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BLOG vom 24.09.2008


Unterwegs in Tschechien (VIII): „Wasserdoktor“ V. Priessnitz
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Ich brauche die Menschen nicht zu heilen. Die hiesige Gegend und deren Elemente enthalten so viele Naturkräfte, dass es genügt nur hier zu sein, zu arbeiten, reines Wasser auszunutzen und frische Luft zu atmen. Der Mensch braucht nicht die Sprache der Vögel zu kennen, die Geheimnisse des Wassers zu verstehen, er muss nicht sogar Arzt sein, um zu sehen, wie diese Landschaft aussergewöhnlich ist.“
Vincenz Priessnitz ( 1799‒1851)
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„Seine Sendung bezog sich offenbar auf die Wiedergeburt des körperlich herabgekommenen Menschen. Ausserdem lag im Charakter dieses Mannes so viel Edles und schön Menschliches, dass man bei näherer Bekanntschaft sich liebevoll zu ihm hingezogen fühlte.“
(Dr. J. E. M. Selinger, Freund und Autor seiner Biografie von 1852)
*
Als wir in Jeseník (Freiwaldau, Tschechien) unterwegs waren, entdeckte ich im Infozentrum eine Karte, auf der das wunderschöne, alte Kurhaus Priessnitz abgebildet war. Da dachte ich mir, diese Kuranlage müsse ich unbedingt sehen, zumal ich schon vorher über den „Wasserdoktor“ einige Episoden gelesen hatte.
 
An einem schönen Nachmittag war es so weit. Jürgen, Toni, Walter und ich fuhren über Jeseník nach Bad Gräfenberg, wie der Kurort früher hiess. Heute hat es den schlichten Namen „Bad Jeseník“. Das Kurgebiet liegt an einem Abhang des Studnièni-Bergs auf einer durchschnittlichen Meereshöhe von 620 m. Kaum waren wir oben, sahen wir uns zunächst die Umgebung näher an. Vom Haupthaus, das 1910 unter Leitung des Wiener Architekten Bauer errichtet wurde, aber auch vom „Neuen Gebäude“, das 1922 angebaut wurde, hatten wir einen wunderschönen Blick auf Jesenik und den Hauptgebirgskamm des Hrubý Jeseník.
 
Gräfenberg hat ein einzigartiges Mikroklima, das wesentlich zum Heileffekt beiträgt. Die Luft ist arm an Allergenen und weist einige Spurenelemente auf. Bezüglich der vorzüglichen Klimabedingungen nimmt Gräfenberg unter den Kurortgiganten den 3. Platz weltweit ein.
 
In der Nähe des Kurorts gibt es 80 Quellen. Einige sollen genannt werden: Priessnitz-Quelle, Morgenquelle, Abendquelle, Maria-Quelle, Polnische Quelle, Böhmische Quelle und Slawische Quelle. Eine solche Konzentrierung von Quellen dürfte einmalig auf der Welt sein.
 
Neider aus der Ärzteschaft
Bevor wir den Rundgang durch das Kurgebiet machen, möchte ich den Mann vorstellen, der Initiator des Kurortes und Badewesens war. Den Namen kennen wir wohl alle: Es war der 1799 in Gräfenberg geborene Vincenz Priessnitz (gelegentlich auch Vincenz Prisnitz oder Vincenz Prissnitz genannt). Er gilt nach den Schweidnitzer Stadträten Siegmund Hahn und Johann Siegmund Hahn (Vater und Sohn) als Erneuerer der Kaltwasserkur. Er war Landwirt und Naturheiler.
 
Schier unglaublich war sein Lebensweg. Er wurde als das jüngste von 6 Kindern des Landwirts Franz Priessnitz und dessen Ehefrau Theresia Kappel geboren. Nach einem kurzen Schulbesuch musste er im elterlichen Betrieb mitarbeiten, da sein Vater erblindete und sein ältester Bruder starb früh. Er war jedoch kein Analphabet, wie in Biografien im Internet nachzulesen ist, sondern erwarb sich Fertigkeiten im Lesen und Rechnen, nur mit dem Schreiben hatte er Probleme. Das Schreiben bedeutete für ihn Anstrengung und Überwindung, wie sein Freund und Biograf Dr. J. E. M. Selinger 1852 festhielt.
 
