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BLOG vom 20.07.2008


Wassen: Verknotete Modelleisenbahn-Vorlage am Gotthard
Autor: Walter Hess, Biberstein (Textatelier.com)
 
Eine der berühmtesten Kirchen der Schweiz ist jene von Wassen UR. Dabei geht es weniger um das hochbarocke Bauwerk oder die üppig vergoldeten Altäre im Innenraum, die gar nicht so richtig zur kargen Bergwelt passen wollen. Der hohe Bekanntheitsgrad ist vielmehr das Resultat der exponierten Lage auf dem Kirchhügel und vor allem des Umstands, dass diese dem heilig gesprochenen Gallus gewidmete Kirche mit der pavillonartigen Friedhofkapelle, ebenfalls mit Zwiebelhelm, bei einer Bahnfahrt über beziehungsweise durch das Gotthardmassiv nicht weniger als dreimal ins Blickfeld des Reisenden tritt. Die Kulisse im Kirchenhintergrund wechselt dabei immer. Betrachtet man das 1734 fertig gestellte Bauwerk von Norden, bildet der Meiggelenstock den Hintergrund, und von Süden schafft die Kleine Windgälle den imposanten Rahmen. Clevere Reisende mit genügend Zeit im Gepäck unterbrechen die Bahnfahrt in Göschenen, fahren mit dem Postauto nach Wassen und steigen vom Dorfzentrum über das ausgesprochen steile, asphaltierte Weglein zum Kirchhügel hinauf. Dort lassen sie die Landschaft mit den hier gebündelten und verknoteten Infrastrukturanlagen auf sich wirken.
 
Im Hinblick auf eine Besichtigung des Sustenpasses habe ich mich am 16.07.2008 ins Gebiet rund ums Sustenhorn und den Fleckistock vorgewagt, dorthin also, wo meine Geografiekenntnisse bisher aufhörten. Doch der Nachhilfeunterricht hat gewirkt, und ich werde in separaten Blogs berichten, was sich (nord-)westlich von Wassen abspielt.
 
Hier will ich mich auf das Dorf Wassen konzentrieren, bietet es doch genug Stoff für ein Tagebuchblatt – allein schon, was den Ausblick vom Kirchhügel aus anbelangt. Ähnliche Erlebnisse hatte ich bisher nur beim Anblick von Modelleisenbahnanlagen, deren Erbauer sich nicht mit langweiligen schnurgeraden Linienführungen zufrieden geben mögen (wofür auch der Platz meistens nicht zur Verfügung steht), sondern sie bauen Kurven und Kehrtunnels und verschiedene Ebenen ein, um auch die 3. Dimension zu nützen. Daraus ergibt sich sozusagen automatisch eine Berglandschaft mit ihren Bächen, Wasserfällen, gewundenenen Strassen, Dörfern und Einzelgehöften.
 
Mein verehrter eigener Vater übte sich nach seiner Pensionierung in solch einem Modelleisenbahnbau. Seine Anlage unter der Dachschräge eines Estrichzimmers war elektrifiziert, und die Züge hielten sich an die voll funktionsfähigen Signale und Weichenstellungen; gelegentliche Entgleisungen, die nicht eingeplant waren, liefen meist glimpflich ab. Da waren eine Fülle von Einzelerfindungen einbezogen, deren Kniffligkeit wahrscheinlich nur ermessen kann, wer selber schon modellbauerisch tätig war – ich leider nicht. Der Ingenieur Bruno Hess, Wald ZH, ein Neffe, der selber an Hauptbahnhof Zürich-Umbauten mitwirkte, bot in liebenswürdiger Weise technische Hilfe auf höchstem Niveau an, wenn Not am konstruierenden Manne war. Ich freute mich über diese hausgemachte Talentschau, die meinem Vater viel Befriedigung verschaffte und seinen Tüftler- und Erfindergeist wach hielt.
 
