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BLOG vom 16.07.2008


Globalisierung: Die grosse Kulturrevolution auf Maos Spuren
Autor: Walter Hess, Biberstein (CH Textatelier.com)
 
Im Moment feiert man gerade das 40-Jahre-Jubiläum der Revolution von 1968, als sich die Jugend gegen die herrschenden Strukturen auflehnte. 2 Jahre vorher (1966) hatte Mao-Zedong zufällig in China die „Grosse Proletarische Kulturrevolution“ ausgelöst, vor allem beim unerfahrenen, leicht begeisterungsfähigen, fanatisierbaren Jungvolk. Bekämpft werden mussten die „4 alten Dinge“: alte Kultur, alte Gedanken, alte Gebräuche und alte Gewohnheiten. Wie jetzt im Abendland auch, wurde selbst mit der traditionellen Landwirtschaft gebrochen und Bauernbetriebe zu riesigen Volkskommunen konzentriert (in der Schweiz nennen wir das „Bauernsterben“). Zudem wurden in China während 10 Jahren (bis zu Maos Tod) ungeheure kulturelle Werte wie Kulturdenkmäler zertrümmert, damit ein grosser Sprung nach vorn und Maos Alleinherrschaft möglich werden sollten, hofiert von US-Präsidenten. Die Lektüre der Mao-Bibel war Pflicht. Diese zerstörerische Kulturrevolution führte zum Bürgerkrieg, dauerte etwa 10 Jahre und begeisterte und inspirierte weltweit.
 
Die 68er
So kam es in Europa zur Nachahmerrevolte 1968. Ich war zu jener Zeit auf der Redaktion des „Aargauer Tagblatts“ verantwortlich tätig und nahm an diesem Geschehen nur als Beobachter teil; ich war schon damals kein Mitläufer. An Anlässen, sich gegen die grosse Politik und Autoritäten aufzulehnen, wie etwa gegen das Vergiften und Morden durch die Amerikaner in Vietnam, bestand allerdings keinerlei Mangel. Man hätte auch heute genügend Gründe für ähnliche Volksaufstände – etwa mit Blick auf Palästina, Afghanistan und Irak.
 
Bemerkenswert an solchen Rebellionen, ob sie nun an sich begrüssenswert oder verwerflich sein mögen, ist der Umstand, dass sie mit Destruktivität – mit dem Niederreissen und Zerstören – statt mit dem Aufzeigen eines intelligenteren kollektiven Verhaltens verbunden sind. Diese Denkart, vom Schwingen des Abbruchhammers untermauert, fand sogar Eingang in die Wirtschaft. Der österreichische Ökonom Joseph Alois Schumpeter (1883‒1950), der ab 1927 an US-Universitäten eine reiche Vorlesungstätigkeit entfaltete, prägte den Begriff „schöpferische Zerstörung“, der in jüngster Zeit durch das harmloser tönende Modewort „Innovation“ überlagert wurde: Wer genügend erneuert, zerstört das Althergebrachte damit automatisch. Das Ziel kann auch so erreicht werden: „Abbruch Honegger“, sagte man früher in der Schweiz in Anklang an eine bekannte, traditionsreiche Zürcher Abbruchfirma, die 1991 selber Opfer der Abbruchgesellschaft wurde.
 
Der Hang zum Niederreissen (aus Prinzip und nicht nur aus einem begründeten Bedürfnis heraus) sind Resultate eines sträflich eingeengten, an Schwachsinn grenzenden Denkens. Denn wenn ich einen Neubau nach modernen Kriterien und mit neuen Materialen errichten will, brauche ich doch nicht eine ganze mittelalterliche Altstadt mit ihren nicht mehr zu erreichenden kulturellen Werten abzureissen, zu zertrümmern. Eine intelligentere Lösung wäre, von Erneuerern zu fordern, dass sie Verbesserungen von Bestehendem herbeiführen, oder aber, wenn es sich um vollkommen neue Würfe handelt, dass deren Wirkung umwelt- und sozialverträglich sein müssten und einigermassen in die Landschaft passen.
 
