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BLOG vom 20.10.2008


Vertrauen! – Man verschone mich mit solch einer Forderung
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Amerikanische Hypo- und Kreditkartenkrise. Finanzkrise. Banken in Atemnot. In diesem Zusammenhang tauchen Begriffe wie „Vertrauen“ und „Vertrauen bildende Massnahmen“ mit zunehmender Penetranz auf. Ich mag sie nicht mehr hören.
 
Laut der „Duden“-Definition bedeutet „Vertrauen“ ein „festes Überzeugtsein von der Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit einer Person, Sache“. So könnte beispielsweise die Werbeindustrie von uns unbedarften Konsumenten verlangen, wir sollten alle ihre Sprüche und visuellen Botschaften als bare Münze nehmen. Und Vertrauen haben. Dabei will ich nicht verschweigen, dass Werber und PR-Leute dabei sind, ihre höchsten Ziele zu erreichen: Eine raffinierte Manipulation, oft genug mit medialer Hilfe, verführt die Menschen, verlockt sie zu Käufen, beeinflusst ihre Gesinnung, ihr Verhalten.
 
Verschiedene Tricks, auch als Gesamtpaket angewandt, sind dementsprechend ebenfalls in der Lage, ein unbegrenztes, unerschütterliches, blindes Vertrauen herbeizuführen. Zuerst müssen das kritische Denken und das Denken überhaupt ausgeschaltet werden. Dieses wichtige Ziel kann durch verschiedene Massnahmen erreicht werden: Die Schulbildung und auch sonst alles, was mit Bildung in einen Zusammenhang gebracht werden könnte, müssen möglichst weit zurückgefahren werden (das dabei frei werdende Geld kann zur militärischen Aufrüstung und für Kriege zwecks Rohstoffbeschaffung eingesetzt werden). Damit all das funktioniert, müssen Unterhaltungsfernsehen, Kinofilme nach Hollywood-Manier und Computerspiele eine dominante Stellung erhalten. Das Fernsehen, von Marcel Reich-Ranicki als „falsch, schlecht und übel“ charakterisiert, hat eine Vorreiterrolle. Gleichzeitig ist alles dafür zu tun, dass die Menschen nicht mehr lesen, wozu auch eine Buchpreisbindung auf hohem Niveau beitragen kann. Und für den seltenen Fall, dass es einige Unbeirrte doch noch lesen, müssen die Texte möglichst kurz und nichtssagend sein und von grossen Bildern überlagert werden. Jedenfalls dürfen Medienartikel und Berichte keine Zusammenhänge erhellen und keinen Bildungscharakter haben. Die USA machen dies vor. Die Themenwahl muss sich auf dem denkbar tiefsten Niveau bewegen, das insbesondere von den Boulevardmedien und vom Fernsehen, wie erwähnt, vorgegeben wird.
 
Denkt positiv!
Die Amerikaner hatten eine grossartige Idee, um jede Form des kritischen Denkens auszuschalten: Sie erfanden das „Positive Denken“. Als dessen Wegbereiter sind der Pfarrer Norman Vincent Peale, Dale Carnegie (Freu dich des Lebens! Die Kunst, beliebt, erfolgreich und glücklich zu werden“) und zahllose Nachbeter zu nennen. Sie verkauften ihren Nonsens in Buchform millionenfach, was dann im Stammland USA dazu führte, dass praktisch alle Amerikaner ihren Psychologen haben und Psychotherapien durchführen müssen, die Sektengewerbe ebenso wie die Kriminalität zu blühen begannen. Natürlich verbreitete sich auch dieser Way of life sofort weltweit, zumal „absolute Schönheit, Reichtum, Erfolg“ und „absolute Harmonie“ versprochen wurden. Das Schädigungspotenzial war erheblich, weil die Verarbeitung von Verlusten und Konflikten unterbunden war und tiefste Frustrationen und Depressionen eintraten, weil ja wahrhaftig nicht alles machbar ist. Da wurde dann eine Erkenntnis von Edward A. Murphy augenfällig: Wenn etwas auf verschiedene Arten schiefgehen kann, dann geht es immer auf die Art schief, die am meisten Schaden anrichtet.“
 
Das positive Denken hat den Hauptvorteil, dass es vor allem einmal alle Lernprozesse garantiert verhindert. Das Erfahrungswissen verliert seinen Wert. Ein Kritiker des Positiven Denkens, der deutsche Psychotherapeut Günter Scheich (Autor des gescheiten Buchs „Positives Denken macht krank“) kommentierte die Lage wie folgt: „Dies wäre genauso, wie wenn sich jemand ein Buch über die Techniken des Tennisspiels kaufen würde und glaubte, nach der Lektüre könne er perfekt Tennis spielen. (…) Auch in der Wirtschaft gibt es nicht nur eine Methode, mit der alle Produkte produziert werden, geschweige denn mit der alles verkauft werden kann. Hier ist ebenfalls Spezifität gefragt, um überhaupt die Chance eines Erfolgs zu haben.“ Und Scheich kam zum Schluss, dass negative Gefühle und Gedanken mindestens genauso sinnvoll wie positiv seien.
 
