Textatelier
BLOG vom: 27.10.2008

Vom Titisee ins Höllental: Das Warten unterm Hirschsprung

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Auf dem prachtvollen schmiedeeisernen Wirtshausschild des Restaurants Bergsee in Titisee (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald) rühren ein Koch und ein Gehilfe in einem grossen Kupferkessel. Zuoberst stemmt ein Gast einen Humpen, und auf der rechten Seite studiert eine Dame die Speisekarte, von einem Kellner beraten – feierliche Szenen, die von einem vergoldeten Rankenwerk umgeben sind. Dieses Schild ist mir aufgefallen, als ich von einer Wanderung von Saig her den Titisee, die „Perle des Schwarzwalds“, erreicht hatte. Friedlich ruhte das etwa 2 km lange und 750 m breite, smaragdgrüne Gewässer in seinem alten Felsberggletscher-Bett am Ausgang des Bärentals.
 
Bald darauf erreichten wir am 15. Oktober 2008 am Ortseingang von Titisee (bis 1929 „Viertäler“ genannt) einen eigentlichen Jahrmarktbetrieb am Strassenrand, der sich in den Touristenort hineinzog. Ein zu einer grossen Blumenkiste umgebautes, gestrandetes Motorboot, dessen Bug zum Dorf weist, wurde von 2 Gärtnern soeben für den nahenden Winter neu bepflanzt.
 
Wir besuchten einige Läden und fühlten uns in einem üppigen Schlemmerparadies mit Bergen von vakuumiertem, weinrotem Schwarzwälder Speck mit einem Fettdach und einem Himmel voller Trockenwürste. In einem mit Arvenholz ausgekleideten Geschäft zerteilte eine junge, blonde Verkäuferin riesige, 5 kg schwere Schwarzwälder Brote, „nach alter Art gebacken und dadurch lange haltbar“ (15.80 Euro) in Hälften oder Viertel. Und weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sind in einem Laden nebenan alle Wände mit Kuckucksuhren bedeckt, solchen aus hellem und dunklem Holz oder aber bunt bemalte; der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und sie steht in keinem Verhältnis zu den Schnäppchenpreisen von ein paar Euro. Die liebevoll konstruierten Stücke entstehen oft in Heimarbeit. Die Gewichte in Tannzapfenform halten das Laufwerk in Betrieb, und ständig ruft ein Kuckuck aus dem einen oder anderen der Häuschen sein Kükükük, allerdings nicht ganz naturgerecht; denn der sich wiederholende Ruf hebt sich beim Freiland-Kuckuck in der Mitte etwas und wird gegen das Ende leicht verlangsamt. Hier, im Uhrenladen, wird immer mit voller Kraft gerufen.
 
Im Dorf sind heimelige, bestens unterhaltene Hotels, die Romantik im altüberlieferten Schwarzwald-Baustil mit den tief heruntergezogenen, heute meist mit Ziegeln bedeckten Krüppelwalmdächern verbreiten, etwa „Treschers Schwarzwald-Hotel am See“, in dessen Parterre sich die Volksbank eingenistet hat. Die ausgestellten Speisekarten weisen auf eine bodenständige, saisonale Küche hin. Im Moment waren eben der Jägertopf, das Wildererpfännle, Hirsch- und Rehrücken Trumpf – bei Preisen um 20 Euro. Da ist für alles gesorgt.
 
Der Bahnhof mit den weissen Fensterrahmen an der braun-roten Fassade und dem ziegelbedeckten Satteldach mit dem Portal (Portikus) unter einem vorspringenden Giebel macht eher innen als aussen einen etwas vernachlässigten Eindruck; für etwas Leben sorgt ein Blumenladen daneben, in dem auch Schnitzereien verkauft werden. Ich konnte Eva nicht abhalten, einen kleinen Engel für 18 Euro zu erwerben. Für etwas Leben sorgen im Bahnhof eine Bäckerei, ein Werbeplakat für Saig und Informationstafeln über Titisee (850 m), worauf zum Beispiel steht: „Bewegung ist in unserem heilklimatischen Kurort ein wichtiger Faktor zur Gesundheitsförderung. Wandern Sie an unserem bekannten und idyllischen Titisee oder seiner unmittelbaren Umgebung. Die Seestrasse mit ihren Hotels, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten lockt mehr als 1,5 Mio. Besucher pro Jahr an. Einwohnerzahl: ca. 2000.“
 
Die Wanderer werden auf den Uferweg oder den anspruchsvolleren Panoramaweg auf einer der umgebenden Höhen hingewiesen. Ein Weg führt zum 1190 m hohen Hochfirst, auf dem ein 28 m hoher Aussichtsturm noch etwas mehr Rundblick gewährleistet, bei klarer Luft bis zu den Alpen. Zudem gibt es einen kinderwagengerechten Erlebnispfad Wasser, wie es sich für einen prädikatisierten Familienferienort gehört.
 
Insgesamt habe ich noch selten einen solchen Tourismusort (Luftkurort und Wintersport) in dieser Totalität und Konsequenz erlebt. Der längst bekannte Kurort im Tannenduft wurde 1972 im Rahmen der Gebietsreform mit anderen Gemeinden und dem Kneippkurort Neustadt/Schwarzwald zur Gemeinde Titisee-Neustadt vereinigt. 1981 wurde ein Kurhaus eröffnet.
 
