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BLOG vom 28.05.2008


Biberstein, sein allzu lebendiges Quellwasser und der Aargau
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Währenddem sich Gemeinden, die sich aus unserer Bibersteiner Sicht hinter dem Jura-Hügelzug – also im Schenkenbergertal – befinden, mit Fusionsgelüsten die selbst bestimmte Zukunft verderben wollen, haben wir es  am Jurasüdfuss in Biberstein (Bezirk Aarau im Aargau) besser. Hier lebt die Bevölkerung in selbstbewusster Unabhängigkeit. Wir arbeiten in Teilbereichen mit Nachbarn zusammen, wenn immer uns das sinnvoll zu sein scheint, lassen uns auf unseren Wunsch von der Stadtpolizei Aarau bewachen (und nicht etwa überwachen). Den Wald lassen wir vom Stadtforstamt Aarau betreuen, obschon ein Wald auch ohne menschliches Zutun funktionieren würde, wie die Urwälder während Jahrtausenden bewiesen haben; aber es ist schliesslich auch gestattet, bei Bedarf den einen oder anderen Stamm herauszuholen, falls jemand bauen oder grillieren will.
 
Die Bibersteiner Bevölkerung darf sich noch als mitbestimmende, höchste Instanz fühlen. Der Gemeinderat (Exekutive) hört zu und vollzieht, falls ihm scheint, das diene dem Gesamtwohl. So hat er kürzlich ein Leitbild ausgearbeitet, das ich im Blog vom 25.03.2008 (Biberstein AG: Das unbändige Freiheits- und Glücksstreben) einer weiteren Öffentlichkeit vorgestellt habe. Und selbstredend habe ich bei jener Gelegenheit einige Vorschläge eingebracht und den Blog-Text im Rahmen der Vernehmlassung gerade als Eingabe an die Gemeindekanzlei übermittelt. Anregungen waren willkommen.
 
Am 19.05.2008 ist die von Gemeindeammann Peter Frei unterzeichnete Antwort eingetroffen, und selbstverständlich stelle ich auch dieses Schriftstück unter bewusster Verletzung sämtlicher Amtsgeheimnisse, falls es sie in diesem Fall geben sollte, ins Netz. Denn diese Antwort ist ein Musterbeispiel für das Funktionieren des lebendigen schweizerischen demokratischen Daseins und zudem frei von jeder Amtsschimmelhaftigkeit. Die Behörde schreibt, dass sie aus dem Leitbild kein Leidbild machen wolle und sprach mir  sogar Dank und Anerkennung für die „pointierten Schilderungen“ aus.
 
Anbindungen
Zu den einzelnen Vorschlägen nimmt die Behörde (Sachbearbeiter: Gemeindeschreiber Stephan Kopp) wie folgt Stellung: „Sie merken an, dass für Sie die an den Ortseingängen montierten Tafeln ,Gemeinde Europas’ überflüssig sind und durchaus mit gutem Gewissen demontiert werden könnten. Zumal jene am Ortseingang von Auenstein her ziemlich malträtiert ist. Der Gemeinderat ist Ihrer Meinung. Die Tafelns sind bereits demontiert.“
 
Da gibt es also eine Behörde, die nicht einen unter anderen Vorzeichen gefassten Beschluss durch dick und dünn verteidigt, sondern für einen Vorschlag dankbar ist und handelt. Das ist echt stark, um es in der aktuellen Terminologie auszudrücken. Echt.
 
Und dann dies: „Für den Hinweis bezüglich der Anbindung an Aarau sind wir Ihnen dankbar. Die Formulierung scheint tatsächlich nicht ganz ausgereift. Man wird sich hier eine bessere Erklärung ausdenken.“ Ich hatte nicht ganz verstanden, was mit „Anbindung an das nahe Zentrum Aarau“ gemeint sein könnte. Und dass sich der Gemeinderat bemüht, darüber zu hirnen und einem unbedarften Stimmbürger wie mir plausibel zu machen – das ist einfühlsame, bürgernahe Politik.
 
