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BLOG vom 16.11.2008


Bellelay (03): Wo Freibergerpferde ihre Natursprünge feiern
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Im Landwirtschaftsmuseum des Landguts („Le Domaine“, „Ferme“) in Bellelay (Berner Jura) steht das Modell eines Freiberger Pferds, dessen Zuchtgeschichte im Gebiet der Freiberge begonnen hat – der Name sagt es. Das sind kräftige, aber nicht besonders schwere Kaltblüter mit gutem, friedlichem Charakter, richtige Mehrzwecktiere: Man kann sie zum Ziehen, Lastentragen, für landwirtschaftliche Bedürfnisse im hügeligen Gelände und auch als Reitpferde einsetzen. Die Farbe ihres glänzenden Fells ist meistens uni braun; manchmal treten aber auch fuchsfarbene Tiere auf. Doch „ein gutes Ross hat keine Farbe“, heisst es in Fachkreisen, d. h. es kommt auf andere Eigenschaften und nicht auf die Farbe an.
 
Doch das museale Polyesterpferd („Vaillant“) ist vom Berner Kunstmaler (Artiste-peintre) Oskar Weiss nicht braun oder weiss, sondern in den Farben eines blauen Pfaus (Pavo cristatus) bemalt worden. Der Kopf ist weiss-blau gestreift, die Augen schwarz umrandet, wie man das auch in unserer wunderschönen Damenwelt oft sieht. Die Brust ist blau, die Mähne schimmert grünlich, der hintere Rumpf und die Hinterbeine weisen die bekannte Federzeichnung mit den blau irisierenden Augen auf. Der Vaillant, der Urvater der Freiberger Pferde, wurde 1999 in 26 Polyester-Kopien hergestellt, und Künstler aus allen Kantonen sollten diese im Hinblick auf den 100. Pferdemarkt in Saignelégier JU nach Lust und Laune bemalen. Für den Kanton Bern kam dann dieses Pfauenpferd heraus, das von der Regierung für 30 000 CHF gekauft wurde und jetzt in Bellelay das Museum belebt.
 
Diese Skulptur setzt die unendlich vielen Zeichnungen und Gemälde fort, welche das Pferd liebe- und ehrfurchtsvoll umgarnen, weil es den Menschen immer begleitet hat – bei der Arbeit, Wanderungen, Reisen und Kriegen; in der Schweizer Armee wurde es für den Saumdienst im Gebirge eingesetzt. Nach der Mechanisierung aller Lebensbereiche dient das Pferd heute vor allem für Freizeit, Sport und Spiel, und auch dafür sind die Freiberger bestens geeignet.
 
Die Geschichte der Freibergerpferde
Die Geschichte der Freibergerrasse ist im Museum kurz beschrieben, neben einer Abbildung von „Lucky Boy“ (1990, von Lucky Luke und Dahlia, braun, 155 cm hoch). Die Rasse wurde 1619 erstmals erwähnt und vom fürstbischöflichen Hof in Basel so beschrieben: „Die Pferde der Freibergerrasse übertreffen alle anderen Rassen in Schönheit; sie sind kräftig und widerstandsfähig. Leider haben sie einen schweren Kopf, was nicht selten zu Blindheit führt.“ Sie haben, wie ich aus eigener Anschauung weiss, auch einen muskulösen Hals, einen kräftigen Rücken und stämmige Beine.
 
200 Jahre später, am 15.03.1817, fand in Tavannes das erste Rennen statt; 1818 wurden weitere Rennen in Delsberg und Saignelégier veranstaltet. 1821 wurden bei einem solchen pferdesportlichen Anlass in Pruntrut 32 Pferde prämiert – die Gesamtprämie belief sich auf 296 Franken. Damals stand fest, dass „das Stutenzuchtmaterial im allgemeinen im Jura besser war als dasjenige anderer Regionen des Landes“. Zu jener Zeit lebten in der Region Jura etwa 4000 gute Zuchtstuten, ein bedeutendes Kapital. Der 1. Marché Concours fand am 30.08.1897 statt.
 
Die Freiberger sind wahrscheinlich aus Norikern und Orientalen entstanden, und sie wurden später durch Ardenner, Anglo-Normannen und Englische Warm- und Vollblutpferde beeinflusst. Verbürgt ist, dass der Kanton Bern 1868 einen englischen Warmbluthengst namens Leo, 1863 geboren, kaufte, um das Freiberger Pferd zu veredeln. Er wurde in einem Stall in Corgémont BE (Distrikt Courtelary) gehalten und ist der Ahne von Vaillant, bestand aber nicht aus Polyester. Heute zählt die jurassisch-englische Zuchtlinie 982 männliche Nachkommen; sie ist die bedeutendste Familie der Freibergerrasse. Die 2. Zuchtlinie ist die des Hengsts Imprévu, offenbar etwas Unvorhergesehenes, wenn ich diesen Namen richtig übersetze. Er gehörte der englisch-normannischen Rasse an und ist 1886 im Gebiet des Ärmelkanals geboren worden. Er wurde 1889 gekauft und stand in einem Stall von St-Brais im heutigen Kanton Jura.
 
