Textatelier
BLOG vom: 23.10.2008

Ode an die Melancholie: Nahrung für die Wünschelrute

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wir wünschen uns vieles, viel zu viel und zu oft. Und jeder erfüllte Wunsch macht dem nächsten Platz. Meine Wünsche sind recht bescheiden, aber sie erfüllen sich selten und welken rasch. Genau wie Herbstblätter. Heute schaffte ich zuerst etwas Ordnung in meinem Papierkram, einzig vom Wunsch beseelt, nachher etwas Zeit für mich allein zu haben und ungestört zu sein. Aber was soll ich jetzt mit dieser Zeit anfangen? Herbstblätter sammeln?
 
So rufe ich eine leere Seite auf meinem PC auf und lasse meine Gedanken planlos schweifen. Die Sonne fällt schräg durchs Fenster. Meine Bude ist auf Baumhöhe. Die gekerbten, lanzettlichen Blätter des wilden Kirschbaums glühen wie von purpur-rotem Lippenstift bemalt und warten auf Windstösse, denn sie wollen nicht länger an den Ästen kleben bleiben. Und selbst wenn sie das wollten, will der Baum sie loswerden.
 
Weiter hinten, im Cottage nebenan, prunken unverrückbar 2 trutzige, viktorianische Backsteinkamine, im Dachfirst verankert. Seit dem Rauchverbot dürfen sie nicht mehr schloten. Ich bin allein und folglich dem Rauchverbot enthoben. Ich gebe meinem Wunsch nach einer Zigarette nach und rauche wie ein Schlot. Dabei erwacht der Wunsch zum Rundgang durch den Garten. Ich erreiche die morschen Birkenstämme, kreuz und quer gestapelt. Ich weiss, dass sich in ihnen die weissen, fetten Maden, zu Hirschkäfern vorbestimmt, eigenistet haben. Etliche Pilze – junge Birkenporlinge – sind an der Rinde wie Knollen angeschmiedet. Einige haben an Umfang gewonnen, sich verbreitert.
 
Umsonst warte ich diesmal auf meinen Begleiter, das Rotbrüstchen. Es wird sich erst nach der Mittagspause wieder bemerkbar machen. Es ist Herbst, und die Singvögel zirpen und zwitschern zaghafter und gedämpfter. Ich bin froh, dass ich die verschiedenen Hebesorten (Veronika-Arten wie die Neuseeländische Strauch-Veronika, Zwergbüsche) aus dem Schatten an sonnige Stellen im Beet verpflanzt habe, wo sie jetzt kräftig neue Triebe ansetzen und ihr Beet mit dem Lavendel teilen. Die wilden Rosen sind von Hagebutten begleitet. Die Vögel räumen mit der Beerenpracht der immergrünen Stauden und Sträucher auf. Die grauen Eichhörnchen haben es auf die giftigen Beeren der Eibe abgesehen. Alles in allem ist der Wintergarten ohne viel Zutun meinerseits bestellt. Eine eigenartige Staude hat, ich weiss nicht woher sie kommt und wie sie heisst, ihren Standort beim Schattenwurf der Stechpalmen gefunden, wo der Farn seine Fächer ausbreitet. Kleine rosa angehauchte Blüten entwachsen den Zweigspitzen. Radieschen, die ich nicht geerntet habe, haben ebenfalls späte Blüten getrieben, jetzt von den letzten Hummeln geschätzt.
 
Mein Spaziergang durch den Garten hat mich romantisch und ein bisschen melancholisch gestimmt. Der Sommer ist endgültig vorbei. Wieder im Haus, pflückte ich, meiner Stimmung angemessen, das Buch, schlicht und einfach mit „John Keats“ betitelt, aus der Bücherwand. Dieser Poet und Romantiker lebte zwischen 1795 und 1821, ehe ihn die Tuberkulose in Rom hinraffte. Auf sein Grab liess er diese Zeile einmeisseln: „Here lies One whose Name was writ in Water“ (Hier ruht einer, dessen Name im Wasser geschrieben war).
 
Dieses Werk hatte ich, verlockt von den anmutigen Illustrationen von Robert Anning Bell im „Arts & Crafts“ Stil, erstanden, und dabei die Gedichte von John Keats vernachlässigt. Das kann ich hier nicht wettmachen und beschränke mich auf 2 Zeilen aus seiner „Ode on Melancholy“ (Ode an die Melancholie): „Ay, in the very temple of Delight / veil’d Melancholy has her sovran shrine“ (Ja , genau im Tempel der Wonne /herrscht die verschleierte Melancholie an ihrem Schrein).
 
Wunschlos? Diese letzten Zeilen von John Keats, sind ein Wegweiser: „Beauty is truth, truth beauty, that is all / Ye know on earth, and all ye need to know.“ (Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit ist Schönheit – das ist alles / was du auf der Wellt zu wissen brauchst).
 
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