Textatelier
BLOG vom: 14.10.2008

Paul Gugelmann: Schuhkreateur auf betont krummen Wegen

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Im Keller seines grossen, gepflegten Einfamilienhauses am Hashubelweg 31 im solothurnischen Gretzenbach waren einst zahlreiche Kisten mit einem Gesamtvolumen von 25 Kubikmetern aufgestapelt. Jede von ihnen war massgezimmert und enthielt eine mobile Skulptur. Und in jedem einzelnen Kunstwerk, vor allem poetische Maschinen, steckte eine Arbeitsleistung von bis zu 1000 Stunden, gegebenenfalls mehr. Ihr Schöpfer, Paul Gugelmann, ehemals Bally-Schuhkreateur, machte sie der Öffentlichkeit in zahlreichen ausserordentlich erfolgreichen Ausstellungen in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Spanien zugänglich, wenn immer irgendwo eine Nachfrage dafür bestand. 1984 wurde eine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus in Aarau zu einem Riesenerfolg.
 
Die 1. Ausstellung hatte 1968 in Houston USA stattgefunden. Die Texaner reagierten überschwänglich, geradezu euphorisch, wie Paul Gugelmann mir sagte; es gab viele Medienberichte, und auch zu einem Millionenauftrag für einen Freizeitpark wäre es gekommen, wenn der Künstler zugesagt hätte. Doch er produziert(e) seine Kunstwerke zum persönlichen Vergnügen, wenn es ihm passt(e) und nicht zum Geldverdienen. Seine Maschinen sind grundsätzlich unverkäuflich.
 
Bemerkenswert scheint mir in diesem Zusammenhang, dass der 1. Ausstellungsort mit jenem US-Bundesstaat identisch ist, wo der ausserordentlich erfolgreiche Weltkonzern Bally, eine Qualitäts- und Nobelmarke, zum bitteren Ende gelandet ist: Texas. Die Troubles hatten begonnen, als das Unternehmen durch den Financier Werner K. Rey, ein Neoliberalismus-Pionier, übernommen wurde. Er erwarb 1977 die Aktienmehrheit, worauf die Bally-Gruppe an die Oerlikon-Bührle Holding AG überging und 1999 von der Texas Pacific Group aufgekauft wurde.
 
Für jenes einst weltberühmte Schuhunternehmen wirkte Paul Gugelmann als erfolgreicher Schuhkreateur. Die Erfindung und Konstruktion seiner mobilen Skulpturen waren sein Hobby und befanden sich ausserhalb seines Broterwerbs. Fernab vom abgehobenen Kunstbetrieb und von Abhängigkeiten von den oft kunstmafiösen Machenschaften und der Kunstkritik nutzte er seine Freizeit, um genau das zu tun und zu lassen, was ihm Freude machte, was ihm Erbauung bot. Genau so ist es noch heute. Sein Hobby und sein Beruf als Modezeichner haben Gemeinsamkeiten (Kreativität) und Gegensätze (Dominanz der Mechanik und der gesellschaftskritischen Aussage).
 
In Schönenwerd gibt es noch viele Bally-Spuren (Fabrikgebäude, Bally-Park, Bally-Schuhmuseum und in gewissem Sinne auch das Paul-Gugelmann-Museum), doch sind leider alle schuhmacherischen Aktivitäten erloschen. Der Bally-Niedergang war eine der Globalisierungsfolgen, deren zerstörerische Kraft nicht einmal vor Unternehmen Halt macht, die als unerschütterlich galten. Bally gehörte zu diesen.
 
Das „Modell Natura“
Die von diesem Grossbetrieb sorgfältig produzierten Schuhe waren fast zu gut, zu lange haltbar. Sie konnten immer wieder gesohlt werden, und der hohe Verkaufspreis wurde dadurch relativiert. In unserer Familie werden aus Gründen der gesundheitlichen Prävention und des Komforts praktisch nur Bally-Schuhe getragen. Und so habe ich hinreichend entsprechende Erfahrungen.
 
