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BLOG vom 26.06.2008


Biberstein: Das Guggimätteli als urdemokratisches Lehrstück
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Biberstein AG als politische Gemeinde war bis vor wenigen Jahrzehnten am Rande der Armengenössigkeit, hat sich aber in den letzten Jahren zu einer wohlhabenden Wohngemeinde entwickelt. Der Jurasüdhang wurde mit luxuriösen Terrassen- und Einfamilienhäusern befestigt, in die fleissige Steuerzahler eingezogen sind, die zwischendurch gern einmal einen Blick hinunter zur Aare und darüber hinaus zum Alpenkranz werfen. Der Gemeindesteuerfuss konnte in den letzten Jahren kontinuierlich von 125 auf 88 Prozent (bezogen auf den Kantonssteuerfuss) gesenkt werden.
 
Container für Kinder
Öffentliche Proteste sind ausgeblieben. „Wir haben sehr gesunde Finanzen“, sagte Gemeindeammann Peter Frei an der 1. Freiluft-Gemeindeversammlung vor dem Schulhaus vom 24. Juni 2008, stolz wie ein gereifter, gütiger Vater, der seine Familie nicht nur über die Runden gebracht, sondern sogar zu einem bescheidenen Wohlstand geführt hat. Der Ort des Geschehens, die Schulanlage, die auch Raum für die einheimische Erwachsenenkultur bietet, hat für Aktivitäten an der frischen Luft genügend Spielraum. Doch weil der Schulbetrieb vor allem in Innenräumen stattfindet und die Schule zunehmend zur Rundum-Kinderbetreuung mit ausgedehnten Therapieeinrichtungen (ist jetzt auch die Jugend eine Krankheit wie Schwangerschaft, Abänderung, Alter?) verkommt, ist das Schulhaus halt allmählich zu klein geworden, ähnlich der Gemeindeverwaltung, der ein halbierter Beamter zugebilligt wurde.
 
Mit raumplanerischen Grossstrategien auf Excel-Basis war die Platznot in der Schulanlage nicht zu bewältigen. Aber das wird auf andere Weise zu lösen sein, vorerst durch das Aufstellen von 2 für die Dauer von 3 Jahren gemieteten Containern, für die man während dieser Zeit total 70 000 CHF loswerden kann. Die Gemeinde stimmt schweigend zu. Container sind eine Ingredienz des modernen Lebensstils – man schaue bloss einmal auf einem Güterbahnhof oder an einem Meerhafen herum. Finanziell liegen solche Mietkosten drin: Laut amtlichen Angaben beträgt das Eigenkapital der Gemeinde Biberstein nämlich CHF 1 798 877.44; ich nenne die Zahl so exakt, um aufzuzeigen, wie genau man es hier mit den Finanzen nimmt. Da wird über jeden Rappen Rechenschaft gegeben und dabei nicht etwa auf- oder abgerundet.
 
Das geografische Rätselspiel
Das wiederum ist ein Ausdruck einer tiefenscharfen Demokratie, die noch tiefer reicht, wenns sein muss: Wir dürfen nicht allein über jeden Rappen abstimmen, sondern uns auch ins amtliche Jäten einmischen. So ist ein kleiner Hinterhof-Landplätz (Parzelle) hinter der aufsteigenden, nördlichen und altehrwürdigen Häuserzeile, die zum schönen, herausgeputzten Dorfzentrum mit den blühenden Terrassengärtchen gehört, im Gemeindebesitz und offenbar der Natur überlassen. Was Naturschützerherzen erfreut, gefällt aber einem ebenso ordnungsliebenden wie ortskundigen Einwohner Walter Wehrli nicht: „S’Guggimätteli isch e Sauerei“, erklärte er unter dem Abendhimmel und unter dem Traktandum „Verschiedenes“ in aufgeräumter Stimmung; man wusste nicht so recht, ob er spasste oder ob es ihm Ernst war.
 
Selbst bestandene Eingeborene, deren Altvordere schon in historischen Zeiten das Dörfchen belebt hatten, bekundeten mit der Interpretation dieser Kritik am Umgang mit gemeindeeigenem Land ihre liebe Mühe, zumal nur ganz wenige Auserwählte wissen konnten, wo sich das Guggimätteli befindet. Einer der Glücklichen war mein Tischnachbar, der Architekt Thomas Germann, der den Vorzug hat, so nahe beim naturnahen Guggimätteli wohnen zu dürfen, dass viele den unbegründeten Verdacht hegen, die Sauerei gehöre ihm. Er ist ein ordentlicher Mensch, stört sich aber nicht am Wildwuchs. Doch darf man darüber reden: Das Mätteli ist im Gemeindebesitz und kann deshalb Objekt einer Gemeindeversammlung sein.
 