Die Verdrängungsmethode des Positiven Denkens mit ihrem naiven Wunderglauben konnte sich nur noch bei Infantilen halten, die sich erfolgreich gegen das Erwachsenwerden sträuben. Und es wird heute durch die Forderung nach Vertrauen und die Schaffung vertrauensbildender Massnahmen ersetzt. Im biblischen Buch „Jesus Sirach“ 6, 7 ist die Warnung differenziert ausgesprochen: „Vertraue keinem Freunde, du habest ihn denn erkannt in der Not.“ Das heisst, man solle sein Vertrauen nur dort anbringen, wo sich ein Mensch bereits als vertrauenswürdig erwiesen hat. Ausnahmsweise finde ich ein Bibel-Zitat einmal gut; man mag mir das bitte nachsehen.
 
In der neoliberalen Wirtschaft im Rahmen der rücksichtslosen Globalisierung ist selbstverständlich jedes Vertrauen verheerend. Das haben die Banken in aller Welt bitter erfahren müssen, die der US-Wirtschaftskriminalität des Schuldenmachens auf Fremdkosten positiv denken und vertrauensvoll begegnet sind. Nun hocken sie auf den wertlosen Schuldscheinen US-amerikanischer Provenienz und gehen daran fast oder ganz zugrunde.
 
Wer vertrauensvoll auf Kriminelle hereinfliegt, wie das die grössten Banken in aller Welt taten, die Heerscharen von Analysten beschäftigen, verliert jeden Kredit, jedes Vertrauen. Und jetzt spielen sich am düsteren Finanzhimmel, an dem Gewitter und Stürme in Serie aufziehen, bemerkenswerte Dinge ab, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Zweistimmig singen Medien- und Bankenvertreter nun das Hohe Lied vom Vertrauen ab. Die Medien haben sich notgedrungen in diesen Gesang eingeklinkt, weil sie die Banken schliesslich zum Eingehen immer höherer Risiken im Interesse einer rasanten Gewinnsteigerung angespornt und akzeptiert haben, dass sich viele Banker nur anstrengen, wenn ihnen Millionen-Boni winken und gigantische Löhne bezahlt werden – ansonsten sie gleich ins Land der unbegrenzten Bonuszahlungen abwandern würden. Und am Schluss kam heraus, dass die teuren, vergoldeten Bonusschlucker bloss abzockende Versager waren, die ohne jede Professionalität operierten.
 
Praktisch die gesamte eingebettete Wirtschaftspresse unterstützte die Gewinnorgie, und von den Finanzwissenschaftlern hörte man ebenfalls praktisch kaum kritische Töne; sie melden sich jeweils erst nach dem Debakel und halten erst dann mit fachlich untermauerten Erklärungen plötzlich nicht mehr zurück. Wenn sie schon in den entscheidenden Phasen schweigen, würden sie sich wohl am besten mit ihren Post-festum-Weisheiten auch dann noch zurückhalten, wenn sie das Debakel zugelassen haben.
 
Vertrauensvoll verlieren
Kann man Banken, Medien und Wissenschaftlern noch vertrauen? Überhaupt nicht. Sie wissen das und bearbeiten nun das Fussvolk: „Habt Vertrauen!“ Dies geschieht ausgerechnet in einer Phase, in der Vertrauen zum persönlichen finanziellen Untergang führen kann. Denn weltweit liegen jetzt „Pakete“ mit wertlosen US-Schuldbriefen herum, die, sobald die vertrauensbildenden Massnahmen gegriffen haben und das kritische durch ein positives Denken ersetzt ist, der Anlegerschaft angedreht werden müssen. Es ist ja eine Zumutung, dass der gesamte US-Sondermüll, der an sich unter Einhaltung ausgedehnter Umweltschutzbestimmungen entsorgt werden müsste, darauf wartet, dem verdummten Volk wieder angedreht zu werden. Das wäre mehr als unredlich.
 
