tagen in der überfluteten Stadt ein: „Sie fuhren mit ihren Trucks rein und legten sich erst einmal schlafen." Die eingebetteten Medien hielten sich mit starken Worten zurück – im Gegensatz zu Burma.
 
Die wichtigste Frage im gegenwärtigen südostasiatischen Drama ist diese: Warum denn ist Burmas Junta so zögerlich im Zulassen von Hilfeleistungen? Wo liegt der Grund dafür?
 
Vielleicht kann es nicht schaden, ein bisschen junge Vorgeschichte in Erinnerung zu rufen: Seit die Wirtschaft der USA serbelt, der Dollar wie das Gletschereis an der Sonne schmilzt und die Rohstoffe unerschwinglich werden, versuchen die unersättlichen Amerikaner, asiatische Länder zu destablisieren, um sich die Bahn zu ebnen. Ein neues Beispiel dafür ist der Tibet, der mit Hilfe des Dalai Lama mit dem die Fäden ziehenden CIA im Hintergrund in Unruhe versetzt wird; das Vorfeld der Olympischen Spiele ist das geeignete Terrain dafür.
 
Und natürlich wird keine Gelegenheit ausgelassen, auch Burma (Birma, Myanmar) von aussen innerlich aufzuwühlen, damit das abgeschlossene, wunderschöne und rohstoffreiche Land mit den hochwertigsten Rubinen und anderen Edelsteinen allmählich für eine Grenzöffnung und für eine Infiltration westlicher Ausbeuter reif zu machen. Eine gigantische Naturkatastrophe, die wohl nicht ohne internationale Hilfe zu bewältigen ist, ist eine wunderbare Gelegenheit, um eine Vorhut einzuschleusen, ähnlich den christlichen Missionaren im Rahmen der Kolonisierungen. Die USA haben Burma ständig heruntergemacht, zum letzten Mal unmittelbar nach dem Wüten des Zyklons „Nargis“ in Form einer unsäglich dummen Rede der Präsidentengattin Laura Bush, die noch das restliche Geschirr zerschlug.
 
Nachdem die Proteste der buddhistischen Mönche durch das burmesische Militär im Sommer 2007 niedergeschlagen worden waren, begann Bush mit seiner erpresserischen Säbelrasslerei und verschärfte – zum Schaden der armen burmesischen Bevölkerung – rücksichtslos die Sanktionen aus Bill Clintons Zeiten (1997). Er verhängte eine Einreisesperre gegen Mitglieder der Militärregierung und fror deren Gelder ein, die zuvor offenbar entgegengenommen worden waren. Und aus US-Diplomatenkreisen stammt laut Spiegel online die Feststellung, dass man den Untergang der burmesischen Regierung beschleunigen wolle.
 
Und dann schickte sich die „First Lady“ an, das Klima zwischen Burma und den USA zusätzlich zu trüben, so weit das noch möglich war. Laura hatte wahrscheinlich das Versagen ihres Gemahls nach der Verwüstung New Orleans gerade nicht mehr präsent und warf den (ebenfalls) staatlich kontrollierten Medien von Burma vor, sie hätten es versäumt, die in der Schneise des Zyklons wohnende Bevölkerung rechtzeitig zu warnen. Und die bevorstehende Verfassungsabstimmung in Burma sei eine Inszenierung, um der Militärherrschaft eine falsche Legitimität zu geben. Und tags darauf heizte Bush Junior die miese Stimmung noch zusätzlich an, indem er die unter Hausarrest stehende Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi die Congressional Gold Medal, die höchste zivile Auszeichnung des US-Kongresses, verlieh.
 
Unterdessen setzte Bush, dieser globale Tölpel mit Generalvollmachten, einen der schlagkräftigsten Zerstörer der zerstörerischen USA, die „USS Mustin“, zu dessen Bewaffnung Torpedos und Tomahawk-Marschflugkörper gehören, mit Hilfsgütern in Bewegung; Burma lag gerade am Weg, denn dieses Kriegsschiff wartet seit 2006 im japanischen Yokosuka auf Einsatzmöglichkeiten. Es wird von 3 weiteren Schiffen der amphibischen Kampfgruppe „Essex“ eskortiert. Insgesamt sollen 1800 US-Marineinfanteristen eine grandiose Hilfe-Schau abziehen. Bush könnte nach all dem grandiosen Blödsinn, den er in seiner ablaufenden Amtszeit angerichtet hat, einen kleinen Erfolg als Wohltäter dringend gebrauchen.
 
