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BLOG vom 13.07.2008


Pragelpass: Wildes zwischen dem Muotatal und dem Klöntal
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In die Liste der Berühmtheiten unter den Schweizer Pässen hat es der Pragelpass nicht gebracht. Er verbindet die Kantone Schwyz und Glarus und ist zwischen Hinterthal SZ beim Dorf Muotathal und Glarus 35 km lang, steil (mit Steigungen bis 18 %) und schmal. Die asphaltierte Strasse ist meistens nur 3,5 m breit. Einige kleine Ausweichstellen erlauben das Kreuzen der meist geländegängigen Fahrzeuge, die hier verkehren.
 
Nicht automobilistischer Masochismus war es, der mich dorthin trieb, obschon der Prius gerade solche Herausforderungen mit Bravour bewältigt. Sondern es war vielmehr der Wunsch, den Bödmerenwald endlich von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen; über dieses Naturwunder werde ich in einem separaten Blog berichten. Hier möchte ich mich auf den Pragelpass beschränken, weil sich über ihn doch einiges an Bemerkenswertem sagen lässt.
 
Das Muotatal
Wir gingen diesen Alpenübergang am Mittwoch, 02.07.2008, von Schwyz aus an. Man folgt dort den Wegweisern „Muotatal“. Wenn dieser Name hier ohne H geschrieben wird, ist dies kein Fehler, denn zur Unterscheidung des Tals schreibt man dieses ohne, die Ortschaft Muotathal aber mit H. Muota aber bleibt immer gleich und bedeutet „wild“ (muoth) und „Wasser“ (Ah).
 
Das Wildwassertal ist zwar nahe bei Schwyz und doch eine recht einsame Welt, weil es eigentlich noch immer eine in sich geschlossene Welt ist. Der Pragelpass zählt als Ausgang kaum. In diesem niederschlagsreichen und hoch gelegenen Gebiet von 600 m. ü. M. (Muotathal) bis 1550 m (Passhöhe Pragelpass), sind die Winter ausdauernd, die Strasse also häufig zugeschneit, und an Samstagen und Sonntagen wollen die Glarner ihre Ruhe; sie sperren die Strassen bei der Kantonsgrenze GL/SZ in Richisau – zur Freude der Velofahrer und zum Ärger der Töff- und Autofahrer.
 
Das Muotatal ist u. a. wegen seiner Wetterfrösche berühmt: Eine Begrüssungstafel („Grüezi!“) zeigt am Taleingang einen solchen Propheten als Frosch. Ihnen zu Ehren gibt es ab dem Schulhaus in Muotathal einen Wanderweg (1 bis 2 Stunden). Die richtigen 6 Wetterfrösche aber sind urchige, naturkundige Eingeborene, die aus Natur- und insbesondere Tierbeobachtungen und örtlichen meteorologischen Zeichen langfristige Wetterprognosen zusammenbasteln, die mit Witz und Schalk garniert werden. Rund 2500 Interessierte haben sich zu einem Verein zusammengefunden, und die Mitglieder erhalten aktuelle Bulletins (Anmeldung bei Josef Bürgler, Alpägruäss, CH-6434 Illgau, Tel. (+41) 41 830 18 55). Berufsmeteorologen mit ihren stereotypen Formulierungen schauen mit Kollegenneid auf diese buntscheckige Wetterfrosch-Konkurrenz herunter, zumal diese ohne millionenschwere technische Infrastruktur zu guten Prognosen kommt – es ist eine ähnliche Entfremdung wie zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin: Im einen Fall ist es die genaue Beobachtung in Verbindung mit Erfahrungswissen, im anderen die Dominanz des Messbaren, des Maschinendenkens oder der Delegation der Vernunft an Maschinen.
 
Das Gewässer Muota ist im Talboden drunten kanalisiert; 4 Bergbäche scheuen sich nicht, den Wasseranfall auf manchmal gewiss ungestüme Weise zu vergrössern. Von dort sind auch das Wander- und Skigebiet Stoos (www.stoos.ch) und Fronalpstock zu erreichen. Die Gemeinde Muotathal hat es immerhin auf 3567 (2008) gebracht. Sie reicht vom Staubecken Schlattli (548 Höhenmeter) bis auf den Bös Fulen (2801 m) hinauf.
 
