Textatelier
BLOG vom: 20.05.2008

Ringgi, Zofi, Max und Moritz Leuenberger und Globalisierung

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Als die Globalisierung noch nicht jene fürchterliche Fratze trug, die sie heute zur Schau stellt, vertrat ich mit Überzeugung die Ansicht, man sollte dem trägen, ineffizienten Staat möglichst wenig überlassen; denn die Privatwirtschaft sei besser geeignet, aktuelle Aufgaben zu bewältigen. Die Wirtschaft war vorwiegend national ausgerichtet, und bei ihren durchaus vorhandenen Auslandaktivitäten, die schon immer eine Rolle spielten, hatte sie die Fäden selber in der Hand, war also nicht in ein globales System eingebunden. Und sie machte es gut. Die Traditionsindustrie wuchs, passte sich neuen Bedürfnissen an und spürte noch eine soziale Mission. Die Arbeitsplätze waren mehr oder weniger sicher. Es war eine gute Zeit.
 
Die Lehrstücke
Plötzlich krachte es im bisher stabilen Gebälk zunehmend lauter. Die von den US-Finanzmächtigen vorangetriebene neoliberale Globalisierung (Profit um jeden Preis) warf alles über den Haufen. Wie im Detailhandel mit seinem Lädelisterben kam es unter dem merkwürdigen Zwang zur Grösse und zum immerwährenden Wachstum zu Fusionen und Fusionen von Fusionierten, und das Fusionsfieber franste in alle Bereiche aus. Gleichzeitig wurden die Institution Staat und damit die Bürger durch die Privatisierung von den ehemaligen Aufgaben entbunden und entmachtet, und selbst lebensnotwendige, allgemeine Güter wie das Wasser wurden zunehmend für Geschäftszwecke missbraucht. Die Auflösung bewährter Ordnungen gehört zur Strategie der Globalisierung: Die Destabilisierung zerbrach selbst Perlen wie die Swissair (bis hin zu traditionellen Bierbrauereien) und machte sie reif für Fusionen (Übernahmen). Die Geschichte und die Resultate sind ja bekannt. Und kaum ein Arbeitnehmer oder -geber ist in den vergangenen rund 15 Jahren nicht auf eine Weise vom neuen Globalisierungsdiktat in Mitleidenschaft gezogen worden.
 
In allen geschichtlichen Phasen gab es Zeiten von Verirrungen, die dann durch irgendwelche gravierenden Ereignisse korrigiert wurden: Die im Mittelalter mordende, stehlende und unterjochende christliche Kirche wurde durch die Reformatoren zurückgebunden, Adolf Hitlers Weltherrschaftspläne endeten im Debakel, und genau so wird es mit den Ansprüchen der kriegerischen Hegemonialmacht USA geschehen. Zusammen mit dem Dollar ist sie bereits jetzt im wirtschaftlichen, aber auch kulturellen Zerfall begriffen. Wer das nicht wahrhaben will, ist blind.
 
Unter solchen Vorzeichen, wie sie hier nur rudimentär aufgeführt werden konnten, habe ich meine Ansicht in Bezug auf die Privatisierungen in den vergangenen Jahren radikal geändert, ändern müssen: Was geschieht mit einer Schule, die den wirtschaftlichen Kräften und Werbeaktivitäten ausgeliefert ist? Was passiert mit einer privatisierten Wasserversorgung? Ungefähr das, was aus den US-Hypogaunereien (beschönigend Hypokrise genannt) geworden ist. Ein Gewinn für ein paar Finanzhaie und ein grosses Debakel für die Allgemeinheit.
 
Vorschlag eines Unbelehrbaren
Wenn nach solchen Erfahrungen von einer Magistratsperson ausgerechnet an einem friedlichen Sonntag die Idee in die Diskussion geworfen wird, man könnte die Schweizerischen Eisenbahnen (SBB) über einen Börsengang oder eine Beteiligung privater Investoren teilprivatisieren, wie das SP-Bundesrat Moritz Leuenberger am 18.05.2008 in der „Sonntagszeitung“ (Ringier-Produkt) tat, dann erinnert das am ehesten an einen Streich aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ und verdirbt die gute Sonntagslaune. Moritz Leuenberger dürfte die Idee von ähnlichen Diskussionen in Deutschland um die Deutsche Bahn übernommen haben.
 
