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BLOG vom 12.10.2008


Forscher-Anekdoten: Verbrannte Gans, vertauschter Mann
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Sehen was alle sehen, und denken woran noch niemand gedacht hat.“
(Nobelpreisträger Albert Szent-Györgyi)
*
Mit grösstem Interesse las ich in meiner Schulzeit Berichte über Forscher und Entdecker. Auch heute noch ist mein Interesses an diesen Geschichten ungetrübt. Besondere Freude bereitet mir, allerlei Anekdoten zu lesen und zu sammeln. In diesem Blog erfahren Sie ungewöhnliche und amüsante Episoden aus dem Leben dieser Forscher. So wird erzählt, warum kein Nobelpreis für Mathematik vergeben wird, mit welcher Bemerkung ein reicher Forscher sein Leben aushauchte, warum ein Forscher fast 3 Nobelpreise bekommen hätte und warum ein Nobelpreisträger seine goldene Medaille verschenkte.
 
Manfred von Ardenne
Manfred von Ardenne (1907–1997), Physiker und Erfinder in der Funk- und Fernsehtechnik und Elektronenoptik, leitete zeitweise das Institut für industrielle Isotopentrennung in der UdSSR und war bis 1990 Direktor des Forschungsinstituts „Manfred von Ardenne“ in Dresden. Er befasste sich dort mit Forschungen zur Krebsbehandlung und Zellregeneration (Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie). In seinem Buch „Ein glückliches Leben für Technik und Forschung“ sind einige interessante Anekdoten aus seinem ereignisreichen Leben aufgeführt.
 
Hitler und die implodierende Röhre
Anlässlich der Berliner Funkausstellung im Jahre 1933 stellte der damalige Postminister Ohnesorge einige Erfindungen von Manfred von Ardenne Adolf Hitler vor. „Bei dieser Gelegenheit erhielt ich einen unmittelbaren Eindruck von diesem Menschen, der in solchen Fällen auf hypnotisierende Wirkung bedacht war. Er erinnert mich darin an General von Ludendorff, den ich 1919 als zwölfjähriger Junge kennengelernt hatte“, so Manfred von Ardenne.
 
Kaum hatte Hitler die Fernsehhalle verlassen, implodierte an einem Ausstellungsstand, an der kurz vorher Hitler zugegen war, eine grosse Kolben-Fernsehröhre. Etliche Splitter schlugen in die nahegelegen Wände ein. Anschliessend sollen Fachkollegen eine Art Dankgottesdienst abgehalten haben(1).
 
Marconi und die tanzenden Gänse
Graf Arco, technischer Leiter, war massgeblich an der Entwicklung von Telefunken zu einer Weltfirma beteiligt. Anlässlich eines Erholungsurlaubs an der italienischen Riviera kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lernte Manfred von Ardenne diesen Grafen kennen. Er wusste viele amüsante Anekdoten zu erzählen. Auch eine Anekdote über den Pionier der drahtlosen Nachrichtenübermittlung mit elektromagnetischen Wellen, Guglielmo Marchese Marconi (1874–1937), gab er zum Besten. Beim Bau der englischen Großfunkstation Carnavon vertrieb sich das Ehepaar die Zeit damit, dass sie den Gänsen das Seiltanzen auf ausgespannten Drähten beibrachten. Marconi war felsenfest überzeugt, dass demnächst ein großer Krieg ausbrechen und Deutschland zerstört werden würde(1).
 
Nobelpreisträger kam mit dem Fahrrad
1939 wurde Ardennes Universal-Elektronenmikroskop in Betrieb genommen. Als erster Besucher kündigte sich der Physik-Nobelpreisträger Max von Laue (1879–1960) an. Manfred von Ardenne und seine Mitarbeiter warteten am Haupteingang des Instituts. Alle meinten, der berühmte Gast werde mit einem Auto vorfahren. Sie waren jedoch sehr überrascht, als von Laue im sportlichen Dress mit einem Rucksack auf dem Rücken über die Hintertreppe heransauste. Von allen unbemerkt hatte der sportliche Wissenschaftler sein Fahrrad an der Rückseite des Gebäudes abgestellt(1).
 