Zum Total-Abbruch bereit
Das Zerstören ist eine beliebte menschliche Tätigkeit, wie die ständigen Kriege belegen. Die jetzige US-Vorherrschaft beruht auf einem Vernichtungspotenzial, das in der Lage wäre, die Erde gleich mehrfach in Schutt und Asche zu legen. Solch eine Bedrohung der Menschheit hat es zuvor noch nie gegeben. Und das Waffenarsenal, das der ständigen (innovativen) Umsetzung bedarf, muss selbstredend getestet und bei jeder sich bietenden oder durch Lug und Trug herbeigeführten Gelegenheit abgebaut werden, damit Platz für neue Waffenarsenale entstehen. Die US-Kriegslust ist heute nicht mehr zu bremsen und hat es vor allem auch auf bedeutende kulturelle Werte abgesehen, wie damals, als am Ende des 2. Weltkriegs durch die Alliierten noch schnell die schönsten deutschen Städte zertrümmert wurden oder in Bagdad wesentliche Teile des Weltkulturerbes gestohlen oder vernichtet wurden. Auch in Vietnam habe ich viele ruinierte antike religiöse Stätten gesehen, die beliebte US-Angriffsziele waren – die Zerstörung erfolgte immer mit dem Vorwand, der Vietcong habe sich dort versteckt … Die grösste Gefahr für das, was noch an Frieden vorhanden ist, und für alle Länder der Erde geht von den USA aus, die nicht nur irakische Hochzeitsgesellschaften bombardieren, sondern ihren Krieg auch noch auf wirtschaftlicher Ebene führen.
 
Die schöpferische Zerstörung
Die besagte „schöpferische Zerstörung“ als Grundlage für das Wirtschaftsmanagement nennt man nun euphemistisch Globalisierung, die natürlich allumfassend, also auch ausserhalb der Wirtschaft, randaliert. Es geht insbesondere um Ausbeutung, Profit, und die damit verbundene Umweltzerstörung passt wunderbar ins allgemeine Zerstörungskonzept, bei dem manchmal die Politik, die nicht mehr im Dienste des Volks steht, die Rolle der Wegbereiterin spielt. Grossfirmen, die felsengleich Jahrhunderte lang in der Brandung standen, wurden und werden hinweggefegt. Im Moment sind die USA gerade dabei, die Schweizer Grossbanken mit ihrem unliebsamen Bankgeheimnis und Konkurrenzbanken auch in anderen Ländern zu zerstören; denn irgendein Persönlichkeitsschutz passt nicht mehr in diese ausrastende Welt mit ihrem so betitelten Neoliberalismus, der schon eher eine umfassende Neokontrolle ist.
 
Die offensichtlich schwer an Korruption leidenden US-Ratingagenturen liessen sich zwecks Absatzförderung zu einer Falschdeklaration des Hypothekenramsches hinreissen, klebten ihr AAA (Bestnote) auf wertlosen Plunder, und die verblendete Welt fiel in ihrer blödsinnigen US-Ergebenheit und -Hörigkeit darauf herein, kaufte, was die Kassen hergaben. Das sind auch Formen des Kriegs. Und ich frage mich, weshalb die ahnungslosen europäischen Grossbanken, die auf diese Gaunereien hereingefallen sind, nicht diese Agenturen einklagen und Schadenersatz fordern. Stattdessen nehmen sie in ihrer Angststarre noch Klagen von US-Anlegern hin, weil die Kurse der US-Geschädigten einbrachen … Die eingebetteten Medien drücken sich um die hier fälligen Kommentare herum.
 
