Textatelier
BLOG vom: 17.09.2008

Im Rohrer Schachen AG: Die wiederbelebte „Fläche der Kraft“

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Das „aquatische Auenwetter“ war am 06.09.2009 ideal für die traditionelle Exkursion mit dem Aargauer Geografen Dr. Gerhard Ammann. Es regnete leicht. Und ohne solche einen Niederschlag würden die Auen zu Wüsten. Diesmal hatte der bekannte Naturfreund den Rohrer Schachen (Rohrerschachen) im Visier, das Aaretal zwischen Rupperswil und der Einmündung der Suhre in die Aare in der Nähe des Aarauer Telli-Quartiers, das Ammann als „meine Landschaft“ bezeichnet; sie ist für ihn Erholung und Medikament in einem.
 
Dieser Raum unterhalb der Niederterrasse, auf der sich Rohr (Bezirk Aarau) etabliert hat, ist auf den ersten Blick eher unspektakulär, abgesehen von der neuen Brücke der Staffeleggstrasse, die in kühnem Bogen neben dem Kirchberg und unterhalb der Zurlindeninsel den Jurasüdfuss näher mit Aarau zusammenführt. Viele eintönige Landwirtschaftsflächen, die Bio-Fischzucht August Nadler, die für Bachforellen-Nachschub sorgt und auch Regenbogenforellen erzeugt, und von Fichten befreite Wälder, die früher als Waldweide genutzt wurden und heute einen etwas struppigen Eindruck machen, bis sie sich von den forstwirtschaftlichen Verirrungen erholt haben werden, sowie neuerdings Kiesflächen und Dämme, die aus der Ebene eine strukturierte Landschaft gemacht haben, sind die zentralen Ereignisse.
 
Hier gab es einst, als die Aare je nach Lust, Laune und Gestaltungskraft noch ihren Weg selber suchen und immer wieder ändern durfte, regelrechte Auenwälder mit der Silberweide als Leitbaum; an Nadelbäumen kommen natürlicherweise in Auen nur Eiben und Föhren vor. Insbesondere in den Jahren des 2. Weltkriegs, als die SBB und die NOK das Aarekraftwerk Rupperswil‒Auenstein bauten, wurde die Landschaft trivialisiert. Der „Plan Wahlen“ (so benannt nach Bundesrat Traugott Wahlen) zur Sicherung der Eigenversorgung der Schweiz mit Nahrung führte zu einer zusätzlichen Planierung und Entwässerung (Drainagen) der offenen Landschaft. Eine Landschaft erlebt man nur tiefenscharf, wenn man ihre Geschichte kennt, nur dann kann man sie verstehen.
 
Der Aargau ist bemüht, im Rahmen des Auenschutzparks Aargau, den Gerhard Ammann mit seinem Freund Hans Rudolf Burger aus Suhr inspiriert hat, einen Teil der verunstalteten Schönheiten wiederherzustellen, wozu im Rohrer Schachen rund 30 Tümpel, mit gestampftem Kalkpulver und Sand (etwa 50 cm dick) abgedichtet, gehören; warum die meistens eintönig rund sein müssen, habe ich bisher noch nicht herausgefunden. In einem von ihnen entdeckte der Naturfotograf Peter Stöckli einen Gelbrandkäfer (Dytiscus marginalis) und damit den Beweis, dass Leben in die Weiher kommt – schliesslich muss der Schwimmkäfer seinen Hunger (z. B. mit Insektenlarven) stillen können. Im Allgemeinen wird bei der Auenneuanlage recht einfühlsam vorgegangen, wobei sich das grösste Teilgebiet zwischen Aarau und Wildegg befindet; doch das erfreuliche Resultat wird noch lange nicht dem ehemaligen Zustand entsprechen.
 
Der alte Damm wurde abhumusiert und bleibt stehen. Ein neuer, landeinwärts versetzter Damm ermöglicht neue Auenansätze am Aarerand. Damit wird die Landschaftsgeschichte fortgeschrieben, wenigstens mit der gestaltenden Kraft des Menschen und seiner Maschinen, wenn schon die Überschwemmungen zurückgebunden sind. Und hoffentlich wird dieser Schwung nicht beeinträchtigt, wenn Rohr ab dem 1. Januar 2010 in der Nachbargemeinde Aarau aufgehen wird (Fusion). Aarau wird dann unverhofft und wohl auch ungewollt ein wertvolles Naturgebiet erhalten – diese Stadt tat sich immer etwas schwer mit der wassernahen Natur; aber das kann sich ja schliesslich ändern, vielleicht gerade wegen der sich abzeichnenden Territorialeinheit …
 
Zum Glück sind noch 9 Giessen (Grundwasserbäche) erhalten geblieben, die glasklares Wasser führen. Einer heisst Neunäuglerbach, weil in seinem Sand das im Aussterben begriffene Bachneunauge (Lampetra planeri) wohnte und es hoffentlich noch immer tut. Bei Überschwemmungen wurde früher das Giessensystem immer wieder umgestaltet. Und es gibt noch einige wenige Grundwasseraufstösse, die feinen Sand in Bewegung versetzten, als ob es unter Wasser köcheln würde. Wir erlebten solch eine Giessenpfanne am Morchelnbach, der in den Neunäuglerbach fliesst.
 