Fäkalienaspekte
Nur mit dem Hinweis auf die Trinkwasserbestrahlung, die mir wirklich ein Dorn im Auge und im Gaumen ist, hatte ich wenig Erfolg. Da mir die Fäkalsprache nicht liegt, verwende ich jenes mit Sch….. beginnende Wort selbstverständlich nicht. Der Gemeinderat drückt sich ebenfalls nobel aus: „Weiter merken Sie an, dass unser Quellwasser leider auf Geheiss der kantonal-aargauischen Instanzen wertvermindernd ständig bestrahlt wird, obschon dafür aus Ihrer Sicht nicht der geringste Anlass bestehe. Hier müssen wir darauf hinweisen, dass die vom kantonalen Amt für Verbraucherschutz regelmässig durchgeführten Kontrollen vor der UV-Anlage meist zu hohe Werte von Fäkalkeimen (Escherichia coli, Enterokokken) enthalten. Erst nach der UV-Anlage zeigen die Proben Werte, welche den Anforderungen an Trinkwasser gemäss Hygieneverordnung genügen und somit eine mikrobiologische Qualität aufweisen.“
 
So weit die Gemeindebehörde. Wasser ist ein lebendiges Lebensmittel, und im Gegensatz zu den bedauernswerten Menschen, die sich von Wasser aus dem Suhrental-Aaretal-Grundwasserstrom, an dem zuoberst die Sondermülldeponie Kölliken SMDK eingerichtet worden ist, die jetzt gerade ausgebuddelt wird, haben wir Juraquellwasser. Früher kamen auf Geheiss von Aarauer Ärzten Patienten mit leeren Flaschen nach Biberstein, um sich mit unserem Edel-Wasser einzudecken. Und nun sind, wie ich offiziell – und nicht etwa auf dem Latrinenweg – erfahren habe, zu viele Fäkalkeime drin. Ich bin am Boden zerstört, möchte es aber dennoch nicht unterlassen, noch etwas in der Gülle zu rühren. Dies geschieht in der Hoffnung auf ein Vordringen zu den Ursachen.
 
Laut der Universität Bern sind die E. coli „die häufigste Spezies innerhalb der Familie der Enterobakteriazeen, welche zur normalen Flora des unteren Intestinaltrakts des Menschen gehört. Die auch zu dieser Familie gehörenden Salmonellen, Shigellem, Yersinien sowie gewisse E.coli-Stämme sind primär pathogen (krankmachend) und sind nicht Bestandteil der normalen intestinalen Flora.“ Intestinal heisst: zum Darmkanal gehörend.
 
Um gleich alle Missverständnisse auszuräumen: E.coli gehören zum Normaldarm des Menschen. Aber nicht nur zum menschlichen, sondern auch zum tierischen, wie der Coli-Entdecker Theodor Escherich, ein deutsch-österreichischer Kinderarzt (1857‒1911), herausgefunden hat. Das Bakterium trainiert zwar das Schleimhaut-Immunsystem und produziert Vitamin K, doch dient es als Indikator für fäkale Verunreinigungen – die etwas mit dem Stuhlgang (Kot) zu tun haben. Es dürfte also in Begleitung sein. Enterokokken ihrerseits sind an sich ein Segen, weil sie das Verdauungssystem beflügeln. Sie sind u. a. im Büffel-Mozzarella, im Camembert und Ziegenkäse anzutreffen und werden probiotischen Nahrungsmitteln mutwillig zugesetzt. Aber als Indikatoren sieht man auch sie weniger gern.
 