Die Wirtschaft, die noch etwas produziert, ist das eine, das Finanzsystem, das als globales Schmiermittel der Bereicherung einer Machtelite dient, das andere. Auf der Grundlage des zerfallenden US-Dollars, vor dem man sich nicht genug hüten kann, ist ein gewaltiges Luftschloss aufgebaut worden, welches das grossartige, absolut zeitgemässe Potenzial zur Selbstzerstörung in sich trägt und selbst US-Institute in den Strudel reisst – mit den gebührenden internationalen Auswirkungen, versteht sich. Hypothekarinstitute mit den Namen Fannie Mae und Freddie Mac, die einem Comic-Kinderbuch entsprungen zu sein scheinen und die ihre Grösse wahrscheinlich meist faulen Hypotheken zu verdanken haben (wer schon einmal in den USA war, weiss um den desolaten Zustand der Mehrzahl der dortigen Bauten), wären zusammengebrochen, wären sie nicht von den ohnehin heiss laufenden staatlichen Dollarnotenpressen gestützt worden. Sie durften und dürfen trotz Börsenkotierung im Geheimen operieren; alles bleibt unter dem Deckel. Und Sammelklagen haben sie nicht zu befürchten. Das ist die US-Rechtsgleichheit ..., wie sie im Übrigen weltweit durchgesetzt wird.
 
Die schicke Grösse
Fannie und Freddie sind überall. Der Hang zur Grösse (und damit die Zerstörung kleiner, dezentraler und stabilisierender Einheiten) ist das tragende Globalisierungselement, weil die Kontrolle über wenige Grossstrukturen einfacher als über eine Vielzahl von individuellen Institutionen zu bewerkstelligen ist. Grösse ist schick, denn in diesem Fall ist dank der Konzentration auch die Zerstörung einfacher und umfassender, folgenschwerer.
 
Fusionen und Übernahmen legen bereits die Grundlage dazu, indem sie die Firmen durch Finanzierungsprobleme, Integrationsunmöglichkeiten, Vernachlässigung von Stabilität (= Vertrauenswürdigkeit) und Managementfehler in Schwierigkeiten bringen. Im Moment entsteht gerade der weltgrösste Bierkonzern (durch Übernahme des US-Brauers Anheuser-Busch durch den belgisch-brasilianischen Konkurrenten Inbev, ein weiterer Schritt zum globalen Einheitsbier für gleichgeschaltete durstige Bürger.
 
Folgerichtig erhalten Politiker und Manager, die sich als Zerstörer einen Namen gemacht haben, ein enormes Ansehen, in der Schweiz etwa alt Verteidigungsminister Adolf Ogi und sein Nachfolger, Bundesrat Samuel Schmid, denen immerhin die weitgehende Vernichtung der einst unabhängigen Schweizer Verteidigungsarmee gelungen ist und die diese zu einer jämmerlichen Nato-Hilfstruppe degradiert haben. Die seit Jahrhunderten bewährte Neutralität, die dem Land Ansehen und aussenpolitisches Gewicht gegeben hat, konnte damit auch gleich ausrangiert werden.
 
Macht durch Konzentration
Bei den Propagandisten der Globalisierung sind Machtaspekte die treibende Kraft, die immer auch mit materieller Gier zu tun hat. Und auch Politiker mit fehlenden Geistesgaben, die sich nur durch Gewalt und Zerstörung an der Macht halten können, sind eine grosse Gefahr (wie einst Mao und heute der religiöse Fundamentalist George W. Bush).
 
Die Ballungen finden auf allen Ebenen statt. Unter anderen sind die Zusammenfassung von Gemeinden, jene von Ländern und am Ende wohl auch Kontinenten (transatlantische Union) und deren Unterstellung unter die kriegerische Hegemonialmacht USA die dazu gehörenden Massnahmen. Bis auf wenige Ausnahmen haben sich die fusionierten Medien fest in den Konzentrationsprozess einbinden lassen. Sie sind unkritische, unermüdliche Verkünder der neoliberalen Heilsbotschaft und lenken mit Spielchen, Glanz-und-Gloria-Nonsens, untermauert mit viel amerikanischer Musik und anderen Unterhaltungskulturexkrementen von der anderen Atlantikseite von dem ab, was den Menschen am Ende an die Wäsche geht. Die Unzufriedenheit in den Völkern wächst bereits bedrohlich an, und weltweit hat vor allem das auf Totalzerstörungen ausgerichtete Bush-Regime dadurch auch noch den Terrorismus gefördert.
 