In den 1980er-Jahren habe ich bei Heinz Triebold, dem damaligen Bally-PR-Chef, angeregt, vorne betont breite, der Form eines gesunden Fusses entsprechende Schuhe anzufertigen. Er war nicht nur stets zu Spässen aufgelegt, sondern fühlte auch den Puls der Zeit. Daraus entstand das „Modell Natura“, von dem ich am 28.Juni 1988 das erste Paar „frisch ab Presse“, wie mir Heinz Triebold schrieb, geschenkt erhielt. Er wünschte mir damit „hunderttausend glückliche Schritte“. Diese – und noch viel mehr – habe ich seither gemacht, und ich trage diese herrlich bequemen Halbschuhe (Schlüpfer), die so bequem wie Pantoffeln sind und den Füssen doch Halt verleihen, seither fast täglich. Die Gummisohlen sind abgelaufen; doch werde ich die Schuhe mit neuen Sohlen versehen lassen und mich hoffentlich weitere 20 Jahre darin wohlfühlen. So viel zum Thema Bally-Qualität.
 
Ein Kapitel Biografie
An den Schuhkreationen hängen also Schönheit und Gesundheit. Und diese prägte Paul Gugelmann entscheidend. Nach seinem Eintritt in die Werbeabteilung dieser Schuhfabriken wirkte er als Grafiker und Kreateur. 1951 zog er als Schuhdesigner nach Paris, wo er für Bally ein Kreationsstudio aufbaute und während Jahren leitete. In Paris heiratete er 1956 seine Erika Huber, die vor etwa 5 Jahren leider verstorben ist, und dort kamen auch die beiden Kinder (ein Sohn und eine Tochter, 1957 und 1959) zur Welt. Sie war eine Ehefrau, die den Aktivitäten ihres Mannes volles Verständnis entgegenbrachte. Die Küche diente als Atelier; während des Kochens musste ihr Ehemann Platz machen. An Abenden war er meistens daheim, und so mussten die Kinder ihren viel beschäftigten Vater nicht missen. Sie konnten in der Werkstatt bei ihm sein, wenn sie wollten.
 
Ebenfalls in der französischen Hauptstadt entstand 1963 die erste poetische Maschine („Piano“), eine Spielzeug-Dampfmaschine für seinen Sohn auf der Basis einer käuflichen Dampfmaschine, wie sie damals als Spielgerät angeboten wurde. Ich selber hatte eine solche einmal als Weihnachtsgeschenk von meinen Eltern erhalten, und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Vater als Betriebsleiter an regnerischen Samstagabenden mit einer Flamme aus Brennsprit den Dampfkessel aufheizte, bis sich dann die Räder zu drehen begannen, nachdem man dem Schwungrad einen kleinen Anstoss versetzt hatte. Es drehte sich mit zunehmender Hitze immer schneller, und der zischend entweichende Dampf wirkte als Luftbefeuchter. Für Kinder allein wäre dieses Spielzeug wegen der Explosionsgefahr zu gefährlich gewesen, aber es scheint, als ob an dieser durchschaubaren Technik auch ausgewachsene Väter ihre Freude hätten.
 
Für den kunsthandwerklich begabten Paul Gugelmann aber war das Dampfmaschinen-Modell ab Stange zu banal. Er besorgte sich auf einem Pariser Flohmarkt Messingteile von Türbeschlägen, Lampen, ebenso Räder usf., um die Dampfmaschine in eine handgemachte Skulptur zu verwandeln. Eine weitere Dampfmaschine konstruierte er für seine Frau, wobei ich nicht zu beurteilen vermag, ob auf ihrer Prioritätenliste nicht doch andere Wünsche gestanden hätten.
 
Jedenfalls erwies sich Paris mit seinen zahllosen Ausstellungen als inspirativ, sowohl für die Arbeit als Schuh-Créateur und eben auch fürs Steckenpferd. Paul Gugelmann war hier in die Welt der Haut-Couture eingebunden, arbeitete mit Dior, Balenciaga, Givenchy, Nina Ricci und Pacco Rabanne zusammen. Und wie immer, wenn man einer Arbeit gewachsen ist, verspürte er keinerlei Druck. Er hatte zudem Distanz zum Schönenwerder Unternehmen, das er aber ungefähr alle 2 Monate aufsuchte, verfügte über hinreichend handwerkliche Talente, und er konnte auch selber Schuhe herstellen, bis hin zum Nähen. Er war in der Lage, den Arbeitern eine persönliche Anleitung zu geben, wenn sie einen Arbeitsschritt als unmöglich erachteten, sie zu Höchstleistungen motivierend.
 
