Textatelier
BLOG vom: 03.12.2008

Der shop46, Lenzburg: Motivationen und Einkaufen mit Gloria

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Am nördlichen Ausgang von Lenzburg, rechtwinklig zur Niederlenzerstrasse in Richtung Niederlenz (zwischen Bahnlinie und der A1) befindet sich ein ausgedehntes Industriequartier. In einem Teil davon, an der Sägestrasse, haben die in der Zeit zwischen 1930 und 1932 von Richard Hächler im Bauhausstil entworfenen Fabrikgebäude und das Bürohaus der Wisa-Gloria alle die wirtschaftlichen Turbulenzen überstanden. Der flach gedeckte Fabrikbau, der damals neuen Sachlichkeit und dem Kubismus zugetan, ist eine Stahlbetonkonstruktion mit einem strengen Fassadenraster, die Folge des quadratisch angeordneten Stützensystems (Achsenmass: 6,5 m). 1943 wurde der Bau um ein Stockwerk erhöht. An der Sägestrasse 20 befindet sich übrigens auch ein originelles Turmwohnhaus, das zu den kommunal schutzwürdigen Gebäuden zählt; Eigentümer ist Hans Amrein-Scherrer.
 
In dieser Industriezone produzierte die 1929 gegründete „Wisa-Gloria-Werke AG“ ab 1932 ihre ruhmvollen Kinderwagen und Spielsachen. Meine ersten Ausfahrten unternahm ich im Sommer 1937 in einem solchen Kinderwagen unter dem faltbaren Dach. Die formschönen Fahrzeuge waren so gebaut, dass sie praktisch nicht umkippen konnten. Die Schutzbleche über den 4 Rädern reichten weit über die Radmitte hinunter, damit sich die Kinderhände nicht verletzen konnten, und gaben dem Gefährt zusammen mit schwungvollen Zierstreifen eine Art Stromlinienform. Der Wagen wurde von 1 Mutterstärke von der verchromten, elegant zur Kraftquelle hin gebogenen Schiebestange aus bewegt. Über dem Beinbereich des Kinds war eine flache Abdeckung, auf der die Händchen des Fahrgasts oder Gegenstände abgelegt werden konnten. Solch ein Wagen war schon ein Statussymbol. Das nächste Wisa-Gloria-Produkt, mit dem ich in Berührung kam, war mein stabiles rotes Dreirad mit Holzsattel und Vollgummireifen, mit dem ich meine Beinmuskulatur stärkte und das mir bei der Erkundung meiner kleinen Welt in Lichtensteig SG auch als mobiler Stuhl diente.
 
Die Wisa-Gloria achtete auf Qualität, arbeitete mit handwerklicher Sorgfalt. Ab etwa 1960 wurde sie durch die ausländische Billigkonkurrenz zunehmend in Bedrängnis gebracht; offenbar nahm bei den Kunden das Qualitätsbewusstsein ab. Die Firma verpasste den Einstieg ins Kunststoffzeitalter … was nach meiner Beurteilung allerdings ein Gütezeichen war. Der grosse „Gebäudetrakt Ost“ wurde wegen der abnehmenden Nachfrage geräumt, der „Hochbau West“ genügte für die sukzessiv reduzierte Produktepalette. Die überflüssigen Räume wurden vermietet, und 1992 wurde die Produktion vollständig eingestellt. Die vereinheitlichende Globalisierung mit ihrer flächendeckenden Niveausenkung und ihrer Ausrichtung auf Wegwerf-Schund gerade im Spielwarenbereich hatte einen weiteren Sieg errungen. Dennoch gab man sich bei der Wisa-Gloria Mühe, die aus dem In- und Ausland zugekauften Produkte mit Sorgfalt auszuwählen. 2005 wurde der Restbestand des Unternehmens an das Unternehmen SwissBaby verkauft. Seit diesem Jahr 2008 versucht ein Team um Werner Haderer, die Traditionsfirma Wisa-Gloria zu neuem Leben zu erwecken. Viel Glück!
 
