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BLOG vom 10.06.2008


Von Boff, Rausser, Rousseau und den Wiederholungsreisen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Wenn das Wetter besser wird, putzen wir auf dem Oberdeck die Bänke ab“, sagte ein freundlicher, seemännisch uniformierter Angestellter der Bielersee Schifffahrt BSG, als wir am 6. Juni 2008 kurz vor 14 Uhr in Biel das Motorschiff „Chasseral“ betreten hatten. Soeben hatte sich ein feiner Nieselregen bei 13 °C gelegt. Die grauen Wolken schwebten am gleichnamigen Randhügel des Bielersees, dem Chasseral eben, hinauf und hinterliessen eine klare Luft über der grünlich-grauen Wasseroberfläche des Bielersees.
 
Zusammen mit Ursula und Fernand („Sepp“) Rausser, bekannter Fotograf und Verleger, setzten wir uns an einen Ecktisch des Restaurants im Schiffsbauch und erlebten durch die Fenstergläser, wie Tüscherz, Engelberg-Wingreis, Twann, Lüscherz und Ligerz vorbei zogen. Eine ruhige Landschaft mit den kompakten Dörfern, die in Rebhänge eingebettet sind und die auf die sommerliche Wuchskraftentfaltung wartete. Manchmal fuhr ein Zug der SBB am Fuss der Hügelketten vorbei – eine weisse Linie, die so schnell verschwand wie sie aufgetaucht war.
 
Der befreiende Theologe
Unsere beiden verehrten Bekannten hatten das Bändchen „Anwalt der Armen“ mitgebracht, ihr neuestes Wegwarte-Verlagsprodukt – frisch ab Druckerei. Es ist dem Befreiungstheologen Leonardo Boff (1938) gewidmet, der sich als Franziskaner für die in Armut lebenden Menschen eingesetzt hatte, es wohl noch immer tut, und der angeblich wegen seines Buchs „Kirche: Charisma und Macht“ 1985 vom allmächtigen Vatikan ein Rede- und Lehrverbot erhielt, das 1992 nochmals bekräftigt wurde. Boff wurde 1993 dann Professor für Ethik, Ökologie und Theologie an der Staatlichen Universität in Rio de Janeiro (UERJ), und er erhielt 2001 den Alternativen Nobelpreis, mit dem Unangepasste ausgezeichnet werden. Das Büchlein enthält ein Gespräch mit dem zum „Laien“ gewordenen Boff mit Angelika Boesch und Sergio Ferrari. Darin erklärt Boff, der nicht nur für Seelen, sondern auch für leibliche Bedürfnisse sorgen wollte, die Notwendigkeit des Einsatzes für die Armen. Die Befreiungstheologie will ihre Schreie aufnehmen: „Sie geht davon aus, dass die Situation der Misere und der sozialen Unterdrückung der grossen Mehrheit des Volkes eine Ungerechtigkeit bedeutet und theologisch gesehen eine soziale Sünde ist“, stellte Boff fest. Zudem geht es um die Befreiung von Diskriminierung und Vorurteilen sowie die Sorge um die gemeinsame Zukunft.
 
Am Vortag meiner Begegnung mit diesem Büchlein war der Uno-Gipfel zur Ernährungssicherung in Rom mit dem denkbar magersten Ergebnis zu Ende gegangen. Denn die Produktion von Lebensmitteln für die lokalen Märkte, was auch eine Unabhängigkeit von den sich ständig verteuernden Importen bedeutet, passt eben gar nicht ins Konzept der Globalisierung mit ihrer Gier nach Ausbeutung selbst dort, wo nichts zu holen ist, und mit ihrem Bedürfnis zur zentralen Lenkung.
 