Laut Biografien im Internet hatte er mit 17 Jahren einen Unfall. Er fiel jedoch nicht vom Pferd, sondern das Pferd, das einen Wagen zog, erschreckte sich und schlug mit den hinteren Beinen rückwärts aus und traf den jungen Wagenlenker. Der Jüngling fiel herunter und wurde teilweise vom Wagen überrollt. Dabei verlor er etliche Zähne und zudem zog er sich Rippenbrüche zu. Der herbeigerufene Wundarzt versorgte ihn notdürftig, und er meinte, er würde wohl ein Krüppel werden. Diese Aussage erschreckte Priessnitz sehr. Zunächst machte er auf Anraten des Arzts Umschläge mit einem Heilpflanzenextrakt. Die Schmerzen wurden jedoch immer unerträglicher. Er riss sich den Verband vom Leibe und machte nach einigen Einrenkversuchen (!) Umschläge mit kaltem Wasser. Die Schmerzen verschwanden, und er konnte bald darauf ruhig schlafen. Den kalten Umschlag fixierte er mit mehreren Tüchern und erneuerte diesen immer wieder. Nach einem Jahr war er vollständig geheilt.
 
Bald darauf war der Priessnitz-Umschlag in aller Munde, und es suchten immer mehr Kranke den „Wasserdoktor“ auf. Sein Geburtshaus wandelte er 1822 in ein „Kurhaus“ um; 4 Jahre später errichtete er wegen der steigenden Nachfrage nach unorthodoxen, aber erfolgreichen Heilbehandlungen das erste Badehaus. Bald darauf bekam er die Wucht der Ärzte- und Priesterschaft zu spüren. Die Priester wetterten gegen den neuen Aberglauben des Volks zu einem „Medizin-Propheten“, und die Ärzte klagten ihn 1829 als Kurpfuscher an.
 
Aber die Ärzte hatten keinen Erfolg. Priessnitz wurde freigesprochen, da er nicht mit Medikamenten, sondern nur mit Wasser heilte. Ein Jahr später erhielt er die Genehmigung der österreichischen Regierung zur Errichtung einer Kaltwasser-Heilanstalt. Das Badehaus wurde mit einer riesigen Wanne von 10 m Durchmesser ausgestattet. Hier konnten die Kurenden schwimmen. Bald darauf wurde die Heilanstalt erweitert, so dass etwa 100 Kranke behandelt werden konnten. Als Priessnitz mit 52 Jahren an „Leberschrumpfung und Wassersucht“ starb, hatte er 36 000 Patienten behandelt (Quelle: Wikipedia). Seine prominentesten Gäste waren der König von Sachsen und der Erzherzog Franz Karl.
 
Zu Beginn des Kurbetriebs waren auch Einheimische misstrauisch. Wenn sich Gäste bei den Bewohnern erkundigten, wo der Wasserdoktor sei, antwortete ein Gegner: „Zum Wasserdoktor wollen Sie? Ach, gehen Sie doch nicht zu dem Menschen. Der ist ein Narr.“
 
Der Naturheiler hinterliess keine Publikationen. Er diktierte jedoch 1847 seiner Tochter Hedwig das „Vinzenz Priessnitz´sche Familien-Wasserbuch“. Dieses Werk wird im Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien aufbewahrt.
 
Priessnitz erhielt übrigens 1846 die grosse Verdienstmedaille für seine Leistungen im Namen des österreichischen Kaisers. Die Deutsche Heilpraktikerschaft verleiht seit 1960 eine Priessnitz-Medaille. Alfred Vogel (1902‒1996), einer der bekanntesten Verfechter der Natur- und Pflanzenheilkunde in der Schweiz, erhielt 1982 diese Medaille. Es ist die höchste Anerkennung auf dem Gebiet der Naturheilkunde.
 
Drastische Kaltwasseranwendungen
Priessnitz behandelte seine Patienten mit Wasserkuren, kalten Kompressen, Luftbädern, Trinkkuren, Klistieren, Schwitzkuren, Bewegung und Diät. Das Morgen- und Abendbrot bestand aus Wasser, Milch, Butter und einer Art Vollkornbrot. Zu Mittag wurden eine Fleischspeise, Gemüse und eine Mehlspeise gereicht. An Freitagen gab es Forellen.
 
Zudem legte Priessnitz Wert auf Abhärtung. So mussten die oft verweichlichten Patienten eiskalte Duschen über sich ergehen lassen. Das Wasser strömte dabei aus mehreren Meter Höhe auf die zarte Haut der Kranken. Die Bewegung sah so aus: Der gestrenge Naturheiler verordnete unter anderem Holzspalten und Holzsägen. Priessnitz ermunterte auch die Kurgäste zu morgendlichen tüchtigen Märschen. „Diese Heilprozeduren wurden auch von Patienten aus höheren Gesellschaftskreisen gesucht“, wie in einer Schrift über Jeseník nachzulesen ist.
 
