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BLOG vom 15.08.2008


Irland-Impressionen 3: Skurriler Linksverkehr mit Rechtsdrall
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Als ich vor etwa 4 Jahrzehnten in einem Tanzkurs den Wienerwalzer zu erlernen hatte, wurde das in der ersten Phase mit der Rechtsdrehung verbunden: (rechtes Bein vor, linkes zur Seite, rechtes anschliessen, dann linkes zurück, rechtes zur Seite und linkes anziehen). Also: vor – seit – schluss – rück – seit – schluss. Irgendwie ging mir das in Fleisch und Blut über. In der Walzer-Lektion 2 war dann die Linksdrehung an der Reihe: dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen. Zu meiner eigenen Überraschung begriff ich das sehr schnell, und wenn genügend Tanzfläche vorhanden ist, vollziehe ich diese Schwünge noch heute mit grosser Lust. Im Feng Shui gilt die Rechtsdrehung als Energie-aufladend, bei der Linksdrehung kann man sie wieder loswerden. Sonst würde man ja so energiegeladen, dass man Gewitterherd würde …
 
Das Autofahren ist in Zentraleuropa dementsprechend einfacher als das Walzern: Ein Wechsel zwischen Rechts- und Linksverkehr ist nicht vorgesehen; er würde als geradezu unhöflich empfunden. Vor allem Länder im ehemaligen britischen Weltreich aber sind dem Linksverkehr verhaftet; insgesamt rollt der Verkehr in 58 Staaten auf der falschen Seite – so sehen wir es jedenfalls. Weil dort auch der Führersitz auf der falschen Seite angebracht ist, wird man ständig an die verkehrte Verkehrswelt mit all ihren Skurrilitäten erinnert. Man gewöhnt sich eigenartigerweise recht bald daran, bekämpft eingefleischte Bewegungsautomatismen mit gutem Erfolg – je schneller, desto besser sind die Überlebenschancen.
 
Mit dem Aufkommen der Verkehrskreisel und dem damit verbundenen Kreisverkehr (roundabout, was mich immer ans bündnerische „Rundummel“ für Kreis erinnert) ist die Sache etwas schwieriger geworden. Im Rechtsverkehr dreht man sich im Kreise linksherum, im Linksverkehr aber rechtsherum – wieder eine Erinnerung an die Walzer aus Wien, wo ausserhalb der Ballsäle ausschliesslich Rechtsverkehr herrscht. Aber die allgemeine Tanzrichtung ist im klasischen Tanz linksherum (im Gegenuhrzeigersinn).
*
Ich erzähle das hier bloss zur Einstimmung auf den Bericht über unsere Ankunft auf dem Flughafen Dublin am 07.08.2008. Es traf sich, dass wir denselben Flug wie 2 unserer langjährigen Bekannten, der zupackenden, allen Lebenslagen gewachsenen Berner Oberländerin Ruth und ihrem Ehemann Larry, ein Hongkongchinese von der liebenswürdigsten Sorte, gebucht hatten. Die beiden luden uns ein, nach der Ankunft in Irland mit ihnen zum Ritz-Carlton in Enniskerry und dann gleich auch zur Hochzeitseröffnungsparty im Tinakilly Country House in Rathnew zu fahren. Das erleichterte uns manches, zumal die Zeit ohnehin knapp war.
 
Wir hätten um etwa 19 Uhr zur Vorabendfeier antreten sollen, und die Zeit war knapp. Die Aer-Lingus-Maschine landete mit fast 1 Stunde Verspätung auf dem nördlich der Stadt Dublin gelegenen Flughafen, um etwa 18.15 Uhr. Der riesige Parkplatz des Autovermieters Hertz, den wir überflogen hatten, musste vom Flughafen aus mit einem Hertz-Bus angepeilt werden, als eben etwas Abendregen fiel. Das ging immerhin zügig und unkompliziert. Ruth setzte sich im Mietwagen ans Steuer; sie verfügt über ausreichend Linksverkehr-Erfahrung und meisterte ihre Aufgabe mit Brillanz.
 
Via Dublin-Stadt fuhren wir weiter zu unserem Hotel in Enniskerry. Larry hatte ein Navigationsgerät mitgebracht, das uns problemlos zum Hotelpark-Eingang mit dem Wächterhäuschen und dann durch den Hotelpark zum Autoparkplatz beim Hoteleingang führte. Wir checkten ein, bezogen die Suite und lernten unter Anleitung eines Angestellten die Bedienung der Elektronik bis hin zum ferngesteuerten Verschieben der Vorhänge und den Signalen, mit denen man zwischen Ungestörtheit und Zimmerreinigung wählen kann.
 
