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BLOG vom 13.09.2008


Saanenland (3): Brigitte Pulfer, Kräuterfrau vom Meielsgrund
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Alpen und die Berge waren zu allen Zeiten reichhaltige Biotope für Heilbringendes und Dämonisches, für Gottheiten und Hexen, die sich um das Wetter und alles Lebendige kümmern. Der Hochgebirgswald ist mit Geheimnissen reich bestückt. Fantasie und Volksglaube beleben das Geschehen zusätzlich. Die Bergmythologie hat etwa mit der Bergpredigt oder dem Stufenbau zu Babylon sogar in die Bibel Eingang gefunden.
 
Ein in diesem Sinne ausgesprochen mystisches Tal ist der Meielsgrund, etwas östlich zwischen der Gummfluh (2458 m) und dem Furggenspitz (2296 m) oberhalb von Gstaad/Saanen. Wir hatten es vom Eggli aus, wo 7 Schneekanonen als Wintergarantie vorläufig noch unbeschäftigt herumstanden, erreicht. Von der Kalberhöni aus führt ein gerade noch befahrbarer Alpweg der Gstaader Eggli-Flanke entlang und über das Flüemaad in die Meielsgrundstrasse.
 
In dieser Region Stalde-Meielsgrund-Meiel-Gumm (Gemeinde Saanen, die zum BLN-Gebiet „La Pierreuse-Gummfluh-Vallée de l’Etivaz VD“) gehört, fielen mir zuerst einmal die riesigen, vor Gesundheit strotzenden Bergahornbäume auf, deren üppiges Grün sich wie Schaumwolken um den Stamm und das verbogene Astwerk rankt. Das Gerippe der Bäume wirkt fast schwarz, weil es von Moosen und Flechten überzogen ist. Die Bäume stehen am steilen Südhang des länglichen Muttenhubels, zusammen etwa mit Silberdisteln und verblühten Gelben Enzianen, die es auf den Weiden in Fülle gibt.
 
Hier, auf rund 1500 Höhenmetern, offenbart der Bergahorn (Acer pseudo-platanus) seine Zähigkeit. Wie keine andere Baumart der Alpen erweist sich dieser Baum widerstandsfähig gegen die Verschotterung, Murgänge und Lawinen. Er erträgt Verschüttungen bis über 1 m oder 40 % der Stammhöhe, steht sozusagen unverrückbar in der Landschaft – selbstbewusste, standhafte Einzelexemplare, die es nicht nötig haben, sich zu Gruppen zu vereinigen.
 
Alle Pflanzen sind Meister in Bezug auf Anpassungen und Genügsamkeit und auf die bestimmten örtlichen Verhältnisse (Geologie, Boden/Nährstoffe, Höhenlage, Klima usf.) ausgerichtet. Man erlebt das bei einem Aufstieg vom Talgrund bis zu der Schneegrenze immer eindrücklich, besonders als Wanderer. Die verschiedenen Höhenstufen haben jeweils ihre speziellen, angepassten Pflanzengesellschaften. Mit zunehmender Höhenlage werden die Lebensbedingungen härter. Zuerst verschwindet der Wald an der Waldgrenze. Niedrige Gehölze, Krummholz und Zwergsträucher leiten zu den mageren Wiesen der Hochalpen über. Dort hält sich noch die alpine Flora: niedrig bleibende Holzgewächse, Kräuter und Gräser, von Trockenheit, Hitze, Frost, Schnee, Humusmangel, rollenden Steinen und starken Winden gezeichnet, bis dann, noch weiter oben, nur noch Moose und Flechten übrig bleiben.
 
Ruth von Siebenthal Hung hatte uns nach dem Besuch des Senntums (Alpkäserei) Vorder Eggli, über das bereits im Saanenland-Blog (02) berichtet worden ist, in den Meielsgrund geführt, um uns hier, „in einem Täli, das vor Energie nur so strotzt“, etwas ganz Besonderes zu zeigen; die Sache mit der kraftstrotzenden Energie kann problemlos auf Ruth übertragen werden. Die höchsten Erwartungen wurden noch übertroffen.
 
Unsere Begleiterin hatte vor einiger Zeit einmal bei einem einfachen Haus am Rand der Meielsgrundstrasse angehalten. Es ist ohne Elektrizität, und die Wasserversorgung gewährleistet eine Naturquelle hinter dem Haus, deren Wasser in einen Trog gesammelt wird. Vor dem Haus waren verschiedene braune Gläser mit Schraubverschluss mit Pflanzen in Ölen oder Alkohol im Schatten aufgereiht. Neben dem 300-jährigen Alphüttli mit dem weissem Mauerfundament fiel ihr ein üppig blühender Garten mit den vielfältigsten Pflanzen auf, die in dieser Höhenlage (knapp 1500 m) theoretisch teilweise undenkbar sind. Und so lernte sie die Österreicherin Brigitte Pulfer kennen, die hier, seit vielen Jahren schon, jeweils die Sommermonate verbringt und ihre intensiven Beziehungen zur Natur im Allgemeinen und zu den Pflanzen im Besonderen pflegt. Und wir durften am 03.09.2008 dieselbe Begegnung machen, wie sie Ruth hatte.
 
