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BLOG vom 05.08.2008


Chasseral: Der Juraberg-König, der sich gern in Purpur hüllt
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Ob der Chasseral tatsächlich der „König der Juraberge“ ist, weiss ist nicht. Jedenfalls hält er mit seinen 1607 Höhenmetern beim Triangulationspunkt (gleich hoch wie der Chasseron) nicht den jurassischen Höhenrekord. Das rund 300 km lange Juragebirge mit der Form eines Riesengipfelis (Croissant) wird von der Crêt de la Neige (1720 m ü. M.) im französischen Jura (Haute Chaîne) nordwestlich von Genf deutlich übertroffen ist, und dort sind auch der Reculet mit seinen 1717 m und der Colomby de Gex (1688 m). Zudem gibt es auch überragende schweizerische Jura-Gipfel: Der Mont Tendre (1679 m) und La Dôle (1677 m), beide im Waadtländer Jura.
 
Was ein rechter König sein will, thront wahrscheinlich nicht einfach auf dem höchsten Punkt, sondern vielmehr dort, wo er den besten Überblick über seine Untertanen hat – er wird also die beste Aussichtslage wählen. Und der Chasseral, dieses ausgedehnte Faltengewölbe, dürfte diesbezüglich kaum zu übertreffen sein; damit meine ich die Gegend, wo der Sendemast und das Hotel sind.
 
Beim Blick nach Süden breitet sich etwa 800 m tiefer unten die muldenartige Hochebene von Diesse (Tessenberg, Plateau de Diesse) aus, wo sich die Kantone Bern und Neuenburg berühren. Und noch einmal 400 m weiter unten ist die Drei-Seen-Landschaft mit Bieler-, Murten- und Neuenburgersee. Wäre bei unserem Chasseral-Ausflug vom 23.07.2008 dieser vertrackte bräunliche Dunst nicht gewesen, hätten sich dahinter die Gipfel der Berner Alpen bis zum Mont-Blanc aufgetürmt. Die ähnliche Aufgabe des Auftürmens erfüllten die weissen Wolkenberge, die sich über dem grau-bräunlichen Dunstband erhoben und Fantasie genug hatten, sich gestalterisch zu betätigen; ihre Form veränderte sich langsam und stetig – die Alpen brauchen dafür etwas länger.
 
Macht man auf dem Chasseral rechtsumkehrt, treten hinter dem Saint-Imier-Tal die Freiberge und der Doubs-Einschnitt ins Blickfeld, und dahinter schliessen die Vogesen das Bild ins Innenleben von Frankreich ab. Auch sind die 8 seit 1996 entstandenen Windräder auf dem Mont-Crosin auszumachen, die bisher grösste Anlage in der Schweiz. Die Leistung der 3 ältesten Windturbinen betragen 600 kW, die 2 neuesten aber 1750 kW, wenn der Wind mitmacht; ihre Gesamthöhen variieren zwischen 67 und 76 m. An unserem Ausflugstag war der Wind brav am Drehen der Propeller, und er hatte noch genügend Reserven, um Wolken herumzuschieben und uns in völlig überflüssiger Weise abzukühlen.
 
Die Anreise zum Chasseral-Hotel
Wir waren von Twann am Bielersee neben der Twannbachschlucht die steile Strasse neben Rebbergen hinauf nach Lamboing mit den vielen zweigeschossigen Bauten mit ihren abgewalmten Satteldächern und Eckpilastern auf den Tessenberg gefahren, dann durch die Dörfchen Diesse mit der romanischen Kirche und einem Steinspeicher und Nods BE (Bezirk Neuveville). Die Tour communale, der 1689 erbaute Gemeindeturm mit Zeltdach, ist das Wahrzeichen im Dorfzentrum von Nods, wo es noch einen Laden gibt und wir juraförmige, herrlich buttrige Croissants als Bestandteil der Zwischenverpflegung erwerben konnten.
 
Von Nods führt die einspurige Strasse dem Chasseralpass entgegen; zu Fuss müsste man mit 1 Stunde 50 Minuten rechnen (Wanderwegweiser-Angabe). Die Strasse schafft die Chasseral-Felsen (Les Roches), auf denen eine riesige Antenne als Symbol des Kommunikationszeitalters residiert, nicht in der Direttissima. Sie macht gezwungenermassen einen weiten Bogen nach Westen, lässt sich für den Aufstieg Zeit, ja senkt sich sogar ein Stück weit leicht. In jenem Bereich wurde sie gerade mit einer frischen Teerschicht versehen und mit Splitt bedeckt. Dann kommt sie nicht umhin, im Zickzackkurs die Passhöhe auf 1502 m zu erklimmen. Dort steht ein frischer Gedenkstein: „Route cantonale depuis 2007“, das heisst wohl, dass die Chasseral-Passstrasse seit 2007 in den Rang einer Kantonsstrasse erhoben worden ist. Man gäbe ihr das nicht.
 