Der vertauschte Ehemann
Während seiner Tätigkeit im sowjetischen Forschungsinstitut bei Suchumi (1945–1955) wurde die Freizeit mit grusinischen Festen, Schallplattenabenden im Botanischen Park und Kostümfesten verbracht. Während eines solchen Kostümfestes platzierte sich die Ehefrau eines Institutsmitarbeiters in einem hergerichteten türkischen Zimmer auf einem Sofa. Sie erinnerte an eine Stellung à la Madame Récamier. Ihr Ehemann streichelte ihre Beine, was ihr höchstes Vergnügen bereitete. Neidvoll betrachtete ein Freund die Streicheleien in dem abgedunkelten Raum. Plötzlich wurden beide von einem Gedankenblitz übermannt. Die beiden Männer tauschten die Rolle. Nun bearbeitete der andere die Dame mit zarten Streicheleien. Erst nach 10 Minuten bemerkte die erregte Dame den Irrtum. Mit einem spitzen Schrei beendete sie das falsche Spiel(1).
 
Die verbrannte Sonntagsgans
Im Institut gab es einen Physiker, der ein Freund der Automation war. Er tüftelte herum, was das Zeug hielt. Er wollte nämlich auch die Küche seiner Frau automatisieren. Als erster Versuch galt das Braten einer Sonntagsgans in einem elektrischen Ofen. Er schob die Gans am Samstagabend in den Ofen; dann fabrizierte er nach Ablauf der Garzeit in seinem Bett einen Kurzschluss. Daraufhin sprang die Hauptsicherung im Flur heraus. Der Strom war unterbrochen und somit die Heizung im Ofen ausgeschaltet. Alles schien zu funktionieren. Als jedoch die Hausfrau den Braten am Sonntagmorgen unter die Lupe nahm, war dieser total verkohlt. Warum ging das „automatisierte“ Braten schief? Die Erklärung folgte auf dem Fuss. Ein anderer Hausbewohner sah die herausgesprungene Sicherung im Flur, drückte diese wieder hinein und somit war wieder der Ofen „Feuer und Flamme“.
 
Kein Nobelpreis für Mathematik
So mancher hat sich schon gewundert, warum es keinen Nobelpreis für Mathematik gibt. Prof. Dr. Debiesse, ehemaliger Chef des französischen Atomzentrums, lieferte eine mögliche Erklärung anlässlich einer Tagung in Stuttgart im Jahre 1965. Alfred Nobel (1833–1896) hatte eine um 30 Jahre jüngere Ehefrau. Eines Tages erwischte er sie bei einem Tete-à-tete mit einem Mathematiker. Der Erfinder des Dynamits rächte sich auf seine Weise. Er bewirkte bei der Nobelstiftung, dass zukünftig kein Nobelpreis für Mathematik vergeben werden soll(1).
 
Anwärter auf 3 Nobelpreise
Otto Heinrich Warburg (1883–1970), Begründer der modernen Biologie, war Anwärter auf 3 Nobelpreise. 1931 wurde ihm der Nobelpreis für die Entdeckung des Sauerstoff übertragenden Atmungsferments zuerkannt. 4 Jahre zuvor hätte er ihn aufgrund seiner bahnbrechenden Entdeckung des Gärungsstoffwechsels von Krebszellen bekommen sollen . Die Verleihung scheiterte an einer Stimme. Verantwortlich für diese letzte Stimme war die Medizinische Fakultät der Universität Stockholm. Den 3. Nobelpreis für die Entdeckung des Wasserstoffs übertragenen Ferments durfte er wegen des ausgesprochenen Verbots durch Adolf Hitler nicht annehmen.
 
Als der berühmte Physiker und Physikochemiker Walther Hermann Nernst (1864–1941) Otto Warburg fragte, womit er sich zurzeit beschäftige, antwortete er: „Mit Krebsforschung und Photosynthese der Pflanzen.“ Er gab jedoch zu bedenken, dass 2 gleichzeitig zu bearbeitende Themen über seine Kräfte gehen würden. Darauf antwortete Nernst: „Ich würde mich mit der Krebsforschung beschäftigen, die Photosynthese funktioniert ja“(1).
 
