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BLOG vom 07.09.2008


Auf der Jurakrete: Biberstein/Gatter–Hombergegg–Staffelegg
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In meinem nächsten Auslauf wimmelt es nur so von Hombergen. Am nächsten liegt mir derjenige nördlich oberhalb von Küttigen und Biberstein, ein rund 2 Kilometer langer Jura-Buckel in West-Ost-Richtung zwischen Aare- und Schenkenbergertal. Ein weiterer Homberg befindet sich zwischen dem Hallwilersee und dem Wynental, und dann gibt es auch noch den Zeiher Homberg im Gebiet Bözberg-West. Auch in der übrigen Schweiz stehen viele Homberge herum.
 
Der Name Homberg, den sich zum Beispiel auch ein Stadtteil von Duisburg D am linken Rheinufer zugelegt hat – in Deutschland trifft man ihn häufig an –, hat sicher nichts mit dem englischen Home (= Heim, Haus, Wohnung, Heimat) zu tun, obschon der Homberg oberhalb von Biberstein zusammen mit der östlich angrenzenden Gisliflue mein Heimberg, mein Hausberg ist. Die Duisburger führen den Namen (laut Wikipedia) auf die Silbe Hohon zurück, was „höher am Wasser“ (also weiter oben am Fluss) bedeuten soll. Das trifft aber zumindest auf den doch ziemlich im Trockenen stehenden Zeiher Homberg (782 m ü. M.), südlich von Zeihen und Oberzeihen, überhaupt nicht zu. Auch auf den Seetal- und Jura-Homberg wäre diese Definition nur murksend anzuwenden.
 
Homberg-Hochwachten
Auf den erwähnten 3 Aargauer Hombergen stand je eine Hochwacht, ein besetzter Beobachtungs- und Meldeposten der Berner Herrschaften, welche das umfangreichste Alarmierungsnetz der alten Eidgenossenschaft eingerichtet hatten. Aber ich glaube kaum, dass Hochwachten namensgebend für alle die Homberge waren. Sie standen einfach dort oben, weil sich die verhältnismässig hohen Berge für das mittelalterliche Alarmsystem mit ihren Ruch- und Feuerzeichen als Methoden zur Nachrichtenübermittlung (heute spricht man von Kommunikation) bestens eigneten, eine Vorstufe der Telegrafie und der Telefonie; 1978 brannten die bernischen Hochwachten zum letzten Mal. Sie konnten schon zu Flurnamen beigetragen haben, wie etwa Hohwart. Ich weiss nichts Genaueres und nehme deshalb einfach an, dass Homberg schlicht und ergreifend eine Ableitung von „hoher Berg“ sein könnte, also ein Hohberg, und ich hoffe sehr, damit bei Sprachkundlern nicht ein homerisches Gelächter auszulösen. Ich würde mich gern belehren lassen.
 
Von Biberstein auf den Homberg
Wer solch einen Homberg kennen lernen möchte, reise bitte nach Aarau und nehme dann den Bus („Aar“) bis Biberstein-Dorf. Biberstein ist selbst auf dem Strassenweg zugänglich, wobei schmale Autos oder gar Zweiräder im Vorteil sind, besonders wenn man das kurvige, enge Strässchen von Rohr AG aus als Zufahrt benützt.
 
Beim Oberen Dorfplatz im Dörfchen Biberstein, wo sich verschiedene Strassen verknoten, wähle man die am steilsten bergan führende. So gelangt man in den Hohlen Keller, wo ein Nebenstrassenwegweiser „Gislifluh“ den Weg weist (und damit der Landeskarten-Schreibweise „Gisliflue“ widerspricht). Der Wanderer steigt dann in der Direttissima auf den Jura hinauf, den gelben Wanderwegweisern folgend. Er wirft vom Gislifluhweg aus einen Blick auf die Buhalde mit der Ansammlung von Satteldach-Häusern hinunter und liest am Freundesdienst-Haus: „Jesus ist Sieger“ (ohne Angabe der entsprechenden Disziplin). Zudem kann man im oberen Teil des kleinen Quertals im Jura, der Buhalde eben, fast die ganze Palette von denkbaren Dachformen studieren, ein Dach-Lehrpfad drängt sich förmlich auf.
 