Frau Pulfer, ein jugendlich wirkendes Naturwesen voller Charme und mit gesundem, wettergebräuntem Gesicht, knielangen, ausfransenden Hosen und einem hellen, quergestreiften T-Shirt, der lockeren Ausstattung für Gartenarbeiten, wirkte bescheiden, zurückhaltend und bereitete uns einen herzlichen Empfang. Sie hatte uns erwartet, tastete unsere Interessen ab und taute zunehmend auf, als sie unsere ehrlich empfundene Sympathie zu ihren Pflanzenbeziehungen spürte und ich einige Einsichten aus dem Buch „Das geheime Leben der Pflanzen“ von Peter Tomkins und Christopher Bird zum Besten gegeben hatte. „Pflanzen sind mein Wesen, mein Herz, meine Seele“, sagte sie mit dem warmen österreichischen Charme neben einer Goldmelisse, die sie „Zottelhexe“ nennt. Besonders gut könne man die Pflanzen immer dann verstehen, wenn sie dabei seien, Traubenzucker zu verarbeiten, sagte Frau Pulfer. Und genau das taten sie am frühen Nachmittag wohl noch.
 
Ganz offensichtlich gefiel es den Pflanzen hier ausgezeichnet, sogar dem Steppenbeifuss (Präriebeifuss, Artemisia inviciana) mit den rötlichen Einzelblüten, die wie eine Ähre angeordnet sind. Er wurde von den nordamerikanischen Indianern seinerzeit, als sie noch von Eroberern ungestört ihre eigenen Rituale pflegen durften, als Räucherpflanze verwendet. Und ihr Blütenfest in einem hellen Lila feierte gerade eine fast 1 m hohe Muskatellersalbei-Pflanze (Salvia sclarea) mit ihrem herzförmigen Kelch, die man zum Aromatisieren von Wermutweinen verwenden kann. Sie sieht auf den ersten Blick wie ein kunstvoller Staubwedel aus, der beim Abstauben einen Muskatellergeruch verströmt. Eine Wegwarte, wie ich sie in dieser Grösse und Üppigkeit noch kaum gesehen habe, kletterte um einen verwitterten Wurzelstock, der mit den benachbarten Sonnenhüten (Echinacea purpurea) zu sprechen schien. Die einzelnen Beete sind von labyrinthischen und spiralig gewundenen, nur fussbreiten Weglein, die von niederen, halbierten Holzpfählen flankiert sind, getrennt. Die Schnecken erhalten eine Ablenkungsfütterung und werden mündlich angewiesen, sich bitte nur am Gartenrand aufzuhalten. Solche erzieherischen Massnahmen klappen wunderbar.
 
Das Edelweiss, über ein Kalksteinstück gepflanzt, schien hier förmlich zu wuchern. Die Brennnessel brenne nur, wenn man sie unbeachtet lasse, sagte die pflanzenkundige Brigitte, ihre biegsame Haarspange zurechtschiebend. Da gab es nichts, was nicht in Ordnung gewesen wäre. Eine Ansammlung von Nachtkerzen schien den leicht sonnigen Tag nur halbwegs zu verschlafen. Jeden Morgen begrüsst die Brigitte ihre Pflanzen, und jeden Abend verabschiedet sie sich von ihnen in herzlicher Zuneigung.
 
Hier, genau an diesem Ort, stimme einfach alles, sagte Brigitte bei aller Bescheidenheit und drückte damit genau das aus, was auch wir gespürt hatten, aber nicht so genau definieren konnten: die Kombinationswirkung aus Bergen, Wildtieren, Gestirnen, und unten ist der Meielsgrundfäng („Branzfang“), ein Bach, der verschiedene kleine, mysteriöse Moorflächen nährt, und darüber steigt ein Nadelwald gegen die Staldenflüe auf, ein Schutzwald, der eigentlich nur die Feuchtgebiete schützt.
 
Vor dem Hüttli, wie es die Besitzerin nennt, mit dem in ein Holzbrettchen eingebrannten Wort „Daheim“ an der Hauptfassade führt eine Treppe zur offenen Laube, die vom weit vorspringenden Dach überdeckt ist. Im Parterre neben der untersten Treppenstufe ist eine Türe, hinter der sich ein kühler, romantischer Keller verbirgt, eine eigentliche Schatzkammer, in dem auf rustikalen, wie hier gewachsenen Holzgestellen Liköre, Salben, Gelées usw. in gelichteten Formationen aufgereiht sind. Auf den schlanken „Wurzelmanndli“-Kräuterlikörfläschchen ist eine Etikette mit dem Gesicht eines Berggeists zu sehen, der sich Brigitte offenbart hat und den sie fotografieren durfte: der Kopf einer knorrigen Gestalt mit struppigem, dunklem Haar, zerfurchtem Gesicht, gelben Augen mit schwarzer Pupille, die beide in die gleiche Richtung nach rechts schauen, einer gerundeten Nase und zugekniffenem Mund.
 
