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BLOG vom 30.08.2008


Schloss Hallwil und Schifffahrt: Prävention im Aargauer Seetal
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die rund 800 Jahre Geschichte des Schlosses Hallwil (Hallwyl) sind ein Ineinandergreifen von Familien- und Baugeschichte, die von den jeweiligen Lebenssituationen der Bewohner geprägt war. Man kann sie mit dem besten Willen nicht in einer einzigen Stunde hinter sich bringen, und mag eine noch so versierte Historikerin wie Alexandrea Rückert mit Sinn für Wesentliches durch die verwinkelte Anlage führen. Nach dem Passieren der Brücke über den Schlossgraben mit den darin gemütlich schwimmenden Fischen und dem Durchschreiten des Tors gelangt man in den grossen Schlosshof und kann sich anhand eines runden Stammbaums (eines Stammkreises) grob in die Familiengeschichte der von Hallwyl einführen lassen; nur die wichtigsten Namen sind aufgeführt, und so klaffen denn schon einige Lücken.
 
Die Bürgerliche Vereinigung Biberstein BVB (Präsident: Markus Schlienger), der Lokalpolitik und der Natur ebenso wie Kulturgeschichte zugetan, lustwandelte am Sonntag, 24.08.2008, in der schönen Wasserschlossanlage, wo Mitglieder des Aargauer Kammerorchesters und Musik-Studenten der Kantonsschule Wettingen gerade ihre Instrumente-Infrastruktur aufbauten, um mit 5 live bespielten musiktheatralen Stationen im Schloss in die Märchen- und Sagenwelt von Henry Purcells „King Arthur“ (Artus) einzuführen. Ich hoffe, dass die Bemühungen des britischen Königs Arthur, seine blinde Verlobte, die Prinzessin Emmeline von Cornwall, aus den Armen des Sachsenkönigs Oswald von Kent zu befreien, wieder einmal geglückt ist.
 
Die Oper (Untertitel: „The British Worthy“) hat mit dem Hause zu Hallwyl an sich nichts zu tun, sondern bei diesem ging es vielmehr um die Würde der Aargauer, beziehungsweise der aargauischen Linie der von Hallwyl-Familie. Sie liess in der Auenlandschaft des Aabachs um zirka 1200 aus gewaltigen Steinen (Megalithen) einen Wohnturm erbauen, der durch einen Trockengraben geschützt war (er wurde um 1850 abgetragen). Ich mag die Hallwyler nicht deshalb, weil sie sich über den Rang eines gewöhnlichen Dienstmannengeschlechts emporzuheben verstanden, sondern weil sie bei der Eroberung des Aargaus durch die Berner (1415) die einzigen waren, die Widerstand leisteten. Mir gefallen Widerspenstige nun einmal besser als Anpasser.
 
Die Arzneien der Hallwyler
Der Ahnherr der Aargauer Hallwyl-Linie war Burkhard III. von Hallwyl (1535‒1598), der mehrere Um- und Anbauten in Auftrag gab und dem wir nach dem Bezwingen der Rundtreppen im Treppenturm mit den bemalten Leibungen begegneten, sozusagen virtuell. Er war ein begeisterter Sammler von medizinischen Rezepten. Dieser Burkhard, der 4. und jüngste Sohn von Dietrich Kaspar I. (1485‒1566), Stammhalter des schweizerischen Zweigs, besass ein Versuchslabor und Destillationsapparate. Die Arzneien wurden aus Pflanzen, Steinen und von Tieren gewonnen. Gegen 1580 fanden seine Erkenntnisse im „Hallweilschen Arzneybuch“ ihren Niederschlag; darin sind über 2500 überlieferte und eigene Rezepte des Verfassers enthalten, teils solche abenteuerlicher Natur, andere mit immerhin dem Vermerk „est probatum“ (wurde ausprobiert). Sie kamen als Pulver, Pillen, Pflaster, Einläufe oder Salben zum Einsatz und galten für Menschen und Tiere und bezogen unterschiedliche Gebiete wie die Gynäkologie, Augenheilkunde und Chirurgie ein. Das in der Volkssprache geschriebene Werk kam vor allem den lesekundigen Adligen, Beamten, Priestern, Nonnen, Kaufleuten, Badern und Hebammen zugute. Eine zeitgenössische Abschrift dieses Werks ist im Schloss zu sehen.
 