Der auf die Jurahöhe führende Asphaltweg weicht einem angenehmen Mergelsträsschen mit Fahrverbot, einer „Waldstrasse“, wie eine Tafel verheisst. Doch der Wald besteht vorerst nur aus Hecken. Mit einem kleinen Plakat bedanken sich Bauern präventiv (proaktiv) bei Hunden dafür, dass sie ihre Exkremente nicht in der Wiese deponieren. Und weiter oben bittet die Jagdgesellschaft Biberstein namens der Rehkitze, die im Gras, in Feldern, den Waldrändern entlang oder im Wald geboren werden, die Hunde an die Leine zu nehmen. Wenn ich all die landesweit verstreuten, höfelnden Verhaltensregeln für Hundehalter lese, komme ich allmählich zur Feststellung, dass es sich bei ihnen um eine ausserordentlich schwer erziehbare Spezies handelt (was auch der Hundekot auf meinem eigenen Grundstück beweist).
 
Der Homberggänger betritt dann den Wald, in dem sich ein dichtes Strassennetz befindet. Doch er kann nichts falsch machen, wenn er den gelben Wanderweg-Markierungsrhomben (konvexe Vierecke, Rauten) folgt. Die Försterstrasse mit dem Mergelbelag holt in weiten Bögen passstrassenähnlich aus, doch der schmale, holperige Wanderweg, der abgetretene Kalksteine und Baumwurzeln führt, lässt sich davon nicht beirren. Er kürzt ab, überquert die Strasse gelegentlich, gleicht also dem senkrechten Stich in der S-förmigen, geschwungenen Linie des Dollar-Zeichens (universelles Währungssymbol $). Dann öffnet sich der teilweise verfichtete Mittelwald mit den vorherrschenden Buchen. Als ich letztmals am Sonntag, 31.08.2008, in jenem Gebiet wanderte, machte sich dort, oberhalb der Burghalden, die Vermaisung breit.
 
Nach einer halben Stunde hat man vom Dorf Biberstein (rund 400 Höhenmeter) aus das Gatter (643 Höhenmeter) erreicht. Ein Lattentor gibt es dort nicht mehr, dafür einen reich bestückten, immer gelb blühenden, informativen Wanderwegweiser-Baum. Man kann auf einer seiner Wegweisertafeln nachlesen, dass es ostwärts auf die Gisliflue noch 20 Minuten dauern würde. Diesmal folgte ich der in entgegengesetzter Richtung zeigenden Tafel „Hombergegg 45. Min.“ mit dem Ziel Staffelegg. Dieser Passübergang zwischen Küttigen und Densbüren wäre auch Richtung Thalheim, dem Nordhang des Hombergs entlang, in 55 Minuten zu erreichen. Man hat die Wahl.
 
Über die Hombergkrete
Nach dem Gatter tritt man in einen düsteren Fichtenwald ein, und eine Waldlichtung mit Holzschopf (Challenbrunnen) sorgt für den Ausgleich in Bezug auf den Lichteinfall. Der Weg folgt dann der Krete, wo zerfallene, verwitterte Korallenkalkbänke auftauchen – schön gerundete Steine, in denen es manchmal durchgehende runde Löcher hat. Möglicherweise sorgten irgendwelche Stängel in der Zeit der Sandablagerung für diese Öffnungen. Von den Schubkräften, welche die Faltung bewirkten, schräg gestellte Steine, wie man sie auf dem Jura oft antrifft, lockern die Fussgelenke wunderbar.
 
