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BLOG vom 09.09.2008


Saanenland (1): Anreisen via Simmental, Jaun, Pays-d’Enhaut
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wie eine Wächterin steht bei Wimmis BE die Simmefluh (Simmelfluh, 1397 m ü. M.) am Eingang zum Niedersimmental, einer ganz anderen eigenwilligen Welt, vorerst im Schatten des Niesen. Neben den mächtigen Bergen liegen hier auch von Menschen und ihren Maschinen aufgeschichtete Steinhaufen, ein Hinweis, dass die gewerblich unterstützte Erosionsarbeit der Simme, die dem Thunersee zustrebt, noch nicht abgeschlossen ist.
 
Die Häuser sind hier vor allem aus Holz gebaut, und bei Latterbach steht an einer Fassade denn auch treffend „Holzer“; es ist aber keine Zimmerei, sondern ein Maler- und Gerüstbaugeschäft. In Erlenbach i. S. (im Simmental) startet die Seilbahn aufs Stockhorn mit seinen senkrechten Felswänden, das Haltung zeigt. Im Agensteinhaus hat das Talmuseum eine Heimat gefunden. Es ist selber ein hochgradig museales Objekt, das hinsichtlich des Simmentaler Haustyps Massstäbe setzt, dem Ständer-/Blockbau unter einem mächtigen Satteldach. Der luftig wirkende, rechteckige Kirchturm mit dem in eine Spitze auslaufenden Dach weist nach ganz oben, obschon es auch unten ausserordentlich schön ist. Bei Riggoldingen wird das Tal der Simme etwas enger. An den Häusern prangt ein überquellender Geranienschmuck. In Weissenburg-Därstetten prägen viele Hecken und Wälder den geweiteten Talkessel, und die Holzhäuser, manchmal mit Dachründe, zeugen hier von einem lebendigen Handwerk, welches auch das Kunsthandwerk einschliesst. In Enge-Steini war ein Steinbildhauer an der Arbeit.
 
Der Jaunpass
Nach Boltigen, beim Weiler Reidenbach, zweigt der Jaunpass ab, der in der französischen Sprache Colle de Bellegarde heisst und die deutsch-französische Sprachgrenze (Kantone Bern/Freiburg) markiert. Früher waren auch Namen wie Bruchberg, Bruchpass (französisch: Col de Bruche) gebräuchlich.
 
Am regnerischen Mittag des 04.09.2008 bin ich erstmals über diese von der Landwirtschaft geprägte Landschaft gefahren, in der einige Flachmoore gerade das nötige Nass tranken. Und ich habe den Anblick dieser für mich neuen Welt aufgesogen wie ein Schwamm das Wasser. Die in den Jahren 1872 bis 1878 erbaute Passstrasse ist zwischen Reidenbach und Bulle 37 km lang. Vom alten Saumweg über Reidingen sind nur noch einige Pflästersteine („Bsetzi“) erhalten. Ein weiterer Bergübergang auf der rechten Talseite über „Bultschnere“ und „Luegle“ hatte stets nur eine touristische Bedeutung.
 
Es war gerade etwas nach 13 Uhr, als wir die Strasse von Reidenbach (845 m) aus am Fusse von Schwarzenmatt und Bäderhorn empor kletterten, die aus strategischen Überlegungen gebaut worden war, als Lehre aus dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71); dieses Ereignis hatte bei den Eidgenossen die Einsicht reifen lassen, dass das Alpenvorland mit leistungsfähigen Verkehrswegen besser zu erschliessen sei. Denn einen Krieg in den Alpen kann ein Volk der wendigen Bergler besser bestehen als einen in der Ebene, auf dem offenen Schlachtfeld. Und zudem galten Erlenbach i. S. und Bulle als Zentrum des schweizerischen Viehhandels, so dass auch aus solchen Gründen eine gute Strasse wünschbar war.
 