Beim Anblick des Infrastrukturknäuels von Wassen vom Kirchhügel aus war der Vergleich mit einer Modelleisenbahn naheliegend – doch hier breitete sich nun alles 1:1 vor mir aus. Ich musste mir zuerst einmal Rechenschaft darüber geben, wie denn das alles funktioniert, eine anspruchsvolle Aufgabe, da sich vieles unterirdisch abspielt. Also verfolgte ich zuerst einmal, so weit sie eben einsichtig war, die Gotthardbahnlinie, die sich durch das Urner Reusstal, teilweise in schützenden Tunnels, hierhin emporarbeitet und sich hinter Gurtnellen dann im 1476 Meter langen Pfaffensprung-Kehrtunnel (beim gleichnamigen Stausee), einem Spiraltunnel, verliert. Die Schienen dringen 700 m tief in den Berg ein. Sie drehen sich um sich selber (von unten gesehen in einem rechtsdrehenden Kreis), bloss um etwas Höhe (34 m) zu gewinnen. Nach der Rundfahrt im Berg kommt das Trasse höher oben, aber etwas talabwärts verlagert, wieder ans Tageslicht. Es begleitet die Reuss (unter dem Kirchberg in einem 300 m langen Tunnel) und dreht im Gebiet Urschlaui schon wieder in den Berg hinein, vollführt im 1084 m langen Wattinger Tunnel (26 m Höhendifferenz) nach allen Regeln der Geometrie in Kreisform schon wieder nach rechts, überquert die Reuss und fährt dann nach einem weiteren kurzen Tunnel, dem 230 m langen Rohrbachtunnel, in entgegengesetzter Richtung in den Bahnhof Wassen ein, den es eigentlich nicht mehr gibt; er ist ausser Gefecht. Gleich anschliessend wird auf der 122 m langen Mittleren Meien-Reussbrücke die Schwindelfreiheit getestet und der 78 m langen Maienkreuz-Tunnel durchstossen. Dann ist ein linksdrehender Tunnel fällig, der 1090 m lange Leggistein-Tunnel (25 m Höhendifferenz), der den Linienverlauf wieder in die ursprüngliche Richtung zum Gottharddurchstich zurückführt und auf der oberen Maienreussbrücke die Aussicht ins Reusstal freigibt.
 
Die Kehrtunnel haben nur die Aufgabe, die Strecke der Bahn zu verlängern und dadurch die Steigung erträglicher zu machen. Denn zwischen Gurtnellen, Wassen und Göschenen muss die Bahn 370 Höhenmeter überwinden, und weil eine Bahn nur maximal 26 Promille Steigung schafft, musste mehrmals zum Kehrtunneltrick gegriffen werden – eine planerische und bauliche Meisterleistung.
 
Die Züge fuhren in respektvoller Distanz, als ich um 9.30 Uhr das Geschehen beobachtete. Manchmal waren es endlose Güterzüge, bald ein kompakter Personenzug, der sich wie eine Schlange wand, dann wieder eine einsame Lokomotive, die sich unterfordert fühlte.
 
Und da waren auch noch die Autobahn A2 mit den Auf- und Abfahrtschleifen sowie andere Strassen – schliesslich ist Wassen am Kreuzungspunkt der Alpenstrassen über den Gotthard bzw. zum 1980 eröffneten Gotthard-Autotunnel und dem Susten-, Furka- und Oberalppass. Eine Fülle von Bergwanderwegen ergänzt das dichte Netz von Infrastrukturanlagen für jeden Zweck, die sich auf kleinstem Raum ineinander verkrallt haben. Ein Wanderweg führt unmittelbar der Bahnstrecke entlang, begleitet von guten Informationen. Und da kommen dann noch Elektrizitätsübertragungsanlagen hinzu.
 
Erstaunlich ist, dass das Dorf Wassen, das bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine Zollstätte war, mit dem grossen Dorfplatz mit seinem 1966 erneuerten Granitbrunnen (mit Uristier, dem Dorfpatron Gallus und dem Bären) den ursprünglichen Charakter weitgehend behalten konnte, auch wenn auf dem grossen Platz kaum noch Fuhrwerke verkehren, sondern Autos gratis abgestellt werden können. Markante Gebäude sind das Russenhaus aus Holzbau von 1827 mit reichen Rankenfriesen an der Hauptfassade, das Betagten- und Pflegeheim Uri im ehemaligen Hotel Ochsen, das Hotel zur Alten Post, das Urner Haus (ein Blockbau) und das Schulhaus sowie das Wohnhaus Antonini als Granitbauten. Michele Antonini (1843‒1911) war ein wohlhabender Steinbruchbesitzer. Der Steinbruch ist heute ein Naturrefugium (Biotop).
 
Ich besuchte noch schnell die Gemeindekanzlei oberhalb des Dorfs Wassen und konnte dort das Buch „700 Jahre Wassen“ (1987) für 20 CHF kaufen. Daraus ist zu erfahren, dass diese Gemeinde bis zuoberst ins Meiental hinauf reicht, von dem ich in einem Nachfolgeblog erzählen werde. Eine Bahn hat sich noch nie dort hinauf verirrt. Die Aufgabe, mit einer komplizierten Linienführung zu brillieren, übernimmt die Sustenstrasse.
 
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