Textatelier
BLOG vom: 19.10.2008

Die heftig wirkenden Kräfte und Menschen von Würenlos AG

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Das Limmattal im Grenzbereich der Kantone Zürich und Aargau gilt nicht eben als eine Oase der Ruhe. Im Gegenteil: Verkehrsanlagen wie Strassen aller Güteklassen bis zur A1, Bahnlinien, einschliesslich der S-Bahn Zürich, und der riesige Rangierbahnhof Limmattal, einer der grössten Europas übrigens, Industriegebiete, ausufernde Kleinstädte, Dörfer, Shoppinganlagen und alles, was dazu gehört, haben sich zu einem Zivilisationsbrei am Rande der Grossstadt Zürich vermanscht.
 
Umso bemerkenswerter sind die 2 Orte, die dort ihr eigenes, beschauliches Leben führen: Das Kloster Fahr und das Emma-Kunz-Zentrum. Das Benediktinerinnenkloster Fahr (gegründet 1130), das eine Filiale des Klosters Einsiedeln ist, wurde mit den dazu gehörenden Ländereien auf den Jahresbeginn 2008 in die Gemeinde Würenlos eingemeindet. Fahr ist eine Aargauer Exklave im Kanton Zürich; und nun befinden sich beide Kraftorte in der Gemeinde Würenlos (Bezirk Baden) am östlichen Rand des Aargaus.
 
Der Name Würenlos wird auf den germanischen bzw. gallischen Wortteil Wirchilleozha zurückgeführt: Im Germanischen bedeutete „wirchill“ werken, wirken oder vollbringen; die zweite Hälfte des Namens kommt wahrscheinlich vom gallischen Wort „lousa“ = Stein – insgesamt heisst Würenlos also so etwas wie „wirkender Stein“. Und daran ist einiges, wie wir gleich sehen werden.
 
Das Emma-Kunz-Zentrum
Das Emma-Kunz-Zentrum befindet sich in respektvoll erhöhter Lage nördlich der Kantonsstrasse Wettingen–Würenlos, ohne von unten einsehbar zu sein. Ein Wegweiser, der nach Nordosten zur Steinbruchstrasse weist, verhindert, dass man diese Insel im Limmattal verpasst. Doch ist es nicht einfach ein frei zugänglicher Ort, sondern man hat sich vorher anzumelden und einen Termin zu vereinbaren (Internet: www.emma-kunz.com), denn es ist ja genau das Gegenteil eines coca-cola-kulturellen Disneylands. Wer diese Formalität einhält, wird freundschaftlich empfangen – jährlich sind es etwa 20 000 Personen, die sich hier einfinden.
 
Ich war vor 20 Jahren (im Sommer 1988) erstmals dort gewesen und schaute 20 Jahre später, am 14. Oktober 2008, aus publizistischem Interesse nach, was denn daraus geworden sei. Einen ganzen Nachmittag lang nahm sich Anton C. Meier (geb. 1936) Zeit, um meine Fragen zu beantworten und mir die von gutem Geschmack und Ordnungsliebe zeugende Anlage zu erklären.
 
Meier ist eine gross gewachsene, dominante, gepflegte Persönlichkeit mit dicken Augenbrauen und in der Mitte gescheiteltem, vollem, gewelltem, angegrautem Haar, wie es sich für seinen Jahrgang gehört, mit randloser Brille und wetterbraunem, straffem Gesicht. Er nimmt sich aber sofort zurück, wenn es um Emma Kunz (1892–1963) geht – sie soll im Vordergrund stehen. Er macht die Erinnerung an diese Heilpraktikerin und Künstlerin aus Brittnau AG (Bezirk Zofingen), die insbesondere im appenzellischen Waldstatt wirkte, sofort zum zentralen Ereignis: „Emma Kunz hat jede Form von Sektierertum abgelehnt, war kein bigottes Wesen mit Himmelfahrtsblick, sondern stand mit beiden Füssen auf dem Boden. Dabei war sie aber geistig hoch entwickelt“, legte er gleich los. Wer will, darf das auch auf ihn übertragen. Emma Kunz stammte aus der kinderreichen Familie von Stephan und Rosa Kunz, die in Brittnau von der wenig einträglichen Handweberei leben musste.
 