Gerade dieser Umstand ist es, der meinen letzten Vertrauensfunken ausgelöscht hat. Zum gleichen Effekt hat auch der Umstand beigetragen, dass sich die Banken nach wie vor nicht aus dem Kielwasser des amerikanischen neoliberalen Turbokapitalismus auf dem Meer minderwertigen Dollar-Papiergelds, der die ganze Welt in Kriege und ins Elend stürzt, befreit haben. Als ob nichts geschehen wäre, rudern sie in blindem Vertrauen hinterher, lassen sich z. B. mit Hilfe ins System eingespannter Ratingagenturen diskriminieren (also aus Gründen der Ausschaltung von US-Konkurrenten herunter„raten“) und übers Ohr hauen. Und dennoch bleiben sie dran wie die boulevardisierte Presse an einem Auflage versprechenden Kriminalfall.
 
Zu all diesem unbeschreiblichen Elend sehen sich Schweizer Grossbanken im korrupten politischen System der USA gezwungen, den Präsidentenwahlkampf zu sponsern, eine üble Tradition. Sie sind die einzigen Grossbanken mit Sitz im Ausland, welche unter den 20 grössten Spendern des Wahlzirkus’ die beiden Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain fungieren – schon George W. Bush wurde unterstützt … Man glaubt es kaum. Am Schlusse entscheiden Wahlfälschungen, manipulierte Zählmaschinen und bestochene Wahlmänner darüber, wer der kommende Präsident sein wird, nach früheren Erfahrungen wird es der Republikaner McCain sein.
 
www.swissinfo.ch meldete am 26.08.2008: „Gemäss Angaben des ,Center for Responsive Politics’, einer Nichtregierungs-Organisation, welche für die US-Wahlkommission die finanziellen Beziehungen der Kandidaten prüft, steht die UBS an 5. Stelle der 20 grössten Spender für Barack Obama. Credit Suisse und UBS belegen Platz 9, respektive 10, im Klassement der Spendierfreudigsten für John McCain. ,Credit Suisse wird von unserer Organisation sogar als finanzielles Schwergewicht im Wahlkampf betrachtet, also als eine der einflussreichsten Instanzen in der amerikanischen Politik auf Bundesebene’, sagt Sheila Krumholz, Leiterin des ‚Center for Responsive Politics’ gegenüber swissinfo.“ Obama erwies sich als besonders eifriger Spendensammler (bis Ende September 2008 rund 600 Mio. USD) – und wird dafür noch gelobt. Wie soll so jemand noch unabhängig handeln können?
 
Auch US-Kongressabgeordnete werden von unseren Schweizer Banken unterstützt; die CS gehört zu den 20 grössten Spendern von Hillary Clinton … was gerade noch gefehlt hat. Auch das Pharmaunternehmen Novartis besticht US-Politiker mit Wahlkampfgeldern – Korruption auf höchster Ebene, die System hat.
 
Bemerkenswert ist, dass unsere eingebetteten, amerikanisierten Medien diese Situation nicht thematisieren. Anzumerken wäre in diesem Zusammenhang immerhin noch, dass ausseramerikanische Wirtschaftsunternehmen, die mit Bestechungsgeldern Aufträge hereinholen, auf US-Geheiss mit gigantischen Summen gebüsst werden; doch die Bestechung ist in der USA-Politik derart etabliert und unter Heimatschutz, dass wahrscheinlich massiv bestraft würde, wer da nicht mitmacht. Solch ein System ist kriminell.
 
Was braucht es eigentlich noch alles, bis unseren Totschweiger-Medien mit ihrer unheilbaren US-Verblendung und unseren teuren Bankern die Augen aufgehen? Für uns, das gewöhnliche Volk, gibt es nur eines: Wir müssen uns vielseitig informieren, weit über angepasste Leibblätter hinaus. Wir müssen hinterfragen, nicht jeden Blödsinn glauben, unseren Denkapparat in Betrieb setzen, unser kritisches Denken und Handeln perfektionieren. Wir müssen die Zügel selbst in der Hand halten und uns standhaft weigern, jeden Bocksmist, den man uns vorsetzt, zu glauben, zu kaufen und zu schlucken.
 
Misstrauen ist besser als Vertrauen. Und das gilt auch für das Bankenverhalten im gesamten US-Umfeld.
 
Ein vertrauensbasierter, gefährlicher Zweckoptimismus als Resultat einer dauerhaften Gehirnwäsche ist definitiv liquidationsreif. Ebenso wie die US-Raubzüge sollte man sich Eingriffe in die Gedankenfreiheit definitiv nicht mehr weiter bieten lassen und Desinformationsmedien unbeachtet lassen.
 
Realitätsfremdheit aufgrund von verordnetem Vertrauen kommt teuer zu stehen, ist verheerend. Die Erfahrungen sprechen für sich. 
 
Hinweis auf weitere Blogs zu US-Plünderungen und zur Börsenkultur
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