Wir gaben uns 20 Minuten für Erfrischung und Umziehen und starteten – es war bereits deutlich über 19 Uhr – Richtung Rathnew (weiter im Süden bei Wicklow), zum etwa 30 km südlich von Dublin gelegenen Tinakilly-House. Doch das GPS US-amerikanischer Bauart versohlte uns nach Strich und Faden. Ich selber habe eine mehrjährige Erfahrung im Umgang mit einem Navigationsgerät und bin auch mit gewissen Tücken vertraut, aber hier kam ich auch ans Ende des Lateins bzw. des Gälischen. So verlangte Larrys Gerät zwingend nach der Eingabe eines Strassennamens; doch offensichtlich liegt das Tinakilly-Haus nicht an einer Strasse, sondern in einem Park. Bei meinem Gerät kann ich mich bei Ermangelung eines Strassennamens damit behelfen, dass ich Ortsmitte eingebe und dann gegebenenfalls eine Karte verschieben und darauf den gewünschten Zielort antippen und verankern kann. Bei diesem Gerät war das unmöglich.
 
Wir fuhren gleichwohl unter Zeitdruck in den leicht regnerischen Abend hinein. In seiner distinguierten Art versuchte Larry, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, den Weg zu finden – immer mit elektronischer Hilfe. Kein Fluch kam über seine Lippen. Weil wir uns auf das Navi verlassen hatten, erachteten wir es auch als unnötig, uns mit gutem Kartenmaterial einzudecken. Sie lagen im Hotel. Das war fatal.
 
Enniskerry, unser Hotelstandort, liegt irgendwo im Grünen auf der grünen Insel zwischen den Autobahnen N7 (nach SW gegen Limerick) und N11 (nach S gegen Wexford) zwischen 2 Armen der Erne. Dieser Ort, einst eine Festung der Maguiren, der Herren von Fermanagh, ist um die eine Hauptstrasse mit vielen Ästen gebaut worden. Nach 1612 siedelten sich hier etwa 20 britische Familien an, die 1689 als treue Protestanten den Truppen Jakobs II. widerstanden. Hier soll sogar Oscar Wilde die Schule besucht haben. Aber dieses lokalhistorische Wissen aus einem Reiseführer half uns auch nicht weiter.
 
Genau wie die Inniskilling Regimenter, die bei Waterloo kämpften, kämpften wir mit dem störrischen Navigationsgerät, dessen Frauenstimme zwar gewisse Anweisungen gab, und zudem erschien ein grüner Pfeil auf einer in Rot eingezeichneten Strasse. Ob das elektronische Kartenmaterial veraltet war? Jedenfalls fanden wir plötzlich auf der N7 statt auf der N11, und auch bei Linksverkehr darf man nicht einfach umdrehen, um zum Rechten zu sehen. Geisterfahrer sind nirgends gern gesehen.
 
Und wie es so geht, wenn man sich mit elektronischer Hilfe von ganz oben verfahren hat und die Zeit drängt, schleicht sich eine gewisse Nervosität ein, die manchmal neue Fehlentscheide gebiert. Ich sass mit leerem Magen im Heck des Autos – wir wollten zum Apéro schliesslich etwas Hunger mitbringen und hatten das Mittagessen ausfallen lassen. Mit leerem Magen hinten im Auto mitzufahren, gerüttelt und geschüttelt zu werden und noch eine Karte studieren zu müssen, bringt mich an den Rand der Übelkeit – hier findet meine fast unbegrenzte Strapazierbarkeit allzu früh ihr vorzeitiges Ende. Und so war ich denn froh, dass es keine Karte zu lesen gab und ich mein Wohlbefinden nicht aufs Spiel setzen musste.
 
Bei einer günstigen Gelegenheit fuhren wir einen Halbbogen vor Dublin, wie er romanische Kirchenfenster oben abzuschliessen pflegt. Wie durch ein biblisches Wunder fand Ruth die N11 und folgte den nach Wicklow (irisch: Cill Mhantain = Kirche von St. Mantan) in der Provinz Leinster zeigenden Wegweisern. Der Ort liegt im Süden einer weit nach Norden ausholenden Bucht der Irischen See (Irish Sea). Und wenn schon die Wikinger diesen Ort gefunden hatten, so musste uns das auch gelingen; sie hatten sich im 5. Jahrhundert in der alten Klostersiedlung von St. Mantan festgesetzt und nannten sie „Wykinglo“, eine respektable sprachliche Leistung.
 
Natürlich hatten wir keine Zeit, den Ort anzuschauen, sondern waren überglücklich, als Eva im Verkehrsschilderwald das Wort Rathnew entdeckte. Gerettet. Und mitten im Ort gabs einen Wegweiser „Tinakilly Country House & Restaurant“ – laut Prospekt „500 yards outside the village“. Wegen Bauabschrankungen war die Zufahrt so einfach auch wieder nicht, aber Ruth schaffte das mit einer Rechtsdrehung elegant.
 
Larry hatte unsere um etwa 2 Stunden verspätete Ankunft mobiltelefonisch angemeldet, was dazu führte, dass uns die aktive Gastgeberin Alicia, die Mutter des Bräutigams Louis, mein Bruder Rolf und weitere Gäste mit Applaus begrüssten und uns besonders herzlich willkommen hiessen – wie verlorene Kinder im Märchen, die zum guten Ende den Heimweg doch wieder gefunden haben. Begrüssungszeremonie.
 