1969 kam er nach Schönenwerd zurück und leitete als stellvertretender Direktor (Directeur Artistique) die gesamte Produkte-Gestaltung von Bally; an Titeln lag ihm nichts, wohl aber an schöpferischen Leistungen. Bei einem ausführlichen, erfrischenden Gespräch, das ich am 03.10.2008 mit Paul Gugelmann in seinem geräumigen Heim in Gretzenbach führen konnte, sagte er mir, dass das Entwerfen von Schuhen selbstredend nicht eine unendliche Freiheit bedeutet habe, sondern diese Arbeit bewegte sich innerhalb von gewissen und von den wechselnden Moden vorgegebenen Grenzen und Kundenwünschen. Und so suchte er denn seine vollkommene „Narrenfreiheit“ bei seinem kreativen Hobby, das ihm zusätzliche Räume eröffnete: Er verstand ursprünglich nichts von Mechanik, der Kunst, Maschinen zu erfinden und zu bauen, und war nun gezwungen, sich auch der physikalischen Gesetze anzunehmen. Ich wage aufgrund des Studiums seiner Werke zu behaupten, dass es auch eine betont gesellschaftskritische Ader war, die ihn veranlasste, die Betrachter durch sein Schaffen zum Denken, zum Überdenken anzuspornen, aufzurütteln. Er zielt mit seiner ätzenden, gelöteten und geschweissten Kritik nie gegen eine einzelne Person oder Gruppe, sondern verallgemeinert und bezieht sich selber immer ein.
 
Gestörte Denkapparate
Die Menschheit erachtet er als „Fehlkonstruktion“, und folgerichtig sind 2 seiner Skulpturen diesem Thema gewidmet: „Fehlkonstruktion I“ (1977) und „Fehlkonstruktion II“ (1978). Das Werk I ist ein menschlicher Kopf, dessen Schädel sich öffnet, wodurch ein Einblick ins Gehirn frei wird: ein kompliziertes, mit einem Gestänge verbundenes Räderwerk, das von einem Mechanismus im Sockel gesteuert wird. Von Zeit zu Zeit wird die Gehirnfunktion gestört: Ein zwitschernder Vogel, der auf seinem Gelege herumhüpft, und ein Kuckuck, der sein Versteck im Räderwerk verlässt, behindern den Denkapparat. Vielleicht ist dies eine Anspielung auf den Vogel, den viele von uns haben, ob man ihn wahrnimmt oder nicht. In der Fehlkonstruktion II, ein von einem Lorbeerkranz als Zeichen des Erfolgs geschmückter Kopf, spielt wiederum ein Vogel mit, diesmal ausserhalb des Denkapparats. Er klopft auf den Schädel, der sich artig öffnet und verblasste Lorbeerkränze zum Vorschein bringt. Zeitungsartikel deuten ein oberflächliches Wissen an. Ein krähender Hahn und das ununterbrochene Klopfen von Spechten zeigen an, dass der äussere Schein trügt.
 
Der Lebensstil
Hinter dem üppigen Werk, das weiterhin anwächst, steht eine unglaubliche Schaffenskraft. Denn Paul Gugelmann (geboren am 19.05.1929) übte nebeneinander 2 Berufe aus – und zwar beide zu mehr als 100 Prozent. Während 7 Tagen in der Woche stand er morgens um 5 Uhr auf und arbeitete bis Mitternacht. Noch heute, im Alter von bald einmal 80 Jahren (seit 1992 ist er vorzeitig pensioniert, weil er die ständigen Reorganisationen nicht weiter erleben wollte), erwacht er täglich um 5 Uhr („Das ist bei mir so programmiert“). Zuerst liest er und hält neue Ideen zeichnerisch fest. Mit Ausnahme der Reinigungsarbeiten besorgt er den ganzen Haushalt (Garten, Waschen, Kochen) selber und kocht schöpferisch – ohne Rezeptvorlagen. Selbst Gäste hätten das bisher unbeschadet überstanden, sagte er zu mir in seiner humorvollen Art.
 
