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BLOG vom 23.06.2008


Franche-Comté 1: Die Wallfahrt zum Licht von Ronchamp F
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Bisher hatte ich nicht gewusst, dass es von Biberstein im Aargau (CH) bloss 126 Minuten dauert, bis man bei normaler Fahrweise in Ronchamp F ankommt. Dort steht aufgrund der Pläne von Le Corbusier (1887‒1965) eine verspielte Kapelle, die es zu Berühmtheit gebracht hat. Wir absolvierten am 18.06.2008 eine familiäre Fahrt dorthin, weil diese Wissens- beziehungsweise Anschauungslücke endlich zwingend geschlossen werden musste.
 
Die Fahrt nach Ronchamp
Es war der erste sonnige Tag nach einer kühlen Regenperiode, und die Luft hatte ihre gründliche Reinigung erhalten. Mit unserem Prius trugen wir nur wenig zur Neu-Verschmutzung bei. Wir nahmen den Weg über Basel, wo ich unmittelbar vor dem Zollareal falsch einspurte und mich ins Lastwagengelände verfuhr. Ich hatte gerade die Ronchamp-Geschichte erzählt, wie ich sie aus Büchern über Le Corbusier kannte, und hatte den Kopf weniger bei der Geografie. Ich staunte, was da alles an Schwertransportern herumstand. In einer schmalen Gasse zwischen endlosen Brummireihen kam ich mir auf dieser merkwürdigen Wallfahrt durch herumgeschobene Güter aller Art wirklich unbedeutend und verschwindend klein vor. Dieses sonst jedem PW-Fahrer unzugängliche Erlebnis eines Transporter-Warteraums im Bereich der Landesgrenzen war ein gelungener Auftakt zu einer unvergesslichen Exkursion.
 
Ein hilfsbereiter französischer Zöllner stieg aus seiner hoch gelegenen Kanzel zu uns herunter und wies mir den Weg zur E35 Richtung Mulhouse. Autobahn. Wieder Gütertransporte. Diese Kolonnen bei diesen Dieselpreisen! Ich schlug im richtigen Moment den Bogen nach Westen auf die E36, die man auch „La Comtoise“ (die Gräfin) nennt, die Mülhausen mit Belfort verbindet und weiter nach Beaune, also ins Burgund, führt. Bei Fontaine‒Larivière, an der Burgundischen Pforte auf dem ziemlich ebenen Plateau im Vorland der Vogesen, hat die Strassenbetreibergesellschaft, die APRR (Autoroutes Paris-Rhin-Rhône), eine Mautstelle eingerichtet, wo 2,60 Euro abzuliefern waren, wovon 0,43 Euro als Mehrwertsteuer (19,6 %). So dass ich wusste, dass wir nun in der EU waren. Ich überreichte der quirligen Kassiererin in ihrem Kabäuschen einen 50-Euro-Schein, die Gelegenheit nutzend, um zu etwas Kleingeld zu kommen. Die Dame mit dem südländischen Flair fragte, ob sie den Rest gleich behalten dürfe. Da ich eigentlich keinen Grund dafür fand, streckte ich ihr die Hand zur Entgegennahme des Herausgelds entgegen. Bedächtig und mit Trauermiene gab sie Note um Note, Münze um Münze, und um ein Haar hätte ich meinen Arm zu früh zurückgezogen, zumal es mir zu beschwerlich gewesen war, das Kleingeld nachzuzählen, dessen Aussehen mir ohnehin wenig vertraut ist. Die Dame strahlte und wünschte eine gute Reise. Frankreich hatte sich nach der hilfsbereiten auch von seiner fröhlichen Seite gezeigt. Das ist die „douce France“ mit der Wärme des lockeren, freien menschlichen Umgangs.
 
Nach Belfort ging die Reise auf der N19 etwa 20 km weiter westwärts über Champagney nach Ronchamp (Region Franche-Comté). Die Dörfer, die wir auf der Hinreise durchquerten, waren nicht auf dem letzten renovationstechnischen Stand; vielleicht bremst die hohe Mehrwertsteuer im Verbund mit anderen Steuern die Renovationsfreude etwas. Auffallend waren in den Dörfern die dicken Elektrizitätsleitungen, die wie Seile in der Landschaft hingen und die Strasse begleiteten. Anita schlug vor, die Stangen und Seile als Bestandteil ortstypischer Gesamtbilder à la France zu akzeptieren, was wir selbstverständlich taten.
 
