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BLOG vom 26.10.2008


Therapien mit Antiquitäten – diesmal ein Turkish Delight
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Es gibt mannigfaltige Therapien zur Förderung des Wohlbefindens: Das Wandern, den Sport, Gartenarbeiten, Handarbeiten unter vielen anderen Freizeitbeschäftigungen, wobei ich auch die Kunst des Nichtstuns nicht unerwähnt lasse.
 
Eindeutig gehört das Schreiben zu meinen bevorzugten Therapien, aber nicht ausschliesslich. Ich bin daneben ein Sammler von Druckgrafik, Ziergegenständen aller Art, illustrierten Büchern, alten Rahmen. Letztere sind oft beschädigt, und ich bessere sie aus, renoviere sie, so gut es geht. Ich brauche diese, um Bilder in ihren angemessenen Rahmen zu bringen.
 
Seit jeher geniesse ich das „Abklopfen“ von Ramschmärkten. Man weiss nie, was man dort finden kann. Ich lasse mich durch solche Märkte treiben, ohne bestimmte Absicht, ein gewisses Objekt zu finden. Vielmehr lasse ich mich vom Zufall lenken.
 
Bis zu einem gewissen Grad nehme ich auch beschädigte Fundstücke in Kauf. Dabei ist es wichtig, dass ich sie nicht in den Schuppen verbanne, bis ich Zeit habe, sie zu restaurieren. Denn dort bleiben sie liegen, werden vergessen. Sie sind therapeutische Projekte für mich, die ich am liebsten sofort in Angriff nehme, meistens übers Wochenende. In meinem Abstellraum finde ich das Rüstzeug dazu: Flüssigholz in Tuben, Holzleim, Porzellan- und Marmorpasten, Aquarell- und Ölfarben, Lederfetzen (um beschädigte Einbände auszubessern), Lacke usf. Im gleichen Raum haben sich viele Nachschlagwerke angesammelt, denn ich bin neugierig und will wissen, was ich auf meinen Streifzügen aufgegabelt habe. Darunter ist auch das Buch „Guide des secrets de l’antiquaire“ (Leitfaden der Geheimnisse des Antiquitätenhändlers). Inzwischen habe ich meine eigenen Tinkturen entwickelt, etwa um alte Gegenstände aus Holz aufzufrischen.
 
Ich veranschauliche dies am besten anhand eines Beispiels. Ich schätze Zierat aus dem Orient, von japanischen Lackarbeiten bis zu osmanischen Einlegarbeiten auf Holz. Am letzten Samstagmorgen entdeckte ich unterm Klapptisch eines „Car Boot“-Verkäufers ein arg verwahrlostes und verstaubtes rustikales Servierbrett aus Olivenholz. Als ich es mir anschaute und mich fragte, ob ich es für die Nachwelt retten könnte, ehe es zum Brennholz degradiert wird, nannte mir die Verkäuferin den Preis – 2 £ –, doch meine Inspektion war noch nicht beendet. „ £ 1?“ schlug sie vor. Mir ging es ganz und gar nicht um den Preis. Aber zu diesem Schleuderpreis konnte ich bloss nicken …
 
Jedesmal, wenn ich mich am Samstagmorgen zur Jagd rüste, ermahnt mich meine liebe Frau: „Habe Spass, aber kaufe nicht wieder etwas, das wir nicht brauchen.“ Auch diesmal schlug ich ihren guten Rat in den Wind. Ihre Versuche, mich zum Minimalisten zu verwandeln, haben bisher fehlgeschlagen, wiewohl ich mich zu mässigen versuche.
 
Turkish Delight
Jeder Gegenstand hat seine Geschichte, oft eine  von mir eingebildete. Welcher Türke hat es nach London gebracht? Die Geschichte aber war diesmal ins Brett geschrieben. Viele der Perlmutt-Teile sind im Verlauf der Zeit eher hastig ersetzt worden. Baumharz war in Lücken verstrichen, um das Servierbrett funktionsfähig zusammenzuhalten. Aus den Gebrauchsspuren schloss ich, dass dieses Brett mindestens 200 Jahre alt sein mochte. Zum Glück war das Silberfiligran, das die Perlmutt-Blätter-Ornamentik dieser „Lebensbaum“-Darstellung verband, unbeschädigt geblieben, was von gutem Handwerk zeugt. Zum Glück war es unterm Tisch auch vom Regen verschont geblieben.
Je mehr ich das alte Brett säuberte, Fugen ausbesserte, Zacken im Holz der Seitenwände auffüllte, die schmutzigen Perlmutt-Teilchen wieder auf Hochglanz polierte, desto gewisser erriet ich die Geschichte. Auf diesem Brett hatten Kellner-Generationen in einem abgelegenen Dorf den türkischen Kaffee mitsamt kleinen Süssigkeiten wie „Turkish Delights“ zu den Gästen getragen. Dieses Brett hat viel Geplauder älterer Gäste mit Zahnlücken mit angehört. Wenn es sprechen könnte, dann hätte ich viel Stoff für Blogs …
 
Nein, dieses Servierbrett war gewiss keine Rarität und gehört in die Sammelkategorie „Kitchenelia“ (also sammelwürdige Küchengegenstände) eingereiht. Diese Zeugnisse aus vergangenen Zeiten bezeugen gleichzeitig, dass sie – dauerhaft wie sie sind – lange im Gebrauch waren. Heute wird alles fortgeschmissen, vom stumpfen Messer, ausgetretenen Schuhen bis zu Kleidungsstücken mit Rissen. Nun, wo es kriselt, kommen vielleicht wieder die Messer- und Scherenschleifer vors Haus und auch die Schuhmacher besohlen wieder Schuhe, die Kunststopferinnen flicken Kleidungsstücke.
 
Ich war mit meiner Handarbeit ganz zufrieden. Ich kann mir vorstellen, dass ich nächstes Jahr auf diesem Tablar an sonnigen Tagen stolz meinen Morgenkaffee mit „Gipfeli“ (Croissants), Butter und Konfitüre zum Gartentisch trage und abends unsere Tellergerichte mit Wein.
 
Hinweis auf ein anderes Antiquitäten-Blog von Emil Baschnonga
05.06.2005: Der Ziertisch  oder: Die chinesische Geduldsprobe
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