Der „Wurzelmanndli“-Likör selber besteht aus Pestwurz, Engelwurz, Meisterwurz, Waldmeister, Wacholder, Brennnessel, Apfelbrand und Zucker (30-Volumenprozent Alkohol). Wir durften dieses Kraftgetränk degustieren und hatten das Gefühl, eine ganze Heilkräuterapotheke im Mund zu haben und blühten auf.
 
Ich stürzte mich alsdann förmlich auf einen magenstärkenden „Enzian“, der an reiner Bitterkeit nicht zu überbieten ist und von dem ich gleich 3 Fläschchen erwarb. Er wird von Brigitte Pulfer aus den seitwärts wachsenden, tiefreichenden Wurzelteilen des Gelben Enzians (Gentiana lutea) gebraut. Das Wurzel-Graben ist eine unendlich mühevolle, zeitraubende Arbeit, zumal diese nicht mit eisernen Grab- und Brechwerkzeugen erledigt wird, sondern mit den Zacken eines vollständigen Hirschgeweihs; denn der Metallkontakt würde die gentiopicrinreichen Wurzeln und damit ihre Heilwirkungen beeinträchtigen. Die Wurzeln werden aber nicht vollständig entfernt. Bei dem Alpbauern sind Wurzelgraber gern gesehen, weil der Gelbe Enzian dem Weideboden wertvolle Bestandteile entzieht, die dann eben eine wertvolle Arznei ergeben, deren Gebrauch uralt ist. So schrieb der deutsche Botaniker und Arzt Hieronymus Bock (1498‒ 1554) über den „Magenwurz“ in der damaligen Sprache: „So weiss der gemein man keinen besseren Tiriack oder magenartzney als eben den Entian.“ Einer der wenigen Werbespots, denen ich zu 100 Prozent vertraue. Im Keller mit den Kräuterprodukten ist auch der grosse Gong aufgehängt, welcher der Kräuterfrau dazu dient, mit den Erdgeistern in Kontakt zu treten und ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen.
 
Wir nahmen noch verschiedene Salben und ein Duschgel mit, und noch selten hatte ich das Gefühl, so gut eingekauft zu haben.
 
Brigitte ermunterte uns, nächstes Jahr unbedingt wiederzukommen – sie werde uns dann weitere Wunder zeigen. Allein schon weil dann der Enzian aufgebraucht sein dürfte, wird uns nichts anderes übrig bleiben … Inzwischen schneidet sie in diesen Herbstwochen noch die Pflanzen zurück und bedeckt sie mit Mulch, damit sie sich in Ruhe in die Erde zurückziehen können, um neue Kräfte fürs nächste Jahr zu sammeln. Und mag es noch so viel Schnee und Lawinen geben, nächstes Jahr werden sie wieder blühen, als ob nichts gewesen wäre. Brigitte, die auch im Winter mit den Pflanzen in einer herzlichen Beziehung verbunden bleibt, wohnt an der Dorfstrasse 17 in CH-4602 Seewen (Nähe Solothurn).
 
Wir kehrten nach diesem unvergesslichen Besuch nach Gstaad zurück, in eine ganz andersgeartete Welt, wo einige Oldtimer paradierten und ich u. a. noch ein Blick auf das stilreine Saaner Châlet mit 2 Fronttreppen und weiss-rotem Balkonblumenschmuck werfen konnte, in dem einst Prinz Saddruin Aga Khan (1933‒2003) wohnte, der Sohn von Aga Khan III. (1877‒1957), der auch als Sultan Mahommed Shah und als berühmter religiöser Anführer der Ismaeliten (Islamisch-schiitische Glaubensgemeinschaft) bekannt war.
 
Im Saanenland verwischen sich die Unterschiede – weil jedermann in einem Châlet wohnt, die sensible Heilkräuterfrau genau so wie auch der Prinz. Und hinter den verzierten, aber immer ähnlichen Holzfassaden mit dem opulenten Balkonpflanzenschmuck kann Jede und Jeder sein Glück auf seine eigene Weise finden: Die Saaner Qualitäten im Zeichen der egalisierenden Untertreibung, des Understatements, um es in der Sprache vieler Bewohner zu sagen, die von weit her kamen und dieses stimmige Tal als ihre Heimat auserkoren haben.
 
Hinweis auf die vorherigen Saanenland-Blogs
09.09.2008: Saanenland (1): Anreisen via Simmental, Jaun, Pays-d’Enhaut
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