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BLOG vom 21.08.2008


Olympiade der Käfer. Sie sind die wirkliche Nummer 1
Autor: Emil Baschnonga: Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Seit Tagen schon beginnt, nach nächtlichem Regen, der Morgen mit Sonnenschein. So um 10 Uhr war es draussen knapp warm genug geworden, und ich rücke den Stuhl unters Glasvordach vor der Haustüre. Gestern sass ich dort, von den Windeinbrüchen einigermassen gesichert. Heute jedoch bläst ein rauer Wind ausgerechnet aus dem Südwesten. So ziehe ich einen Pullover über, und halte die Seiten meiner Lektüre mit Wäscheklammern auseinander. Nach 10 Minuten kommt eine graumelierte Wolke und verdeckt die Sonne. 15 Minuten später bricht die Sonne wieder durch. Wieder kommen Wolken, diesmal gräulich grau, und es dauert 25 Minuten, bis die Sonne wieder zaghaft durchblinzelt. Bald wird es regnen, runzle ich die Stirne, genau wie gestern und vorgestern auch. Weder bin ich eine ausgesprochene Frohnatur noch ein Schwerenöter, aber dieses Wetter geht mir auf die Nerven.
 
Schon wollte ich missmutig aufstehen und mich in meine Schreibbude verziehen, da sichtete ich den Käfer, wie er 2 Fussbreiten von mir aus der Rinde eines morschen Baumstrunks kroch und zögernd seine Runde antrat und mich ablenkte. Er war etwa 2 cm lang und pechschwarz glänzend gepanzert. Der runde Kiesel gab ihm zu schaffen: Er rutschte aus, fiel auf seinen Kopf und rappelte sich schwerfällig auf. Wie ungelenk und langsam er weiter krabbelte … eine Schnecke hätte ihn überholen können. Dabei hatte er 6 spindlige (spindeldürre) Beine. Mit bestem Willen konnte ich ihn nicht in die Gattung der Laufkäfer einordnen. „Du bist ein Mistkäfer!“ Das hätte ich nicht so laut sagen sollen.
 
Er hielt erbost inne: „Bitteschön, ein Mistkäfer bin ich nicht! Ich trainiere für die Olympiade.“
 
„In welcher Sportart?“ wollte ich wissen. „Doch gewiss nicht als Laufkäfer!“
 
„Bergsteigen“, bekam ich zur Antwort. Er krabbelte weiter zum 4-eckigen Randstein. Der Aufstieg wird ihm wohl gelingen, dachte ich; denn seine Zehen sind zu Griffhaken umgeformt. Mit dem linken mittleren Spindelbein sicherte er sich seinen 1. Halt. Das andere Mittelbein streckte er haltsuchend aus, bis es prekären Halt fand. Aber weiter kam er nicht. Die oberen und unteren Beine hingen in der Luft. „Du hättest dich zuerst mit den oberen absichern sollen“, meinte ich. Da purzelte er tief und fiel diesmal auf seinen Rücken.
 
„Du hast mich abgelenkt“, sagte er vorwurfsvoll.
 
„Du mich auch“, parierte ich. „Komm, ich helfe dir auf die Beine.“
 
„Das kommt nicht in Frage, sonst beisse ich dich“, drohte er und spreizte seine Beisszange. „Du bist nicht mein Trainer und weisst rein gar nichts über uns Käfer“, geiferte er giftig.
 
„Das stimmt“, gestand ich. „Damit ich die Käfer besser verstehen lerne, solltest du mich aufklären“, schlug ich vor.
 
„Vielleicht kommen wir dann besser miteinander aus.“
 
Inzwischen konnte sich der Käfer dank eines Grashalms auf die Beine kehren. „Nun habe ich für heute genug trainiert. Schliesslich habe ich 4 Jahre Zeit bis zur Olympiade in London“, willigte er ein und begann:
 
„Wir sind die Nummer 1 unter den Insekten, und 350 000 Arten von uns gehören weltweit zu 166 weitverzweigten Käferfamilien. 8000 von uns leben in Europa. Wir leben überall, selbst in dunklen Höhlen und in der Wüste, der Taumelkäfer sogar im Wasser. Wir können erst noch fliegen. Wir sind sehr anpassungsfähig. Nur von den Menschen wollen wir wenig wissen. So will ich nicht mehr über uns ausplaudern.“
 
Wir schwiegen lange. Er weitete die Fächer seiner Fühler. Ein Sonnenstrahl fiel auf seinen Panzer. „Du wirst mir doch nicht wegfliegen“, sagte ich besorgt.
 
„Ich wünschte, ich könnte. Das Wetter ist zu kalt und feucht dazu, und ich will nicht von einer Krähe oder Elster zerhackt werden.“
 
„Wie geht es bei euch auf der Olympiade zu und her?“ lenkte ich ihn ab. „Hoffentlich besser als bei uns. Der ganze Olympia-Rummel kann mir gestohlen werden.“
 
Unsere Sportarten sind viel interessanter und spannender, und er begann sie aufzuzählen:
 
„Den Aaskäfern geht es darum, wer am meisten Aas fressen kann. Die Mistkäfer zeichnen sich als Mistfresser auf. Wie viele Kartoffelacker können die Kartoffelkäfer verschlingen und wie viele Bäume die Borkenkäfer? Die Maikäfer sind auf Kastanien spezialisiert, die Mehlkäfer aufs Mehl. Die letzte Olympiade hat der goldpunktierte Puppenräuber gewonnen. Am beliebtesten ist der Heilige Pillendreher. Wer ist der beste Kurzstreckenflieger unter den Dünen-Sandläufern, der schnellste Goldlaufkäfer? Die meisten Medaillen hat bisher der Marienkäfer gewonnen und hat sogar die Menschen als Blattläusetilger beeindruckt. Er ist zum Symbol auf Glückswunschkarten geworden.“
Und welche Rolle spielt der Hirschkäfer?“ fragte ich.
 
„Er ist der Fackelträger, bestens als Senkrechtflieger dazu geeignet. He! Das wusstest du nicht, als du ihm ein Blog gewidmet hast …“, spottete der Käfer.
 
„Das werde ich ergänzen“, sagte ich kleinlaut.
 
„Übrigens ist ein Käfer-Blog im Textatelier überfällig, nach den Schmetterlingen und Faltern.“
 
Ich werde diesbezüglich bei Walter Hess vorstellig werden“, versprach ich ihm.
 
Wir schieden im besten Einvernehmen. Es begann zu tröpfeln. „Ich muss mich sputen“, sagte der Käfer noch und krabbelte gegen seinen Rindenunterschlupf. „Du hast mir nicht deinen Namen genannt“, rief ich ihm nach. „Mistkäfer“, antwortete er noch, ehe er sich verkroch.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
06.07.2006: Auf Abwegen: Lumpazi Vagabundus und die Wehmut”
23.12.2005: Eine Weihnachtsgeschichte: Das Bistro „Zum Déjeuner’
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