Unter den Rezepturen befinden sich Angaben über die Herstellung des „Echten Hallwylschen Wundtrancks“. Da es noch keine Uhren gab, mussten im Rezeptbuch die Zeitangaben umschrieben werden. So musste etwa eine Arznei so lange gekocht werden, wie man für das Sprechen eines „Ave-Maria“-Gebets oder das Kochen eines Hühnereis brauchte; und die Mengen wurden durch Vergleiche angegeben, etwa „so gross wie eine welsche Nuss“ (eine Walnuss, Baumnuss).
 
Die Ehefrau von Burkhard III., Judith, war an Lepra erkrankt. Ausgerechnet ihr konnte ihr heilkundiger Mann nicht helfen. Er bat das Berner Chorgericht um die Auflösung der Ehe; doch unterstützte er Judith, geborene von Anwil, bis zu ihrem Tod. Der Scheidungsbeschluss aus dem Chorgerichtsmanuale vom 25.03.1578 ist im Schloss ausgestellt.
 
Die Aussätzigen mussten sich mit einer lärmenden Klapper aus 3 gegeneinander schlagenden Hölzern bemerkbar machen, damit andere Leute der Ansteckungsgefahr entgehen konnten. Das Klappergeräusch diente zudem dazu, um Almosen für die Leprösen einzutreiben.
 
So vermittelt ein Rundgang durch die Räume des Schlosses Hallwil neben viel anderem einen kulturhistorischen Exkurs über das Krankheits- und Heilwesen. Zum letzteren gehörte in fast jeder Stadt oder jedem Dorf neben einer Bäckerei, dem Wirtshaus, einer Metzgerei, der Mühle und Schmiede auch eine Badstube – nur in Biberstein gabs keine (man begab sich zum Baden wahrscheinlich ins nahe Aarau). Wie eine solche ausgesehen hat, ist im Schloss anhand eines hölzernen Zubers mit Sitzgelegenheit dargestellt. Neben dem Reinigungsbad wurden auch Schwitzbäder veranstaltet – wobei natürlich die Übergänge fliessend sind, zumal das Schwitzen auch einen Reinigungseffekt hat. Bei Krankheiten kam das therapeutische Kräuterbad zur Anwendung: Über dem Bottich montierte der Bader einen geflochtenen Korb oder einen Baldachin aus Stoff, um die Einwirkungsdauer der Dämpfe zu verlängern. Solche Bäder wurden in einem gut beheizten Raum genommen. Das waren Krankheitsvorbeugungen, die immer dann erfolgten, wenn die Gestirne günstig standen (ähnlich dem Mondkalender). In diesen Räumen wurde auch zur Ader gelassen und geschröpft – im tatsächlichen und nicht etwa übertragenen Sinne.
 
Zur Baugeschichte
Die von ständigen Veränderungen geprägte Baugeschichte des Schlosses Hallwyl, diesem baulichen Bijou des Aargauer Seetals in einer der ersten Schleifen des Aabachs nach seinem Austritt aus dem Hallwilersee, wurde anhand mobiler Modellklötze vorgeführt. Neben dem erwähnten Wohnturm entstand im 11. Jahrhundert im Zuge des ständigen Ausbaus ein zweigeschossiger Palas (Wohnhaus) mit Eckquadern aus Tuff und romanischen Rundbogenöffnungen, und die Anlage wurde anschliessend mit einer Ringmauer und einem Wassergraben umgeben. Zugleich entstand durch den Aushub eines U-förmigen Grabens und eine künstliche Aufschüttung eine 2. Insel, die so genannte Vordere Insel, die weitere Ausbaumöglichkeiten eröffnete und dem Insel-Dasein mehr Raum verschaffte.
 
Die früheste Schloss-Geschichte liegt im Dunkeln, doch wurde 1167 erstmals ein Mitglied der Familie von Hallwyl aktenkundig: Waltherus de Allewilare, der zum Umfeld der Freiherren von Eschenbach und im Gefolge der Grafen von Lenzburg gezählt wird. Das Schloss wurde laufend nach den sich wandelnden Bedürfnissen, unter anderem nach mehr Komfort, aus- und umgebaut, auch zu einem Befestigungssystem. Dies alles wurde möglich, weil sich das Kleinadelsgeschlecht von Hallwyl auf den eidgenössischen Schlachtfeldern tapfer schlug und sich an den europäischen Höfen, in Wissenschaft, Politik und Handel mit mehr oder weniger Geschick zu profilieren verstand.
 