Ich füge das an, um zu zeigen, dass die demokratische Tiefenschärfe auch tief in Sachfragen hinein reicht, wobei es dann zur Kunst der Exekutive (Gemeinderat) gehört, Lösungen auszuarbeiten, die sowohl juristisch und auch unter dem Aspekt „Natur im Dorf“ standhalten. Die Sache mit der Naturtoleranz ist eine reine Ermessensfrage. Wenn die Pflanzenabfolge mitten im Dorf erlebt werden kann, könnte dies das Schulhaus mit Bezug auf die Naturkunde-Lektionen entlasten; ich habe schon immer die Auffassung vertreten, der Biologieunterricht gehöre ins Freie, löste aber damit nur Kopfschütteln aus. Ich bleibe unbelehrbar.
 
Die Natur darf hier und dort schon noch etwas urtümlich sein, und so könnte das schlagartig berühmt gewordene Guggimätteli zum Wallfahrtsort für Einheimische und Neuzuzüger werden, ein Refugium für Naturliebhaber genauso wie unsere garantiert chlorfreie Bio-Badi mit ihrem quäkenden Amphibien-Material. Dem Interpellanten gehört unser Dank, dass er uns auf seine originelle Art darauf hingewiesen hat.
 
Im Prinzip weiss ich sehr wohl, dass dieser Fall Guggimätteli an sich keine internationale, sondern nur exemplarische Bedeutung hat. Denn er belegt in einem Teilbereich, dass es in einer Demokratie nach schweizerischem Muster immer Bagatellen, dann wieder Angelegenheiten von grundsätzlicher Bedeutung und gelegentlich auch etwas gibt, was das Gemeindeleben erschüttert. Letzteres war an der Gemeindeversammlung („Gmeind“) nicht der Fall. Selbst die Ermächtigung des Gemeinderats zum Kauf von Aktien der „Pelletwerk Mittelland AG“ für 20 000 Franken gehört eher in den Sektor Bagatellen. Mit dieser Kapitalanlage wird darauf spekuliert, einen Absatzkanal für etwa 200 Kubikmeter Industrieholz (etwa ¼ des jährlichen Hiebsatzes aus den Gemeindewaldungen) zu gewährleisten. Dieses Holz kann man dann pulverisieren, das Sägemehl zu kleinen Würstchen zusammenkleben und endlich verheizen, immer in der Hoffnung auf eine positive Energiebilanz. Die Hoffnung verbrennt zuletzt.
 
Die 10 Prozent
An der Bibersteiner Gemeindeversammlung nahmen genau 100 von den insgesamt 1007 Stimmberechtigten der Gemeinde teil, also ungefähr jeder Zehnte. Das sei eine verhältnismässig gute Beteiligung, sagte der Gemeindeammann Frei bei einem lockeren Gespräch, das ich mit ihm nach dem Traktandenabbau führte. Allerdings, so fügte er bei, im Erlahmen des Interesses an öffentlichen Belangen sehe er die Gefahr für den Weiterbestand der Demokratie in ihrer jetzigen Form.
 
Das sieht er ohne Zweifel richtig. Und diese seine Feststellung ist umso bedeutender, als der Globalisierungsprozess mit all seinen gleichmacherischen Fusionen hin zur zentral und von einer möglichst hirntoten Weltregierung gelenkten Einheitswelt ohnehin auf eine Zerstörung demokratischer Werte hinausläuft. Diese Tragödie ist bereits bei einem fortgeschrittenen Akt angelangt. So konnte, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, bloss in einem einzigen der 27 EU-Staaten eine Volksabstimmung darüber veranstaltet werden, ob denn via den so genannten „Lissabonner Vertrag“ die Nationalstaatlichkeit ausgehebelt und alle Macht nach Brüssel delegiert werden soll, auf dass aus der Europäischen Union ein Superstaat werde, den die verschaukelten, unterworfenen Völker ebenso wenig als super empfinden würden wie die Iren. Die Iren sagten: Nein.
 
Die verkehrte Demokratie-Welt
Wenn wir unter derartigen Auspizien unsere Bibersteiner Erkenntnisse aufs weltpolitische Niveau emporheben, sehen wir folgende Tatbestände vor unserem geistigen Auge: In den meisten Ländern ist die Volksmitwirkung am öffentlichen Geschehen weitgehend abgeschafft. Die Völker aber würden gern mitreden. In der glücklichen Schweiz aber, wo die Demokratie noch immer ein weltweit unerreichtes Glanzstück ist, besteht die Gefahr, dass sich das in wesentlichen Belangen desinformierte Volk aus der Mitwirkung zurückzieht, besonders wenn es nur um alltägliche Routinegeschäfte ohne Event-Charakter geht. Es hängt vor Farbfernsehfenstern herum, bleibt teilnahmslos und beschwört damit die Gefahr herauf, am bitteren Ende auch dann nicht mehr gefragt zu werden, wenn wesentliche Entscheide anstehen.
 