Im unteren, Simmental-seitigen Teil kommt die Strasse mit 4 Spitzkehren aus, und vor der Passhöhe, südlich der Winteregg, gibt es noch einige Windungen. Viele Wolken und Nebelschwaden, wie sie auch Schmids Rhetorik kennzeichnen, schlichen um die felsigen Abhänge des Gastlosen (1935 m), so dass uns nichts daran hinderte, die Abfahrt über Jaun, der einzigen deutschsprachigen Gemeinde des Greyerzerlands, und Charmey gleich hinter uns zu bringen. Das Schmid-Interview war beendet, die Nebel lichteten sich, brachten Alphütten an steilen Hängen bei Weiden und Fichtenwäldern zum Vorschein, eine eindrückliche innervoralpine Landschaft, wie sie zur Schweiz gehört.
 
Der Pass ist problemlos zu befahren; die maximale Steigung beträgt 14 %. Die mit Gaststätten („Bärgblick“, „Fängi“, Hotel „Jaunpass“ und einem Skistübli) sowie Wintersportanlagen und einem Kiosk mit freundlicher Bedienung bestückte Passhöhe befindet sich bloss auf 1509 Höhenmetern auf dem Gemeindegebiet Boltigen BE, einer der ausdehnungsmässig grössten Gemeinden des Kantons Bern.
 
Der blöde Zufall wollte es, dass an jenem Donnerstagmittag gerade bei Radio DRS1 der Schweizer Verteidigungsminister Samuel Schmid im „Tagesgespräch“ zu einer seiner berühmten Selbstverteidigungsaktionen anhob. Er musste sich rechtfertigen und langfädig erklären, weshalb er denn wichtige Informationen um den gestrauchelten Armeechef Roland Nef dummerweise gerade vergessen hatte – er sei halt auch nur „e Mösch“ (ein Mensch), sagte er, zumal man ja weiss, dass diese Menschen mit Fehlern und Schwächen behaftet sind. Allerdings haben sich bei ihm die Fehler und Führungsschwächen etwas übers landesübliche Mass hinaus kumuliert. Und so trampte er denn eben von Fettnäpfchen zu Fettnapf. Aber Talent und Übung im Ausredenerfinden hat er schon; keiner könnte wie er schon fast glaubhaft rechtfertigen, wieso ein von ihm geleiteter Krieg verloren werden musste.
 
Schmid sieht die Schweizer Armee nur noch als Nato-Hilfstruppe, mithin als Unterstützerin der US-amerikanischen Kriege im Hinblick auf die von den USA angestrebte Weltherrschaft. Natürlich sagt er das nicht so direkt; das ergibt sich bloss aus seinem Handeln, das auf eine weitgehende Schädigung und Abschaffung der Armee hinausläuft. Und so war denn der Jaunpass garantiert militärfrei; auch von der alten „Kampfgruppe Jaun“ war nichts zu sehen, obschon sich auf der Passhöhe ein gewiss nicht mehr gebrauchtes Artilleriewerk befindet.
 
Ins Greyerzerland hinunter
Doch der Jaunpass offenbart dem geniessenden Reisenden seine hervorragendsten Eigenschaften als langgezogene Aussichtsplattform vor allem bei der Abfahrt von Jaun nach Charmey, dem Jaunbach (La Jogne) entlang. Dort öffnet sich eine herrliche Seenlandschaft mit dem Lac de Montsalvens, dem seit 1921 bestehenden Stausee zwischen Broc und Charmey, und vor allem dem Greyerzersee (Lac de la Gruyère). Und über all das erhebt sich das Schloss Greyerz beim malerischen Städtchen, ein Dokument des mittelalterlichen Lebens, dem vorbeiziehende Kraniche („la grue“, Mehrzahl: „grues“) den Namen und die Grafen von Savoyen das Gepräge gaben; übrigens hat auch Saanen einen Kranich im Wappen.
 
Wir machten noch einen Besuch in Bulle, Hauptort des Greyerzerlands, dessen eine der beiden Hauptstrassen, die Grand-Rue im Zentrum, gerade in einer Neugestaltung begriffen war und wo hohe Bauabschrankungen das Ortsbild beeinträchtigten, Das alles ist darauf angelegt, dass diese noble Hauptstrasse französischer Prägung in neuem Glanz erstrahlen möge; der Platz, Treppen und Trottoirs werden neu gestaltet. Zum Glück hatten wir noch Zugang zur Zentrumsmetzgerei Y. Meys/J. Python, wo Greyerzer Saucissons auf Abnehmer warteten.
 