1924 bildeten 14 Zuchthengste die Basis der Freiberger. Von diesen 14 Stämmen sind heute nur noch 2 Familien erhalten – jene des Vaillant und jene des Imprévu. Doch nach dem 2. Weltkrieg kamen weitere Zuchtlinien hinzu, die nichts mit den Urfamilien zu tun haben. Sie entstanden durch Kreuzungen ausländischer Pferde mit Schweizer Warmblütern. In den 1950er-Jahren brachte die Ankunft von Doktryner, ein Vollblut-Araber, eine neue Zuchtlinie, und in der Mitte der 1970er-Jahre führte der Hengst Alsacien (durch Aladin, ein schwedisches Warmblut) eine neue Zuchtlinie ein. Dann folgte Nello, ebenfalls ein schwedisches Warmblut, mit seinem kompakten und harmonischen Körperbau, der Nelson zeugte, der 1978 gutgeheissen (anerkannt) wurde. Die beiden letzten Zuchtlinen Noé und Qui-Sait stammen von Schweizer Warmblütern ab; sie sind die neuen Generationen der Freibergerrasse.
 
Der Bestand an Freibergerpferden nimmt ab; noch dürften etwa 4000 Zuchtstuten leben. Eine Rasse gilt als bedroht, wenn sie weniger als 1000 fortpflanzungsfähige weibliche Tiere zählt; sie gilt als anfällig, wenn sie weniger als 5000 weibliche Tiere umfasst. Deshalb wurde das Freibergerpferd vom Bund den „zu überwachenden Rassen“ zugeteilt, damit es nicht ausstirbt.
 
Das Pferdezentrum
Damit war unser Wissen für einen Besuch im „Centre Equestre“ („Wo Pferde sich wohlfühlen“) bei Evi Lachat-von Känel auf einem angemessenen Niveau, und wir wurden nach einem warmen Empfang gleich in die Stallungen dieses Pferdezentrums geführt, wo wir auch von einem auf Leistung gezüchteten Vollblüter empfangen wurden. Zur U-förmigen Anlage mit den sich zur Platzmitte zuneigenden Pultdächern rund um einen grossen Hof gehören 16 Hektaren eigenes Land.
 
Die Pferde sind den so genannten Kaltställen mit Auslauf in geräumigen Individualboxen (zirka 3,5o×4 m) oder gruppenweise untergebracht und haben genügend Stroh (Gerste, Weizen), das kürzlich teurer geworden ist, und gutes Heu aus hofeigener Produktion. Die ursprünglich offenen Boxen sind inzwischen mit Aussenwämden und Türen versehen worden, damit es nicht zieht. Ganze Vogelschwärme, vor allem Spatzen, fühlen sich ebenfalls wohl.
 
Ruth von Siebenthal-Hung, Präsidentin des Reit- und Fahrvereins Gstaad BE, die uns begleitete, konnte sich mit Evi auf Augenhöhe unterhalten, zum Beispiel über Pferdehöhen. Diese werden am Widerrist (dem erhöhten Übergang vom Hals zum Rücken) gemessen. Freibergerpferde sind 150 bis 160 cm hoch. Und in Bellelay kennt man nur den Natursprung – so hat der Hengst Hiro bereits 64 Stuten gedeckt, ein Schwerarbeiter. Im Westflügel ist neben einem Schuppen für die Pferdewagen eine Deckstation eingerichtet.
 
Neben den Stallungen sind die grosse Reithalle (25×50 m), deren Dach von brettschichtverleimten Bogenbindern getragen wird, und die Wohntrakte. Auf einer Zuschauertribüne finden 300 Personen Platz. Beidseits der Halle sind Futter und Strohlager, ebenso eine Cafeteria, ein Jury- und Schulungsraum, Umkleideräume und eine Anlage für die Hippotherapie. Im Freien gibt es einen Rundlauf für Pferde; denn für Pferde gilt dasselbe wie für uns Menschen: Nichts Schlimmeres als ein Bewegungsmangel. Und Pferde gehören zur Landschaft der Freiberge: auch der Tannenduft wird von ihnen um eine zusätzliche Note veredelt.
 
Evi Lachat ist eine kraftvolle, zupackende und gleichzeitig charmante junge Frau, an den Umgang mit allerhand Lebewesen wie Pferden, Kindern, Bekannten und Verwandten gewöhnt. Sie konzentriert sich auf Wesentliches, erledigt alles mit Schwung, ist im Element und am richtigen Platz, wie ihr Mann Gérard auch, der ein bekannter Reiter, Reitlehrer und Fachverantwortlicher für Parcoursbau ist.
 
Evi begleitete uns dann über einen aufgeweichten Weg ins angrenzende Moor, um uns bei dem feuchtnassen Wetter am Versumpfen zu hindern. Auch das ist ihr hervorragend gelungen.
 
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