Jede Zeit hat ihre Moden, verrennt sich in modischen Dummheiten, und weil Moden von der Nachäffung leben, sind ihre Wirkungen umfassend. Die Mode der neoliberalen (rein finanzertragsortientierten) Globalisierung heisst Fusion. Selbst grosse Unternehmen mit Tradition, die von Generationen aufgebaut wurden, verkommen zur Handelsware, zu Spielsachen für Spekulanten. Die Konzerne werden immer gigantischer, und wenn sie dann in Schwierigkeiten geraten – die USA wissen, wie man das macht –, ist das Debakel nicht minder gigantisch. Das Fusionsfieber, gegen das es keine wirksame Impfung gibt, ist zu einer aktuellen Seuche geworden, und nur Institutionen mit einem ausserordentlich starken Immunsystem können sich solche virale Angriffe vom Leibe halten.
 
Auch Gemeinden werden zu Fusionsobjekten, und dieser Vorgang wird sogar staatlich gefördert und mit Zückerchen belohnt. Das gleiche Drama wie bei den Kleinbauern spielt sich auch bei den kleinen Gemeinden ab, wahrscheinlich gezielt gefördert: Eine Nationalfondsstudie („Ladner“) hat nachgewiesen, dass kleine Gemeinden lebendiger und vielfältiger als grosse Verbünde sind. Soziale Integration, politische Kompetenz, Zufriedenheit und das Vertrauen in die Politik sind laut der Studie in Kleingemeinden am ausgeprägtesten. Und genau das passt nicht zur Demokratieabschaffung im Rahmen des Globalisierungsprozesses, der nur funktionieren kann, wenn das Volk von den Entscheidungsprozessen ferngehalten wird und die Globalisierungsturbos von der gehorsamen Unterordnung der stillgelegten Völker profitieren können – siehe EU. Wenns ums Bezahlen geht, ist der Einbezug tadellos.
 
Ein solches Bollwerk gegen Gemeindefusionsgelüste ist das finanziell erstarkte Biberstein. Während rundherum Gemeindezusammenschlüsse vorbereitet (und einst eigenständige Gemeinden zu blossen Quartiervereinen degradiert werden), hat sich Biberstein den Weiterbestand seiner Unabhängigkeit ins Leitbild geschrieben. Zugegeben, viele Gemeinden haben weniger gute Voraussetzungen, haben nichts auf der hohen Kante, und vielleicht gibt es Einzelfälle, wo die Einbindung in einen grösseren Ort, beispielsweise in eine Stadtgemeinde, ein Akt der Vernunft ist. Allerdings geht die momentane Fusionitis weit über Vernunftehen hinaus, vor allem wo eine veränderungsmanische Kindergeneration am Ruder ist, die mit ihrer Destruktion und Dekonstruktion den österreichischen Schriftsteller Karl Kraus noch überbieten will: „Wenn die Eltern schon alles aufgebaut haben, bleibt den Kindern nur noch das Einreissen.“
 
In Biberstein wird auf- und ausgebaut. Wir sind verkehrsmässig erfreulich schlecht erschlossen, kleben an einer schwer zugänglichen Stelle am Jurasüdfuss unter Homberg und Gisliflue und wollen seit der Berner Zeit keine fremden Vögte mehr, wehren uns gegen den Neo-Absolutismus und beflügeln eine Renaissance der Aufklärung, des Mitdenkens und -bestimmens. Dazu gehört die Teilnahme an Gemeindeversammlungen und am Gemeindeleben überhaupt.
 
Gewiss braucht eine lebendige Demokratie viel mehr Pflege und Unterhalt als das Guggimätteli: eine Überwindung der Abstinenz, das heisst das Gemeindeleben muss aktiviert werden. Der Gemeinderat der Rebbaugemeinde Biberstein hat das Rezept dafür gefunden: Er liess, nachdem er alle Geschäfte schlank unters Dach des Abendhimmels gebracht hatte, einen süffigen einheimischen Wein von Walter Bopp, Bier und andere,  noch harmlosere Getränke auffahren. Und damit die begehrte Tranksame etwas zum Herunterspülen hatte, war ein Grilleur im Einsatz, der Bratwürste und Cervelats mit originaler Haut auf der Glut einfärbte. Thomysenf stand ebenfalls in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Man sieht: Eine Demokratie nach Bibersteiner Muster ist mehr als nur erhaltungswürdig.
 
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