Pays-d’Enhaut
Diese Exkursionen waren Randerscheinungen unserer Reise ins Saanenland, über die in 3 Blogs ausführlich berichtet werden soll. Dazu gehörte auch eine Visite im Pays-d’Enhaut, das von Bulle aus über Haute Gruyère, vorbei an Gruyères, Grandvillard und der Saane entlang, seit 1911 auch mit der Montreux-Oberland-Bahn MOB, schnell zu erreichen ist. Früher waren hier die Pferdeschlitten im Winter im Einsatz.
 
Der seit 2008 so genannte freiburgische Bezirk Riviera-Pays-d’Enhaut schliesst sich westlich ans Saanenland an; Château d’Œx (auch Château d’Oex geschrieben und abgeleitet vom Orts- und Familiennamen Oesch) war bis Ende 2007 Hauptort dieser Verwaltungseinheit, die seither in die Kreise (Cercles) Château d’Œx und Rougemont aufgeteilt ist.
 
In Château d’Œx, diesem klassischen Sommer- und Winterkurort, fällt die Tafel „Musée Arts et Tradition populaires“ mit Scherenschnitt-Dekorationsmotiv an einem verwitterten Holzblockbau auf, und im Haus daneben sind selbst die Fenster zu Gemälden mit alten Malereien geworden. Hier wird die Geschichte der Talschaft lebendig, die Anno 1448 vom letzten, tief verschuldeten („vergeltstagten“, wie es auf Berndeutsch heisst) Greyerzer Grafen die Unabhängigkeit erkaufte. Doch im 16. Jahrhundert brachten die Berner die Talschaft unter ihre Kontrolle, was sich günstig auswirkte, zumal Heimarbeit und Gewerbe gefördert wurden und den Frieden zwischen Welsch und Deutsch gewährleistete. Seit 1083 ist durch die Mediationsakte die Talschaft politisch getrennt – und seither gehört das Pays d’Enhaut zum Kanton Waadt. Das spürt man eindeutig, auch hinsichtlich des baulichen Standards und Unterhalts. Hier geht es leichtfüssiger, salopper zu, aber die Kunstfertigkeit im Holzbau, in der Schnitzerei hölzerner Gebrauchsgegenstände, der Käsebereitung (Hobelkäse) und im Scherenschnitt zeigte wenig Zerfallserscheinungen.
 
Dieser Eindruck nimmt noch zu, wenn man sich, der Saane (Sarine) aufwärts und dem Nordfuss des Kalkbergstocks Rubli (Le Rubli) folgend, über den Weiler Flendruz nach Rougemont (Rötschmund, Retschmund) begibt, also in Richtung Kantonsgrenze FR/BE und Saanen. Die Holzhäuser werden immer schöner, zierlicher; besonders beachtenswert ist diesbezüglich der Ortskern von Rougemont. Die Holzhausfassaden sind mit Schnitzereifriesen, Inschriften und Malereien geschmückt. Gegenüber dem Gasthaus „Cheval blanc“ lenkt ein Speicher von 1688 mit besonders dekorativem Türbeschlag die Aufmerksamkeit auf sich.
 
Rougemont (1007 m) war seit dem 11. Jahrhundert mit dem Cluniazenserpriorat das geistige Zentrum der Talschaft, an dessen Stelle das unter bernischer Oberhoheit erstellte Schloss mit dem Treppenturm steht. Die legendäre, im 12. Jahrhundert von Greyerz erbaute Burg Vanel ist nur noch als Ruine erhalten geblieben.
 
In dieser traditionsbetonten Gegend ist es wohl eine Ausnahmeerscheinung, dass man etwas zerfallen lässt, was insbesondere auch aufs Saanenland mit den Highlights Saanen, Gstaad und Saanenmöser und den zahlreichen Zeugnissen bodenständiger Kultur neben der unbeeindruckt dahin fliessenden Saane, die bereits mit dem Lauenenbach vereinigt ist, zutrifft. Hier, in dieser in jeder Beziehung von Noblesse geprägten Landschaft, wollten wir uns exakter umsehen. Und das nicht zu beschreiben, wäre als bloggerische Unterlassungssünde zu brandmarken.
 
Fortsetzung folgt.
 
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