Heinrich Harrer
Der legendäre Bergsteiger und Entdeckungsreisende Heinrich Harrer (geb.1912 in Hüttenberg/Kärnten, gest. 2006 in Friesach) wurde von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ als „der letzte Abenteurer von wissenschaftlichem Rang“ bezeichnet. Harrer durchstieg als Erster die Eiger Nordwand, nahm an der deutsch-österreichischen Nanga-Parbat-Expedition teil. Zahlreiche Entdeckungsreisen führten ihn nach Südamerika, Afrika, Borneo und Neuguinea. Während eines Indienaufenthalts wurde er vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht und von den Engländern inhaftiert. Nach der Flucht aus einem Lager verbrachte er 7 Jahre im Tibet. Dort wurde er zum Freund, Lehrer und Fluchtbegleiter des Dalai Lama. Sein Buch „Sieben Jahre in Tibet“ wurde zum Bestseller und später mit Brad Pitt und David Thewlis in den Hauptrollen verfilmt. In seiner faszinierenden Autobiographie sind etliche interessante Anekdoten zu finden. In meinem Blog vom 13.01.2006 („Heinrich Harrer: Die Zivilisation hinter sich gelassen“) erwähnte ich schon einige amüsante Anekdoten(2).
 
„Schachmaschine“ erregte Aufsehen
Als Hofrat Wolfgang von Kempelen (1734-1804) im Jahre 1768 seine „Schachmaschine“ vorstellte, erregte sie gehöriges Aufsehen. Viele Zeitgenossen rätselten, wie denn diese Maschine wohl funktioniere. Das Geheimnis wurde erst 1778 gelüftet. Die Maschine wurde nämlich von einer im Innern der Maschine verborgenen Person bedient(3).
 
Bauchrednertricks
Am 11.März 1878 wurde der von Thomas Alva Edison (1847–1931) erfundene Phonograph an der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgeführt. Der betagte Mediziner Jean Baptiste Bouillaud war überzeugt, hier müsse Betrug im Spiel sein. Es sei unerhört, die Akademiker durch Bauchrednertricks irrezuführen …(3).
 
Wozu noch warten?
George W. Eastman, der 1881 die Eastman-Kodak-Company gründete, war ein gewiefter Geschäftsmann und wendiger Erfinder. 1884 brachte Eastman bereits den ersten Apparat mit Papierrollfilm in Rollkassetten heraus; 1895 folgte eine neue Kamera, bei der es möglich war, einen Rollfilm bei Tageslicht einzulegen. Er brachte es zu einem Vermögen von 400 Millionen Dollar. 1932 erschoss er sich. In einem hinterlassenen Schriftstück war zu lesen: „Meine Arbeit ist getan – wozu also noch warten?“(3).
 
Nobelpreisträger spendete seine Goldmedaille
Albert Szent-Györgyi von Nagyrapolt (1893–1986) erforschte die biologischen Verbrennungsvorgänge sowie den Sauerstoffverbrauch im Muskelgewebe. Er gilt als Entdecker der Vitamine C und P. Er gewann das Vitamin C zuerst aus ungarischen Paprika. 1937 erhielt er den Nobelpreis für Medizin „für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der biologischen Verbrennungsprozesse, in besonderer Hinsicht auf das Vitamin C und auf die Katalyse der Fumarsäure“.
 
Als im Herbst 1939 die Sowjetunion Finnland angriff, starteten die Ungarn eine Hilfsaktion für die Finnen. Szent-Györgyi spendete seine 208 g schwere Goldmedaille mit einem Durchmesser von 66 mm der finnischen Nation. Die Goldmedaille verschwand zum Glück nicht in einer Schmelze. Sie konnte mit einer entsprechenden Geldsumme durch den Unternehmensdirektor Wilhelm Hilbert eingelöst werden. 1940 erhielt das Ungarische Nationalmuseum in Budapest die Medaille durch den erwähnten Direktor geschenkt. Die Medaille wurde seltsamerweise der Öffentlichkeit erst 1993 präsentiert.
 
Als ich 2004 Recherchen für eine Arbeit über das Lymphödem durchführte, besuchte ich auch Prof. Dr. Michael Földi in Falkau. Dabei kamen wir auf Szent-Györgyi zu sprechen. Die Überraschung war für mich gross, als er sagte, er habe bei diesem Nobelpreisträger in der Budapester Universität Vorlesungen erlebt. Über Szent-Györgyi bemerkte er dies: „ Aus seinen Augen strahlte die Genialität. Es war für mich ein unglaubliches Erlebnis als er über die Grundlagen der Muskelkontraktion referierte.“ Für ihn war Szent-Györgyi ein wichtiger Universitätslehrer.
 