Ronchamp, das Dorf
Gegen Ronchamp wird die Landschaft plötzlich strukturierter, und schon vor Champagney sieht man oberhalb der beinahe geraden, sich leicht absenkenden Strasse das Weiss des grössten Turms der Kapelle des Lichts auf einem Hügel, unserem Ziel. Doch zuerst erfrischten wir uns im Ortszentrum von Ronchamp, das zum Territoire de la Communauté de Communes Rahin et Chérimont (wörtlich: „Gebiet der Gemeinschaftsgemeinden Rahin und Chérimont“) gehört, direkt gegenüber der neugotischen, düsteren und strengen Pfarrkirche aus dem 19. Jahrhundert, mit einer Tasse Kaffee. Für etwas Gebäck wie ein Croissant wurden wir von der Wirtin in die nahe Bäckerei verwiesen; an grösseren Geschäften war ihr so früh am Morgen schon nicht gelegen. In der Boulangerie erstand ich mir als ehemaliger Tambour noch ein an beiden Enden zugespitztes Baguette-Brot, den so genannten „Trommelstock“.
 
Zwar hätten mich in diesem Dorf auch die Überreste der ehemaligen Kohlenzeche interessiert, deren Geschichte im Bergwerksmuseum Marcel Pauli nachzuvollziehen gewesen wäre. Doch wollten wir nicht in tiefere, sondern in höhere Sphären gelangen, und so begnügten wir uns mit dem Anblick des Minenarbeiter-Denkmals an einer Hausfassade. Im örtlichen Informationsbüro deckte ich mich mit viel Prospektmaterial ein, und dort liess ich mich auch kompetent über gute Gasthäuser in der Region informieren; darauf soll in einem Nachfolge-Blog hingewiesen werden. Denn vorerst ging es eben um Le Corbusier, der mit bürgerlichem Namen Charles-Édouard Jeanneret hiess und in La Chaux-de-Fonds NE/CH geboren wurde, und vor allem um sein Werk.
 
Notre-Dame-du-Haut
Vom Ortszentrum Ronchamp führt ein schmales Strässchen hinauf zum Allerheiligtum „Chapelle Notre-Dame-du-Haut“ (Wegweiser-Inschrift) auf dem Hügel Bourlémont. In respektvoller Distanz zur Kapelle stehen unterhalb davon viele Parkplätze zur Verfügung, wo das Auto gratis abgestellt werden kann. Anschliessend ist ein grosses Kioskgebäude (La Porterie), wo man pro Person 3 Euro zu bezahlen hat, Schriften und Souvenirs kaufen kann und anhand von Fotos und eines Modells des Neubaus einen Eindruck von der Geschichte dieses Wallfahrtsorts erhält (www.chapellederonchamp.fr). Ein Pilgerheim und eine Priesterwohnung bilden eine Art Wall unterhalb der Kapelle, der sich in den Hügel einfügt.
 
Einst standen hier Tempel der Kelten und der Römer, und im 6. Jahrhundert soll hier eine christliche Wallfahrtskapelle erstellt worden sein; das Christentum machte sich breit, als die Römer ihre Kolonistenzeit beendeten, weil es bei den Kolonialisierten kaum noch etwas zu holen gab. Im weiteren Verlauf des Mittelalters kamen häufig Pilger zur Marien-Verehrung auf diesen Hügel. Hier war schon im 15. Jahrhundert eine Kirche gebaut worden, die im 18. und 19. Jahrhundert Anbauten erhielt. 1913 schlug ein Blitz ein, und die Anlage brannte nieder. Zwischen 1923 und 1936 wurde eine neue Kirche mit Stilelementen aus der Gotik errichtet, die dann im 2. Weltkrieg bei einem Artillerieangriff zerstört wurde; 1944 war dieser Berg hart umkämpft gewesen. Eine Stufenpyramide, die aus den Bausteinen der alten Kirche aufgeschichtet wurde, erinnert daran – sie ist ein exzellenter Aussichtspunkt auf die heutige Kirche. Einige Bruchsteine wurden auch für die neue Kirche verwendet.
 