Marksteine bezeichnen die Gemeindegrenze (Biberstein/Thalheim) und damit die Bezirksgrenze (Aarau/Brugg). Viele Steine haben Stempelglanz, denn Biberstein ist in den letzten Monaten neu vermessen worden. Mir ist gerade eine Rechnung über rund 350 CHF für die Vermarkungsrevision ins Haus geflattert, weil da Grenzpunkte gesucht, abgedeckt, rekonstruiert und Marksteine und Bolzen gesetzt werden mussten, einer davon unter erschwerten Bedingungen (es war gerade sehr schwül). Wir blättern solche Beträge willig hin in der Annahme, dass die Vermesser besser wissen, was ihre punktgenaue Arbeit wert ist. Ob auf dem Jura oder meinem Garten, überall grüssen rote Vermessungspunkte.
 
Doch setzen wir unsere Jurawanderung fort, die dann tatsächlich zum Punkt 768 „Hochwacht“ führt. Aber von einem Wachthaus, einem Wachtfeuer, einer rauchenden Harzpfanne oder einem so genannten Absichtsdünkel ist nichts mehr zu sehen. Karl Hasler hat in den Oltner Neujahrsblättern 2002 beschrieben, was es mit dem Absichtsdünkel auf sich hat: „Der so genannte Absichtsdünkel hatte die Aufgabe, die genaue Beobachtung der Gegenstationen zu ermöglichen. Er bestand aus einem Holzrohr (Dünkel), das auf einem Gestell mit runder Tischplatte montiert war. Tief eingeschnittene Kerben markierten die Richtungen zu den Hochwachten, die mit dem leicht beweglichen Rohr anvisiert werden konnten. Hatte sie der Wachtsoldat im Blickfeld, so wusste er, dass ihn nicht irgendwelche Feuer irreleiteten, denn ein falscher Alarm musste unbedingt vermieden werden.“
 
Der Wanderweg wird nun breiter, samtweich. Die Aussicht ist nach allen Seiten vom Laub der Bäume versperrt. Ein Wegweiser weist den Weg nach Südost hinunter nach Biberstein Post, wo man den Bus besteigen könnte. Doch wanderte ich bis zur Hombergegg (776 m) weiter. Dort steht ein alter, oben zerbröselnder Grenzstein mit einen markanten B (wie Biberstein); dass die verschnörkelte Linie auf der Rückseite ein T (wie Thalheim) darstellen könnte, ist zu vermuten.
 
Von der Hombergegg sind es noch 30 Minuten zur Staffelegg. Der Wanderweg vollzieht eine Spitzkehre nach Südost, verläuft etwas zickzackig durch eine Waldlichtung mit einem Prachtsexemplar von einem Hochsitz mit Eisenleiter, von wo aus die Jäger erwachsen gewordene Rehkitze und Wildschweine mit Zielfernrohrgewehren und Hinterlist ins Jenseits beziehungsweise in die Bratpfanne befördern können.
 
Oberhalb des Chessels verlässt man den „Egg“-Wald, und die Landschaft öffnet sich. Der Blick zum Kettenjura gegen die Wasserflue linker- und ins Schenkenbergertal rechterhand sind atemberaubend. Vis-à-vis ist ein Bauerngehöft des Aargauer Normtyps mit frei stehendem Wohnhaus.
 
Auf einer breiten Mergelstrasse erreicht man bald den grossen Staffeleggparkplatz (660 m), wo auch eine gute Wanderkarte aufgestellt ist, so dass man sich gleich zu einer Fortsetzung des Jura-Spaziergangs motivieren lassen oder zu späteren Exkursionen anregen lassen kann. Und sonst kann man sich von der Staffelegg-Passhöhe (621 m) mit dem Postauto gegen Aarau oder Frick befördern lassen.
 
Im Restaurant „Staffelegg“ können allfällige Wartezeiten problemlos hinter sich gebracht werden. Der begeisterte Wanderer mag zur Unterhaltung der Tischgenossen das Hohelied über die Schönheit einer Homberg-Begehung und die Intelligenz hinter dem Hochwachtennetz absingen. Und kein Knochen wird ihm widersprechen.
 
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