Man möge mir verzeihen, dass ich das stattliche Landhaus mit der festlich-barocken Innenausstattung und dem italienischen Renaissancegarten, eine verkleinerte Ausgabe des Powerscourt-Gardens, der ebenfalls vom Golfstrom dauererwärmt wird, hier nicht detailliert genug beschreiben kann; die Musse für Beobachtungsübungen fehlte. Ich muss mich auf die Prospektrezitation beschränken, wonach das Landhaus 1883 von der britischen Regierung für Kapitän (Captain) Robert Halpin errichtet wurde. Das war der Kommandant von „The Great Eastern“, der 1866 die Verlegung eines 2600 Meilen Telegrafiekabels zwischen Europa und den USA kommandiert hatte.
 
Weil wir sofort von allen Seiten in Beschlag genommen wurden, hatte ich anderes zu tun, als meine Beobachtungsübungen zu absolvieren. Und ein Höhepunkt war die Begegnung mit der liebenswürdigen Braut Claudia nach langer Zeit und die persönliche Bekanntschaft mit ihrem vitalen Mann Louis, den ich erst auf einem Foto gesehen hatte.
 
Ich lernte hier viele weitere neue Menschen kennen und sah zahlreiche Bekannte wieder, die ich vor Jahrzehnten auf Asienreisen in Begleitung meines Bruders kennen gelernt hatte. Mein Namensgedächtnis war in dieser angeregten, ja hektischen Atmosphäre überstrapaziert. Und zudem wurden wir gedrängt, uns sogleich über die Restbestände des Buffets herzumachen, das nur unseretwegen noch nicht abgeräumt worden war.
 
So kam also etwas viel zusammen, und es ist ja wohl auch eine delikate Aufgabe, all die aufgekeimten Wiedersehensfreuden sogleich in den Hintergrund zu verdrängen und sich stattdessen aufs Füllen eines Tellers zu konzentrieren. Meine umsorgende Schwägerin Alice hatte den Ernst der verzweifelten Lage erkannt und half mir beim Schöpfen von Trockenreis, einem Currygeschnetzelten, Lachs, eingelegtem Gemüse und viel anderem mehr. Ich nahm meinen reservierten Platz neben einer zu allerhand Spässen aufgelegten Irländerin in den sehr späten 50ern ein, Wendy, die mir ausführlich erzählte, wie sie kürzlich zusammen mit ihrem Mann mitten in Irland jenen Platz gefunden und bestimmt habe, an dem sie einmal begraben sein möchten. Die fröhliche Stimmung wurde dadurch auf die typisch irische Art auf einen neuen Höhepunkt getrieben. Ich schaffte es immerhin, neben den anschaulich ausgeschmückten nekrotischen Zukunftsvisionen meinen etwas überladenen, aber sauberen chilenischen Rotwein mit einem auffallenden Nelkenaroma zu kosten und den Teller annähernd leer zu essen, bevor er in einem unbewachten Moment dasselbe Schicksal wie das Buffet erlitt: Er wurde abgeräumt. Das war beim Zustand meiner Unterernährung so bitter wie das Pint of Guinness-Bier (one-eighth of a gallon = ½ Liter), das ich in einer freien Sekunde beim umsorgenden Kellner bestellt hatte. Es hatte einen gelblich-weissen, schlagrahmartigen Kragen, ein frisches, stärkendes Getränk. Es kam mir allerdings etwa zur Hälfte ebenfalls abhanden, weil es höchste Zeit für die Nachspeise war, die ich noch als eine Art von delikatem Rahmkuchen in Erinnerung habe – der irische Rahm (Sahne) aus Weidemilch setzt schon Massstäbe, auch wenn sie nicht zur Baileys Original Irish Cream hochstilisiert daherkommt.
 
Solche Details gingen selbstverständlich im vernetzten Smalltalken unter, das wiederum höchst angenehme Erinnerungen zutage förderte, so an Nicks Einsatz, der uns dank seiner Landeskunde und seinen Beziehungen 1992 eine phänomenale Philippinenreise eingefädelt hatte, an Fritz, der auf der olympiatauglichen Pferderennbahn Hongkong den riesigen Restaurantkomplex leitet und mir damals an einem Renntag alles gezeigt hat. Die neuen und wiederholten Begegnungen waren wirklich erhebend, bei aller Hektik.
 
Inzwischen war es um 23 Uhr geworden, und in Larrys Mietauto fuhren wir zum Ritz-Hotel zurück, kamen vor den übrigen Gästen dort an – kurz bevor das schmiedeiserne Portal um Mitternacht geschlossen wurde. Jetzt wussten wir, wo’s lang ging und retteten unsere Gesichter.
 
Wir hatten die Bettschwere erreicht und betätigten den Kontaktkopf in der ausziehbaren Nachttisch-Schublade. Vorhang zu.
 
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