Doch statt dieses erhofften Erfolgs vergrösserte er einmal mehr eine verheerende Katastrophe. Kein normaler Mensch kann doch Hilfeleistungen an verzweifelte Menschen blockieren, wohl aber eine Army-Show. Und wie sollen sich die Burmesen gegenüber den Mitläufern der USA verhalten? Selbst die Uno ist eine weitgehend US-dominierte Veranstaltung. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass beim Mauern gegen Helfer aus unerwünschten Ländern in unverantwortlicher Weise weit übers Ziel hinausgeschossen wird – wiederum zulasten der armen, hungernden und wohl auch sterbenden Bevölkerung. Doch zum Glück zeichnet sich im Moment ein gewisser Durchbruch bei der Zulassung von Hilfsgütern ab; sogar ein US-Flugzeug soll einfliegen dürfen.
 
Immerhin wurden bereits Flugzeuge des Roten Kreuzes und des Welternährungsprogramms (WFP) ins Land gelassen. Zudem sind erste Schweizer Hilfsgüter in Burma eingetroffen. Laut einer SRK-Mitteilung hat das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) in der Nacht auf Freitag, 09.05.2008, einen ersten Hilfsgüterflug von Kuala Lumpur nach Rangun organisieren können. Die Lieferung von 1000 Planen für Obdachlose war der Auftakt für weitere Transportflüge in den nächsten Tagen mit insgesamt 4000 Planen und Wasserkanistern.
 
Ferner sind 2 SRK-Logistiker auf dem Weg in die Region. Sie erwarten die Einreisebewilligung nach Birma. Insgesamt hat das SRK seine Finanzmittel für die Nothilfe auf 500 000 Franken erhöht, was natürlich nicht ausreicht. Das Rote Kreuz koordiniert seine Hilfsaktion mit der Internationalen Föderation der Rotkreuzgesellschaften, die bereits mehrere Delegierte vor Ort im Einsatz hat.
 
Was in den Medien also mit scharfen Worten als Ausschluss der Helfer gebrandmarkt wird, betrifft wohl vor allem die Einreisesperre gegenüber den Amerikanern. Und beim weiteren Studium der Medienberichte über ermöglichte und verhinderte Hilfsaktionen wird man also besser als bisher hinschauen müssen, aus welcher Küche die Berichte stammen.
 
Leider sind die Burmesen, die mir ans Herz gewachsen sind, von einer doppelten Tragik betroffen: von den Zerstörungskräften der Natur und einer dubiosen Helfershow nach US-Art, die das politische Klima masslos geschädigt hat. Für beides, für den Schaden am meteorologischen und am politischen Klima, können die wohl 1 500 000 obdachlosen, hungernden und verzweifelnden Menschen in Burma nichts. Sie hatten nicht die Mittel, das Klima zu beeinträchtigen. Sie leiden einfach. Sie sind es gewohnt, zu leiden.
 
Der einzige Trost für mich ist ihre unendlich grosse gegenseitige Hilfsbereitschaft, wie ich sie bei meiner staatlich nicht behinderten, freien Privatreise durchs Land vor genau 20 Jahren (im Mai 1988) beobachten konnte. Wenn ein Fahrzeug eine Panne hat, fährt niemand vorbei. Der Verkehr setzt sich erst wieder in Bewegung, wenn die Notlage behoben ist.
 
Inwieweit diese gegenseitige Hilfsbereitschaft mit Unterstützung von selbstlosen Helfern die gröbsten Schwierigkeiten überwinden kann, wird sich weisen. Ich wünsche den liebenswürdigen Burmesen viel Kraft, das für sie Richtige zu tun und genügend Hilfe in ihrer Not.
 
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