Im Gegensatz zu einer nationalen Gemeinschaft haben Privatinvestoren mit dem Extrembeispiel Hedge Fonds nicht am langfristigen Bestehen eines Unternehmens Interesse, sondern bloss am kurzfristigen Gewinn. Die Billettpreise würden ansteigen, der Netzunterhalt vernachlässigt. Dann ziehen die Abzocker zur nächsten Turbokuh weiter, die sie melken können. Die Anlagen sind dann zerfallen und können von der Öffentlichkeit wieder aufgepäppelt werden – am bitteren Ende zahlt das Volk alles. Auf Druck der Weltbank privatisierte Wasserversorgungen wurden bereits entprivatisiert, so in Bolivien (Cochabamba), als das Debakel ums unerschwinglich gewordene Wasser nicht mehr zu ertragen war.
 
Ob nun Leuenbergers Idee ein Luftballon war oder ein einfältiger Trick, um zu mehr Geld für den Öffentlichen Verkehr zu kommen, sein Gedankenspiel ist nicht etwa innovativ, sondern mainstreamig und auf negative Weise antiquiert. Hat Moritz Leuenberger denn noch nichts begriffen?
 
Die Marketing-Comic-Figuren
Am 16.05.2008 hat dieser Bundesrat Leuenberger dem Medienhaus Ringier aus Anlass von dessen 175-Jahre-Jubiläum in einer grossen Ansprache den Hof gemacht und dabei auch seine Begeisterung über Marketing-Comic-Figuren wie „Ringgi und Zofi“ (Ringier Zofingen) zum Ausdruck gebracht, die viel im Auto und Flugzeugen herumreisten und sich mit Verkehrsregulatorischem befassten: 
„Ringgi zeigt sich immer mehr
Als ein Fachmann im Verkehr,
und auch Zofi regelt gern
den Verkehr mit seinem Herrn.“
 
Und der Umwelt-, Verkehrs- und Kommunikationsminister Leuenberger möchte gern auch solch ein Fachmann im Verkehr sein, aber auch er versteht, wie Ringgi und Zofi, die Welt nicht mehr, wie er selber zugab. Er sprach über die Auflösung alter Ordnungen, von schwindenden Bindungen in Politik und Wirtschaft: „Vor 20 Jahren waren Politik und Wirtschaft unseres Landes noch viel stärker vernetzt. Wirtschaftsführer sassen im Parlament, sie engagierten sich für das Gemeinwesen, und ohnehin kannte man sich von der Armee. Gewiss, das hatte auch seine Schattenseiten, weil es gelegentlich missbraucht wurde und zu Filz führte. Aber es war doch eine Bindung zwischen Wirtschaft und Politik.
 
Mit der Globalisierung haben sich solche Vernetzungen mehr und mehr aufgelöst. Viele international ausgerichtete Manager haben für das Schweizer Milizsystem nicht einmal ein Lächeln übrig, weil sie es gar nicht kennen.
 
Auch innerhalb der Wirtschaft selbst lösen sich Bindungen auf: Das Verhältnis des Patrons zu seinen Mitarbeitern gibt es kaum noch.
 
Arbeitgeber und Arbeitnehmer fühlen sich gegenseitig weniger verpflichtet als früher und kündigen beim nächst besseren Angebot. Manche Stelle dauert etwa so lange, wie die Füsse ein wippendes Sprungbrett berühren, das sie zur nächsten Karrierestufe katapultiert.“
 
Leuenberger weiss es also, und er hat auch erkannt, was in den Medien abgeht: „In den USA wird von einem ‚Kampf von Finanzmanagern der Wall Street gegen die Presse’ geschrieben. In der Tat drängen Hedgefunds und Private Equity Gesellschaften in Zeitungsverlage und wollen ihnen ihre Zielsetzungen nach schnellem Gewinn vorschreiben.
 
