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BLOG vom 26.09.2008


Elsass-Reise (1): Obernai, noch bunter als der Buntsandstein
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Riesige Maisfelder und andere Landwirtschaftskulturen, vor allem Getreide, beherrschen die elsässische Ebene (Plaine d’Alsace). Sie wird im Osten durch den Rhein und im Westen hauptsächlich durch die Vogesen begrenzt, an deren Fuss die Rebberge emporklettern. Das ist nicht mehr der üppige Garten von einst. Die Landschaft ist ausgeräumt, teilweise industrialisiert (Autos, Chemie, Biotechnologie, Bierbrauerei usw.). Die Industrie steuert rund 1/3 zum elsässischen Bruttoinlandprodukt bei. Im Norden und Süden sind noch grössere Wälder erhalten geblieben: der Harthwald und der Hagenauer Forst. Es hat mich unter solchen Vorzeichen gerade erstaunt, auf der Fahrt vom 21.09.2008 durch einen Teil dieser 190 km langen und bis 50 km breiten Landschaft mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern auf der A 35, einer der wichtigen transeuropäischen Süd-Nord-Achsen, auf dem Asphalt einen toten Fuchs zu sehen, ein Verkehrsopfer. Diese manchmal frisch asphaltierte, auf einer kurzen Strecke mit hartem Beton belegte vierspurige Strasse umkreist all die Orte, die im Geiste farbige Bilderbuchbilder erwecken, in respektvoller Distanz, abgesehen von Strassburg: Colmar, Riquewihr, Ribeauvillé, Sélestat, von denen man nur auf Wegweisern liest, und von den Vogesen grüsst die Haut-Kœnigsbourg (Stauffenberg), die grösste Burg der Vogesen, eine verspielte postromantische Anlage.
 
Bei Obernai (Oberehnheim, von den Eingeborenen Ewer’nahn genannt, Département Bas-Rhin), etwa 25 km südwestlich von Strassburg, verliessen wir diese Autobahn, weil ich gelesen hatte, dass dies eines der malerischsten Städtchen sein soll, das elsässischste überhaupt. Wir fuhren, unter den rötlichen Rebbergmauern aus dem eher weichen Buntsandstein der Nordvogesen („Vogesengold“), ein etwa 230 Millionen Jahre altes Silizium-Ablagerungsgestein, und den Reben des Odilienbergs (Mont Sainte-Odile) vorbei. Die in Obernai geborene und heilig gesprochene Odilia, eine Klostergründerin, wirkt hauptamtlich als Schutzpatronin des Elsass.
 
Im Wald ist dort die 10 km lange und 2 bis 3 m hohe Heidenmauer, vielleicht von den Kelten, nach anderen Angaben zwischen 685 und 750 im Auftrag der ersten Herzöge zur Betonung ihrer Macht erstellt; man weiss es nicht genau. Auch sie besteht aus Buntsandstein, diesem so genannten Poudinge, der mit Kieselsteinen durchsetzt ist. Der Stein erinnert tatsächlich an einen englischen Rosinenpudding. Die Steinblöcke werden von Eichenholzklammern zusammengehalten.
 
Wir fanden in Obernai auf der Place Notre Dame, womit die Jungfrau Maria und nicht etwa Odilie gemeint ist, sofort einen Parkplatz und waren mitten in der reich belebten Altstadt. Die beiden Damen meinten es gut mit uns, war doch der Touristenverkehr an diesem Sonntag um 11 Uhr gewaltig.
 
Überwältigend! Jedes Haus, jedes verwinkelte Gässchen hat sein mittelalterliches Flair, bis tief in jedes Seitengässchen hinein, und auch die Gotik und die Renaissance haben ihre Spuren hinterlassen, wie fast überall. Doch das dominante Ereignis sind die wunderschönen Fachwerkhäuser mit den zierlichen Zunftschildern (wie vor allem dem Winzermesser mit Weintrauben) über den Eingängen und den oft mit knalligen Blumen geschmückten Sprossenfenstern, den Fensterläden an den manchmal skulptierten (bildhauerisch gestalteten) Fenstern und Erkern, also äusserst lebhaft strukturierten Fassaden, die manchmal zu all dem Überfluss auch noch durch zierliche Balkongitter angereichert sind. Die senkrecht, waagrecht und schrägen Holzbalken sind von Hand behauen, und die bemalten Füllungen quellen aus den Holzumrahmungen hervor; im Umgang mit Farben kennt man hier offensichtlich keinerlei Hemmungen. Viele Bauten sind etwas windschief, hängen nach vorne, nach unten, zur Seite, was den Bautenreihen einen unwahrscheinlichen Charme verleiht. Sie scheinen Produkte der Natur zu sein. Auf den steilen, nach allen Seiten geneigten Ziegeldächern haben sich viele Lukarnen festgekrallt. Jedes Haus ist eine eigenständige Persönlichkeit, erheischt und verdient Aufmerksamkeit, und nichts stört das von einer Stadtmauer umfasste Gesamtbild.
 