Die Wasserburg wurde im 14. und 15. Jahrhundert mehrmals von Bränden verwüstet. Das Haus Hallwyl hatte sich politisch an die Habsburger angelehnt, was sich als weniger geschickt erweisen sollte. Und als die Eidgenossen 1415 den Aargau eroberten, wurde der brennbare Teil der Burg ein Raub der Flammen, zumal der damalige Besitzer, Thüring von Hallwyl, den Bernern auf der Wildegg erbitterten Widerstand geleistet hatte. Schon damals wurde bestraft, wer nicht freiwillig mitlief, sich nicht freiwillig unterordnete ‒ eine frühe Vorwegnahme des Stils in der aktuellen Weltpolitik unter dem Polizisten USA.
 
Der Wiederaufbau dauerte bis 1435. Der Palas wurde um den Südtrakt erweitert und war jetzt fast dreimal so gross wie vorher. Es gab kein Jahrhundert ohne wichtige bauliche Veränderungen. So liess zum Beispiel 1871‒1874 Hans von Hallwyl (1835‒1909) das Vordere Schloss im neugotischen Stil erbauen. Es erhielt Zinnen, Türmchen und Giebel. Er verschuldete sich dabei und verkaufte den unfertigen Bau seinem in Schweden lebenden Bruder Walter (1839‒1921), worauf das Schloss in einen Dornröschenschlaf versank. Schon die vorangegangenen Erbstreitereien und die Verzweigung der Familie ins Ausland hatten dazu geführt, dass das Schloss nach 1742 zu verwahrlosen begann.
 
Die Rettung ist der reichen und kunstsinnigen Wilhelmina, geb. Kempe (1844‒1930), der Ehefrau von Walter (1839–1921), der in Stockholm lebte, zu verdanken. Sie nahm das halb verfallene Schloss wieder fest in Griff und liess es nach modernen denkmalpflegerischen Grundsätzen herrichten. Das Vordere Schloss wurde in den Zustand vor 1874 zurückgeführt, indem die alte Bausubstanz hervorgeholt und konserviert wurde. Ergänzungen wurden mit der Jahreszahl klar als solche gekennzeichnet, eine bemerkenswerte Leistung. Seit 1924 ist das Schloss Hallwil mit dem ihm verbliebenen Besitzungen und Rechten im Eigentum der Hallwilstiftung. Das Schloss dient seither als museales Objekt der Nachwelt und damit der Bevölkerung, eine weitherzige Geste der Besitzerin.
 
Die Hallwil-Güter sind in alle Welt verstreut worden. Ein Teil davon ist im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich anzutreffen (siehe Blog vom 27.02.2008: „Schweizerisches Landesmuseum: Bewahrender Charakter“). Die Dezentralisation des Besitzes, die im vorliegenden Fall bis nach Schweden reicht, verhindert, dass in Brand- und anderen Katastrophenfällen alles aufs Mal verloren geht. Auch das habe ich im Schloss Hallwil gelernt: Es ist unmöglich, diese Schlossanlage innert einer Stunde gründlich zu studieren; ein halber Tag wäre angemessener. Die hier aufgezeichneten Erkenntnisse sind nur ein kleiner Teil dessen, was im Schloss Hallwil an (Kultur-)Geschichtswissen in einer feudalen Umgebung geboten wird.
 
Schifffahrt
Das BVB-Programm war gnadenlos. Die rund 30-köpfige Gesellschaft begab sich zum Schiffssteg Seengen, am rechten Aabachufer mit Blick aufs Hanggebiet des Hombergzugs. Ein unglaublicher Ausflugsbetrieb herrschte an diesem Sonntag im Hallwilerseegebiet, und die Schifffahrtsgesellschaft Hallwilersee SGH kreuzte mit dem grossen, zweistöckigen Flaggschiff der Hallwilerseeflotte, der „Brestenberg“, auf, die 300 Passagiere schluckt, wovon 120 im unteren Salon und 64 im Oberdecksalon. Die Abfahrt: 14.15 Uhr.
 