Der Bus de fer du Jura fährt dorthin und weiter die etwa 1,3 km lange Stichstrasse bis zum Hotel Chasseral hinauf, wo grosse Parkplätze zur Verfügung stehen. Das erste „Châlet-Hôtel Chasseral“ wurde dort am 25.08.1879 eingeweiht; es brannte am 12.03.1925 aber ab und wurde noch im gleichen Jahr wieder aufgebaut. 1967 kaufte Madame A. Frésard-Cuche das Hotel, das noch heute von der Familie Frésard geführt wird (www.chasseral-hotel.ch). Es ist der bevorzugte Ausgangspunkt für Wanderungen und bietet auch Übernachtungsmöglichkeiten.
 
Pflanzenwelt der Spitzenklasse
Hat man sich an der Landschaft rundum sattgesehen, wird man sogleich von der ausserordentlichen Pflanzenwelt in ihren Bann gezogen, der ein Lehrpfad mit 13 Beobachtungsstationen gewidmet ist, welcher biologischen Nachhilfeunterricht erteilt – bis zum perfekt rezyklierten Kuhmist, den es dort in grosser Menge gibt. Insgesamt ist der Chasseral seit 2001 ein Regionalpark-Bestandteil (www.parcchasseral.ch), der Berge, Täler, Ebenen und Seen und die dort entstandenen, unterschiedlichen Kulturen im Bereich des Röstigrabens (Sprachgrenze Deutsch/Französisch) bzw. der Röstihügel verbindet.
 
Die Vegetation sei hier aussergewöhnlich, steht auf einer lindengrünen Hinweistafel geschrieben: „Viele der Pflanzenarten stammen ursprünglich aus dem Alpenraum und sind ausserhalb der Jurakette nur selten anzutreffen. Nach der letzten Eiszeit hier angelangt, sind sie lebende Zeugen der klimatischen Veränderungen.“ Das Klima ist auf dem Chasseral rau, wie wir mitten im Sommer ja am eigenen Leib erfahren haben. Es blies ein kühler und kühlender Wind, der in jede Nische vordrang. Sobald sich die Sonne zwischen vorüberziehenden Wolkenfeldern zeigte, stellte sich eine wohlige Wärme ein. Im Winter können die Temperaturen auf dem Chasseral bis ‒30 °C sinken.
 
Aber so schlimm war es am 23.07.2008 schon nicht. Die Vegetation stand in schönster Blüte, wobei die vielen Gelben Enziane (Gentiana lutea) das augenfälligste Ereignis waren, bis 1,5 m hohe Pflanzen mit ganzen Türmen von Blüten in den Blattachsen; die markant längsnervigen elliptischen Blätter sind kreuzgegenständig. Diese Pflanzen fühlen sich auf dem Jurakalk in dieser Höhenlage offensichtlich wohl. Dazwischen blühte das ganze übrige Chasseral-Sortiment: der Gemeine Seidelbast (Daphne Mezereum), die Zweiblättrige Meerzwiebel (Scilla bifolia), das Männliche Knabenkraut (Orchis mascula), die Gemeine Kugelblume (Globularia elongata) – angesichts der vielen herrlichen Purpur- und Violetttöne stellte Eva mit Bezug auf die Innereien von Kleidergeschäften fest, diese Farben seien gerade in Mode. Und so waren dann auch die Berg-Flockenblume (Centaurea montana), die Gemeine Akelei (Aquilega vulgaris) und die Türkenbundlilie (Lilium Martagon), die wir unterhalb einer Natursteinmauer entdeckten, durchaus auf der Höhe dieser modebewussten Zeit, ebenso die Geknäuelte Glockenblume (Campanula glomerata) und das Kugelknabenkraut (Orchis globosa). Hätten nicht Verwachsene Silbermäntel (Alchemilla conjuncta) für grün-gelbliche Teppiche mit weissen Blattbordüren gesorgt, wäre ich mir als Modeschau-Teilnehmer auf hohem Niveau vorgekommen.
 
Die Trockenmauern mit den verwitterten, hochgestellten Kalksteinplatten im Kronenbereich sind ebenfalls Sehenswürdigkeiten; ihren Erbauern gilt meine uneingeschränkte Bewunderung. Dieser ästhetisch besonders gelungenen Art des Mauerbaus begegnet man in der Westschweiz immer wieder, Musterbeispiele von Begabung in Eleganz bei konstruktiven Belangen. Die Mauern begrenzen die Viehweiden und verschonen Wanderer vor Abstürzen über Felspartien. Das Rindvieh hatte sich in grosser Zahl auf dem Chasseral eingefunden, von würzigen Kräuter-Festmahlen angezogen.
 