Nun glaube ich nicht, dass es ausreichend viele Bibersteinerinnen und Bibersteiner gibt, die zur Darmentleerung den Jura emporsteigen, um ausgerechnet in unseren Trinkwasserwasserschutzzonen ihre Geschäfte zu verrichten, zumal die meisten Wohnbauten hier mit guten sanitarischen Einrichtungen versehen sind, und an die Kläranlage Aarau angeschlossen sind wir natürlich auch. Die Wildtiere, die es im Jura zum Glück noch gibt, sind in Sachen Quellenschutz wahrscheinlich nur ungenügend ausgebildet. Bevor aber sie alle zum Abschuss freigegeben werden, möchte ich darauf hinweisen, dass ihre Anzahl und ihr Ausscheidungsvermögen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ausreichen dürfte, unser Wasser zu vergällen. Das ist so eine Schätzung von mir, die der wissenschaftlichen Bestätigung harrt. Somit muss also ein grösserer Verschmutzer vorhanden sein, z. B. die Landwirtschaft. Nun möchte ich nicht aus dem Hemdsärmel Schuldzuweisungen machen, zumal ich weiss, dass vor einigen Jahren grosse Anstrengungen unternommen worden sind, um das Trinkwasser von Rinderkot zu verschonen. Dies war spontan möglich, weil der Kanton Aargau meines Wissens im Wesentlichen dort Landbesitzer ist, wo auch die Trinkwasserschutzzonen sind: im Gebiet der Juraweide. Selbstverständlich sind nicht die aargauischen Regierungsräte dort in Feld und Stall tätig; sie haben das Land verpachtet, und dem Pächter, den ich persönlich kenne und schätze, möchte ich nicht an den Karren fahren. Das Bauern-Schicksal ist ohnehin hart genug.
 
Doch meine Logik lässt sich nicht davon abhalten, sich das Folgende zusammenzureimen: Der Kanton Aargau erlässt Trinkwasser-Qualitätsvorschriften. Der Kanton Aargau überprüft die Trinkwassergüte im Interesse von uns durstigen Bibersteinern. Und wenn dieser „Kanton“ zu viele Fäkalkeime ortet, besteht der dringende Verdacht, dass sie von kantonal-aargauischem Land in unser Hahnenburger gelangen, das ich bisher immer in einer Karaffe selbst Gästen auf den Tisch stellte, begleitet von Worten der Begeisterung aus vollendeter Überzeugung. Und jetzt kommt der grandiose Schluss des Nachdenkens: Wenn der Kanton in unserem edlen Jurawasser Fäkalkeime findet, dann müsste er sich selber anzeigen – denn das hat, wenn meine Vermutung stimmt, etwas mit Brunnenvergiftung zu tun, die im Mittelalter fürchterlich bestraft wurde und noch heute zu den ganz üblen Vergehen gehört.
 
Mein Vorschlag zur Güte des Trinkwassers: Man sollte nicht gleich alle Repräsentanten des Kantons Aargau inkl. Regierungsräte einsperren, weil sie ihre Sache ja sonst gut machen, wenn sie nicht gerade unter Fusionsfieber leiden. Es sind ordentliche Menschen. Aber wenn sie uns auf unserem Gemeindebann mit Fäkalkeimen beehrten, die wir dann auf unsere Kosten und unter Beeinträchtigung der Wassergüte umzubringen haben, dann ist das unannehmbar. Ein starkes Stück. Gäbe es hier in Biberstein Barrikaden, wir alle würden darauf klettern.
 
Die Forderung: Der Kanton hat auf seinem eigenen Bibersteiner Land dafür zu sorgen, dass die UV-Bestrahlerei überflüssig wird. Mit anderen Worten: Der Verbraucherschutz sollte nicht einfach Keime zählen, sondern das Problem im Keim lösen: Keine Gülle im Trinkwasserquellgebiet.
 
Ein bestrahltes Wasser hat nie eine einwandfreie Qualität. Diese kann nur ein naturbelassenes, lebendiges Quellwasser haben. Und es lohnt sich, uns dafür einzusetzen. Biberstein wird es schaffen – bei dieser Behörde.
 
Hinweis auf das vorangegangene Blog zum Bibersteiner Leitbild
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