Auf die Passhöhe
Ab Muotathal mit seinem auffallenden Heimatbezug folgt man dem Wegweiser „Pragelpass“, kommt beim Weiler Höllbach am Hölloch-Eingang vorbei, einem riesigen, wohl 200 km langen Karsthöhlensystem, wahrscheinlich die grösste Höhle Europas. Die Strasse windet sich an Waldrändern oder im Wald, vorbei am Fedli und dem einsamen Restaurant Kreuz hinauf gegen die Passhöhe. Unterwegs passiert man beim Fruttli (1205 m) eine grosse Informationstafel „Silberen-Jägeren-Bödmerenwald (Kt. SZ“), die auf das hier beginnende Eidgenössische Jagdbanngebiet aufmerksam macht, das heisst, dass hier die Jagd verboten ist und Tiere nicht gestört, vertrieben oder aus dem Banngebiet herausgelockt werden dürfen und campieren untersagt ist. Markierte Wege dürfen nicht verlassen werden. Zudem gibt es Angaben über die hier lebenden Tiere wie Birkhuhn, Alpenschneehuhn, Steinadler, Gämse, Murmeltier, Schneehase, Alpensteinbock. Von hier aus wäre es zu Fuss gut eine Stunde bis zur Passhöhe.
 
Man folgt nach dieser Lektüre der Passstrasse weiter und erreicht nach rund 1 km den Eigeliswald (beim Punkt 1375), wo sich ein Parkplatz befindet und man seine Bödmerenwald-Wanderung starten kann (darüber später). Die Strasse ist so angelegt, dass sie den Bödmerenwald, diesen ausgedehntesten subalpinen Fichtenwald Europas (150 Hektaren primärer Urwald) mit seinen schlanken, mit olivgrünen Flechtenbärten behangenen Fichten nur tangiert. Auch von der Strasse aus sieht man einige wunderschöne Formationen aus verwittertem Kalk. Das saure Regenwasser hat kunstvolle Rinnen (Karren oder Schratten genannt) ins Gestein gefressen, die jede Bildhauerei aus dem abstrakten Sektor weit in den Schatten stellen. Nach Berechnungen können 100 Liter Regenwasser, das durch gelöstes Kohlendioxid aus der Luft leicht sauer ist, etwa 5 Gramm Kalkgestein auflösen, so dass es im Verlauf von Jahrmillionen schon zu riesigen Höhlensystemen und Karrenfeldern kommen konnte. An Tannen, Bergblumen und Alpweiden vorbei ist die Passhöhe bald erreicht.
 
Wer diese Strecke auf der Landeskarte 1:25 000 verfolgt, sieht sich vor eine mühselige Aufgabe gestellt. Erstens ist die schmale Pragelpassstrasse kaum zu erkennen. Und zudem steuert sie auf dem Blatt Muotatal (1172) der oberen rechten Ecke zu. Auf dem Nachfolgeblatt „Linthal“ (1173) ist ein weiteres Stücklein links oben zu finden, und die Fortsetzung findet sich dann auf dem Blatt „Klöntal“ (1153); das Gebiet der Passhöhe ist gerade im Schnittpunkt der beiden letzteren Karten. Einfacher zu handhaben ist die Wanderkarte "Klausenpass" (246 T) 1:50 000.
 
Aber schön ist es dort oben, an den Hängen der Druesbergkette, die das Muotatal im Norden begrenzt, Kartensalat hin oder her. Wir kehrten in der Alpwirtschaft Roggenloch auf der Schwyzer Seite knapp unter der Passhöhe ein, wo wir ein Elmer Citro (von der Glarner Seite) mit einem Einsiedler Lagerbier aus der Brauerei Rosengarten verheirateten und uns mit einigen Prospekten eindecken konnten, unter anderen solchen von der Erlebniswelt Muotathal GmbH. (www.erlebniswelt.ch). Der korpulente, gesprächige Wirt veranstaltet hier oben an Sonn- und Feiertagen jeweils Volksmusikveranstaltungen, wahrscheinlich um die Glarner Strassenblockade auf diese nahe liegende Art überspielen zu lassen.
 