Ihren neuesten Gag feierten diese aktiven Umweltzerstörer Anfang Juli 2008 am G8-Gipfel im japanischen Toyako auf der Insel Hokkaido. Bei diesem teuren Polit-Happening mit Gruppenbild wurde von dieser durch nichts und wieder nichts legitimierten Machthaber-Gruppe vereinbart, bis 2050 die Treibhausgase zu halbieren. Ich habe zuerst gedacht, ich höre nicht recht, sicher habe es 2015 geheissen … Aber mein Gehör ist noch intakt. Als dann dieses „Resultat“, der Kunst des Nichtstuns bei praktizierter Hinausschiebung entsprungen, von Politikern und Medien noch gelobt wurde, zweifelte ich schon wieder an meinem Gehör. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Ein sehr erfolgreiches Meeting“, und als Globalisiererin von US-Gnaden fügte sie bei: „Wir müssen zusammenstehen.“ Eins sein in der Einheitswelt. Bei mir löst das Brechreize aus.
 
Mich nimmt nur wunder, ob man auch das Klima zuerst zerstören muss, um darauf Neues aufbauen zu können … So wird im grossen Stil dereguliert und desinformiert, bis dann die alltäglichen Debakel die Völker aufrütteln. Die Zerstörung ist kein kreativer Prozess – höchstens in der Kunst, wenn unbegabte Künstler um jeden Preis auffallen wollen.
 
Wandlung als Naturprinzip
Die Wandlung ist ein Naturprinzip, und die Natur kennt Zerstörungsprozesse – wie das Feuer, Überschwemmungen, Erosionen. Doch das geschieht innerhalb eines ausgewogenen, austarierten Ganzen, und im Gegensatz zum Menschen ist die Natur innerhalb einer anhaltenden Dynamik auch in der Lage, wieder eine standortgerechte Vielfalt und sich selber weiter zu entfalten, ein evolutionärer Prozess, der immer auf dem Vorhandenen, dem Erreichten basiert, auch bei der natürlichen Selektion.
 
Auf der Grundlage von Vorschlaghämmern, Bombenabwürfen sowie Macht- und Geldanhäufungen kann sich die Menschheit nicht sinnvoll entwickeln. Auf dem infantilen Gut-und-Böse-Schema der Globalisierungszentralen in Washington und New York lässt sich nichts von Sinn und Bestand aufbauen. Der Krieg kommt heute nicht nur in Form von radioaktiv verseuchten Bomben, sondern auch als Zerstörung von Lebensgrundlagen (wie die Aushungerung der Palästinenser durch Israel), als Boykotte, welche immer die Ärmsten und Unschuldigen treffen, und auch Ausbeutungen durch die ausgedehnte US-Klage-Industrie daher. Dort gehen Bereicherung und Zerstörung Hand in Hand.
 
Das Zerstören (und Plündern) ist bereits perfektioniert. Beim Aufbauen aber grassiert der Dilettantismus. Dennoch geht die grosse Kulturrevolution weltweit weiter … weit abseits des Himmlischen Friedens und des gleichnamigen Platzes, wo ein Mao-Porträt in der Nähe seines Mausoleums das misshandelte Volk noch immer grüsst.
 
Mao hat gelehrige Schüler gefunden. Weit über 1968 hinaus.
 
Buchhinweis
Hess, Walter, und Rausser, Fernand: „Kontrapunkte zur EinheitsweltWie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7. CHF 37.20, EUR 24,10.
 
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