Durchs Höllental
Mit freundlicher Hilfe einer jungen Dame, die gern Automaten bedient, wie sie sagte, lösten wir auf dem Bahnhof die Billette nach Freiburg im Breisgau (4.80 Euro, einfache Fahrt), um das Höllental aus dem oberen Geschoss eines DB-Wagens zu erleben, was laut Fahrplan in 40 Minuten möglich sein soll.
 
Das Höllental ist ein etwa 9 km langes Tal zwischen Hinterzarten und Buchenbach-Himmelreich; hier sind also Hölle und Himmel in nächster Nähe, was den Vergleich zwischen den beiden berühmten Institutionen erleichtert. In der Sohle des engen, bewaldeten Tals fliesst der Rotbach, der im Mittellauf auch Höllenbach genannt wird. Die Höllentalbahn und die B 31 folgen ihm auf unterschiedlicher Höhe.
 
Als Höllental-Bahnstrecke wird die gesamte, 25,4 km lange heutige Normalspur zwischen Donaueschingen und Freiburg i. Br. bezeichnet. Im unteren Höllental (Falkensteigtal) gab es früher nur einen Saumweg, der 1638 beim Pass in der Falkensteige beim Hirschsprung zu einem schmalen Karrenweg erweitert wurde. Erst der Brautzug von Erzherzogin Maria Antoinette von Wien nach Strassburg (1770) gab Anlass zum Ausbau der Höllentalstrasse, womit der schwierige Aufstieg aus dem Höllental nach Hinterzarten hinfällig wurde. Die Höllentalbahn, ein technisches Meisterwerk, wurde am 23. Mai 1887 zwischen Freiburg und Neustadt eröffnet, bis 1934 mit Zahnrad, bis dann der Ravenna-Tunnel westlich von Hinterzarten für weniger steile Verhältnisse sorgte. Eine weitere Attraktion ist der Hirschsprung.
 
Die Bahn hat deshalb eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil sie zwischen Hinterzarten und Himmelreich mit 5,5 % Steigung eine der steilsten Bahnstrecken ist. Als berggängiger Schweizer habe ich das nicht einmal bemerkt, zumal aus unserer Sicht die Berge von Deutschland ohnehin eben sind …
 
Die erste aus Sandsteinpfeilern und einem Stahlfachwerkoberbau bestehende, leicht gebogene Ravenna-Brücke stammte aus dem Jahr 1885 und wurde 1926/27 durch eine neue ersetzt; kurz vor Ende des 2. Weltkriegs wurde sie von deutschen Soldaten präventiv gesprengt und 1947/48 wieder aufgebaut. Dieser 58 m hohe und 225 m lange Steinviadukt ermöglicht höhere Geschwindigkeiten und kann grössere Lasten tragen; hier wird viel Stammholz transportiert. Gleich nachher verschwindet die Bahn im heute noch 47 m kurzen Ravenna-Tunnel; früher war er länger.
 
Während der Bahnfahrt nach dem bekannten, an einem grossen Moor gelegenen Kurort Hinterzarten, der bis zum 1400 m hohen Feldberg hinauf reicht, muss man gut aufpassen, dass man den Blick in die Ravenna-Schlucht nicht verpasst. Einfacher war die Beobachtungsübung für uns beim Hirschsprung. Beim dortigen verlotterten Bahnhof hielt unser Zug fast 20 Minuten an, ohne dass eine Orientierung über den Grund dieser Wartezeit erfolgte, was für die DB untypisch ist, wie ich von anderen Bahnreisen in Deutschland weiss; offenbar kam es zum Halt, um einen Zug aus der Gegenrichtung passieren zu lassen. Die Strecke bis Freiburg-Wiehre ist eingleisig. Man befindet sich hier noch immer im Naturpark Südschwarzwald, wo das Gamswild wieder eingebürgert wurde.
 
Um den Hirschsprungfelsen, der fast 130 m weit bei einer engen Stelle im Höllental emporragt, rankt sich eine Sage. Sie erzählt sinngemäss, ein Ritter der Burg Falkenstein, die als Ruine ganz in der Nähe ist, habe sich auf die Hirschjagd begeben. Er erblickte ein solches flinkes Tier – und umgekehrt. Der Hirsch geriet beim Anblick des Schiessgewehrs in Todesangst, setzte zu einem gewaltigen Sprung über die Schlucht an und entkam so dem Jäger. Damals war die Schlucht nur 9 m weit, so dass dieser Rekordsprung nicht vollständig auszuschliessen ist.
 
Die Bahn erreicht dann bald Himmelreich, wo nach dem Frauensteig (797 m) rechterhand die höllische Einsenkung endet und ins Zartener Becken ausmündet, ein ebener Talgrund. Die zurückgewonnene Zärtlichkeit wird durch Kirchzarten untermauert. Und dann treten die Vororte von Freiburg i. Br. auf – Wohnsiedlungen und ein ausufernder Schrebergarten: Freiburg-Littenweiler und Freiburg-Wiehre, von wo an die Strecke zweigleisig wird und durch den Sternwald-Tunnel (302 m Länge) und den Loretto-Tunnel (514 m) in den Hauptbahnhof von Freiburg einfährt.
 
Über ein paar Eindrücke von unserem Rundgang durch Freiburg i. Br. werde ich in einem speziellen Blog berichten – denn das ist eine spezielle Geschichte mit der ganzen Bandbreite zwischen Hölle und Himmel. Da müssen wir durch. Auf gehts!
 
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