Der Laden des vereins ipsylon
Auf dem ehemaligen Wisa-Gloria-Areal an der Sägestrasse 46 hat sich vor rund 3 Jahren neben Anderen der gemeinnützige verein ipsylon (www.ipsylon.ch) mit einem Verkaufsgeschäft, dem shop46, eingenistet (Eingang E1), welcher „regional die soziale Stabilität für Menschen jeglichen Alters, jeglicher Konfession und Herkunft“ fördert. In seinem so genannten „ModulPlus“ fördert der Verein Schulabgänger und Jugendliche, die keine Lehr- oder Arbeitsstelle gefunden oder die Lehre abgebrochen haben. Durchschnittlich werden 40 Jugendliche unterstützt und mit einer Ergänzungsschulung und Arbeitseinsätzen auf eine weitere berufliche Laufbahn vorbereitet.
 
Der Besucher findet in einem geräumigen ehemaligen Fabriksaal den shop46 problemlos. Dort werden Secondhand-Gegenstände zu kleinen Preisen angeboten, und auch einen wohlschmeckenden Kaffee kann man dort trinken. Es ist zudem möglich, nicht mehr benötigte, gut erhaltene Gegenstände dort verkaufen zu lassen. Wareneingänge, -ausgänge werden säuberlich notiert und die Buchhaltung wird nachgeführt. Das gibt jungen Leuten unter der Anleitung der sympathischen und mit pädagogischem Geschick ausstaffierten Geschäftsführerin, Maxi Ramisch, Gelegenheit, sich im Einkauf und Verkauf sowie im Umgang mit Kunden zu üben.
 
Der 360 Quadratmeter umfassende Laden hat einen polierten Holzboden, ist schön, ordentlich eingerichtet und liebevoll dekoriert – keine Spur von einem verschimmelten, muffigen Brockenhaus, sondern vielmehr eine Boutique mit Flohmarktpreisen. Er ist jeweils am Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 10 bis 12 sowie von 13.30 bis 17.30 Uhr offen, am Donnerstag bis 19 Uhr.
 
Mit geballter fraulicher List haben mich Eva und Frau Ramisch wieder einmal zu einem Besuch veranlasst. Erstens seien viele Bücher angeliefert worden, und zweitens werde als Advents-Apéro ein hausgemachter Glühwein serviert, erfuhr ich. Das wirkte. Ich willigte ein und habe diesen erneuten Besuch genossen. Das heisse Getränk, das mir ein ausserordentlich freundlicher, junger Mann ausschenkte, schmeckte wunderbar. Der Wein war u. a. mit Orangenschale, Fruchtsäften und Pfeffer aromatisiert, neben den üblichen Glühweingewürzen wie Zimt, Gewürznelken und Anis. Das hausgemachte Weihnachtsgebäck mit dem Butteraroma setzte Massstäbe – es wird im weiteren Verlauf des Advents schwer zu übertreffen sein.
 
Beim schluckweisen Genuss dieses wärmenden Tranks stöberte ich im Laden herum. Das Angebot überzeugte wirklich. Jedes Buch wird für 1 CHF abgegeben. Ich fand z. B. ein halbes Dutzend „Brugger Neujahrsblätter“ mit vielen Informationen über die Stadt und die umliegende Region, wie man sie so detailliert sonst kaum erhält, und zudem erwarb ich Ernst Ullmanns Buch „Die Welt der gotischen Kathedrale“, das meine Architektur-Bibliothek aufwertet. Meine Ausbeute war so phänomenal, dass ich beim Bezahlen natürlich aufrundete, Gegensteuer gegen Frau Ramischs Abrundungsversuch gebend.
 
In diesem Geschäft herrscht wirklich eine ausgesprochen wohltuende Atmosphäre. Man spürt, dass Frau Ramisch eine gelernte Dekorationsgestalterin ist; sie hat auch eine stilvolle Kaffeelounge eingerichtet – der Kaffee hat das Max-Havelaar-Gütesiegel.
 
Falls Sie in oder in der Nähe von Lenzburg wohnen und vielleicht noch etwas Weihnachtsschmuck, Handschuhe, Mützen, Schals oder Kuschelsöckli, Geschirr, Kleider und viel anderes brauchen können oder entdecken möchten, empfehle ich Ihnen dringend, dort hereinzuschauen. Ich mache für diese Institution aus Überzeugung Reklame.
 
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