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BLOG vom 23.11.2008


US-Autobranche: Die armen Bettler flogen im Privatjet herbei
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Bosse der amerikanischen Autoindustrie (von General Motors GM, Ford und Chrysler), regelrechte Missmanager, „Big Three“ genannt, kamen in Washington standesgemäss mit ihren Privatjets angeflogen, Armut auf höchstem Niveau zelebrierend. Der „perfect storm“ habe sie übermannt, sagten die Abgestürzten. Sie bettelten im Rahmen ihres Überlebenskampfs um milde Milliardengaben aus den leeren US-Kassen (insgesamt waren 25 Milliarden USD anbegehrt). Sie sind an den Republikanern im Senat vorläufig abgeblitzt, weil diese einen Plan und damit eine Garantie für die Überlebensfähigkeit, für eine Zukunftsfähigkeit sehen wollen. Ihn gibt es nicht. Und Autos von Firmen, die unter einem befristeten Bankrottschutz stehen, kauft kein Knochen, schon der Garantie wegen.
 
Der Verkauf der fehlkonstruierten und oft liederlich zusammengesteckten Benzinfresser made in USA harzt gerade, eine Folge des gigantischen US-Schuldendebakels, das nicht mehr gar so einfach wie einst auf die Restwelt abgeschoben werden kann. Rund 250 000 Mitarbeiter in über 100 Fabriken bangen um ihren Arbeitsplatz. Insgesamt sollen es 4,5 Millionen Jobs sein, die in den USA von der Autoindustrie und ihren Zulieferern abhängen; dazu gehört auch die Autowerbung (2007: 17 Mia. USD). Die Absatzkrise, die besonders schwer auch das mit GM verbundene deutsche Opel-Werk getroffen hat, das trotz einer zeitgemässen Produktepalette an der US-Krankheit leidet, wirkt sich sogar auf Schweizer Zuliefererfirmen aus: Feintool (Lyss, mit US-Tochterfirma), die Komponenten für Türschlösser, Sicherheitsgurten, Sitzverstellungsmechanismen, Steuerung, Antrieb und Getriebe, Armaturenbrett, Glühkerzen, ABS, Fensterhebel, Klimaanlagen usf. herstellt, sodann Rieter (Teppichsysteme und Innenverkleidungen) und Ems-Chemie (Beschichtungen, Applikationssysteme).
 
Geschichte einer Fehlentwicklung
Die Geschichte der Autotechnik ist mit Bezug auf den Umgang mit Energie eine Geschichte der Fehlentwicklung. Eine der grössten konstruktiven Dummheiten ist der Umstand, dass der Motor selbst beim Abwärtsfahren immer laufen und Benzin oder Diesel verbrennen muss. Bremsen und Steuerung funktionieren nur bei laufendem Motor. Die beim Bergabrollen anfallende Energie wird zum Aufheizen (und damit zum Verschleiss) der Bremsen benützt … Ein anderer Blödsinn ist das komplizierte Anlassersystem, das es praktisch sinnlos, ja beinahe unmöglich macht, den Motor beim Staufahren jeweils für ein paar Sekunden abzustellen – und das Staufahren ist ja zu einer der Haupttätigkeiten der Automobilisten geworden.
 
Seit 2½ Jahren fahre ich einen Toyota Prius, weil diese intelligentere Konstruktion den branchenüblichen Nonsens elegant überwunden hat: Beim Abwärtsfahren wird eine Batterie aufgeladen, die Bremsen werden weniger abgenützt (bei den Eisenbahnloks ist das schon lange üblich). Einen Anlasser alter Schule hat dieses Fahrzeug ebenfalls nicht, weil die Batterie das Auto sozusagen anschiebt. Und sobald angehalten wird, ruhen alle Motoren (es sei denn, die Klimaanlage sei als Energiefresserin aktiv), ob das nun für Sekunden, Minuten oder längere Zeit sei. Der Benzinmotor kommt nur zum Einsatz, wenn man bei einer horizontalen Fahrt beschleunigt oder ein hohes Tempo vorlegt und natürlich auch beim Aufwärtsfahren, keineswegs aber beim Abwärtsrollen oder beim Stillstand.
 
Ich habe mich schon oft gefragt, wie sich die üblichen Autofehlkonstruktionen seit der Erfindung des Otto-Motors (1877) so hartnäckig halten konnten. War ein hoher Treibstoffverbrauch vielleicht erwünscht? In den USA sieht es ganz so aus. Und es gab ja kaum Impulse im Hinblick auf eine Neuorientierung, auch nicht vonseiten der eingebetteten Medien.
 