Ich begab mich aufs Oberdeck an die frische Luft und erlebte von dieser Aussichtskanzel aus den Titlis und die Rigi sowie die teilweise weiss eingefärbten Alpen unter dem verhaltenen Blau des Himmels. In der Nähe zogen das Seenger Moos, Boniswil, Birrwil, Beinwil am See und nach der Drehung vor der Kantonsgrenze AG/LU im Gegenuhrzeigersinn der Uferbereich von Meisterschwanden vorbei, bis das Schiff wieder zwischen Seerosenfeldern in Seengen anlegte.
 
Die Strandbäder waren belebt, die Strandrestaurants (Schifflände Birrwil, Seehotel Hallwil in Beinwil am See, Delphin und Seerose in Meisterschwanden) hatten Hochkonjunktur, und manchmal fuhr ein Pedalo zwischen Segelbooten hindurch.
 
Erneut wurde offensichtlich, dass der Hallwilersee (wie auch der Baldeggersee und der Sempachersee) zu den grossartigen Kreationen des vielfach gelappten Reussgletschers gehört. Aus dem einstigen Eismeer dieses Gletschers sind die relativ bescheidenen heutigen Seen des schweizerischen Mittellands entstanden. Im 1946 im  Hallwag Verlag, Bern, erschienenen Buch „Aargau“ beschrieb Otto Zinniker, wie diese Landschaft die Menschen geprägt hat, hier lebten die Bauern lediglich nach der Sonnenuhr: „Solches Beharren im Natürlichen, Sicheren, Althergebrachten finden wir nirgends ausgeprägter als im schweizerischen Mittelland.“
 
Dementsprechend wird auch alles Mögliche unternommen, um zu verhindern, dass diese Landschaft unerträglich verschandelt wird. Es gibt den Baudruck unverkennbar, aber auch Auswirkungen der Landschafts- und Naturschützer. Für beides könnte man Beweise anführen. Eine Serie von Holzhäusern als Bootsunterstände und Wochenendebauten, vor allem am Ufer von Meisterschwanden AG, weist auf den früher bedenkenloseren Umgang mit der sensiblen Ufernatur hin, und sie gehört schon beinahe zum Inventar. Und die Riedfläche bei Boniswil/Seengen zeugt von erfolgreichen Schutzbemühungen.
 
Auf dem Eichberg
Den schönsten und einen vollständigen Überblick auf die Hallwilerseelandschaft kann man vom Homberg oder vom Eichberg oberhalb von Seengen aus geniessen, wo in der Umgebung eines Kurhotels mit Restaurants eine Bio-Landwirtschaft betrieben wird. Dort oben, auf dem Eichberg, endete der von Kathrin Stübi perfekt organisierte BVB-Anlass bei grossen und kleinen Zvieri-Plättli mit Salat, Eiern, Käse und allerhand Fleisch wie Bündner Rohschinken und Salami. Rund ums Restaurant sind an der frischen Luft viele Bronzeplastiken von Freddy Air Röthlisberger aus CH-5507 Mellingen ausgestellt. Einige davon sind vom literarischen Werk von Jeremias Gotthelf wie den Jowägers inspiriert; auch der Geissepeter, ein Besenbinder und das Gänselieschen sind dort anzutreffen – noch ein Bezug zum Althergebrachten. Und so rundete sich denn alles.
*
Der Sachsenkönig und Bösewicht Oswald, von dem die Musiker drunten im Schloss Hallwyl auf ihre Art erzählten, wollte seiner geliebten Emmeline beweisen, wie sehr die Liebe harte Herzen zum Schmelzen bringen kann. Wie die sagenhafte Oper erzählt, konnte er mit einem Zauber die Landschaft in Eis verwandeln – genau wie es im Seetal einst war –, und auch Menschen. Aber damit hatte er keinen Erfolg. Auch das Reussgletscher-Eis ist inzwischen geschmolzen.
 
Das Resultat des Wandels vom Eis zur Seetaler Landschaft ist es vielmehr, welcher den Betrachter vor lauter Begeisterung zum Schmelzen bringt.
 
Hinweis auf weitere Hallwilersee-Blogs
05.02.2008: Mosen am Hallwilersee: Auslaufmodell mit schönem Auslauf
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