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BLOG vom 24.07.2008


Sustenpass: Schöner Übergang und eine Aussichtsterrasse
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In den vorangegangenen Tagebuchblättern sind Wassen UR und das dort ansetzende Meiental beschrieben worden. Aber der Sustenpass als Gesamtkunstwerk verdient einige Zeilen, gilt er doch als schönste Passstrasse der Schweiz. In dieses Urteil möchte ich nicht leichtfertig einstimmen, denn die Passstrasse beidseits des Gotthards (Schöllenenschlucht, Tremola), der Albula- und der Grimselpass und auch die übrigen Alpenübergänge ringen dem Betrachter Bewunderung ab.
 
Alle diese Strassenbauwerke im schwierigen, oft unwegsamen Gelände sind zwar massive Eingriffe in die Natur. Aber gleichwohl wagt in diesem Zusammenhang wohl niemand, von einer Zerstörung des Landschaftsbilds zu sprechen. Denn die Bauwerke bringen eine zusätzliche Dimension in die oft kargen, steinigen, felsigen, abschüssigen und unwirtlichen Hänge. Sie wirken wie stabilisierende, ordnende Elemente. Und wie jedes technische Bauwerk, das funktionsgerecht konstruiert ist, wird es als schön empfunden – sogar auf die Hyperbel eines KKW-Kühlturms kann das zutreffen. Eine gut verankerte Brücke, die eine breite Schlucht überspannt und durch ihre Bogenform eine grosse Tragkraft erhält, muss man als schön empfinden.
 
Bei der Einweihung der Sustenpassstrasse, die während des 2. Weltkriegs zwischen Wassen UR und Meiringen BE erbaut worden war, sagte der damalige Generaldirektor der PTT-Verwaltung, Fritz Hess: „Kühn in der Anlage, erbaut nach den neuesten Erfahrungen der Fachleute und betreut vom Gedanken des Heimat- und Naturschutzes, möge die Sustenstrasse vermehrte Freude an den Alpen und ihrer Blumen- und Tierwelt vermitteln und den benachbarten Alpenübergängen neuen Glanz verleihen!“
 
Das Lob war berechtigt. Die vollkommen neu angelegte Strasse bewältigt zwischen Innertkirchen und der 2225 m ü. M. gelegenen Passhöhe beim Scheiteltunnel eine Höhendifferenz von 1603 m und zwischen dieser um Wassen 1309 m bei maximal 9 Prozent Steigung. Die eigentliche Passhöhe (oberhalb des Tunnels) liegt auf 2259 Höhenmetern. Offensichtlich wurde die 6 m breite Strasse an den Sonnenhängen des Meien- und Gadmentals sorgfältig ins bizarre Landschaftsgefüge eingefügt, wobei den Lawinenzügen, Steinschlagpartien sowie Geröll- und Schutthalden nach Möglichkeit ausgewichen werden musste. Und auch mit kosmetischen Einsätzen wurde nicht gespart. Es gibt mit Ausnahme einiger Tunnelbereiche keine nackten Betonmauern. Die zahlreichen Stützmauern wurden mit dem Gotthardgranit und -gneis verkleidet, womit gleich auch die Verwitterung eingedämmt werden konnte. Allerdings sind solche Strassen ewige Werke: Bei meiner Fahrt über den Pass vom 16.07.2008 war unterhalb der Passhöhe auf der Gadmental-Seite eine Equipe des Berner Strasseninspektorats Oberland Ost dabei, mit muldenweise emporgehobenem Fertigbeton einen Fels neben der Strasse zu stabilisieren.
 
Das Sustenpassgebiet ist auch vom geologischen Standpunkt aus bemerkenswert; denn die Verwitterung vermittelt einen guten Einblick in den Gesteinsaufbau. Die Breite des Meientals wechselt mit der Härte der Gesteinszonen. Im verhältnismässig weichen Schiefergebiet sind Talmulden entstanden, die viel breiter sind als in anderen Gebieten, wo Granit oder Gneis vorherrschen. Zudem gibt es auch Kalkgebiete, etwa im Spannort-Zwächtengebiet und am Titlis, wo Terrassen, Leisten und Bänder herausmodelliert sind. Kalksteine sind allerdings aus Distanz schwer auszumachen, da auch Granitgesteine wegen ihres Eisenanteils oft eine bräunliche Färbung haben.
 
Wer sein Auto auf dem Passhöhe-Rummelplatz mit dem grossen Restaurant abgestellt hat, tut gut daran, den asphaltierten Weg oder die Treppe aus Bahnschwellenabschnitten zum ehemaligen Passübergang zu bewältigen, eine willkommene Gymnastik. Dort oben ist ein weiteres Berggasthaus („Susten Hospiz“) neben einem kleinen Weiher. Schaut man auf die Meientalseite, hat man die schön restaurierte, von sorgfältig konstruierten Trockenmauern getragene alte Passstrasse vor sich, die mit grösserem Gefälle als die Fahrtstrasse ins Tal abtaucht und deshalb entsprechend kürzer ist. Sie dient heute als angenehmer Wanderweg – bis Wassen sind es etwa 4 Stunden.
 
Auf der westlichen (Berner) Talseite sind die Gletscherzungen des Steingleitschers und des mit diesem im oberen Teil verbundenen Steilimigletschers unter dem Gwächtenhorn und dem Vorderen Tierberg die augenfälligen Landschaftsmerkmale. Darüber werde ich in einem separaten Tagebuchblatt berichten. Hier hat das Eis bis weit hinauf seine Politurarbeit geleistet, ein deutliches Zeichen für den Gletscher-Rückzug.
 
Die Strasse windet sich zwischen Titlis- und Gammagruppe durch eine bewaldete Landschaft, dem Fuss der Gadnerfluh folgend, mäandriert in alle Richtungen, bis dann die ersten bewohnten, landwirtschaftlich geprägten Dörfer und Weiler wie Gadmen, wo sich das Tal öffnet, Fuhren (einige wenige Häuser an lawinensicherer Lage), Nessental, Wiler vorbeiziehen, wo ebenfalls eine Abwanderung stattfinden soll. Das touristische Angebot wie „Ferien auf dem Bauernhof“ wird etwas ausgebaut. Und unten fliesst das Gadmerwasser (die Gadmer Aa, Gadmer Aare oder Rusch genannt) Innertkirchen entgegen, um zwischen dort und Meiringen die Aareschlucht zu geniessen. Das Gadmerwasser wird durch das Wendenwasser angereichert, das Schmelzwasser des zum Titlis gehörenden Wendengletschers.
 
Und so findet man sich unversehens im Haslital, das zum Berner Oberland gehört und die Region von Brienzersee bis zum Grimsel- und Sustenpass umfasst. Neuerdings heisst die Tourismusregion Brienz‒Meiringen‒Hasliberg „Haslital. Berner Oberland“. Vor bösen Geistern kann man hier sicher sein; denn sie werden jeweils gegen Jahresende mit dem Trycheln (dem Läuten von Viehglocken) vertrieben. Da dies ein auf mehrere Stunden in der Altjahrswoche beschränkt ist, werden durch den auch mit Trommeln erzeugten Lärm wohl nicht auch noch die Touristen vertrieben, zumal es dort im Übrigen angenehm ruhig ist.
 
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