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BLOG vom 04.09.2008


Schlacht gegen Phosphate: Kühne Hallwilersee-Belüftung
Autor: Walter Hess, Biberstein (CH Textatelier.com)
 
Die Versuchsanlage trieft vor Einfachheit: Sie nehmen eine Badewanne und füllen diese zu 3 Vierteln mit einem Himbeersirup, wobei dieser für einmal nicht Bioqualität haben muss. Das oberste Viertel füllen Sie anschliessend so sorgfältig mit gewöhnlichem Leitungswasser bis auf Ablaufhöhe, dass der Sirup schön unten bleibt. Nun lassen sie auf der dem Ablauf gegenüber liegenden Seite tropfenweise Wasser in die Wanne einlaufen. Und nun warten Sie einfach ab, wie lange es geht, bis das Wasser in der Wanne vollkommen klar ist.
 
Wahrscheinlich werden Sie es nicht erleben, auch wenn Ihr eigenes Ablaufdatum noch in ferner Zukunft liegt.
 
Mangelnder Umsatz
Der empfehlenswerte Versuch dient Ihnen zur Illustration dessen, was im Hallwilersee im aargauisch-luzernischen Seetal abgeht. Der Himbeersirup steht für das mit Burgunderblutalgen eingefärbte Wasser im maximal rund 46 m tiefen See. Der minime Wasserzufluss symbolisiert den total 17 km langen Aabach. Er ist der Auslauf des Baldeggersees, dem er entspringt. Dann tränkt er den Hallwilersee und verlässt diesen zwischen Boniswil AG und Seengen AG wieder. Er fliesst darauf am Wasserschloss Hallwyl, an Lenzburg und Niederlenz vorbei, vereinigt sich in Wildegg mit der Bünz und mündet endlich mit dieser knapp 200 m weiter unten in die Aare ein. Die Wasserabflussmenge dieses beim Schloss Hallwyl regulierten Bachs, der eben ein Bach und kein Fluss ist, beträgt bloss rund 2,4 Kubikmeter (2400 Liter) pro Sekunde. Beim Schloss ist der Bach eingestaut, und viele Fische wissen dort nicht mehr weiter. Sie drehen verzweifelte Kreise.
 
Die 2,4 m3 Wasser, die den Hallwilersee pro Sekunde (144 m3 pro Minute, 8640 m3 pro Stunde und rund 200 000 m3 pro Tag) verlassen, stehen dem Gesamtvolumen des Sees von 256 000 000 m3 gegenüber, so dass man eine mittlere Wasseraufenthaltszeit von 3,5 bis 3,8 Jahren errechnen kann. Allerdings ist diese statistische Grösse nicht weniger falsch als die meisten anderen Statistiken auch. Denn es ist ja, wie sich auch aus unserem Badewannen-Experiment ergibt, keineswegs so, dass das neu zufliessende Wasser hinten ansteht und das ältere Wasser vorne abfliesst, weil es nun lange genug gewartet hat. Vielmehr durchmischen sich Alt-, Mittelalt- und Neuwässer vor allem in der obersten Schicht munter, so dass gewisse Wassertropfen eine Ewigkeit im See verbleiben. Im Prinzip ist es einfach eine ständige Verdünnung des gut gelagerten mit dem bisschen Neuwasser. Ich könnte mir vorstellen, dass noch einige Moleküle eiszeitliches Wasser im Hallwilersee anzutreffen sein könnten.
 
Wahrscheinlich wird die Erneuerung des Wassers auch deshalb hinausgezögert, weil das neu zufliessende Wasser über die schwereren Wasserschichten in der schlammigen, mit sedimentierten Algen belegten Tiefe bei ruhendem See hinweg fliesst. Darunter wohnen die Burgunderblutalgen und anspruchslose Schlammröhrenwürmer, die etwas Sauerstoff schon brauchen, ihr Auskommen finden und nicht einmal ein so schlechtes Zeichen sind. Wenigstens etwas Leben ist noch möglich. Mit anderen Worten: Dort unten passiert natürlicherweise rein gar nichts in Sachen Durchfluss, abgesehen von einer jahreszeitlich und damit temperaturmässig begründeten kurzen Unruhe und Störung der Wasserschichten. Es bräuchte da schon einen gelegentlichen Tsunami mit gleichzeitigem Hochwasser, um etwas Betrieb in diese träge Angelegenheit zu bringen.
 
Doch der Hallwilersee, ein beschauliches Idyll zwischen eiszeitlichen Moränen, ist für solche Eskapaden viel zu friedlich, man könnte auch sagen: zu müde, zu faul, wollte man sich despektierlich ausdrücken. Und vielleicht ist er von der Natur als verschlammte Riesenpfütze vorgesehen, als hypertrophes, aus dem Gleichgewicht geratenes Gewässer mit erloschener Selbstreinigungskraft. Man weiss nichts Genaueres.
 