Herzkatheter-Selbstversuch
1956 wurde Werner Theodor Otto Forssmann  (1904–1979) der Medizin-Nobelpreis für seine Forschungen im Zusammenhang mit der Herzkatheterisierung zuerkannt. Über seinen heroischen Selbstversuch existieren 2 Versionen. In seiner 1. Publikationen behauptete er, den Versuch selbst unternommen zu haben. In seinen Memoiren war jedoch eine Krankenschwester zugegen (sie reichte ihm sterile Instrumente). Forssmann schob einen Katheter in die geöffnete Armvene bis in die rechte Herzkammer vor. Dann machte er von seinem Versuch eine Röntgenaufnahme. Ferdinand Sauerbruch, der damals Chef der Berliner Charité war, entliess ihn mit den folgenden Worten: „Mit solchen Kunststückchen habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik!“
 
Wie Ralf Bröer in der „Ärzte Zeitung“ am 30.08.2004 berichtete, war Forssmann kein Opfer des „ignoranten“ Sauerbruchs. 1931 arbeitete er zum 2. Mal an dessen Klinik.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Forssmann nach Wies (Kreis Lörrach). Er starb am 2. Juni 1979 an einem Herzinfarkt in Schopfheim.
 
Welcher Mensch war Forssmann? Sein Sohn Prof. Wolf-Georg Forssmann charakterisierte ihn einmal so: „ Er war kein Kind von Traurigkeit, aber führte ein Leben voller Gegensätze. Auf der einen Seite grosszügig und liebenswert, auf der anderen Seite waren seine Zornesausbrüche gefürchtet. Sein medizinischer Berufsalltag schwankte ständig zwischen Fröhlichkeit und Traurigkeit, zwischen Erfolg und Unglück, zwischen Anerkennung und Missgunst.“ (zitiert in der „Badischen Zeitung“ vom 30.08.2004).
 
Nobelpreisträger saniert Abwassersystem
Emil von Behring (1854–1917), der für sein Heilserum gegen Diphtherie den 1. Nobelpreis für Medizin 1901 erhielt, galt als schwierig und streitsüchtig. So stritt er sich häufig mit Robert Koch und Paul Ehrlich. Als Nobelpreisträger wurde Behring in den Adelsstand erhoben und zum Geheimen Rat ernannt. Er war jedoch ein kommunikativer Mensch, er hielt immer Kontakt zu ausländischen Wissenschaftlern. Er gründete 1904 die Behringwerke in Marburg. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als innovationsfreudigen und durchsetzungsfähigen Unternehmer. Er war aber auch Kommunalpolitiker in Marburg. Als Stadtrat sanierte er das Abwassersystem der Stadt.
 
Und noch eine Besonderheit: Das Original seines Arbeitszimmers ist erhalten geblieben. Das Zimmer wurde nämlich im Zweiten Weltkrieg eingemauert. Das war ein Glück, denn sonst wären wohl alle Gegenstände des Raums verschwunden. In den Regalen befinden sich medizinische Werke, Bücher von Goethe und eine Napoleon-Biographie. Des Weiteren sind im Raum ein Schreibpult, 2 schwere Schreibtische mit den dazugehörigen Polstersesseln, Bilder, Büsten und Skulpturen vorhanden. Auf den Tischen sind Uhren und Schreibutensilien platziert (Quelle: „Ärzte Zeitung“ vom 15.03.2004).
 
Hinweise
Weitere Anekdoten von Heinz Scholz über Künstler, Forscher, Ernährungspioniere etc. unter www.textatelier.com („Arbeiten nach Autoren“ bzw. „Glanzpunkte“):
 
 
Verwendete Literatur
(1) Manfred von Ardenne: „Ein glückliches Leben für Technik und Forschung“, Kindler Verlag, Zürich und München, 1972.
(2) Heinrich Harrer: „Mein Leben“, Ullstein Verlag, München, 2002.
(3) Carl Graf von Klinckowstroem: „Knaurs Geschichte der Technik“, Droemer Knaur Verlag, München, 1959.
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