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BLOG vom 14.09.2008


Saanenland (4): Der Châletstil verhindert ein Architekturchaos
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Strenge Baureglemente haben das Saanenland, wo sich die Berner und die Waadtländer Alpen die Hand geben, zwar nicht vor einer Verhäuselung, aber immerhin vor einer Verunstaltung durch Kapriolen wie Flachdachbauten, Wohnblöcke aus dem Fertigbauteilsortiment, Wintersport-Retortenstationen in Sichtbeton und einer Mixtur von Nachahmungen der Elemente aus den letzten 3000 Jahren Architekturgeschichte verschont. Die wesentlichste Ausnahme bildet bloss das zwischen 1912 und 1913 aufeinem Hügel in Gstaad entstandene Palace-Hotel aus der glückseligen Belle Epoque, ein schlossartiger, romantischer Hotelturm mit 4 zum Teil gezinnten Ecktürmen. Wie eine Kathedrale dominiert er das Bild, leicht über den Talgrund hinausgehoben.
 
Im Übrigen sind die Bauten äusserlich von der jahrhundertealten Tradition des einheimischen Zimmermannshandwerks bestimmt, das heisst von der im 16. Jahrhundert eingeleiteten, regionstypischen Art der Holzbauweise. Innerhalb einer strengen Baugesetzgebung, welche das Saanenhaus hinsichtlich Proportionen, Dachneigung und Materialien genau definiert, konnten die Handwerker ihre Fantasie frei ausleben. Ja, es ist dort geradezu erwünscht, dass jedes Gebäude im Châlet-Baustil innerhalb des vorgegebenen Rahmens seine eigene Individualität hat, etwa durch eine Asymmetrie oder die Verschachtelung mehrerer Häuser zu einem grösseren Komplex, etwa zu einem Hotel.
 
Das Bergpanorama rund um das breite, stufige Tal wirkt nie bedrückend, und die Dörfer sind weder von Steinschlag noch Lawinen bedroht. Die Dörfer: Zur Gemeinde Saanen (Kanton Bern, französisch: Gesseney) gehören Abländschen, Bissen, Ebnit, Gruben, Grund, Gstaad, Kalberhöni, Saanenmöser, Schönried und Turbach (www.saanen.ch). Der einheitliche Baustil drückt dieser weiträumigen alpinen Landschaft den Stempel der Echtheit, Wahrhaftigkeit auf. Eigentliche Ferienhauszonen gibt es nicht, um die Landwirtschaft nicht einzuengen. Alles ist auf den goldenen Boden des zentralen Baugebiets beschränkt, sofern es nicht gelingt, eine der begehrten Alphütten touristisch zu nutzen.
 
Das Saaner Holzhaus ist ein behäbiger Ständer- oder Blockbau, das bedeutet im Klartext, dass ein massiver Mauersockel die darüber liegende Holzkonstruktion trägt. In beiden Fällen sind in den Ecken überkreuzte, starke Schwellenhölzer wichtige Elemente, und in gleicher Weise wird jeder Wohnring mit Bundhölzern fest gefügt.
 
Der hölzerne Bereich, der meistens über 2 offene, an die Fassade anlehnende Holztreppen zugänglich ist, wird von einem weit auskragenden Satteldach geschützt, schützend überdeckt. Darunter befinden sich offene Lauben auf verschiedenen Hausseiten, und reiche Verzierungen und Inschriften zeugen vom Gestaltungswillen der hier lebenden Menschen, wobei sich aber manch eine baubiologische Massnahme aus den klimatischen Gegebenheiten und dem Angebot an Rohstoffen (vor allem Holz und Steine) zwingend ergab.
 
Bauliche Details sind in der Broschüre „Die Zimmermannsgotik im Saanenland“ von Christian Rubi, als Sonderdruck aus dem „Saaner Jahrbuch 1972“, beschrieben. Ich konnte diese Schrift beim „Anzeiger von Saanen“ an der Kirchgasse in Gstaad für 11 CHF kaufen. Der gemütvolle Prolog sei den Blog-Lesern nicht vorenthalten: „Altersbraune Häuser greifen oft einem denkenden Betrachter mehr ans Herz als irgendein pompöses Verwaltungsgebäude der Neuzeit. Es schlägt ihm ein Wesen entgegen, das geschwängert ist vom Geist, vom Wollen und Vollbringen, vom Lieben und Leiden der langen Generationenkette jener Menschen, die dort ein- und ausgegangen sind.“
 
Christian Rubi zeigt dann an der Einzelheit auf, wie die Zimmerleute im Laufe der Jahrhunderte ums Bessere, Schönere und Zweckmässigere gerungen haben, dabei aber das Herkömmliche, Bestehende nie abgelehnt, sondern als nachstrebenswertes Vorbild geehrt und erhalten haben. Gleichwohl zeigt sich überall der Wille, die Uniformierung zu überwinden, unter anderem auch im Schmuck der Fassaden mit farbkräftigen Blumen wie Geranien, der als horizontale, nach unten ausfransenden, vielfarbigen Bändern zu einer eigenen Kunstform geworden ist, ohne sich aber vom Bezug zu dem, was er schmückt, das Saanerhaus nämlich, zu verlieren.
 