Innere Gesetzmässigkeiten
Meiers Büro zieren die berühmten Kunz-Bilder, mit Farbstiften und Ölkreide auf Millimeterpapier aufgetragen, hinter einer UV-Licht fernhaltenden Folie und Glas, in denen geometrische Grundformen eine harmonische Welt, eine Bannung der Weltharmonie, zum Ausdruck kommt. Etwa 70 Werke sind im Zentrum permanent ausgestellt. Die Bilder entstanden ab 1939 mit Hilfe eines Pendels; künstlerische Vorbilder kannte Emma nicht. Die sichtbar gemachten Zahlenzusammenhänge erinnern im Entferntesten an die Erkenntnisse des Zahlengeometrikers Alfred Jensen. Emma Kunz erschloss in ihrer kreativen Art innere Gesetzmässigkeiten.
 
Nur der Zutritt zur grossen Grotte wurde mir diesmal verwehrt, weil sie gerade durch Leute belegt war, die sich vor mir angemeldet haben und eine Störung vermieden werden sollte. Viele Leute kommen regelmässig hierhin, um für sich oder aber im Rahmen einer Gruppe eine halbe Stunde lang heilende und kräftigende Energien zu verspüren. Ich kannte den Steinbruch und die Grotte bereits von meinem früheren Besuch her, hatte der hier wirkenden Energiefülle aber problemlos standgehalten. Ich fühlte mich darin wohl, ohne gleich in Verzückung zu geraten.
 
Es begann mit den alten Römern
Dieser imposante Steinbruch am Steilhang des Haselbergs (am Südrand des Gmeumeriwalds) wurde von den Römern angelegt; sie begannen vor rund 2000 Jahren mit dem Abbau des 40 bis 50 Millionen Jahre alten Muschelkalksteins, der dort von einer Sandsteinschicht bedeckt ist. In der Nähe führte eine bedeutende römische Heerstrasse vorbei, die auch den Thermalkurort Baden (Aquae Helveticae) erschlossen haben mag.
 
An der hellbeigen, gräulichen Felswand westlich der Grotte klettert ein wuchtiger, spät blühender Efeubaum zur Freude der Bienen gegen die sich oben festkrallenden Bäume empor. Am Fels daneben ist zu erkennen, wie die Römer die Steine lösten: Sie meisselten Löcher in die Wand, schoben Hölzer hinein, die mit Wasser benetzt wurden. Das Holz dehnte sich aus und entfaltete eine grosse Sprengwirkung, wenn Handmeissel und Keile nicht genügten.
 
Der harte Stein eignete sich für die Anfertigung von Mühlsteinen, Brunnen und Bausteine für Vindonissa (Windisch); Mühlsteine sind noch in den Museen von Brugg (Vindonissa-Museum) und Baden zu sehen. Auch im Mittelalter hatte man Verwendung für diesen Stein, etwa für den Turm der Stadtkirche Baden. Die Säulen im Kloster Wettingen bestehen ebenfalls aus dem Würenloser Kalk. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Steinbruch modernisiert; denn der Würenloser Muschelkalk fand guten Absatz, so etwa für die Bauten des Internationalen Arbeitsamts in Genf, das Suva-Gebäude in Winterthur, das Versicherungsamt in Aarau, das Walcheturm-Verwaltungsgebäude, das Geschäftshaus „Seiden-Grieder“ und die Schweizerische Nationalbank in Zürich. Heute wird das Gestein pulverisiert und als „AION A“ in der Naturheilkunde eingesetzt. Es enthält Kalziumkarbonat, Quarz (Kieselsäure) und Mineralien, wie sie in Tonarten vorkommen, und hat laut Anton C. Meier eine absorbierende (Gase bindende) und adsorbierende (anlagernde), desodorierende, entzündungshemmende und neutralisierende Wirkung.
 
Der Steinbruch diente immer wieder neuen Zwecken, so etwa als Kulisse für den 1942 gedrehten Gloria-Film „Steibruch“ nach dem Hörspiel von Albert J. Welti mit Heinrich Gretler, Gritli Schell, Adolf Manz und Max Haufler und anderen (Regie: Sigfrit Steiner). Und heute ist in den traditionellen, restaurierten, mozartgelben Bauten mit den weissen Fensterläden, die im Rahmen der Abbaumassnahmen aufgebaut worden sind, das Emma-Kunz-Zentrum eingerichtet, eine Begegnungsstätte und ein Kulturzentrum, das im Oktober 1991 ein Museum erhielt. Auch Tagesseminare werden dort veranstaltet.
 