Befreiung des Individuums nach Rousseau
Nach einer Dreiviertelstunde war das Schiff unverhofft auf der St. Petersinsel Nord eingetroffen. Wir hatten uns in ganz anderen Welten bewegt und kehrten nun auch in Gedanken dorthin zurück, wo wir uns befanden und stiegen aus, wo „JNSEL“ steht; wahrscheinlich war das I aus grafischen Gründen mit dem J vertauscht. Und eine Insel ist die St. Petersinsel seit der 1. Juragewässerkorrektion (1868‒1890) auch nicht mehr. Wegen der Absenkung des Wasserspiegels ist sie zur Halbinsel geworden. Auf einem etwas aufgeweichten Mergelweg wanderten wir zum ehemaligen Kloster (Cluniazenser-Priorat), eine nach Norden offene Hufeisenanlage mit durchgezogenem Walmdach. Sepp fotografierte einen üppig blühenden Holunderbaum und auf einer Weide in Seenähe mähende Schafe, freute sich über die Grün- und Grautöne, das ebenmässige Licht. „Nicht immer das langweilige Blau“, scherzte er.
 
Vorerst statteten wir noch dem Rousseau-Denkmal bei der Südländte (1904) einen Besuch ab, wo die Kopie der berühmten Büste von Jean-Antoine Houdon im Schatten einer uralten Buche ist. Anschliessend kehrten wir im Gasthaus ein, in dem der Kachelofen etwas warm war, und tranken ein Glas des hausgekelterten Chasselas-Weins („AOC Ile Saint-Pierre“), der nach den Richtlinien der integrierten Produktion (IP) entstanden ist. Die Insel und damit auch die Reben sind heute im Besitz der Burgergemeinde Bern, die auch viele soziale und kulturelle Organisationen unterhält.
 
Wir begaben uns in jene Räume im 1. Stockwerk des gastlichen Hauses, in denen Jean-Jacques Rousseau vom 12.09. bis zum 25.10.1765 auf der Suche nach Stille glückliche Wochen verbracht hatte: „Einzig Stille habe ich nötig und kann sie nicht finden“, hatte er geschrieben – hier wurde er endlich fündig. Diese Insel sei für „das Glück eines Menschen geschaffen, der sich zu beschränken liebt“, erkannte er. Der Philosoph, Musiker, Botaniker und Schriftsteller (1712‒1778) war ebenfalls eine Art Befreiungstheologe. Auf einer Informationstafel im Rousseau-Zimmer steht nämlich: „Rousseau lehrt gleichzeitig Ablehnung des Fortschritts, Befreiung des Individuums, demokratische Gleichheit.“ Und damit ist er heute so aktuell wie damals. Und auch dieses Rousseau-Zitat hat die lange Zeit unbeschadet überstanden: „Die Natur schuf den Menschen glücklich und gut, aber die Gesellschaft verdirbt ihn und macht ihn elend.“
 
Die Kunst der Wiederholung
Aber wir fühlten uns gut, als wir, mit neuen und aufgefrischten Eindrücken bereichert, zur Schiffsanlegestelle zurückwanderten. Dort wurden wir von einem Haubentaucher mit aufgestellter Federhaube verabschiedet, der aus einem Entenrudel herausstach,und diesmal reisten wir mit dem Schiff „Stadt Biel“ themengerecht nach Biel zurück. Wir hatten eines der geräumigen Restaurants für uns, belebten uns mit einem Kaffee und diskutierten darüber, ob es sinnvoll sei, zweimal oder mehrmals ein und dasselbe Reiseziel anzusteuern. Wir sprachen uns übereinstimmend für Wiederholungsreisen aus, weil die Begleitumstände wie das Licht, die Äusserungen der Jahreszeit, die eigene Stimmung und manchmal die Menschen, die einen begleiten oder die man trifft, immer anders bzw. andere sind. Gewisse Risiken sind zwar vorhanden: Wenn etwas verändert oder baulich zerstört worden ist und dadurch schöne Erinnerungen überlagert und gewissermassen ebenfalls verunstaltet werden.
 
Soll man ein Buch zweimal lesen? Sepp glaubte sich an ein Zitat von Hermann Hesse zu erinnern, wonach das Leben zu kurz sei, um dasselbe Buch zweimal zu lesen. Ja, bei Wiederholungen verbraucht man Zeit, die für Neuentdeckungen eingesetzt werden könnte, und doch kann eine Repetition eine Vertiefung bedeuten.
 