Die globalisierten Märkte gefährden die doppelte Funktion der Medien, nämlich die Nachfrage nach Information und Bildung gewinnträchtig zu befriedigen. Damit ein Medienunternehmen beide Funktionen wahrnehmen kann, muss es einen Ausgleich schaffen zwischen jenen, die im Betrieb für die Inhalte zuständig sind und jenen, welche die Zahlen verantworten.
 
Die Unternehmensgeschichte von Ringier ist u. a. geprägt von Auseinandersetzungen zwischen der so genannten Zahlen- und der so genannten Buchstabenfraktion. Für ein Medienunternehmen ist es entscheidend, diese beiden Kräfte ins richtige Mass zu bringen.“ 
 
Dass die Zahlen über den Geist triumphieren, verschwieg der bundesrätliche Referent wohlweislich, um die Feierstunde nicht zu stören und weiterhin von den Rinigier-Medien gehätschelt zu werden. Man weiss ja ohnehin, wie es steht. Und dann befasste sich der Festreferent mit dem Gestalten einer neuen Ordnung – wahrscheinlich meinte er die Neue Weltordnung, wie sie die Amerikaner gerade umsetzen möchten. Der Mensch soll zwar Mass aller Dinge bleiben, aber neue Bindungen (wohl Einbindungen in die Einheitswelt) müssen her: „Neue Ordnungen haben nur Bestand, wenn sich die Menschen an sie binden können“ (Leuenberger). Damit das alles um Gottes Willen auch gelingt, muss laut dem Turbo-Globalisierer das Tempo etwas gedrosselt werden: Die Globalisierung hat in den letzten Jahrzehnten unser Leben in einem Tempo verändert, das viele überfordert. Das gilt für jede Marktöffnung, ob Elektrizität, Post oder Landwirtschaft. Erfolgt sie zu schnell, wirkt sie bedrohlich und wird nicht akzeptiert.“
 
Und kein geistiger Salto war ihm, Moritz Leuenberger, am Jubiläum zu waghalsig, um seine Globalisierungseuphorie ausgerechnet in einem Medienhaus zu verkaufen, das ohnehin nach rein kommerziellen Grundsätzen funktioniert – das war zwar bei Ringier nicht immer so. Hier der Kult ums Wachstum, ums Grosse: Das Grosse kann durchaus ein proportionales Abbild des Kleinen sein. So wie Gotthelf das Vaterland als Abbild des leuchtenden ,Zuhause’ sah, kann die Weltengemeinschaft durchaus Abbild der Gemeindeversammlung sein.“ Nur: Welcher Gemeindepräsident steckt schon in einem Atombombenarsenal?
 
Und dann machte der Festreferent gleich wieder eine Kehrtwendung: „Die Menschen wollen nicht, dass ihre Zeitung einem anonymen Investor gehört, dessen Absichten sie nicht kennen.“ 
 
Herr Leuenberger muss als Vertreter der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz auf dem Globalisierungszug mitfahren (auf Kosten der angestammten Wählerschaft, die dabei nur verlieren kann), auch auf die Gefahr hin, selber zu einer Marketing-Comic-Figur zu werden. Und offenbar möchte er auch gleich den Zug, auf den er aufgesprungen ist, globalisieren. So galt denn am 18.05. etwas ganz anderes als am 16.05.2008: Jetzt wollen die Menschen offenbar plötzlich, dass ihre Eisenbahn einem anonymen Investor gehört, dessen Absichten sie nicht kennen. Wir leben halt in einer schnelllebigen Zeit.
 
So verbreitet der Comic-Freund aus dem Bundeshaus seine Konfusionen. Er redet verworrenes Zeug, laviert sich zwischen Untiefen ins Seichte hinein. Am Ringier-Jubiläum tönte es anders als in der Ringier-„Sonntagszeitung“, einmal etwas mehr nach Ringgi, dem Reporter, dann wieder mehr Zofi, dem Dackel.
 
Der 3. Band der Abenteuer von Ringgi und Zofi hiess: „Im Wolkenreich.“ Dort ist der Durchblick erschwert.
 
Buchhinweis
Hess, Walter, und Rausser, Fernand: „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7. CHF 37.20, EUR 24.10.
 
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