Der Düngerüberfluss im See
Mein Vermutungswissen basiert auf meinen beiden kleinen Sarnafilfolien-Weiherchen vor unserem Haus (Wasservolumen total: rund 4 m3, maximale Tiefe 98 cm). Sie werden von einem alten, mächtigen Nussbaum (Juglans regia) überragt, sind von Weissdornbüschen flankiert und mit vielen Wasserpflanzen wie Seerosen, Schilf, Tannenwedeln (Hippuris vulgaris), die ganze Miniaturwäldchen bilden, usf. bestückt. Alle paar Wochen bin ich dabei, ganze Schlammleintücher und Pflanzen, die sich über Gebühr vermehrt haben, herauszufischen und auszureissen und sie zu kompostieren. Durch Niederschläge, herabfallendes Laub und andere Pflanzenbestandteile sind diese Weiherchen ständig masslos überdüngt. Ich weiss in Überdüngungsfragen deshalb, wovon ich rede. Und weil es in dieser modernen Zeit nur ganz, ganz wenig braucht, um zum Experten zu werden, darf ich sagen: Ich bin in Eutrophierungsfragen ein solcher.
 
Das legitimiert, mich auf dem Hintergrund amtlicher Informationen und Angaben („Umwelt Aargau“) über die Überdüngung des Hallwilersees auszulassen. Mit der Überdüngung ist vor allem die Phosphorkonzentration gemeint; von den ebenfalls vorhandenen Nitraten spricht man der Einfachheit wegen kaum. Ebenso wie meine Weiherchen ist auch der Hallwilersee eine regelrechte Nährstofffalle. Die Nährstoffanreicherung kann durch die oft übereifrig düngende Landwirtschaft, häusliche Abwasser, die in der Schweiz inzwischen weitgehend klärtechnisch bewältigt sind, tierische Exkremente und allerhand diffuse Einträge wie Waschmittel und Regenwasser verstärkt werden. Die Fische mögen das nicht. Sie mögen nicht mehr weiterleben, wenn zu viel zusammenkommt und es ihnen verwehrt ist, die Flucht zu ergreifen.
 
Gewiss, auch Algen und Faulschlamm sind ehrenwerte Lebewesen bzw. Naturerscheinungen, die in der Ökologie ihren Platz haben, und es liegt mir fern, sie irgendwie heruntermachen zu wollen, ohne dass sie sich wehren können. Nur bin ich noch keinem Menschen, ob grün oder nicht, begegnet, der sich für ihren Schutz stark gemacht hätte. Algen und Schlämme haben gelernt, mit diesem Unrecht zu leben. Was für sie zählt, ist allein der Umstand, dass die Menschheit ja wirklich alles zu ihrer Förderung tut. Und nur das zählt für all die Algen und Schlämme.
 
Aber wir aktiven Faulschlammproduzenten und -förderer mögen überdüngte Seen überhaupt nicht. Der Grund dafür liegt darin, dass wir grosse Fischliebhaber sind, weniger wegen der munteren Fische an sich, sondern ihrer Filets wegen. Wir haben gern frittierte Fischknusperli, aber Burgunderblutalgensuppe löffeln selbst Mitglieder der vereinigten Blutwurstliebhaber niemals, und Schlammröhrenwürmer, im Bierteig gebacken, habe ich noch nicht einmal im Angebot von den Strandrestaurants der kreativeren Sorte gesehen.
 
Und so wissen denn die Fischer haar- bzw. schuppengenau, was sie aus dem See zu fischen haben: Fische. Damit sie das können und wir zu unseren Filets kommen, müssen umkippende Seen künstlich wieder aufgestellt, ins Lot gebracht werden. Der Kanton Aargau, ein ausgesprochen umweltbewusster Wasser- und Auenkanton und dementsprechend im Umgang mit dem Oberflächenwasser geübt, stellte sich seit langem betont auf die Seite der Fische, der Fischer und von Fischliebhabern wie ich. Ich schaue den herumschwimmenden Fischen etwa beim Schloss Hallwyl gern zu und lasse sie manchmal sogar in einem weissen Vinzel- oder La-Côte-Wein gern weiter schwimmen, tierfreundlich wie ich bin.
 