Schernelz
Eine Neuentdeckung war für mich das Dörfchen Schernelz (Cerinaux) oberhalb von Ligerz. Die Fahrt auf der Schernelzstrasse durch die Rebhänge mit den gelben Dreieck-Markierungen für die Sprühflugzeuge zum Restaurant „Aux Trois Amis“, das etwa 150 m oberhalb des Sees liegt, gab eine herrliche Sicht zur St. Petersinsel mit der angewachsenen Chügeliinsel und dem Heidenweg nach Erlach am Fusse des Jolimont und sogar zur Einmündung des Hagneckkanals frei. Auch blickt man auf die roten und grauen Dächer von Gerolfingen, Täuffelen und Lüscherz hinunter.
 
Die Einfahrt in die Untergasse des Weinbauweilers Schernelz ist nur so breit, dass ein Auto nicht von den nahen Hausmauern festgeklemmt wird. Das Strässchen führt an einer Häuserzeile mit spätgotischen Elementen vorbei, von der das erwähnte Restaurant ein Bestandteil ist. An die Mauer der Restaurant-Terrasse ist ein öffentlicher Brunnen angelehnt, der 1866 von Steinhauer A. Gutekunst geschaffen wurde.
 
Insgesamt besteht der Weiler aus 3 übereinander gestuften Häusergruppen mit verschachtelten Gängen und niederen Stuben, Weinpressen und Kellergewölben. Tür- und Fensterumrahmungen sind aus gelbem Hauterivestein geschaffen, alles in allem ein Überbleibsel herkömmlicher Winzerkultur.
 
Das Gasthaus „Aux Trois Amis“ erhielt seinen Namen 1891 durch 3 Schulfreunde, die hier einen geselligen Abend verbrachten. Das Wirtshausschild zeigt ein komplex verschlüsseltes Noten-Zahlenrätsel-Emblem, das durch die „Trois Amis“ geschaffen wurde und aus dem man mit etwas Geschick „3 Amis“ ablesen kann, zumal die Wurzel aus 9 = 3 ergibt. Und das „Aux“ („zu den“) ist als O (also phonetisch, lautschriftlich) dargestellt. In diesem rustikalen Haus soll laut dem Wirt Karl (Charly) Steiner auch Friedrich Dürrenmatt verkehrt und den lokalen Wein genüsslich „abgebissen“ haben: „Dä mues me abbysse!“ Er lebte ab 1948 in Schernelz/Ligerz, bis er 1952 ein eigenes Haus in Neuenburg bezog. In dieser Zeit ist der 1. Kriminalroman Dürrenmatts („Der Richter und sein Henker“) entstanden und der zeigt, wie man auch durch falsche Ermittlungen zum richtigen Resultat kommen kann – und umgekehrt.
 
Abbeissen durften wir auch die Felchen- und Eglifilets aus dem Bielersee. Laut Speisekarte werden diese beiden Fischarten frittiert einerseits und à la meunière anderseits. Ich übersetzte à la meunière korrekt, wie jedes ernst zu nehmende Kochbuch bestätigt: nach der Art der Müllerin, das heisst in Mehl gewendet und in Butter gebraten. Die Wirtin S. Steiner begehrte auf: Sie hätten es nicht nötig, die Fische unter Mehl zu verstecken ...
 
Niemand beharrte auf dem Mehl, und so wurden die Filets à la meunière eben nur in Butter gebraten und so aufgetragen. Seither traue ich nicht einmal mehr den auf Französisch abgefassten Speisekarten über den Weg. Ich trugs mit Fassung und gehe gestärkt daraus hervor – alles ist in Butter (au beurre). Denn schon Rousseau hat uns eine gewisse Beschränkung gelehrt. Und wir kamen zudem durch eine falsche Ankündigung zum richtigen Essen.
 
 
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Buchhinweis
Boff, Leonard: „Anwalt der Armen“ mit Fotos von Andreas Heiniger und einem Nachwort von Walter Ludin, Wegwarte Verlag, Bolligen 2008. ISBN 978-39522973-9-1.
 
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