Auf Suworows Spuren
Früher führte nur ein Saumpfad über den Pragel, über die Schwelle zur Richisauer Klön, der immerhin noch die Nutzung als Weideland ermöglichte. Doch dieser schwierige Übergang hatte auch eine militärische Bedeutung. Der durch seinen legendären Alpenfeldzug im Herbst 1799 bekannt gewordene General Alexander Wassilitsch Suworow Rymnikskij (1730‒1800) benützte diesen Weg mit seinen rund 21 000 Mann, weil die Franzosen den Urnersee und den Weg, wo heute die Axenstrasse ist, versperrten. Er wich vom urnerischen Schächental über den Kinzigpass ins Muotatal aus. Auf der Ostseite des Franziskanerklosters Muotathal hängt eine verwaschene Tafel: „Quartier des Generalissimus Suworow 28.30 September 1799.“ Die Soldaten hatten auch schwere, zerlegbare Kanonen mitzuschleppen. Regen, Schnee und ein Mangel an Proviant erschwerte diese heroische Aufgabe zusätzlich. Hinzu kamen die ständigen Angriffe der Franzosen, die den grössten Teil der Eidgenossenschaft besetzt hielten. Suworow hatte auch im Glarnerland schwere Kämpfe zu bestehen und musste über den Panixerpass ins bündnerische Vorderrheintal ausweichen. Nur 14 000 Soldaten überlebten diese Strapazen; 10 000 von ihnen waren kampfunfähig. Sie verliessen die Schweiz über die österreichische Grenze.
 
Die alte Strasse
Hier sei eine Beschreibung des Pragelpasses aus dem 1963 erschienenen Clubführer des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) zitiert, als die neue Strasse noch nicht gebaut war: „Der Pragelpass ist durch das Klöntal bis zur Kantonsgrenze (GL/SZ) fahrbar. Von der Kantonsgrenze führt ein Prügelweg hinauf nach dem Nühüttlistafel der Saasalp, geht dann als Viehweg fast eben durch den Schwyzerwald an das linke Bord der Chlön (Klön) und bleibt auf demselben bis nahe an die Passhöhe. Auf dem Guetetalboden (1297 m) 300 m unterhalb der Passhöhe, beginnt ein Fussweg, der über ChlosterbergHaselbach, rechtsseitig vom Starzlenbach, nach dem Dorfe Muotathal hinableitet, währenddem auf dem linken Ufer über Hengsthorn ein stellenweise holpriges Strässchen hintergeht.“
 
Die Geschichte der neuen Strasse
Der Pragelpass-Weg diente früher vor allem Wildhauer, Sennen, wurde gelegentlich von marschtauglichen Wanderern begangen und bot den Gebirgstruppen der Schweizer Armee gute Übungsgelegenheiten. Im Muotatal gab es verschiedene Vorstösse und Pläne zum Bau einer befahrbaren Strasse über den Pragelpass. 2 Abstimmungen in den Jahren 1937 und 1947 fielen zugunsten dieses Anliegens aus, doch mit der Umsetzung haperte es. 1963 sanktionierte das Eidgenössische Amt für Strassen- und Flussbau die Linienführung, welche das Schwyzer Oberforstamt zusammen mit einem generellen Projekt für Walderschliessungen vorgelegt hatte; der Bödmerenwald aber wurde möglichst wenig tangiert. Für die Verwirklichung der Pläne bedurfte es der Initiative des Kommandanten der für die Kampfführung in diesem Abschnitt zuständigen Reduitbrigade, Oberstbrigadier Claus Cramer. Er machte den Vorschlag, die rund 8,5 km lange und etwa 3,5 m breite Fahr- und Militärstrasse durch Truppen bauen zu lassen. Dadurch wurden etwa 1100 Hektaren Alpfläche und 556 Hektaren Wald zu wirtschaftlichen Zwecken erschlossen – der Bödmerenwald kam dank des Schwyzer Oberförsters Walter Kälin ungeschoren davon; ihm ist es auch zu verdanken, dass eine frühere Militärstrasse nicht mitten durch den Bödmerenwald führte. Die Gründung des „Urwaldreservats Bödmeren“ geht auf die Inititative dieses weitsichtigen Forstmanns zurück; er war es gewesen, der dessen ökologische Bedeutung erkannte und diese über das Ertragsdenken stellte. Am 7. Juni 2008 ist Walter Kälin im 91. Lebensjahr leider verstorben.
 