Mit solchem Wissen ausstaffiert, näherten wir uns andächtig der Chapelle von der Südseite her – und dann stand sie vor uns: Die weisse, mit vielen Fensternischen versehene, schräge, sich verjüngende Mauer, in deren Ecke im groben weissen Verputz bei der Südostspitze einige dunkle Risse entstanden sind. Die unförmige Wand trägt ein aus 2 Rohbetonschalen gefertigtes Dach, das zuerst einmal wie ein zum Himmel auffahrendes Schiff aussieht und eine Verbindung zum Kosmos herstellt. Die ausgesprochen grobe Körnung des Verputzes lässt das Licht vibrieren. Daneben ragt der höchste der 3 periskopartigen Türme auf, die keine Glocken enthalten, sondern das Sonnenlicht aus verschiedenen Richtungen einfangen und ins Kircheninnere leiten.
 
Die 3 Glocken hängen an der Westseite der Kapelle an einem von Jean Pouvé realisierten niederen Ständer im Freien – wie bestellt und nicht abgeholt. Ein vorgesehener Glockenturm, der die von der ehemaligen Kapelle verbliebenen Glocken hätte aufnehmen sollen, wurde aus finanziellen Gründen nicht gebaut, zumal die Anlage in Privatbesitz ist. Dieser bemerkenswerte Umstand geht auf die Zeit der Französischen Revolution zurück, als alle kirchlichen Besitzungen enteignet wurden. Damals schlossen sich 160 Bewohner aus dem Dorf Ronchamp zusammen und kauften dem Staat die Wallfahrtskapelle ab, um diese als Privateigentümer zu betreiben. Sie schützten diese damit vor der Entweihung, was bei den aktuellen Verkäufen leer stehender Kirchen etwa in den Niederlanden nur noch selten der Fall ist. Noch heute gehört die Kapelle Ronchamp den Nachfahren der erwähnten 160 Dorfbewohner, die sich zu einem gemeinnützigen Verein formiert haben, der ohne staatliche oder kirchliche Gelder auskommen muss. Dennoch ist von Geschäftemacherei keine Spur – im Gegenteil. Alles ist sehr anständig.
 
Wir steigen auf einen kleinen Aussichtshügel, von dem aus die Süd- und Ostseite des Bauwerks studiert werden können. Da ich die Unregelmässigkeit, lockere, aufgelöste, gewissermassen organische Formen und Strukturen liebe, war ich von diesem Anblick ebenso begeistert wie Eva, Anita und Urs. Von der Südostecke aus erschliessen sich dem Betrachter die Formen und konstruktiven Eigenarten dieses architektonischen Meisterwerks zusätzlich. Er erkennt auch, wie die Architektur die 4 Horizonte aufnimmt, dem Horizont antwortet und sich mit ihm in einem Dialog verliert.
 
Es war bald Mittag; die Sonne, die ohnehin im Begriffe war, ihren Jahreshöchststand zu erreichen, stand hoch. Sie hellte die sattgrüne Landschaft mit ihren sanften Schwingungen auf: die Langres-Ebene im Westen, die letzten Ausläufer der Vogesen im Norden, die Burgundische Pforte (Trouée de Belfort) im Osten und die ersten Hochebenen des Tafeljuras und dem Flachland der Saône im Süden und Südwesten. Es ist wichtig, das Bauwerk im Kontext mit der Landschaft zu betrachten, was etwelcher Überwindung braucht, zumal am Bau so viele faszinierende Details ausgemacht werden können, dass es einem kaum einfällt, den Blick auch noch in die Ferne schweifen zu lassen.
 
So befindet sich auf der Ostseite ein schlichter Freialtar mit Aussenkanzel unter dem geschwungenen Dach, wo im August und September jeweils die grossen Pilgergottesdienste gefeiert werden – Massenveranstaltungen. Eine Marien-Statue sieht man von hier wie auch vom Kircheninneren aus. Architektur und Spiritualität sind geschickt verbunden.
 
Die Nordseite zeigt die Fenster der Sakristei, eines Zimmers, eines Saals und die Lüftung des aus 2 Gewölbedecken bestehenden muschelförmigen Dachs; die Decken sind 2 bis 2,2 m voneinander entfernt. Es ist ein Beispiel für die Synthese von Feinfühligkeit, von Feinnervigkeit, und einer kraftvollen Erscheinung.
 