Ehrlich gesagt, hatte ich erwartet, einem überarbeiteten, müden Greis zu begegnen. An dieser Vorstellung war nun wirklich alles falsch. Paul Gugelmann, gross gewachsen und mit schwungvoll angeordnetem grauem Haar, erwies sich als vitale, sportliche Erscheinung und mit ein paar Falten neben den lebhaften Augen. Auf seinem schwarzen Pullover war ein kleiner Narrenkopf mit spitzer Nase aus Messing angebracht, eine Art Markenzeichen Gugelmanns. Ich hatte 2007 das seit 1995 bestehende Paul-Gugelmann-Museum in Schönenwerd, dem Ort seiner Geburt (1929) und seines beruflichen Wirkens, besucht und 2 Bücher über ihn gelesen, mich gut vorbereitet. Wir unterhielten uns glänzend, fanden Gemeinsamkeiten – auch er absolvierte den 1. Arztbesuch mit 70 Jahren aus Zwang wegen der amtlich vorgeschriebenen Überprüfung der Fahrtüchtigkeit –, und eine weitere Übereinstimmung war unsere Aversion gegen den rechten Winkel.
 
Die Ästhetik des Schrägen
Bei seinen Werken müsse alles krumm sein, aber nur so krumm, dass es richtig arbeitet, dass es funktioniert, erklärte er. Auf der Webseite www.gugelmann-museum.ch heisst es: „Meine Maschinen dürfen nur so genau sein, dass sie laufen.“ Und so wackeln denn die Räder seiner Maschinen, wenn immer dies möglich ist, mit Ausnahme der Zahnräder, die exakt ineinander greifen müssen. Wie bei den Altstadtbauten im Elsass mit ihren verzogenenen (schiefwinkligen) Fassadenlinien haben auch die poetischen Maschinen eine wohltuende, die technische Strenge mildernde Ästhetik auch dann, wenn sie nicht laufen, weil sie eine menschliche Dimension erhalten haben.
 
So wäre es denn wirklich jammerschade, wenn die Maschinen wie früher in Kisten versenkt geblieben wären, ein Gedanke, den wohl viele Gugelmann-Bewunderer hatten. Deshalb kam er denn 1995 zu einem Museum an der Schmiedengasse direkt neben der Stiftskirche in Schönenwerd, obschon er das überhaupt nicht gewollt hatte. 51 Personen wechseln sich seither ehrenamtlich als Führer durch die Ausstellung ab.
 
Zudem stehen 40, oft grosse Gugelmann-Maschinen meist in öffentlichen Räumen. Sie sind in der Wartung bescheiden, müssen meist gelegentlich nur geölt werden. Alle haben eine Garantie auf Lebenszeit – das Risiko für ihn werde immer bescheidener, sagte er dazu. Allerdings, möchte ich beifügen, hat es in Anbetracht seines Gesundheitszustands noch erhebliche Dimensionen …
 
Das neueste Werk ist der Verkehrskreisel in Gretzenbach, in der Nähe des buddhistischen Zentrums für Thais und des Aldi-Geschäfts „Im Grund“. Auf Stangen, die in ein sehr stabiles Fundament eingelassen sind, drehen sich flache, typische Gugelmann-Köpfe mit leicht vibrierenden Augen, die als Windfahnen dienen und alle immer in die gleiche Richtung schauen.
 
Wahrscheinlich sind auch sie wieder mit der gebührenden Zivilisationskritik verbunden.
 
Hinweis
Paul Gugelmann-Museum Schönenwerd. Öffnungszeiten: Mittwoch, Samstag und Sonntag jeweils 14 bis 17 Uhr. Eintrittspreis: 5 Fr (Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre gratis).
 
Hinweis über ein weiteres Blog über die poetischen Maschinen
 
Hinweis auf das Blog über den Bally-Park
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