Textatelier
BLOG vom: 30.05.2008

Arztpraxen-Zulassung: Mörderisches Überverarztungstheater

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In der Schweiz wird über die Weiterführung des Zulassungsstopps für neue Arztpraxen diskutiert. Der Ständerat will den Stopp bis 2010 verlängern; der Nationalrat soll demnächst entscheiden. Hoffentlich bremst er kräftig mit.
 
Die Öffnung der Schleusen, das heisst eine komplette Liberalisierung der Praxen-Eröffnungen ohne flankierende Massnahmen, könnte eine Kostenexplosion zur Folge haben. Dies sieht selbst Gesundheitsminister, Bundesrat Pascal Couchepin, so: Während der Nationalratsdebatte im März 2008 hatte er eine Schätzung bekannt gegeben, wonach die möglichen Zusatzkosten zu Lasten der Krankenversicherer im Jahr etwa 300 Mio. Franken ausmachen würden.
 
Das lässt tief blicken. Denn das ist doch ein Eingeständnis dafür, dass nicht nach dem tatsächlichen Bedarf verarztet wird, sondern die Zahl und der Umfang der Behandlungen hängen mit der Ärztezahl zusammen. Wenn dem nicht so sein sollte, würde das bedeuten, dass sich der Krankheitszustand der Bevölkerung mit dem Wachstum der Zahl von Arztpraxen verschlimmert, indem iatrogene (durch den Arzt verursachte) Schäden veranstaltet werden. Beide Tatbestände wären gleichermassen verwerflich, unverantwortbar.
 
Umgekehrt müsste logischerweise eine Verringerung der Arztpraxen zu einer Abnahme der Krankheitskosten führen.
 
Meines Erachtens wäre es zwingend, unser nach schulmedizinischen Kriterien zu einem Riesengebilde aufgeblasenes Krankheitswesen (beschönigend Gesundheitswesen genannt) einmal aufgrund solcher Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren: Ist es richtig, dass ein Anbieter nach freiem Ermessen den Reparaturumfang selber bestimmen kann? Weil die Kosten sozialisiert werden, gibt es praktisch keine Bremsen für therapeutische Massnahmen, auch wenn sie weit über das Notwendige hinausgehen oder gar überflüssig sind und die Gesundheit oft schädigen.
 
Eine Diskussion, die zu den Grundlagen und damit zu den Ursachen der ständigen überproportionalen Kostensteigerung führt, wäre wohl heilsam. Aber offenbar sind die Teilhaber am Krankheitskuchen zu umfangreich und zu massgebend, als dass man endlich Lösungen anstreben würde, die auch etwas mit Vernunft zu tun hätten und den Riegel gegen Überverarztungen schieben würden.
 
Ein „mörderischer Unsinn“
So war es früher: „Es ist nicht die Schuld unserer Ärzte, dass die medizinische Behandlung der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie gegenwärtig geübt wird, ein mörderischer Unsinn ist. Wenn eine gesunde Nation, die beobachtet hat, dass man für den Bedarf an Brot vorsorgen kann, indem man Bäckern ein pekuniäres (die Geldmittel betreffendes) Interesse am Backen einräumt, einem Chirurgen ein pekuniäres Interesse daran einräumt, einem das Bein zu amputieren, so genügt diese Tatsache vollauf, um einen an der erwarteten Menschenfreundlichkeit verzweifeln zu lassen. Aber genau das haben wir getan. Und je entsetzlicher die Verstümmelung ist, desto mehr bezahlen wir dem Verstümmler. Wer die ins Fleisch wachsenden Fussnägel in Ordnung bringt, bekommt ein paar Schilling. Wer einem die Eingeweide herausschneidet, bekommt Hunderte von Pfunden, es sei denn, er mache es zur Übung an einem armen Menschen.“
 