Mediale Schützenhilfe
Jede grössere Zeitung leistete sich eine Auto-Redaktion und publizierte regelmässig Auto-Seiten. Die Autojournalisten waren ins Autogeschäft eingebunden, unterzogen unermüdlich Testwagen einem Dauertest, um der journalistischen Gründlichkeit Genüge zu tun, wurden zu grösseren Reisen mit festlich arrangierten Unterkünften eingeladen, um zu erleben, wie köstlich Mobilität sein kann, und unterhielten jeden erdenklichen Support. Wenn aber ein Journalist Kritisches von sich gab, spürte die Zeitung das am Autoinseratevolumen – der „Tages-Anzeiger“ kann ein Lied davon singen. Die Branche weiss seither, wie sie sich zu verhalten hat. Auch im Werbeteil der Zeitungen, der heute zwar nicht mehr exakt abgegrenzt ist, gibt es eine Art Quotenbolzerei.
 
Die in dichter Folge erschienenen Autoseiten (Velo- und Wanderseiten waren rarer) erforderten laufend neues Informationsfutter, auch wenn sich die Autofirmen bei ihrer Modellpolitik nichts erwähnenswert Neues einfallen liessen. Dann berichtete man halt über neu geformte Zierleisten, neue Schwünge im Heckflossenbereich, den Einzug der Elektronik in die Verriegelung und darüber, dass die Autos in ihrem Inneren immer viel grösser als Autos seien. Alles, was Motorsportpiloten dient, wurde auch im Pw-Bereich gefeiert: zuvorderst Pferdestärken und Beschleunigung.
 
Irgendwelche Aktionen, welche den Gottesdienst störten, wurden mit vereinten Kräften herunter geschrieben. Die ausserordentlich begabten Fachjournalisten wussten schon immer, dass Hybrid-Fahrzeuge nicht funktionieren können, schon allein deshalb, weil die Batterie zu schwer würde, und selbstverständlich war ihrer Ansicht nach eine Koordination von 2 Motoren unter der gleichen Haube eine Illusion. Also ein PR-Gag, wie GM herausfand. Als Toyota dann, allen Unkenrufen trotzend, den Prius herausbrachte und alle unlösbaren Probleme gelöst hatte, verstanden die Hersteller und ihre Lohnschreiber die Autowelt nicht mehr.
 
Besonders hartnäckig hielten die Amerikaner an schweren Fahrzeugen, die nur in speziellen Fällen eine Berechtigung haben können, mit einem hohen Treibstoffverbrauch fest, über Jahrzehnte hinweg und unerschütterlich. Sie gaben ihr falsches Geschäftsmodell nicht auf. Denn ihre Kunden wollten ja zeigen, wie gut sie verstanden hatten, Kredite zu ergattern. Die Energiekrise, die im Herbst 1973 vielerorts einen Bewusstseinswandel ausgelöst hatte, ging an den Autokonstrukteuren spurlos vorbei, ebenso die Tatsache, dass sich die USA gezwungen sahen, zwecks Erdölbeschaffung im Nahen Osten militärisch tätig zu werden; die Kriege wurden selbstverständlich unter anderen, verlogenen Vorwänden inszeniert, wurden verloren, kosteten mehr als sie brachten und ruinierten das Ansehen der aggressiven USA noch vollständig.
 
Die Freunde der allradbetriebenen, tonnenschweren Stahlkarossen staunten nicht schlecht, als die Japaner begannen, die US-Autonarren bei ihren ureigenen Statussymbolen mit ihren Produkten zu übertrumpfen und sogar viele vergötterte Hollywoodstars im Prius vorfuhren. Die japanische Konkurrenz verkaufte gut, wurde aber auch von eifersüchtigen Toyota-Hasser-Clubs bekämpft.
 
Alles in allem
Und nun platzen alle Blasen, die Hypoblase, die Kreditkartenblase, die Gewerbebautenblasen und wohl mit Obamas und Gottes Hilfe bald auch die US-Staatsverschuldungsblase. Die Aktienkurse tauchen und tauchen Richtung Nullpunkt. Und weil offensichtlich Autos zu einem grossen Teil auch dem Luxuskonsum zuzurechnen sind, fährt man eben auf den alten Felgen weiter und verzichtet auf eine Neuanschaffung. Im Oktober 2008 sind die Verkäufe der spritsaufenden Monstertrucks in den USA um über 30 % eingebrochen, Benzinpreissenkungen hin oder her – einige Händler boten jedem Neuwagenkäufer gleich ein 2. Auto an – für 1 USD.
 
Die US-Autoindustrie, inzwischen eine Maschinerie zur Geld- und Benzinvernichtung, ist ein Stein im grausamen Dominoeffekt. Ihr sanftes Ruhen im Milliardengrab Detroit wäre eine Erlösung für die Umwelt. Wegen der Globalisierung, die alles vernetzt und einer zentralen Kontrolle unterworfen hat, ist dafür gesorgt, dass alle gleichermassen hochkant auf die Nase fallen. Es sind andauernde Massenkarambolagen im Gang, die von den uneinsichtigen Amerikanern ausgelöst worden sind und die selbst bei ihnen zu Schrott- und Scherbenhaufen führen.
 
Eine Chance wenigstens für Abschleppdienste.
 
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