Seinerzeit war der Grossvater von Anton C. Meier, Emil Schmidlin, ein Jurassier, Inhaber der Würenloser Steinbrüche. Zwischendurch befand sich die Anlage im Besitze des Fürsten von Liechtenstein, wurde dann aber von der Familie Meier zurückgekauft und 1985 vom heutigen Inhaber übernommen. Sie wird seither im Sinne von Emma Kunz betrieben, welche die heilenden Strahlkräfte bei der Behandlung und Heilung von Anton Meier, der im 6. Lebensjahr an der Kinderlähmung erkrankt war, entdeckt hatte; das war 1942. Denn sie wusste, dass sich das Heilende immer nahe beim persönlichen Lebensraum oder innerhalb von diesem befindet.
 
Ihr prägendes, Liebe und Zuneigung ausstrahlendes Antlitz, wie es im berühmten Porträt von 1912 zum Ausdruck kommt, begleitet den Besucher, auch dort, wo Dutzende von raren Sorten von Engelstrompeten (Brugmansia-Arten, Datura) als grosse Topfpflanzen mit ihren Düften und Farben für einen exotischen Zauber sorgen. Der Langzeitdünger für diese Pflanzen: AION A (griechisch: grenzenlos).
 
Die Bilder
Emma Kunz war zudem die erste Schweizerin, der eine Briefmarke gewidmet wurde (1993). Sie war eine Anhängerin der Ganzheitstherapie, glaubte an eine „allumfassende Kraft im Universum“, in dem „jedes Wesen (...) in vollkommener Harmonie mit den kosmischen Gesetzen lebt“. Die Krankheit, die als Folge einer verloren gegangenen Balance im Naturgefüge entsteht, geht nach ihren Feststellungen mit dem Verlust an heilenden Kräften im Menschen einher, die zudem durch den Materialismus verschüttet werden.
 
Zum Glück konnte Anton C. Meier die rund 400 Bilder retten, nachdem sie um ein Haar vernichtet worden wären, weil ein wenig talentierter Zürcher Kunsthändler sie als wertlos taxiert hatte. Demgegenüber erkannte der ehemalige, im April 1984 verstorbene Konservator des Aargauer Kunsthauses in Aarau, Heiny Widmer, die Qualitäten der Kraftfeldzeichnungen sofort, und er veranstaltete eine umfangreiche Ausstellung unter dem Titel „Der Fall Emma Kunz“.
 
In den feinnervigen Darstellungen, die zahllose Interpretationsversuche auslösten und es noch immer tun, wird der Mensch, um ein Beispiel zu nennen, zum riesigen Flugwesen, zu einem Vieleck aus geraden Linien reduziert und zwischen Himmel und Erde verspannt. Die verschlüsselten Werke entstanden aus einem tiefen Weltverständnis und einer leidenschaftlichen Erkenntnissuche heraus.
 
„Die Zeit wird kommen, in der man meine Bilder verstehen wird“, soll Emma Kunz einmal gesagt haben. Sie umschrieb ihre Werke wie folgt: „Gestaltung und Form als Mass, Rhythmus, Symbol und Wandlung von Zahl und Prinzip.“ Ihrer Ansicht nach gibt es keine Wunder, sondern nur Gesetzmässigkeiten.
 
Ist diese Zeit schon da, oder steht ihre Ankunft gerade bevor? Jedenfalls scheinen die Zeichnungen von Emma Kunz und die biophysikalischen Kräfte nichts von ihrer Wirksamkeit verloren zu haben.
*
Anton Meier führte mich über das Gelände, so über eine Thymianwiese, zu einer erhöhten Terrasse mit Blick nach Spreitenbach, Wettingen und Baden, ein ausufernder Baubrei hinter einer offenen Kiesgrubenwunde in der Ebene. Er sprach von seinen Ausbauplänen, will aber nichts Bombastisches, sondern die bestehenden Bauten und den romantischen Steinbruch-Charakter unbedingt beibehalten.
 
Bisher ist es einwandfrei gelungen. Eine andere, nach innen gerichtete Welt.
 
Quelle
Meier, Anton C.: „Emma Kunz. 18921963. Forscherin, Naturheilpraktikerin, Künstlerin“, herausgegeben vom Emma-Kunz-Zentrum, CH-5436 Würenlos 2003.
 
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