Dieser prägnante Text stammt aus einer früheren Zeit, aus einem fernen Land, wie schon die Währungshinweise anzeigen. Er hat also nichts – aber auch rein gar nichts – mit unseren heutigen Zuständen zu tun, auch wenn es darin später heisst: „Es ist einfach unwissenschaftlich, zu behaupten oder zu glauben, dass Ärzte unter den jetzigen Verhältnissen nicht auch unnötige Operationen ausführen oder einträgliche Krankheiten herbeiführen oder verlängern“…
 
Der irische Satiriker George Bernard Shaw (1856–1950) schrieb das in seiner ausführlichen „Vorrede über Ärzte“ zum 1908/09 entstandenen Drama „Der Arzt am Scheideweg“ (Original: „The Doctor’s Dilemma“) – ziemlich genau 100 Jahre sind es her. Auch Bakteriologie, Impfmanie und Vivisektion (Eingriffe am lebenden Tier zu Forschungszwecken) werden darin hart apostrophiert. Das erwähnte Theaterstück wird heute kaum noch aufgeführt. Weil Verarztungen und Überverarztungen seither wesentlich dramatischere Formen angenommen haben, Bakterien und Viren auf dem günstigen Terrain, das wir ihnen bieten, zur Höchstform aufgelaufen sind und das übertriebene Impfen mit der oft damit verbundenen Desorientierung des Immunsystems gigantische Ausmasse angenommen hat, würde dem heutigen Publikum alles, was Shaw damals aufgezeichnet hat, wie Erinnerungen an eine gute alte Zeit vorkommen. Wir sind heute wesentlich weiter.
 
Ausser Kontrolle
Körperbestandteile, die überflüssig zu sein scheinen (Mandeln, Blinddärme, Gebärmutter, Brüste usf.) werden oft vorbeugend amputiert oder ersetzt; Kaiserschnitte werden oft einfach aus organisatorischen Gründen und ohne Not durchgeführt – die Krankheitsbehandlungskosten steigen von Jahr zu Jahr. Abklärungen darüber unterbleiben oft, ob eine Operation, die oft eine lebenslange ärztliche Überwachung und medikamentöse Dauerbehandlung nach sich zieht und laut dem Hirnforscher Ian Robertson Schäden im Gehirn anrichten kann, nicht durch andere Massnahmen wie Umstellungen in der Lebenshaltung und/oder sanftere Therapien ersetzt werden könnte. Ein Kontrollsystem gibt es praktisch nicht. Die Operationsfreude ist nicht allein auf den Wunsch nach Einkommenssteigerungen, sondern u. a. auch auf die Auslastung hochtechnischer, kostspieliger Apparate und mit Übungsmöglichkeiten für angehende Ärzte (Ausbildungsmöglichkeiten) zurückzuführen. Operationsgeile Patienten laufen in die offenen Messer.
 
Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Ellis Huber, sagte einmal, das System operiere „auf Teufel komm’ raus“. Das sei verantwortungslos, pure Ressourcenvergeudung und ein Missbrauch von Möglichkeiten. Wörtlich: „Jede Operation, die nicht sein müsste, ist ein Verbrechen. Dieses Verbrechen findet aber statt, weil das Gemachte bezahlt und das Unterlassene nicht honoriert wird. Das muss geändert werden.“
 
Sonderfall Arztgattinnen
Dazu eine pikante Geschichte: Anfang der 1990er-Jahre wurde aus dem Kanton Bern eine Statistik bekannt, wonach dort viereinhalbmal mehr Hysterektomien (Gebärmutterentfernungen) als in Schweden (umgerechnet auf die gleiche Einwohnerzahl) durchgeführt wurden, und aus der gleichen Statistik ging hervor, dass Arztgattinnen ihre Gebärmütter wie durch ein Wunder auffallend häufiger behalten durften.
 
Einen guten Chirurgen erkennt man infolgedessen daran, dass er bestrebt ist, Operationen wenn immer möglich zu vermeiden, auch wenn er dadurch auf Einnahmen verzichtet; es gibt solch verantwortungsbewusste Ärzte sehr wohl. Die Patientenkunst besteht darin, einen solchen Arzt zu finden.
 