Von der Nordwestfront aus hat man gleichzeitig alle 3 Türme vor sich: Die Zwillingstürme kehren einander den Rücken zu, um das Licht aus entgegengesetzten Richtungen – von Morgen und Abend – einzufangen und hinunter zu 2 kleinen Seitenkapellen zu lenken. Der grosse, nach Norden geöffnete Turm erhält dank seiner Glas-Facetten eine gleichmässige Belichtung. Und dann ist da an der Westfassade noch der Wasserspeier in der Form eines Doppellaufs, um dem Wasser die nötige Geschwindigkeit zu geben und aus dem das Dachwasser als Wasserfall in ein Bassin fällt. Der Speier ist am Knickpunkt einer Kurve, welche die Türme der Nord- und Südkapelle verbindet. Das Bassin ist verspielt ausgestaltet, und wir haben eine Münze hineingeworfen und damit unseren wichtigsten Wunsch verbunden, Aberglaube hin oder her.
 
Durch den Nordeingang haben wir uns endlich ins Innere der Kirche vorgewagt, wo die Kunst der Architektur offensichtlich die Religionsattribute in den Schatten stellt. Die dunkle Decke hängt wie ein Tuch in den Raum hinein, der ausgeglichen, harmonisch ist, obschon er sich jeder Symmetrie bewusst verweigert. Er ist voller Bewegung: Der Fussboden senkt sich, das Gewölbe steigt empor, Raum und Mauern weiten und verjüngen sich, ein unglaubliches Erlebnis. Es waren nur wenige Besucher, darunter eine Schulkasse und 2 professionelle Fotografen, hier. Obschon die Lehrerin lärmdämpfende Handzeichen gab, bewegten sich die Kinder, fühlten sich offensichtlich angeregt. Ich hatte Verständnis dafür. Man fühlt sich eher zum Herumgehen, zum Schauen animiert, um alles aus verschiedenen Blickrichtungen zu erleben. Eine Andacht will sich nicht so richtig einstellen, sicher nicht beim ersten Besuch.
 
Allein schon die verwendeten und mit Geschick kombinierten Materialien sind Schaustücke: Der Sichtbeton, der in eine Verschalung aus quergesägtem Fichtenholz gegossen wurde, geschliffene Steine aus dem Burgund für den einfachen Altar, eine Holzpflasterung unter den wenigen Holzbänken, Steinmauerwerk, Gusseisen (für Kommunionsbank, grosse Tür und Geländer), Glasöffnungen, Bronze, Email für die Eingangstür (18 Quadratmeter).
 
Das Innere dieser Arche wird durch die unregelmässig verteilten und geformten und bemalten (teils beschrifteten) Lichtöffnungen mit farbigen Gläsern erleuchtet. Was muss das für ein Fest sein, wenn die Sonne tiefer steht! Wir hatten diesbezüglich nicht eben den günstigsten Zeitpunkt erwischt, aber das Lichtstrahlenspiel war dennoch beeindruckend, vor allem in den Seitenkapellen, die das Licht von oben empfangen. „Architektur ergreift durch das weise, konkrete und herrliche Spiel der Körper im Licht“, sagte Le Corbusier einmal, und genau dies ist ihm hier vollendet gelungen. Oder anders ausgedrückt (in „Les Carnets de la Recherche Patiente“, Oktober 1957): 
„Der Schlüssel
ist das Licht,
und das Licht
erhellt Formen.
Und diese Formen haben
eine ergreifende Kraft (…)“. 
Im Prinzip hatte es Corbusier immer abgelehnt, einen Kirchenbau zu erstellen. Doch diese Aufgabe an dieser Stelle und in dieser Landschaft reizte ihn. Er baute im Einklang mit der Natur, liess sich von den Formen der Hügel in der Umgebung inspirieren. Die harte, rechtwinklige Form verwendete der Meister nur für Altar, Beichtstühle und Bestuhlung. Sie stehen wie Gebrauchsgegenstände ausserhalb der organischen Komposition, die in jedem Besucher noch lange nachklingen wird.
 
Diese Kirche habe ich nicht wie einen Sakralbau erlebt – ich fühlte mich dort wohl, beschwingt, ähnlich wie wenn ich mich durch eine naturnahe Landschaft oder in einem wilden oder kunstvoll gelenkten Garten bewege. Es gibt keine Drohfinger, keine Dominanz Bösartigkeiten, Tod und Jenseitigem, sondern da sind Leben, Zuversicht, Freude an Formen und Farben. Und all das ist unübertrefflich arrangiert.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit Bezug zu Le Corbusier
 
Hinweis auf die Le-Corbusier-Liege
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