Heute sind die Heilbehandlungen nicht mehr so drastisch. Die moderne Kur verbindet die Wassertherapiemethoden nach Priessnitz mit den aktuellen Erkenntnissen der modernen Physiotherapie. Die Heilanzeigen sind vielseitig. In Bad Jeseník werden folgende Erkrankungen behandelt: Erkrankungen der Atemwege, chronische Entzündungen und allergische Erkrankungen der oberen Atemwege, Bluthochdruck, Neurosen, psychosomatische Erkrankungen, allgemeine Erschöpfungszustände, Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Arthrosen und Spondylosen, Wechseljahrbeschwerden und Migräne.
 
Hier wird also allerhand geboten. Man braucht auch keine Angst zu haben, dass die Kurenden mit drastischen Methoden konfrontiert werden. Dazu ein Beispiel: Ein Patient mit Kopfschmerzen und Migräne bekommt diese Behandlungen: Energetische Kopfmassage, Indische Kopfmassage, Lymphatische Gesichtsmassage, Kristallmassage, Thailand-Fussmassage und eine Reflexfusssohlenmassage.
 
Wie sieht die traditionelle Behandlung zur Anregung und Kräftigung des Organismus aus? Die Anregung erfolgt durch ein einphasiges Halbbad, ein zweiphasiges Priessnitz-Halbbad, eine Priessnitz-Bewegungstherapie, schottische Hydrotherapie und dann geht es in die Infrakabine. Fragen Sie mich nicht, wie diese Methoden funktionieren. Jürgen und Walter haben schon mit einer Kur im nächsten Jahr geliebäugelt. Toni und ich werden die beiden begleiten und vielleicht die eine oder andere Anwendung durchführen.
 
Wer unter Cellulite (Zellulitis) leidet, der kann sich hier behandeln lassen. Es gibt aber auch zahnärztliche Dienste und kosmetische „Verschönerungen“ (auch Pediküre und Maniküre).
 
Die Unterkunft, Verpflegung und Kuranwendungen sind sehr günstig. Für eine komplexe 1-wöchige Heilkur mit Halbpension in der Zeit vom 04.05. bis 28.09. müssen zwischen 400 und 450 Euro entrichtet werden. Der Vollpensions-Zuschlag beträgt nur 35 Euro pro Woche!
 
Nun zurück zu unserem Rundgang. Auf dem Kurareal befinden sich das Kurhaus Bezruc mit 55 Zimmern, das Kurhaus Jan Ripper (nicht Jack, the Ripper …) mit 50 Zimmern und das Kurhaus Priessnitz mit 100 Zimmern.
 
Jedes Jahr kommen etwa 15 000 Gäste in diese Kuranstalt. Das Personal spricht übrigens Englisch, Deutsch, Polnisch, Tschechisch und Slowakisch.
 
Wir lustwandelten auf dem Vincenz-Priessnitz-Pfad entlang, bestaunten einige Denkmäler, Quellen und altertümliche, aber sehr schöne und filigrane Gartenlauben. Es war ein Ort der Ruhe. Aus Zeitgründen konnten wir den 7 km langen Weg, der an 7 Quellen vorbeiführt, nur teilweise begehen. Der Höhepunkt des Rundgangs war die Besichtigung des imposanten Haupthauses. Wir stiegen über 2 Freitreppen hinauf und schritten durch den Haupteingang ins Foyer. In der Eingangshalle sind alte Bilder an den Wänden, eine geschwungene mit schönen Ornamenten versehene Treppe, die in das obere Stockwerk führt, und eine Büste von Priessnitz zu bewundern. In einem kleinen Nebenraum stärkten wir uns mit einem Kaffee.
 
Dann ging es wieder ins Freie. Etwas abseits vom Haupteingang waren drehbare weisse Sitzbänke aufgestellt. Wir probierten diese Bänke mit Vergnügen aus, liessen uns gemächlich um 360 Grad herumdrehen und genossen die wunderschöne Aussicht.
 
Es war ein Nachmittag mit interessanten und schönen Eindrücken. Hier könnte ich mit einer Kur liebäugeln.
 
Internet
http://ftp.czechtourism.com/133premier/de/cd/de/news/news122.htm (mit schönen Aufnahmen der Kurhäuser und Infos über Neuheiten der Saison 2006)
http://books.google.de (Unter dem Titel „Vincenz Prießnitz Eine Lebensbeschreibung“ ist das Buch von Dr. J. E. M. Selinger, Wien 1852, vollständig einzusehen. Es wurde von Google digitalisiert)
 
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