Das von der Armee gebaute Teilstück schliesst im Westen beim Roggenloch ans bestehende Waldstrassennetz der Bödmerenalp und im Osten an die glarnerische Kantonsstrasse bei Richisau an. Es kam zu einem Vertrag mit der Oberallmeindkorporation Schwyz und dem kantonalen Militärdepartement. Die zivilen Instanzen des Kantons Schwyz erklärten sich bereit, Vorarbeiten zu leisten und die Bauleitung zu übernehmen. Das Militär spielte die Rolle eines Bauunternehmers. Ab 1970 standen jeweils in den Sommermonaten während 10 Wochen im Schichtbetrieb Landwehr- und HD-Geniebataillone im Einsatz, wobei das Wetter häufig miserabel war. Die Unterkunft war in einer Zeltstadt auf der Passhöhe. 12 000 Kubikmeter Fels mussten weggesprengt werden, und vielerorts erschwerten durchnässte Stellen den Strassenbau. Insgesamt wurde mit militärischen und zivilen Leistungen von etwa 2 Mio. CHF gerechnet, eine erstaunlich preisgünstige Angelegenheit also, an der sich auch der Bund mit 27 % beteiligte, zumal die Strasse auch von strategischem Interesse ist.
 
Die Pragelpassstrasse dient auch einem sanften Tourismus in diesem Gebiet, das eines der schönsten Innerschweizer Wandergebiete ist. Der Pass ist von Drusberg (2282 m) und Silberen (2319 m) flankiert. Auf der Passhöhe sind ein Restaurant (Sommerwirtschaft) mit Übernachtungsmöglichkeit, wo man auch würzigen Alpkäse (18 CHF/kg) und Butter kaufen kann. In der Nähe sind Alpgebäude und eine Kapelle.
 
Ins Glarnerland hinunter
Die Glarner hatten ihre Strasse dem Klöntalersee entlang bis zur Kantonsgrenze Richisau (Brücke über den Schwialpbach) bereits ausgebaut, also bis zur Talstufe, welche durch den Moränenwall der Richisauer Schwammhöchi vom Klöntal getrennt wird, als der Passübergang an der Reihe war. Der 329 ha bedeckende und 5 km lange Klöntalersee unter den steilen Felsen der Glärnisch-Nordflanke ist ein Natursee, der durch einen Bergsturz aus dem Gelände des Dejenstocks (vor dem Wiggis) nach der letzten Eiszeit entstanden ist. Seit 1908 dient er auch der Elektrizitätsgewinnung, bis 1953 zudem der Eis-Gewinnung, etwa für die Brauerei Wädenswil. Am unteren Ende wurde zwischen 1904 und 1908 ein Damm aufgeschüttet. Der Bach war bei unserer Vorbeifahrt nach einer längeren Trockenperiode fast ausgetrocknet, fliesst doch das Wasser durch einen Stollen und dann durch eine oberirdische Druckleitung zum Kraftwerk Netstal.
 
Der Pass ist auf beiden Seiten ähnlich steil. Von Muotathal zur Passhöhe sind es 13 km bei einer Höhendifferenz von 624 m und von der Passhöhe nach Klöntal 10 km bei einer Höhendifferenz von 850 m – hier ist es also etwas steiler. Die Abwärtsfahrt  in etwas Distanz zur jungen Klön über Schwelaui, vorbei an Alpweiden und Bergwäldern und über den Grat der Gampeleggen, will wahrhaftig kein Ende nehmen. Doch verwertete unser Hybridauto die Bremsenergie zum Auffüllen der Batterien.
 
Der Kanton Glarus mit den Bergriesen ist eine andere Welt als das Muotatal; er hat mehr Bezug zur Welt, hat überall Aus- und Übergänge, so dass er es sich leisten kann, gelegentlich eines der Ausgangstore zuzuschliessen: jenes zum Pragelpass, wenn immer das Wochenwerk vollbracht ist und Glocken und Pfarrer zur Besinnung und zum Kirchgang rufen.
 
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