Kommunikationsdenkmal
Die grösste, diesmal von Menschen erbaute Pflanze aus Metall ist an exponierter Lage die Mehrzweckanlage Chasseral (Station polyvalente de Chasseral), die auf einem guten Weg, vorbei am grossen, hölzernen Gipfelkreuz, in wenigen Minuten vom Hotel aus erreicht werden kann. Die erste Antenne wurde dort 1945 errichtet und 1983 durch die neue Station mit dem 120 m hohen Sendeturm ersetzt, welcher der Swisscom gehört und von einer Aussichtsterrasse mit einer beschrifteten Panorama-Zeichnung umgeben ist. Sie dient dem regionalen Fernsehen und den Telefonübertragungen, aber auch den Radioverbindungen zwischen festen und mobilen Stationen. Ich schaute zu ihr von unten hinauf. Die Wolken zogen vorbei, und ich hatte das Gefühl, das gigantische Bauwerk falle auf mich herunter. Doch es blieb stehen, und ich konnte meine Tour fortsetzen.
 
Rund um den Kleinen Chasseral
Wir wanderten neben herrlichen Wiesen, richtigen Pflanzengärten, auf dem Kretenweg weiter, bis dann ein mit einem stilisierten Wanderer geschmückter Wegweiser nach links zeigt – gegen den Kleinen Chasseral, ein harmloser Nachbarhügel. Man erreicht zuerst einmal eine einsame Landwirtschaftssiedlung im Naturschutzgebiet Combe-Grède, wo der Radweg 848 vorbeiführt. Dann umrundeten wir den 1527 m hohen Kleinen Chasseral (Petit Chasseral) im Gegenuhrzeigersinn bis zum Ende des Fahrsträsschens, das als Schlaufe angelegt ist, bei der Métairie de Morat (von Murten), eine Art Genossenschaftsgebäude, das den Bauern von Murten gehört und wo auf 1465 Höhenmetern auch Alpkäse (Mutschli) hergestellt wird. Das Wort Métairie mag von Métayer (Pächter) abgeleitet sein; man weiss nichts Genaueres.
 
Wir kehrten dort ein und lernten den typischen, freundlichen Hirten mit Berner Dialekt, Herr Hunziker, kennen, der 200 Stück Vieh betreut, melkt, Käse herstellt und wirtet, sich trotz des reich befrachteten Arbeitspensums Zeit für die Gäste nimmt. Ich bestellte einen guten Kaffeehafen-Kaffee, nach traditioneller Art zubereitet, mit einer dicken Haube aus geschlagenem Alpenrahm und dazu ein Bätziwasser (ein 50-prozentiger Apfelschnaps, 20 ml), und zudem kauften wir ein Mutschli Murtenbergkäse (1 kg für 20 CHF). Alsdann machten wir noch einen Abstecher hinauf zur Skiclubhütte (SCV „La Perce-Neige“, 1511  m), wo die Schweizer Fahne wehte und 2 Alpinisten ihre Ski-Freiheit an der Mittagssonne genossen.
 
Nach etwa 45 Minuten hatten wir über einen im unteren Teil kaum erkennbaren Wanderweg und dann über ein steil ansteigendes geteertes Strässchen zum Hotel Chasseral zurückgefunden. Noch einmal liessen wir uns von der Weite der Dreiseenlandschaft beeindrucken, die sich inzwischen vom Dunst verabschiedet hatte. Dann wählten wir das Strässchen hinunter nach St-Imier, die Batterie des Prius aufladend.
 
Saint-Imier
Einst ein Bauerndorf, ist aus Saint-Imier nach 1700 ein bedeutendes uhrenindustrielles Städtchen geworden: Leonidas (1842), TAG-Heuer (1860), Longines (1866) und Breitling (1884), In der Informations-Zentrale beim Bahnhof kann ein Ortsprospekt bezogen werden, in dem die wichtigsten Gebäude beschrieben sind: das ehemalige „Cinéma de la Paix“, die Kapelle „Les Rameaux“, das Sporthaus Louis Rochat mit der opulent beschrifteten Fassade, das Kulturzentrum d’Ergüel, der Turm Saint-Martin, die Fabrik Flückiger, die Kirche Saint-Paul, die Standseilbahn auf den Mont-Soleil, die Stiftskirche usf. An Mittwochnachmittagen haben die meisten Geschäfte zu; doch fanden wir noch eine Bäckerei, wo ein gut gebackenes, rundes Weissbrot nach Westschweizer Art erhältlich war, das als neutralisierende und doch delikate Beilage zu einem feinen Essen seine besten Eigenschaften entfaltet.
 
Die Reise führte uns durch das Saint-Imier-Tal in Richtung Biel, dem Flusslauf der Suze folgend und in Courtelary BE am Hauptsitz der Schokoladefabrik Camille Bloch SA vorbei. Der Fabrikladen war offen. Anhalten. Das Geschäft, von einer temperamentvollen schwarzhaarigen und freundlichen Verkäuferin betreut. Der Laden war reich assortiert, und es wäre ein Fehler gewesen, wenn wir gedankenlos vorbeigeblocht wären. Auf einigen Packungen stand „Chocolat Mousse“ – also ein Muss … Und nun sind wir für die nächsten Wochen mit Süssigkeiten eingedeckt. Auch Ausflugstage verdienen schliesslich ihr Dessert.
 
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