Ähnlich verhält es sich bei der Anwendung von Medikamenten, die über jedes vernünftige Mass hinaus eingesetzt werden. Auch die Pharmaindustrie hat die Geldvermehrung zum Massstab ihres Erfolges gemacht und dabei hinsichtlich ihrer Produkte einen enormen Abgabedruck inszeniert; Neben- und Kombinationswirkungen werden in Kauf genommen und mit neuen Medikamenten wieder unterdrückt – ein Teufelskreis. Auch der beste Arzt kann keine Ahnung davon haben, was für Schäden Arzneimittelcocktails im Organismus verursachen. Den verantwortungsbewussten Ärzten obliegt es, die Verschreibung auf das unbedingt Nötige zu minimieren; das heisst mit anderen Worten: Der gute Arzt ist daran zu erkennen, dass er sich nicht in dieses Vermarktungskonzept einspannen lässt, die Interessen für die Gesundheitserhaltung der Patienten wahrnimmt und möglichst wenig Medikamente verschreibt. Huber: „Wir Ärzte müssen den Eigennutz zugunsten des sozialen Gewissens zurückstellen.“ Wenn solches nicht aus einem Selbstüberzeugungsprozess aus der Ärzteschaft heraus geschehe, müsse dies eben politisch erzwungen werden.
 
Die Aufzählung könnte auf die Befindlichkeitsindustrie erweitert werden, wo auch individuelle Leiden oder pathologisierte normale Lebenserscheinungen behandelt und vermarktet werden, wenn ein „Patient“ sozusagen geradezu in krankhafter Weise vor Gesundheit strotzt …
 
Der Pygmalioneffekt
Dem Patienten kommt in dieser Situation die Rolle des kritischen Überwachers zu. Er darf nicht länger zulassen, dass unnötig harte Eingriffe durchgeführt werden und sein Organismus sinnlos verstümmelt wird. Er muss sich aus seiner jämmerlichen Rolle des hilflosen und gehorsamen Dulders befreien, Selbstbewusstsein und eine Art Pygmalioneffekt entwickeln – genau wie die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle in Shaws „Pygmalion“:
 
Professor Henry Higgins hatte der Eliza Sprachunterricht erteilt und sie dann, dank der gepflegten Ausdrucksweise, als Herzogin ausgegeben – die übliche „My Fair Lady“-Geschichte. Ihr Wort erhielt Bedeutung. Daraus kann man auch die folgende Lehre ziehen: Die Erwartungen, die wir an einen anderen Menschen stellen, in Verbindung mit einem allfälligen Beistand, sind dermassen wirkungsvoll, dass sie dessen Verhalten grundlegend beeinflussen können – auch im umgekehrten Sinn, versteht sich.
 
Für den Patienten besteht der „Sprachunterricht“ darin, dass er sich für die Funktionen des Organismus zu interessieren beginnen muss, sich weiterbildet und sich am Schlusse zutraut, bei lebenswichtigen Entscheiden ein starkes Wort mitreden zu können. Er muss mündig werden. Die berühmte Pygmalion-Sage lehrt, dass wir nicht durch unsere Geschichte eingeengt sind, sondern uns neu erschaffen können. Dazu gehört, uns aus Abhängigkeiten zu befreien und uns in dem überbordeten Anbietermarkt selber zu schützen, ihm zu widerstehen.
 
Noch schöner wäre es, wenn uns die Politik und verantwortungsbewusste Ärzte vor Überverarztungen schützen würden, losgelöst von der Arztpraxen-Anzahl.
 
*
Nachtrag vom 05.06.2008
National- und Ständerat haben beschlossen, den seit 2002 geltenden Ärztestopp bis Ende 2009 zu verlängern, unter anderem weil ein grosser Zustrom von Praxisärzten, vor allem aus EU-Ländern, befürchtet wurde. 
 
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