Wo immer man hinschauen mag, findet ein Fest fürs Auge statt. Vor dem Hôtel de la Cloche steht der Sechseimerbrunnen von 1579 im Renaissancestil ohne formalen Bezug zur Umgebung, der mit seinen 3 Rädern und 6 Eimern als schönster Brunnen des Elsass gilt. Die Wände unter der Brunnenbrüstung bestehen aus Platten mit 4 Kassetten aus gehauenem Stein mit Blumenverzierungen.
 
Man kann es nicht übersehen: das Rathaus. Die Bauarbeiten an diesem zentralen Gebäude setzten 1370 ein; es wurde später vergrössert und immer wieder umgebaut. Im 1. Stock erhielt der frühere Gerichtssaal Holzverkleidungen und Wandmalereien (1609–1610), welche die 10 Gebote illustrieren und erzieherisch wirken; die Pracht setzt sich also im Hausinneren fort. Und wuchtig sind die alten Gerberhäuser an der Rue du Marché.
 
Erstaunlich, dass die kriegerische Geschichte so viel an Ursprünglichem zurückgelassen hat. Obernai, das heute etwa 9000 Einwohner zählt, wurde 4 Mal besetzt: 1621 durch den Grafen Mansfeld, einem Söldnerführer im Dienst der protestantischen Fürsten, nach dem es nicht richtig gelungen war, die Reformation in Obernai durchzusetzen, sodann 1632 durch die Schweden, 1636 die Truppen des französischen Königs Ludwig XXIII., und dann, 1672 durch Ludwig XIV., der zwar Mauern, glücklicherweise aber nicht das Städtchen niederreissen liess.
 
Die wunderschöne, befestigte Stadt war als gallo-römisches Lehen entstanden und wurde später in ein königliches Anwesen der Franken umgewandelt. Die Errichtung der Stadt wird auf den 3. elsässischen Herzog Adalrich (Attich, Eticho, 673‒700) zurückgeführt, der über seine Gattin Bersavinde (Berswinda) mit dem Hause Lothringen verbandelt war und seinen Machtbereich bis zum Berner Jura ausdehnen konnte – schade nur, dass das Elsass im Verlaufe seiner bewegten Geschichte nicht zu einem Bestandteil der Eidgenossenschaft geworden ist. Adalrich war einer der ausserordentlich fruchtbaren Stammväter der ostfranzösischen und südwestdeutschen Geschlechter, die sich ja nicht immer freundlich gegenübergestanden haben.
 
Aber die Distanzen von der Schweiz ins Herz des Elsass sind die gleichen geblieben. Das Elsass hat den Ruf, ein unübertroffener Hort kulinarischer Höhenflüge zu sein, ein Märchenland für anspruchsvolle Geniesser – und ich habe schon mehrmals erfahren, dass dem so ist, etwa bei einem Besuch der Moulin du Kaegy in Steinbrunn-le-Bas bei Mulhouse zusammen mit meinem Bruder (1987), ein Feinschmecker-Restaurant in einer um 1640 entstandenen, originell umgebauten Mühle, die bis zum 1. Weltkrieg in Betrieb war, oder bei önologischen Exkursionen mit der Weinbruderschaft Aarau; nicht einmal die industriell produzierende Weinbaugenossenschaft von Beblenheim liessen wir damals (1981) aus.
 
In der französischen Region Elsass gibt es Hunderte von exzellenten gastlichen Häusern, einige davon auch in Obernai. Vor den vielen Gaststätten und Weinstuben (Winstub) erzählen die meist handschriftlichen Speisekarten ganze Romane. Ich hatte in „Le Parc“ 2 Plätze reserviert. Und in einem weiteren Blog soll erzählt werden, wie es dort an Sonntagen um die Mittagszeit zu und her geht. Nur dies vorweg: Ähnlich wie die Fülle an baulichen Delikatessen, die man in elsässischen Dörfern findet, ist man dort auf ausgedehnte Vorspeisen- und Dessertbuffets konzentriert. Man findet kaum aus dem Staunen heraus.
 
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