Wer diese Dörfer erforscht, wird gezwungen, ganz genau zu beobachten, damit ihm keine kunsthandwerklichen Feinheiten entgehen. Oft sind es verschönerte konstruktive Details wie die Firstpfosten im Giebelfeld und Verstrebungen durch schlanke Längshölzer und kräftige Blockkonsolen, welche den Firsten und dem Dach die nötige Unterstützung geben; auf der Seite haben Dachbundkonsolen dieselbe Aufgabe. Diese Firstunterbauten sind eindrücklich und betonen das beruhigende Gefühl, dass das Dach gut gestützt und das Haus stabil ist, für Jahrhunderte gebaut. Manchmal helfen winklig eingezäpfte Hölzer beim Tragen der Last mit, wobei die Kanten der Wände und Pfosten oft gebrochen, das heisst mit einem Fas versehen sind. An den Längsbalken und auch im Inneren der Häuser kam und kommt oft der Rillenhobel zum Einsatz, oder aber aussen wurden vortretende und zurückfliessende Ornamentbänder und Schnittmusterfriese angebracht, gemütvolle Zierelemente. Das Kunstschaffen hat Tradition: Im Saanenland und in der Umgebung bis ins waadtländische Pays-d’Enhaut sind filigrane Scherenschnitte zur vollendeten Kunstform geworden.
 
Zu den Verzierungen an Bauten gehören auch Jahreszahlen in handschriftlicher Art und Inschriften, wobei der Flach- wie auch der Kerbschnitt angewandt wurden. Am Posthotel Rössli ist in verschnörkelter Schrift ein Werbespot aufgemalt: 
Posthotäll Rössli heisst diz Hus
Gseht sufer och inwändig us
Hät grächtn Wyn u gueti Choscht
Chum inha gschwind –
u bschtäll was d’woscht. 
(„Posthotel Rössli heisst dieses Haus/es sieht auch inwendig sauber aus/hat ehrlichen Wein und gute Kost/Komm geschwind herein/ und bestelle, was du willst.“)
 
Weniger stilrein sind viele Châlets im Inneren, wo die innenarchitektonische Freiheit grenzenlos ist, um beliebige Komfort- und Dekorationsansprüche zu befriedigen. Viele sind auch aus Isolationsgründen ganz aus Backsteinen gebaut. Doch ab der 1. Etage werden sie von Zimmerleuten in der herkömmlichen Weise aussen verkleidet.
 
In leicht erhöhter Hanglage im Dorfzentrum von Gstaad ist das Châlet Richard, das Ferienhaus des britischen Schauspielers Richard Burton (1925‒1984) und seiner zweimaligen Ehefrau, der Amerikanerin Elizabeth Taylor (*1932), ein Schauspielerpaar, das in den 1960er-Jahren Rekordeinkünfte verzeichnete (gemeinsame Filme: „Kleopatra“ und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“). „Liz“ ist wegen eines Hüftleidens seit Jahren an ihren Rollstuhl gebunden. Sie will demnächst das Grab ihres ehemaligen Mannes in Genf besuchen (die Ehe wurde 1976 endgültig geschieden). Viele weitere Reiche und mehr oder weniger Schöne entdeckten im Schlepptau dieser Aushängeschilder der High Society das aufstrebende Gstaad, weil man in einem dortigen Châlet fast anonym und unbelästigt sein Leben geniessen kann. Auch das gehört zu den bedeutenden Saaner Qualitäten.
 
Während unseres Gstaad-Besuchs vom 03.09.2008 zierten 2 lange, weisse Blumenbänder die Frontbalkone des „Châlets Richard“ unter dem wetterfesten Eternitdach, ebenso die seitlichen Anbauten. Die Fenster sind mit Sprossen unterteilt und von grünen, ihrerseits verzierten Läden begleitet. Es fällt durch nichts besonders auf, ist ein typisches Haus unter vielen, wie auch das mit einem Gedenkstein versehene Sagihus von 1615 im Oberbord, das zwischen Gebüsch und Laubbäumen mit roten Blumen grüsst, einige Treicheln zur Schau stellt und rot-schwarz eingefärbte Dachkonsolen über grün umrandeten Fenstern aufweist.
 
Hier leben gewöhnliche und auch berühmte Menschen problemlos nebeneinander – die einheitliche Architektur verwischt die sozialen Unterschiede und die Bekanntheitsgrade, wie im vorangegangenen Tagebuchblatt angetönt. Ihre weitere Gemeinsamkeit ist eine selbstbewusste Haltung, die Liebe zur Natur und zur überlieferten Kultur innerhalb eines Kranzes von Hochalpen und in einer Welt, welche die Berner Gemächlichkeit mit der Westschweizer Leichtigkeit verbindet.
 
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