Die Krankengeschichte
Die offizielle amtliche Hallwilersee-Krankengeschichte (http://www.ag.ch/umwelt-aargau/pdf/UAG_1_07.pdf) beginnt mit der Jahreszahl 1898: Massenentwicklung von Burgunderblutalgen (Oscillatoria bzw. Planktothrix rubescens) mit ihren zarten roten Blüten und der Fähigkeit, auch bei Lichtarmut zu überleben. Ihren Namen verdankt diese giftige Blaualgenart Karl dem Kühnen (1433‒1477), dem Herzog von Burgund, dessen für die damaligen Verhältnisse modernst ausgerüstetes Heer wir Eidgenossen mit unseren simplen Hellebarden in der Schlacht bei Murten am 22. Juni 1476 im Rahmen der Burgunderkriege in den Murtensee abdrängten und zerstückelten, so dass sich der See von all dem Burgunderblut rot färbte. Die Fischpopulationen gingen wegen des zunehmenden Sauerstoffmangels deutlich zurück (1920). Die Nährstoffbelastung des Sees nahm zu, auch der häuslichen Abwässer wegen, und die Algen breiteten sich aus (1956). Ab 1964 wurden die Abwässer in einer Gabelleitung gesammelt und der Kläranlage in Seengen zugeführt, die allerdings dem See bis 9000 m3 Wasser pro Tag vorenthält, doch auch etwa 1 Tonne Klärschlamm pro Tag – und das ist schon etwas. Im Einzugsgebiet wohnen heute etwa 15 000 Personen. 1980 kam die Kläranlage im oberliegenden luzernischen Hitzkirchertal in Mosen zwecks Phosphorelimination in Betrieb.
 
Doch diese deutlich verringerte Nährstoffzufuhr brachte nicht zum Verschwinden, was in den Seetiefen herumhing, und so baute denn der Kanton Aargau 1985/86 in Meisterschwanden (beim „Delphin“) eine Zirkulationshilfe und Tiefenwasserbelüftung. Und die Landwirte wurden 2001 angewiesen, mit ihrer Düngerwirtschaft bitte einen etwas grösseren Abstand zum See einzuhalten („Phosphorprojekt“ bei Abgeltung der Bauern).
 
Und so wird denn an der tiefsten Stelle des Sees (knapp 50 m) von Meisterschwanden aus feinblasiger Sauerstoff ins sauerstoffdefizitäre Tiefenwasser eingeblasen. Und in den Wintermonaten unterstützt grobblasig eingetragene Druckluft die natürliche Wasserzirkulation. Der Sauerstoff (als sauerstoff-angereicherte Luft oder Reinsauerstoff von MESSNER, wie die Tankaufschrift lautet) wird vom Betriebsgebäude beim „Delphin“ aus über 6 Leitungen mit Diffusoren in die tiefste Stelle bei der Seemitte geleitet; pro Sommer sind es 300‒650 Tonnen. Wasserströmungen haben die Aufgabe, den Sauerstoff gleichmässig zu verteilen. Und das Resultat ist laut dem Aargauer Departement Bau, Verkehr und Umwelt BVU positiv: Betrug der Phosphorgehalt 1975 noch 250 Milligramm pro Kubikmeter Wasser, waren es nach 20 Belüftungsjahren (2006) noch deren 40. Bei 20‒30 Milligramm könnte man von einem gesunden Gewässer sprechen, und die Abnahme geht angeblich weiter.
 
Am Freitagabend, 29.08.2008, stand ich mit unserem Wissenschaftsautor Heinz Scholz zusammen bei den Orientierungstafeln über die „Sanierung Hallwilersee“ am Ufer in Meisterschwanden, zusätzlich begleitet von einem über Gebühr zutraulichen, beringten Schwan und einem Hochzeitspaar, das sich vor dem Hintergrund des Sees unter Einbezug des Schwans und des im Dunst liegenden Hombergs ablichten liess. Heinz Scholz war mit der Sauberkeit des Seewassers noch nicht ganz zufrieden; es war tatsächlich leicht getrübt. Vielleicht war das die Folge der Aufwühlung durch die eingeblasene Luft. Es bleibt also noch einiges zu tun.
 
Fortschritte sind unverkennbar. Damit dürften für die Burgunderblutalgen schwierige Zeiten anbrechen, und in kommenden Frühjahren müssen wir Wanderer wohl bald einmal auf die herrliche Weinrot-Färbung der oberen Wasserschicht verzichten.
 
Mit oder ohne Gas?
Allerdings wird es wahrscheinlich kaum gelingen, auf die Belüftung zu verzichten. So wird sich kaum dieselbe Frage stellen, die man in jedem Restaurant bewältigen muss, wenn man ein Fläschchen Mineralwasser bestellt: Mit oder ohne Gas? Das Gas (Kohlensäure, CO2) täuscht im abgestandenen Flaschenwasser Frische vor und stört den CO2-Haushalt im menschlichen Körper, weshalb ich mich selbstverständlich immer für die gasfreie Variante entscheide. Im See dient das Gas (diesmal Sauerstoff, O2) ebenfalls zur Erfrischung, und dort würde ich es akzeptieren, auch wenn das uns Steuerzahler pro Jahr rund 300 000 CHF kostet.
 
Das Himbeersirupexperiment wird Sie nach mehreren Jahrzehnten zweifellos zur Einsicht bringen, dass der Beseitigung der frühlingshaften Rotfärbung schon durch eine künstliche Lunge nachgeholfen werden muss.
 
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