Bei genauerem Beobachten – und darin ist Gerhard Ammann ein Meister – erkennt man viele Spuren von erhaltenem oder zurückkehrendem Leben in diesem Gebiet, wozu auch ein risseiszeitlicher Findling aus dem heutigen Wallis gehört. „Gletscher sind Schutthaufen“, sagte der Exkursionsleiter. Augenfällig sind die gefällten oder angefressenen Bäume, die auf die Aktivitäten des Bibers hinweisen. Im Raume Biberstein gibt es inzwischen so viele Biber, dass das gemeindeeigene Forstamt geschlossen werden konnte und das Baumfällen von den Wappen- und Nagetieren erledigt wird … Und sonst springt das Forstamt Aarau ein.
 
Viele Amphibien, Vogelarten und Pflanzen fanden und finden hier ihren Lebensraum, doch die Menschen haben dieses Gebiet auch während der Berner Zeit und später als „trennender Raum, als Grenzraum“ (Ammann) empfunden. Es gab keine Brücken, und Fähren existierten nur in Biberstein, im Fahr bei Auenstein/Wildegg und in Birrelauf, wie Schinznach-Bad früher hiess. Wegen der Mäandrierung der Aare mussten sich die Fährschiffe immer wieder den neuen Gegebenheiten anpassen.
 
Deshalb existierten denn auch kaum Beziehungen zwischen Ortschaften, die durch die Aare von einander getrennt waren, wie etwa Rohr und Biberstein. Das dürfte der Grund dafür sein, dass sich bisher niemand mit wissenschaftlicher Akribie der Frage angenommen hat, wo und wann zwischen Biberstein und Rohr eine Gemeindegrenze gezogen worden ist. Laut Ammann ist nur dreierlei klar: „Auf der heutigen Rohrer Seite hatten die Bibersteiner Land und die Ortsbürgergemeinde (Biberstein) Wald. Auf der ersten Siegfriedkarte von 1880 heisst dieses Gebiet Bibersteiner Schachen, obwohl sich die Gemeindegrenze damals schon in der Flussmitte befand. Und einer der grossen Giessen im Rohrer Schachen trägt den Namen Bibersteiner Giessen. Das lässt den Schluss zu, dass ein Hauptarm der Aare dort geflossen ist, wo sich heute der Bibersteiner Giessen befindet, und dass sich dort vorübergehend und vereinbarungsgemäss (?) die Gemeindegrenze befunden hatte. Noch auf der Michaeliskarte von 1834/49 ist die Grenzziehung unklar.“
 
Den Gerhard Ammann habe ich immer als scharfsinnigen Denker und nie als einen Esoteriker empfunden, doch ist er offensichtlich sensibel genug, um seinen Rohrer Schachen als „Fläche der Kraft“ mit „höchster Erholungsqualität“ zu empfinden: „Auch eine grosse ebene Fläche kann ein flächiger ‚Ort der Kraft’ sein. Sie übt auf uns ebenso positive Wirkungen aus wie ein Ort. Selbstverständlich hat Bewegung im Freien auf uns, auf Körper, Geist und Seele, allein schon stimulierende und reinigend, entspannende Wirkungen. Erst recht noch, wenn dabei das Beobachten und Erleben der herrlichen und vielfältigen Natur möglich ist. So viel Schönes, so viele Wunder begegnen uns.“ Das schreibt Ammann in einem noch unveröffentlichten „Brief“, welcher wohl der erste umfassende Bericht über den Rohrer Schachen ist; nur Einzelaspekte sind in verschiedenen Publikationen wie in den Faltprospekten im Zusammenhang mit dem Auenschutzpark zu finden, und dazu gehören auch einige Textatelier.com-Blogs.
 
Den Abschluss des von rund 40 Personen besuchten Privatanlasses bildete ein Biobuffet im Innenhof des Landwirtschaftsbetriebs Galegge unter dem Suhrer Kirchhügel. Annelies Keller hatte erdig duftende Holzofenbrote gebacken, allerhand Gemüse, Käse, Würste bereitgestellt, und dazu trank man Süssmost oder einen Federweissen von Hartmann in Schinznach-Dorf. Wurde dem reinen Giessenwasser doch nicht ganz getraut? Ein Pfau begutachtete die Gesellschaft, die gleich neben dem Geissenstall Sitzbänke unter dem Dach gefunden hatte. Er verzichtete auf sein Schreien, denn das hätte nach überlieferten Regeln ein Unwetter bedeutet, wie es vor allem die Auen lieben.
 
Wir aber gaben uns mit dem leichten Regen sowie den geistigen und körperlichen Stärkungen zufrieden. Und hatten allen Grund dazu.
 
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